mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg «nd Kirchhai«.
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Marburg
Sonntag, 11. Mai 1902.
Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Sauutagödeilag,: JllustrirteS Snuutagöblatt.
Druck und Verlag: Iah. lug. Sach, Universitäts-Buchdrucker«
Marbarg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
LäMiche Fortbildungsschulen.
Für den Kreis Marburg sind kürzlich 1400 Mk. von der Regierung zur Unterstützung von 17 ländlichen Fortbildungsschulen verbilligt worden. ES wird unsere Leser gewiß interessieren, näheres über daS ländliche Fortbildungsschulwesen zu erfahren und wir lasten deshalb eine Rede ausführlich folgen, die der LandtagSabgeardnete für Marburg, Herr Landrat von Negelein am 23. April d. I. im Abgeordnetenhause über diesen Gegenstand gehalten hat, wenngleich nicht namens seiner Fraktion, da bei der Verschiedenartigkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse zwischen dem Westen und dem Osten Preußens die Ansichten innerhalb der konservativen Partei über das ländliche Fortbildungsschulwesen sehr verschieden find. Herr Landrat v. Negelein führte aus:
Meine Herren, für die ländlichen Fortbildungsschulen ist in diesem Etat ein Betrag von 110 000 Mk. auSgesetzt, 20 000 Mk. mehr als im Jahre 1901. Für diese Erhöhung können wir nur dankbar sein, sie legt Zeugnis davon ab, eine wie hohe Bedeutung die Königliche Staatsregierung den ländlichen Fortbildungsschulen beimißt. Begründet ist die Erhöhung mit der Vermehrung der ländlichen Fortbildungsschulen, deren Zahl von 875 im Jahre 1896 auf 1161 im Jahre 1900 angewachsen ist. Ob aber daS Wohlwollen, welche- sich in der Erhöhung deS GesamtzuschuffeS auS- drückt, allein und für sich genügt und auf die Dauer genügen wird, um den Fortbildungsschulen die innere Kraft und Wirksamkeit zu geben und zu erhalten, deren sie bedürfen, um rhre Aufgabe in vollstem Maße zu erfüllen, das erscheint nach den bisher gemachten Erfahrungen zweifelhaft. Ich möchte daher kurz zur Erörterung bringen, ob nicht weitere Maßnahmen zu treffen sein werden, um einen vollständigen Erfolg zu gewährleisten.
Es wird sich fragen, ob nicht ein bedingter Versuchszwang, ähnlich wie bei den gewerblichen Schulen gleicher Art, gesetzlich für zulässig erklärt werden soll. Die Schwierigkeiten, welche der Einführung deS Besuchszwanges entgegenstehen, verkenne ich keineswegs, und ich beabsichtige auch nicht vorzu- schlagen, den BesuchSzwang ganz allgemein im Staate sogleich zur Anwendung zu bringen, da die Verhältnisse in den einzelnen Landesteilen und Provinzen zu verschieden gestaltet find. Ich habe hierbei vorzugsweise die Verhältniffe in der Provinz im Auge, auS der ich einen Kreis
S «Nachdruck verboten.)
Eine Geldheirat.
Roman von 8. Haidheim.
«Fortsetzung.)
Dazwischen lief er hundertmal nach seinem eigenen Hause, wo die Depeschenboten den ganzen Tag kamen und gingen, denn »der reiche Wolzin" wollte durchaus die Eltern seines Schwiegersohnes bei sich in Berlin sehen, und der Oberstleutnant erklärte kurz und bündig: „@i was, mir hat man die Braut meines Sohnes zu bringen — meine Alte und ich vergeben unS nichts/
Außerdem telegraphierte dar Brautpaar, oder noch häufiger die Braut allein, den ganzen Tag nur immer viele Grüße, zärtliche Anfragen, tote es Mama und Papa gehe und allerlei .Unsinn". Na, daS wird ’ne schöne Wirtschaft werden bei solcher Protzerei!" schalt der Alte, lachte dabei aber über das ganze Gesicht.
Unterdeffen sorgte er aber wie ein .Sklavenaufseher" — nach Ullas Schilderung — daß sie selbst „bei der Stange blieb" und daß nur das HauS blitzgeschwind ein wohnlicher und sauberer Aussehen erhielt, ohne viel Kosten zu fordern. Der immer noch sehr erhebliche Rest der vielen „Scharteken" wurde in zwei Bodenkammern ganz ordnungsmäßig aufgestellt. „Den versilbern wir später auch noch", plant der Nachbar. Einzelne sehr hübsche Stücke durfte Ulla nach ihrem Geschmack auswählen und zur Ausstattung ihrer eigenen Zimmers im Thurm verwenden. So war in zwei Wochen wirklich das Unglaubliche geschehen: ein gemütliches,
hier zu vertreten die Ehre habe, und ich bitte, meine nachfolgenden Ausführungen von diesem Standpunkte aus beurteilen zu wollen.
Meine Herren, die ländlichen Fortbildungsschulen können jetzt auf eine Entwicklungszeit von fast 30 Jahren zurückblicken. Nachdem für die gewerblichen Fortbildungsschulen im Jahre 1869 die gesetzliche Grundlage geschaffen war, erging etwas später, im Jahre 1874, eine Aufforderung von Seiten des Herrn Unterrichtsministers, ländliche Fortbildungsschulen in's Leben zu rufen. Das ist denn auch geschehen. Es sind damals Schulen gegründet worden. Aber die Bewegung hatte keinen rechten Fortgang. Nach Verlauf einer Reihe von Jahren waren die meisten dieser Schulen wieder eingegangen.
Ich darf hier einschalten, daß die ländlichen Fortbildungsschulen bestimmungsgemäß nur im Winterhalbjahr im Gange find und daß an ihnen im wesentlichen nichts anderes gelehrt wird, wie in der Volksschule. Landwirtschaftlicher Fachunterricht wird im allgemeinen nicht erteilt; nur bei ganz wenigen Schulen ist der landwirtschaftliche Fachunterricht versuchsweise eingeführt. Jedoch soll bei dem Vortrage und der Ausarbeitung des Stoffes aus die Landwirtschaft gebührend Rücksicht genommen werden. Den Unterricht erteilen in der Regel die VolkS- schullehrer, und zwar an einem Abende oder an mehreren Abenden in der Woche. Al» Schullokal dient meistens die Gemeindeschule. Die Einrichtung und der Betrieb der ländlichen Fortbildungsschulen ist durch Erlaffe der Herren Minister für Unterricht und für Landwirtschaft entsprechend geregelt worden.
Nachdem der erste Anlauf zur umfaffenden Begründung ländlicher Fortbildungsschulen zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt hatte, wurden staatliche Beihilfen in größerem Umfange zur Verfügung gestellt. Es erging im Jahre 1889 von neuem eine Aufforderung an die zuständigen Behörden, dem ländlichen Fortbildungsschulwesen eine erhöhte Fürsorge zuzuwenden. Zahlreiche Gemeinden und KreiSver- tretungen ließen sich auch bereit finden, die staatlichen Unterstützungsgelder aus eigenen Mitteln zu ergänzen. ES handelt fich Haupt- sächlich um die Vergütungen für dre Lehrer, die in baarem Gelbe aufgebracht werden müffen. In vielen Fällen werden diese Vergütungen durch die zur Verfügung gestellten Staatsund KreiSmittel völlig gedeckt. So ist es auch leistungsschwachen Gemeinden möglich geworden, die Errichtung ländlicher Fortbildungsschulen zu beschließen. Es bedurfte ihrerseits nur der
wenn auch immer noch etwas seltsam widerspruchsvolles Heim entstanden.
Wenn fich nun aber Burghausens vornehmegroßstädtisches Mobiliar auch sonderbar zu den kleinen Fensterscheiben und den Balkendecken auSnahm, war es doch immerhin sehr „apart", wie Tante Julchen fand, die auf alle-, was .apart" war, sehr viel Wert legte.
Mitten in diese arbeitsreichen Tage hinein war Ulla eines Nachmittag- eine große lieber- raschung gekommen.
Sie hatte verschiedentlich im Nachbargarten recht- fröhliche Mädchenstimmen lachen, fingen und plaudern gehört und Helle Kleider durch die Hecke schimmern gesehen, wenn fie einmal verstohlen hinüber schaute. Sie wußte, da drüben wohnte die töchterreiche Familie, von der man fich allerlei wunderliches erzählte, zum Beispiel, daß fie so arm wären, um Mittag zu kochen und statt deffen oft eine Woche lang nur Brod und den allergewöhnlichsten Käse äßen.
Eines Nachmittags also, als Ulla gerade im Garten ein paar herrliche Vasen japanischer Herkunft abstäubte, die auch auf die Bodenkammer verwiesen waren und die fie für das Wohnzimmer retten wollte, standen wie an- dem Erdboden gewachsen, vier junge Damen vor ihr, bildhübsche, reizende Mädchen, äußerst grote-k frisiert, wie fich moderne junge Damen nicht zu tragen pflegten, und in einem Stil gekleidet, der bei der alleräußersten. Einfachheit durch die Art und Weise, wie die Trägerinnen fich damit abfanden, ganz reizend, aber sehr phantastisch wirkte.
Das alle- wurde Ulla im ersten Augenblick natürlich nicht klar; fie starrte nur verwundert
Uebernahme der Kosten für Beleuchtung und Heizung.
Seitdem nun die staatlichen Zuschüsse reichlicher fließen, giebt ei Fortbildungsschulen in größerer Anzahl. Ihre Zahl hat zwar in den einzelnen Kreisen geschwankt, wie daS nicht anders möglich ist bei Schulen, die in jedem Herbst von neuem durch einen Gemeindebeschluß ins Leben gerufen werden müssen. Trotzdem nun manche Schulen nach längerem ober kürzerem Bestände wieder eingegangen find, ist doch im ganzen ein Anwachsen der ländlichen Fortbildungsschulen in den letzten Jahren zu bemerken gewesen, wie ich schon hervorhob. Das ist eine sehr erfreuliche Erscheinung; wenn auch die Ausbreitung der ländlichen Fortbildungsschulen hauptsächlich nur in den westlichen Provinzen stattgefunden hat, so läßt fich doch daraus entnehmen, daß die Erkenntnis der Nützlichkeit des Fortbildungs- unterrichts auf dem Lande allmählich immer mehr an Boden gewonnen hat. Meine Herren, ich will es nicht unternehmen, den Nutzen der ländlichen Fortbildungsschulen hier näher darzulegen, da ich voraussetze, daß über den Nutzen en und für sich wesentliche Meinungsverschiedenheiten nicht bestehen können. Hier im Hohen Hause ist in dieser Session, wie in früheren Sessionen, von verschiedene« Rednern auf die ländlichen Fortbildungsschulen aufmerksam gemacht, und es ist von dieser Stelle aus auch schon die Forderung gestellt worden, den ländlichen Fortbildungkunterricht obligatorisch zu machen. Das, meine Herren, war der Unterricht bisher nicht, und hierin unterscheiden sich die ländlichen Fortbildungsschulen zu ihrem Nachteil von ihren Schwesterschulen, den gewerblichen Fortbildungsschulen, die in erster Linie ebenfalls darauf hinausgehen, das in der Volksschule Gelernte noch einmal durchzunehmen und zu befestigen. Die gewerblichen Fortbildungsschulen find errichtet nach Maßgabe von Gemeindestatuten, die auf der Gewerbeordnung beruhen. Danach find die Arbeitgeber oder Lehrherren verpflichtet, ihre angehenden Gewerbe- gehülfen ober Lehrlinge in bie Fortbildungsschule zu schicken und im Falle unentschuldigter Versäumnis Strafe zu zahlen. Die ländlichen Fortbildungsschulen entbehren bisher der gesetzlichen Grundlage. Die Beteiligung am Unterricht ist durchaus freiwillig. Es steht den in de" Schule aufgenommenen Schülern vollständig frei, an dem Unterricht teilzunehmen ober davon fortzubleiben. Eine Bestrafung für un- entschuldigtes Versäumen kann nicht eintreten. DaS ist der Wunde Punft bei unseren ländlichen Fortbildungsschulen: die Stetigkeit
auf die seltsamen Erscheinungen und konnte nicht- weiter denken als: „Wie reizend — wie wunderlich! Welch feine Gesichter!"
Dabei aber war schon, ihr unbewußt, in ihre Augen die sympathische Erwiderung de- freundlichen Lächelns getreten, mit dem die vier jungen Damen fie so zutraulich begrüßten.
„Fräulein Burghausen, wir find die Schwestern Kantrupp von drüben und möchten Sie so gern begrüßen," redete die erste Dame fie an, die in ein blaues, verwaschene-, Muffelinfähnchen gekleidet war, deffen ausgeschnittene Taille fie mit einem Fichn i. la Marie Antoinette bedeckt hatte. Das Kleid mochte vor dreißig Jahren Mode gewesen sein.
„Ah, wie freunblich! Wie liebenswürdig! Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar, Baroneffe!" Und Ulla und die vier Mädchen reichten fich herzlich die Hände.
„Wir haben Sie nämlich schon immer durch bie Hecke beobachtet, Fräulein Burghausen! Und wir find förmlich hungrig auf neue Menschen!"
„Du redest ja, als wären wir Menschen- freffer, Lina!"
„Aber Stella hat recht, Fräulein Burghausen. Unsere Lina vertritt nämlich bei uns die höhere Bildung; wir andern find einfacher geartet, aber ich versichere Ihnen, Sie nur anzusehen, war uns ein Genuß —”
„Wirklich, so wie Riekchen und Stella sagen, ist es! Sie glauben nicht, wie toA uns auf Sie freuten, Fräulein Burghausen!"
Ulla hatte nur immer lächelnd und verwundert, aber auch bewundernd von einer Schwester zur andern sehen müffen; fie waren alle vier bildhübsche Mädchen, aber so „verrückt"
des freiwilligen Unterrichts läßt viel zu wünschen übrig, und dadurch ist der Erfolg des Unterrichts vielfach in Frage gestellt. Meine Herren, in meinem Wahlkreise waren letzten Winter 19 Fortbildungsschulen im Gange; das ist zwar die größte Zahl, die dort jemals erreicht worben ist; aber schon seit einer längeren Reihe von Jahren bestehen dort Fortbildungsschulen. Die Lehrer, bie an biefen Schulen unterrichten, unb bie Aussicht führenden Schulinspektoren waren jedenfalls in der Lage, in Hinsicht auf da- ländliche Fortbildungsschul- wesen genügende Erfahrungen zu sammeln.
Sie haben mir immer wieder gesagt, die Fortbildungsschulen seien eine schöne Einrichtung ; fie seien bei uns dort in Rücksicht auf bie Zeitverhältnisse geradezu eine Notwendigkeit aber es fehle ihnen das Beste, damit fie fich zu voller Wirksamkeit entfalten könnten: der Besuch-zwang. Viele Gemeinden find Jahr für Jahr bereit, die Eröffnung einer Fortbildungsschule zu beschließen. Auch die Lehrer sind gern bereit, den Unterricht zu erteilen; schließlich entsenden auch die Eltern gern ihre Söhne in die Schule. Es geht auch im Anfang des Winters ganz gut; dann aber läßt der Lerneifer bei diesem ober jenem Schüler nach; die Teilnahme am Unterricht wird unregelmäßig, unb bie Schule verödet nach und nach. Wie kann da, so frage ich, die Freude am Unterricht bei dem Lehrer erhalten bleiben, und wa- kann Gutes für die Schüler dabei herau-kommen!
Meine Herren, vor fast drei Jahrzehnten wurde der Versuch unternommen, das Fortbildungsschulwesen auf dem Lande einzuführen. Wenn wir die ländlichen Fortbildungsschulen betrachten, bie in stattlicher Zahl jetzt bestehen, so können wir sagen: ber Versuch ist soweit geglückt; die Einrichtung ist lebensfähig, ja in einzelnen Landesteilen ein Bedürfnis geworden. Fügen wir nun dem Gebäude den Schlußstein hinzu, und gestatten wir, den Befuchszwang überall da einzuführen, wo die Beteiligten es für nützlich erachten, ohne den sicher das Ganze nur ein unvollendeter Versuch bleiben wird.
In der Provinz Hessen-Nassau, welcher ich angehöre, halte ich in Ansehung der großen Zahl von Fortbildungsschulen die dort bestehen, den Besuchszwang für angezeigt und durchführbar. Ja, ich glaube sogar aussprechen zu können, daß das Fortvrldungkschulwesen dort wieder Rückschritte machen wird, wenn es nicht durch den Befuchszwang gestützt wirb, weil der gegenwärtige Zustand allgemein nicht befriedigt und zu abfälliger Kritik schon herausgefordeÄ
frisiert unb babei trotz ber Armseligkeit ihrer Kleiber entzückend.
Stella trug daS Haar offen im Nacken herab- wallenb und vom Scheitel hinter bie Ohren gestrichen ; da bas Haar aber starke natürliche Locken bildete, so sah sie einigermaßen „wie ein Pudel" um den Kopf herum au8.
Wo die drei anderen Mädchen die Modelle zu ihren Frisuren hergenommen, war Ulla rätselhaft. Lina trug einen riesigen Schildplatt- kam hoch auf den Scheitel geftejt unb bas Haar lose darum geschlungen, während es um ihr Gesicht herum hochaufgekämmt war, fich aber nicht fügen wollte und ihr ein unordentliche- Aussehen gab.
Ebenso wild unb wirr Ware« bie beiden anderen frisiert. Die eine hatte an den Schläfen kleine Echleifchen im Haar, wie man eS auf alten Bildern sieht — aber trotz alledem fand Ulla die Mädchen geradezu entzückend.
Binnen fünf Minuten war die lebhafteste Unterhaltung im Gange, die für Ulla bas Ergebnis hatte, baß die Baronessen, von denen die älteste einundzwanzig, die jüngste fünfzehn Jahre alt war, fie küßten und ihr gar nicht genug sagen konnten, wie fie fich freute«, eine junge Nachbarin zu haben unb noch bazu eine Großstädterin! Unb baß fie Ulla gleich von weitem angesehen hätten, fie sei nicht so steif unb hochnäsig, wie bie junge« Damen im Städtchen, bie immer so kritisch an ihnen herab- sähen, weil fie arm wären unb keine so schönen Kleiber besäßen.
(Fortsetzung folgt)