mit dem Kreisblatt für die Meise Marburg «ud Kirchhain.
JUL 108
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Marburg
Sonnabend, 10. Mai 1902.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen, EouutagSbrilas«: JSaftrirtsS L»««tagSblatt.
Druck ob Verlag: Iah. Lug, K»ch, llaiverfitätS-Buchdruckere
Marbarg, Mark 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
Aus der Zoütarifkommission.
Am 1. d. M. hat die Zolltarifkommiifion die erste Lesung des ersten Abschnitts des Zolltarifs, der die Erzeugnisse der Land- und Forstwirtschaft und andere tierische und pflanzliche Naturerzeugniffe, Nahrung?- und Genußmittel umsaßt, beendet. .Glücklich beendet", wie sanft wohl üblich, kann man in diesem Falle leider nicht sagen, denn mit wenigen Ausnahmen blieb der von der Kommission beschlossene Zollschutz für jene Erzeugnisse recht erheblich hinter den von den Landwirten für unbedingt notwendig erklärten Sätzen zurück. Sind die betreffenden Beschlüsse zum großen Teil hervor- gegangen aus dem stark hervortretenden Suchen eines Teiles der tariffreundlichen Mehrheit nach jener.Mittellinie", auf der eine Verständigung mit der Regierung angeblich möglich sein soll, so find doch auch einzelne Beschlüffe gefaßt worden, welche nur auS einer Unkenntnis der thatsächlichen Verhältniffe und auS einem Mangel an richtigem Urteil über die zu erwartenden Wirkungen dieser Beschlüffe fich erklären laffen. Dahin gehört in erster Linie die Annahme der Zollfreiheit für Futtermittel, insbesondere für Kleie, gepreßte Maiskleie, Rückstände von Herstellung fetter Oele, Stärkeerzeugung u. s. w.
Die Befürworter dieser Zollfreiheit gingen von der Ansicht aus, daß dies im eigensten Interesse der Landwirtschaft selbst liege. Insbesondere Graf Posadowsky erklärte mit Nachdruck, daß die Regierung die Zollfreiheit der Futtermittel im Interesse der Landwirtschaft wünsche, und ein Mitglied des Eentrums, Abg. Herold, trat dieser Anschauung bei. So wurde auf Veranlaffung derselben Regierung, welche bisher allen von den Vertretern der Landwirt- schäft zu Gunsten eines höheren Agrarschutzes durchgesetzten Beschlüffen der Kommission ihr unabänderliches „Unannehmbar" entgegengesetzt hatte, der Landwirtschaft eine Wohlthat oktroiert, nach welcher diese garnicht verlangt. Denn Graf Schwerin-Löwitz wies in der betreffenden Kommissionsfitzung nach, daß früher zwar die Ansichten der Landwirte in der Frage der Futtermittelzölle geteilt gewesen seien, daß jedoch neuerdings nach gründlicher Prüfung der Sache die überwiegende Mehrheit der deutschen Landwirte sich für den Zollschutz auf Futtermittel ausgesprochen habe, insbesondere hätten fich der deutsche LandwirtschastSrat und daS Landesökonomiekollegium für den Futtermittelzoll entschieden. Der Futterbau sei ein wichtiger Teil der landwirtschastlichen Produktion, der Schutz desselben deshalb notwendig, um dieser eine Rentabilität zu sichern. Entscheidend für die Be-
8 kRachdruck verboten.)
Eine Geldheirat.
Roma« von S. HaidHei«.
(Fortsetzung.)
Plötzlich wurde die Thür aufgeriffen und der Oberstleutnant ohne Pelzkappe und Woll- shawl stürzte, die Depesche hochhaltend, strahlend vor Freude herein:
„Frau! Unser HanS hat fich mit der Tochter Wolzins verlobt!"
„HanS? Wolzin?" wiederholte die kleine Dame und sah ihren Mann verständnislos an.
„Na, von dem Geheimen Kommerzienrat! Dem reiche« Wolzin! Dem die Villa am FlinS- berge drüben gehört!"
„Mit dessen Tochters Unser HanS? Unmöglich!" sagte, noch immer nicht überzeugt, die Frau Oberstleutnant wie im Traume.
„Nun ja doch! Hier, lies doch selbst: Habe mich soeben mit Anna Wolzin verlobt, einzige Tochter deS Geheimen Kommerzienrats hier. Brief folgt. Bitte telegraphisch um Segen und Glückwünsche!"
Der Oberstleutnant sah fich mit leuchtenden Augen nach seinen Gästen um.J
„Den Wolzin werden Sie doch kennen, Herr Nachbar?"
„Persönlich nicht. Der Name und die ausgezeichnete Stellung deS reichsten und einflußreichsten Mannes der Provinz — ich möchte fast sagen des Lande» — find mir natürlich bekannt. Und nun erlauben Sie mir meinen herzlichsten —"
urteilung der Frage muß doch vor allem die Erwägung sein, daß die importierten Futtermittel nur einen kleinen Bruchteil der von der Landwirtschaft selbst erzeugten Futterstoffe darstellen, trotzdem aber den Preis der letzteren herabdrücken, weil die Kraftfutterpreise und Rauhfutterpreise immer zu einander in nur wenig schwankendem Verhältnis stehen. Andererseits wird der Preis bei der Viehzucht von der Höhe der Produktionskosten, also vom Preisstande der Futtermittel, entscheidend beeinflußt. Gerede jetzt zeigt fich das in Nordamerika, wo die Vieh- und Fleischprrise einen bemerkenswerten hohen Stand innehalten, nur weil infolge der Mißernte in Mais der Preis für dieses Hauptfuttermittel der dortigen Viehzüchter und Mäster außerordentlich gestiegen ist. Ein niedriger Preis der Futtermittel liegt für die Dauer eben keineswegs im Jntereffe der dortigen Viehzüchter. Eine auf Prei»fteigerung der käuflichen Futtermittel wirkende Zollauflage bedeutet daher nicht nur keine Benachteiligung der Interessen der Landwirtschaft, vielmehr würde durch die entsprechende höhere Verwertung de» weitaus größeren OuantumS selbstgebauter Futtermittel im Wege entsprechend lohnender Preise tierischer Produkte dem Gesamtgewerbe erst derjenige Grad der Rentabilität gesichert werden, dessen die Landwirtschaft zur weiteren gedeihlichen Entwickelung bedarf. Ein anderer Beschluß der Kommission sollte das Interesse der Konsumenten berücksichtigen durch Ablehnung deS von agrarischer Seite aus eine höhere Verzollung von Schmalz und ähnlichen Speisefetten gerichteten Antrages. Auch in diesem Falle hat die Kommission gründlich vorbeibeschlossen. Sie hat nicht gewußt, jedenfalls nicht berücksichtigt, daß die deutschen Schlächter, weil der billige Import von amerikanischem Schmalz und Talg es ihnen unmöglich macht, das Schmalz und Talg der von ihnen geschlachteten Tiere noch einigermaßen zu ver- werten, um aus ihre Kosten zu kommen, auf das Floijch aufschlagen müssen, was sie beim Talg und Schmalz einbüßen. Billige Fettpreise steigern daher notwendig die Fleischpreise gerade für die Konsumenten, deren die Kommission fich mit so warmen Herzen auzunehmen bemüht war.
Was das bisherige Verhalten der gegnerischen Parteien anlangt, so muß dasjenige der Sozialdemokratie in der Kommission wenigstens als ein konsequentes anerkannt werden; sie find bisher überall für Zollfreiheit eingetreten, zwar nicht aus fachlichen, sondern lediglich aus agatorisch-parteitaktischen Gründen. Man darf gespannt sein, ob fie das gleiche Verhalten auch gegenüber den Jndustriezöllen inne halten werden. Die freifinnigen Freihändler haben den *>iut
„Hörst Du, Frau? Und dessen Tochter ist die Braut unsers Hank!" jubelte der Oberstleutnant dazwischen.
„Wie ist mir denn, Ulla? Du verkehrtest doch mit Fräulein Wolzin ?" wandte Burghausen fich an seine Tochter.
„Sie kennen fie aber doch, Fräulein Burghausen? Ach, sagen Sie mir, ist fie lieb und hübsch? Und vor allem — ist fie gut?"
„Ich habe Anna Wolzin, seit wir das Stift verließen, nicht wieder gesehen, gnädige Frau, außer von weitem. Im Stift mochten wir fie alle gern leiden - fie war sehr nett."
„Aber nicht hübsch?" fragte die alte Dame weiter.
„Damals war fie es noch nicht. Aber fie hat ein guter, offenes Gesicht und ein treuherziges Wesen."
„Schöne Figur?" fragte der glückstrahlende Vater, dem die Schilderung Ullas nicht genügte.
„Sie war groß und schlank, hatte dunkelblondes Haar und blaue Augen und war keineswegs eine unbedeutende Persönlichkeit — im Gegenteil: fie kommandierte uns alle ein bischen."
„Hans muß uns sofort ihr Bild schicken!" versetzte er. Und dann fing er an zu schelten: „So ein leichtsinniger Patron! Depeschiert mir da ein förmliches Attenstück! Alk wenn nicht jedes Wort einen halben Groschen kostete! Aber so ist er immer: Fünf Groschen im Portemonnaie, aber nach außen der große Herr> der elegante, schneidige Regierungsbeamte. Daß Gott sich erbarme! Und nun der Brautstand und die Blumen und all das Brimborium! Frau, wir wollen unk nur einen Stoß geben
ihrer sreihändlerischen Meinung bisher nicht gefunden. Zwar haben fie fich überall als verbissene Kämpfer gegen jede Förderung der landwirtschaftlichen Interessen gezeigt, aber was doch allein in der Konsequenz ihrer sonst in Wort und Schrift propagierten Anschauungen gelegen Hatte, die völlige Zollfreiheit von Getreide und Vieh zu beantragen, das haben sie nicht gewagt. Dagegen hat der Abg. Gothein seine sreihändlerischen Ueberzeugungen sogleich bei der ersten Gelegenheit, als es fich um einen industriellen Zoll handelte, nämlich beim Zoll auf Portlandcement sofort in die Tasche gesteckt und erklärt, er sei durchaus nicht prinzipiell gegen jede Zollerhöhung. Nun ja, Junker und Lauern pflegen ja auch keine Pottlandcement- fabriken anzulegen.
Umschau
Die Krankheit der Königin Wilhelmina.
Ueber die Krankheitsgeschichte der Königin Wilhelmina kann man fich nach den offiziellen Krankheitsberichten kern rechtes Bild machen. Sollten aber folgende Angaben einer holländischen Korrespondenz der Wahrheit entsprechen, so dürfte aus dem Verhalten der behandelnden Aerzte ein gewisses Verschulden für die lebensgefährliche Entwickelung der Krankheit abzuleiten sein. Dieselbe schreibt: Offiziell wird jetzt zugegeben, daß daS Fieber zuerst am Freitag, 11. April auftrat, d. h. einen Tag, nachdem die Königin plötzlich beim Spaziergange im Parke von Het Loo ohnmächtig umgefallen war. Trotzdem wurde nach diesem Ohnmachtsansall ebenso wenig ein Arzt geholt, als an dem folgenden Freitage, wo das Fieber bereits eingefetzt hatte, und die Königin gezwungen war, das Bett zu hüten. Erst am Sonnabend, 12. April, veranlaßte die zunehmende Schwäche der Königin und deren bleiches Aussehen die Königin-Mutter, nach Dr. Pot in Apeldoorn zu senden. Dr. Pot selbst aber schien die Sache nicht bedenklich zu finden. Am Sonntage darauf hatte aber der zunehmende Kräfteverfall der Königin einen solchen Höhegrad erreicht, daß fie das Bett nicht mehr verlassen konnte und seit diesem 13. April auch nicht mehr verlassen hat. Auch die folgenden Tage waren für die Angehörigen wie für die Aerzte gleich sorgenvoll, aber letztere schienen ebensowenig wie die Umgebung der Königin die eigentliche Natur des Leidens zu erkennen. Die Aerzte sprachen noch tagelang von einer leichten Erkältung, dann von einer katarrhalischen Affektion und ein wenig Fieber, bis fie schließlich eine Lungenaffektion feststellten. Eine weitere Woche -..... l «
und ihm hundert Mark extra schicken! Mit den beiden Jungen ist der Deibel los! Immer Geld. Geld, Geld!"
Nachdem Burghausen und Ulla endlich ihre Glückwünsche hatten aussprechen können, empfahlen fie sich; es verstand sich ja von selbst, daß man die beiden alten Leute jetzt allein lassen mußte.
„Aber heute Abend kommen Sie zu uns und wir trinken auf das Wohl deS Verlobten PaareS! Vielleicht ist auch heute Abend schon ein Brief da. Han» muß un» doch schreiben, wie das alles gekommen ist! So ein Schwerenöter! Wo der die Kourage hernimmt, um so ein reiches Mädchen anzuhahlten! Und dieser Wolzin! Giebt fie auch dem Herrn von Habenichts! Da verstehe einer noch diese verrückte Welt! Hinausgeworfen hätte ich ihn, wenn er mir gekommen wäre!"
Er hätte am liebsten noch immer weiter geplaudert, aber Burghausen und Ulla empfahlen sich jetzt endgiltig, nachdem fie die Einladung für den Abend angenommen hatten.
Papa, fandest Du nicht, daß unser Herr Nachbar sehr viel Gewicht auf den Umstand legte, daß Anna Wolzin so reich ist?" fragte Ulla.
„Das hat Dich unangenehm berührt? Nun ja! Aber ich denke, er ist ein braver, alter Herr und paßt ganz gut zu mir. Und höre, Ulla: die Eisenbahn braucht unser Erbhaus — fie wird es gut bezahlen."
* * ♦
Zwei Wochen vergingen, die beiden Familien vielerlei Unruhe brachten.
verfloß, und dann glaubte Dr. Roefingh Symptome von Peritonitis (Bauchfellentzündung) zu finden. Aber auch diese Diagnose wurde wieder für nicht zutreffend erklärt und schließlich Typhus festgestellt.
Der ablehnende Standpunkt der Korps gegen das Rhodesstipendium wird in den „Akademischen Monatsheften" scharf uud offen dargelegt. Das Organ de» S. E. schreibt ungefähr Folgendes:
„Wir können uns nicht vorstellen, daß deutsche Hochschüler jemals von dem Danaergeschenk eines Mannes Gebrauch machen, der noch in seinem Testamente seine englischen Ge- finnungen und Pläne so unverhohlen gezeigt hat. Es gehört mehr als Naivetät dazu, zu glauben, ein Mann wie Rhodes werde dem gefährlichsten Rivalen Altenglands auch nur den geringsten Vorteil zuwenden. Rhodes wußte nur zu gut, wie unzugänglich seine Landsleute für fremde Einflüsse find, wie sehr dagegen der Deutsche geneigt ist, sich fremdem Wesen anzusügen, ja unterzuordnen. Und wenn selbst solche Folgen nicht eintreten würden, so dürfte schon allein der Gedanke ihn zu dem nicht einmal großen Opfer bewogen haben, daß seine Landsleute den die Stipendien annehmen- den deutschen Studenten mit Recht zurufen könnten: „Seid ihr nicht wie die Hunde? Wenn man euch mit Stockschlägen traktiert, knurrt und bellt ihr, wirft man euch aber einen Brocken hin, so kommt ihr heran und nehmt ihn dankbar schweifwedelnd entgegen." Wir hoffen, daß es uns erspart bleiben wird über Kommilitonen, die das non ölet englischen Goldes patriotischen Erwägungen vorziehen, vor Scham erröten zu müssen."
Bedenkliche Sparsamkeit.
Zum Eisenbahnunglück bei Zschortau schreibt die „Köln. Ztg.": In der Sitzung des Herrenhauses vom 7. d. Mts. hat der Herr Minister der öffentlichen Arbeiten eine amtliche Mitteilung über dieses traurige Unglück gemacht und dabei über die Ursache desselben bemerkt: Trotz der sorgfältigen Revision der Betriebsfähigkeit find derartige Unglücksfälle nicht ganz zu vermeiden, namentlich wenn ein solcher Achsenbruch in der Nabe erfolgt, wo er schwer zu entdecken ist. Diese Bemerkung dürfte berechtigten Anlaß geben, auf die diesjährigen Verhandlungen im Abgeordnetenhause vom 15. April zu verweisen. Damals wies der Abgeordnete Macco darauf hin, daß in dem neuen Etat eine Minderausgabe von 45000 Mk. für die Prämien eingesetzt sei, welche den Arbeitern und untern Beamten für Entdeckung von
Burghausens richteten fich in dieser Zeit häuslich ein und der Oberstleutnant trug fich offenbar mit der Meinung, daß ohne ihn dott gar nichts richtig gehen könne. Des Morgens in aller Frühe kam er schon an, mit Pelzmütze und Wollshawl ausgerüstet, welche Gegenstände er anscheinend zn seinem Morgenkostüm für unerläßlich hielt.
In der That hatte er durch seine vernünftigen Ratschläge Burghausen veranlaßt, sofott an einen bekannten Antiquitätenhändler zu schreiben. Der Mann war sofott gekommen und seine scharfen, giettgen Ar gen konnten gar nicht schnell genug den ganzen „Plunder" überfliegen, und dann jedes Stück einzeln zu prüfen.
Das Resultat war eine nach tausenden zählende Pauschalsume für den weitaus größten Teil dieser Sachen, oft gerade solcher, denen Vater und Tochter den allergeringsten Wett beimaßen. Wenn Burghausen auch überzeugt war, daß der Mann ein vorzügliches Geschäft machte, fühlte er fich doch recht froh, auf diese Weise zu einer beträchtlichen Summe Geldes zu kommen, die ihm in jeder Hinficht erwünscht war, auch weil fie ihm gestattete, Haus und Gatten wenigstens einigermaßen bewohnbar herzustellen, ohne allzu viel anzuwenden.
Die Handwerker, Tagelöhner und Gärtner herbeizuschaffen, war wiederum Sache des Oberstleutnants. Er kommandierte wie ein Feldherr und brüllte die Leute an, wie ein Unteroffizier, wenn etwas verkehrt ging.
(Fortsetzung folgt.)