Die Wirkung der Einführung von Mehl- und Getreidezöllen in England auf den Getteidemarkt.
Unsere Freihändler vertreten bekanntlich mit großer Beharrlichkeit den Satz, daß die Ge- tteidezölle vom Inlands getragen werden. Hätten sie darin Recht, so müßten offenbar die neuen englischen Mehl- und Getreidezölle den Preis aus dem englischen ^narkt um den Bettag des Zolles gesteigert haben, während sie auf den Preis in den Exportländern, insbesondere in Nordamerika, ohne Einfluß geblieben sein müßten. Thatsächlich hat sich aber genau das Gegenteil zugetragen. Die in Berlin von Dr. G. Ruhland herausgegebene Wochenschrift .Getreidemarkt" macht über die bezüglichen Vorgänge auf den Getreidemärkten in dieser Beziehung höchst interessante Mitteilungen. Am 14. April wurde bekanntlich die Zollvorlage im englischen Parlament angenommen. Sofort hatte das „Lommercial-Telegramm-Bureau" aus „New-Pork" zu berichten, daß die Einführung eines englischen Kornzolls verstauend wirkt, der Martt schloß niedriger. Am 15. April lautete der Bericht desselben Telegraphenbureaus: „Die Auferlegung der englischen Getreidezölle verursachte einen Rückgang von % Cents für Mailieferungen." Aus Liverpool kam gleichzeitig die Nachricht, daß die nordwestliche Müllervereinigung beschlossen habe, bei den Kontrakten vor dem 15. April habe der Käufer, bei allen Kontrakten nach dem 15. April aber der Verkäufer den Zoll zu tragen. Die neueste Nummer des „Getreidemarkt" ergänzt deffen frühere Mitteilungen noch durch die Nachricht aus Chicago, daß infolge der Einbringung des englischen Getreidezolls die Liverpooler Händler ihre Forderungen für Weizen in England sofort um 2 Pence pro Centner erhöhten und gleichzeitig am 15. April in Chicago P/4 Cents pro Büschel weniger boten. Die Liverpooler Händler find also offenbar der Ansicht, daß, trotzdem der Weltmarkt in dieser Zeit ä la hausse gestimmt war, dennoch der Zoll auf das exportierende Land überwälzt werden würde. Zu dem gleichen Schluß kamen die Chicagoer bei ihren Erörterungen über die dem englischen Untergebot gegenüber einzunehmende Haltung.
Zieht man mit diesen Vorgängen auf dem Getreide-Weltmarkt zugleich die Thatsache in Betracht, daß in Folge des diesjährigen unzureichenden Weizenexports aus Argentinien und Indien Nordamerika sich als Verkäufer in einer ungewöhnlich günstigen Position gegenüber England befindet, da dieses auf die nordamerikanischen Zufuhren so vollständig angewiesen ist, wie selten, so wird niemand ernstlich zu bestreiten wagen, daß unsere Freihändler mit ihrer Weis-
6 «Nachdruck verboten.)
Eine Geldheirat.
Roman von L. Haidheim.
(Fortsetzung.)
„Meine Tochter und ich haben Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit sehr zu danken, Herr Oberstleutnant. Wie ich erst heute von meinem Burschen erfuhr, haben wir Ihrer Güte auch die Instandsetzung der Gartenwege, sogar unsere Herdflamme —"
„Na, na, ist ja der reine Egoismus," lachte der alte Herr; „dachte mrr, Sie würden sonst gleich wieder ausreißen."
„Wir? Aber es ist ja hier so schön!" ries Ma.
„Ach, Du liebe Zeit, so ein armes junges Blut! jammerte mitleidig der Herr Nachbar und sah schon wieder grämlich auS.
„Warum bedauern Sie mich denn? Jugend ist doch kein Leiden!" klang es von Ullas Lippen srisch und fröhlich in sein Nörgeln hinein.
„Schwimmen können ist auch kein Leiden, gnädiges Fräulein; wenn der Fisch aber aus dem Trocknen liegt — Sie könnten ebenso gut in- Kloster gehen, als in dies Unkennest kommen. Pardon, wenn ich solche unsalon- rnäßigen Ausdrücke brauch. Meine Frau erzieht noch immer an mir herum, aber — Sie werden es selbst einsehen — ich bin von zu sprödem Stoff. DaS entschuldigt, nicht wahr?
heit durch die Wirkungen der Einführung von Getreide- und Mehlzöllen in England gründlich ad absurdem geführt find.
Das ist in der Tqat sehr hart für die Herren vom Kommerzienratsvereins, denn mit dem Satz, daß das Inland den Zoll zu tragen habe, fallt zugleich ihr einziges Argument gegen die deutschen Getreidezölle: Die Verteuerung deS Brotes für den kleinen Mann. Sie können sich auch im vorliegenden Falle nicht damit herausreden, daß der neu eingeführte englische Zoll so niedrig sei, daß davon eine Wirkung auf den Brotpreis vernünftiger Weise überhaupt nicht hätte erwartet werden können. Denn bei den oben berichteten Vorgängen handelt es sich garnicht um die Frage, wie der Zoll auf den englischen Brotpreis gewirkt habe. Eine Erörterung darüber wäre erst am Platze, wenn der Getreidepreis für die englischen Importeure sich um die Höhe des Zolles gehoben hätte. Nachdem aber nachgewiesen, daß dieser Fall überall nicht eingetreten, vielmehr die amerikanischen Exporteure einen um den Betrag des englischen Zolls niedrigeren Preis haben annehmen muffen, giebt es für unsere Freihändler aus der Sackgasse, in die sie mit ihrer Weisheit geraten find, keinen Ausweg.
Umschau.
Königin Wilhelmine von Holland.
Daß das Leben der Königin ernstlich bedroht war bedroht war bezw. noch ist, dürfte aus folgenden Meldungen zu ersehen sein:
Sonnabend spät abends machten sich beunruhigende Symptome im Befinden der Königin bemerkbar. Es wurde unverzüglich Dr. Pot berufen, der die ganze Nacht im Schloß blieb und sofort Dr. Roefsingh und Professor Kouwer von der Universität Utrecht benachrichtigen ließ. Die Befürchtung einer Komplikation nahm immer mehr zu, die Lage wurde als äußerst ernst angesehen. Gegen Abend wurde die Kranke unruhiger. Im Schloß verlautete, sie erdulde unsägliche Schmerzen. Die Zeit zwischen 10V, und 11 Uhr abends war die kritischste. Erst als die Aerzte die Gewißheit erlangten, daß die Entbindung erfolgt sei, trat im Schlöffe Beruhigung ein. Die Nachricht, daß trotz der heftigen Schmerzen der Königin die Lage befriedigend sei und alles einen befriedigenden Verlauf genommen habe, wirkte einigermaßen erlösend aus die Gemüter, wozu auch die Rückreise Kouwers nach Utrecht wesentlich beitrug.
Wie dem Reuterschen Bureau aus Schloß Loo gemeldet wird, stand die gestern eingetretene Komplikation in engem Zusammenhang mit der infektiösen Krankheit, an welcher die Königin leidet. Die notwendige Operation ging glücklich und ohne alle die
Kein Mensch kann aus seiner Haut heraus und ein so alter Bär, wie ich, erst recht nicht. Na, Herr Nachbar," wandte er sich dann wieder an Burghausen, „Fräulein Ullas Urteil heißt: schön! Was sagen Sie denn zu dem Krempel? Schöne Schweinerei, nicht? Ah, Pardon! Aber man wird vor lauter Aerger und Galle in diesem Jammerthal ein Unmensch und merkt's nicht mal! Der alte Herr hätte auch was befferes thun können, als Ihnen diese Wüstenei und das Rattennest zu vermachen. Es ist doch weiter nichts als eine alte Rumpelkammer."
„Aber, Herr Oberstleutnant, wir find entzückt, ganz glücklich!" riefen Vater und Tochter wie aus einem Munde.
„Entzückt? Na — so was!"
Der Herr Nachbar sah die beiden grimmig spottend und erstaunt an.
„Aber in der That! Diese poetische Wlldnis ist ja so stimmungsvoll —"
„Und ich meine, man kann sich das alles doch ganz leidlich einrichten —"
„Na ja, freilich, für Poeten und junge schwärmerische Damen!" rief der alte Herr sarkastisch. „Mir sind Wege, auf denen man das Unkraut mähen kann, ein Greuel, Obstbäume, die seit Jahren unbeschnitten dastehen, ein Dorn im Auge, und so fort. Ich sehe so was nicht mit Dichteraugen an, ich bin ein alter Praktiker! Gucken Sie doch einmal da auf das Land! Das soll ein Gemüsegarten
Mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg uud Kirchhain.
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M 106
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Marburg
Mittwoch, 7. Mai 1902
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Sonntagsbeilage: IllnftrirleÄ Sonntagsblatt.
Druck und Verlag: Joh. Aug. Noch, UntverfitätS-Buchdrucker« Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
Schwierigkeiten von statten, welche in ähnlichen Fällen oft Vorkommen. Man sieht daher in der Umgebung der Königin die Lage wieder hoffnungsvoller an, zumal alle Symptome darauf Hinweisen, daß eine augenblickliche Gefahr nicht mehr vorhanden ist.
Zum Eisenbahnunglück bei Leipzig.
Zu dem Unglücke, daß mehrere Menschenleben gefordert hat, liegen heute noch einige ergänzende Einzelheiten vor. Als der München- Berliner Schnellzug eben die Statton Zschortau zwischen Leipzig und Bitterfeld durchfuhr, brach die Hintere Achse des Lokomotivtenders. Durch den Stoß wurde der darauf folgende Gepäckwagen vom übrigen Zuge abgeriffen, sodaß die Lokomotive, der halbzertrümmerte Tender und der Gepäckwagen noch ungefähr 500 Meter über die Station hinauSfuhren. Der Rest des Zuges bot ein Bild greulicher Verwüstung. Der vorderste Personenwagen Meran-Berlin wurde nach links aus dem Geleise geworfen und größtenteils zettrümmert, der darauf folgende Wagen Rom—Berlin ebenso nach rechts. Erst der dritte (sächsische) Wagen blieb zwischen den beiden stehen und ebenso, völlig unbeschädigt, der darauf folgende Schlafwagen und der Postwagen.
Vom Zugpersonal wurde niemand verletzt. Dagegen wurden der im ersten Wagen befindliche Reichstags-Abgeordnete Brauereibefitzer Friedel aus Oberkonnersreut bei Bayreuth und eine Dame, welche im Frauenabteil saß, tot aus den Wagentrümmern gezogen. Außerdem erhielten 8 Reisende schwerere Verwundungen.
Ein von Bitterfeld her kommender Zug übernahm die Reisenden und das Gepäck, sodaß erstere mit dem Mailand-Berliner Schnellzuge 9.20 Uhr in Berlin eintreffen konnten.
Eine Schuld trifft bei dem schweren Unglück niemand. Abg. Friedel war nationalliberaler Reichstagsabgeordneter und Vertreter des zweiten obersränkischen Reichstagswahlkreises (Bayreuth.) Er gehörte dem Bunde der Landwirte an und brachte deffen Bestrebungen thatkräftige Sympathie entgegen. Der Bund wird ihm ein treues Gedenken bewahren.
Dr. Lieber und keine Ende!
Die Nachricht von einem Anerbieten der Regierung an Dr. Lieber, ihm als Dank für parlamentarische Dienste ein hohes Regierungsamt zuteil werden zu laffen, war bekanntlich offiziösalsersunden hingestellt worden. Der Korrespondent des Wiesbadener „Rhein. Courier" in Camberg, dem Heimatsorte Liebers, schreibt seinem Blatt, daß die Meldung, daß dem Abgeordneten Dr. Lieber der Oberpräfi- dentenposten von Hessen-Nassau angeboten worden sei, trotz aller offiziösen Dementis bestehen bleibe. Ueber diesen speziellen Fall habe
ihm ein naher Verwandter Dr. Liebers folgendes mitgeteilt: Nachdem eine Vorbesprechung Dr. Liebers mit einem hohen Würdenträger im Auftrage des Kaisers über irgend eine Ehrung Liebers stattgefunden hatte, aber resultatlos verlaufen war, wurde L. zum Kaiser befohlen. Derselbe bot ihm Orden und schließlich auch den Oberpräfidentenposten in Kassel an. Aber Lieber dankte für alles und bemerfte, er wolle einfacher Privatmann bleiben. Da habe der Kaiser schließlich gesagt: „Aber, Herr Doktor, das Bild Ihres Kaisers nehmen Sie doch an? Dagegen konnte Lieber nichts eintoenben. Da das Blatt unbedingt für seinen Korrespondenten eintritt, so kann man gespannt sein, wie die Regierung sich dazu äußern wird.
Der Krieg in Südafrika.
Nach längerer Stille liegen heute wieder einige Nachrichten von Bedeutung über den südafrikanischen Krieg vor, nach denen die Friedensunterhandlungen unter den von England diktierten Bedingungen als gescheitert angesehen werden müssen. Ein eben aus Südafrika in Amsterdam angekommener Freund Louis Bothas erklärt:
„Ich kann mich vom Erstaunen über die widersprechenden und lügenhaften Berichte der englischen Zeitungen kaum erholen. Fast alle Berichte über den Stand des Krieges und die Haltung der Burenführer in der Friedensfrage find unwahr. Bei Beurteilung des Verhaltens der Buren darf man nicht übersehen, daß Letztere sich heute nicht als Besiegte fühlen und unter allen Umständen an den Forderungen der Amnestie und Unabhängigkeit fest- halten. Der Ausgang der meisten für die Buren sieghaften Treffen während der letzten fünf Monate wurde en glischerseits verheimlicht. Die Burenführer find mit dem gegenwärtigen Stand der Operationen sehr zufrieden und nur zum Friedensabschluß geneigt, wenn in den beiden Hauptfragen Konzessionen erfolgen."
Ein noch wichtigeres Zeugnis für das Scheitern der Friedensverhandlungen ist folgender Ausspruch Lord Wolseleys, König Eduards Spezialgesandten tn Südafrika:
Feldmarschall Lord Wolseley erklärte einem Vertreter des „Daily Expreß", die Buren sähen nicht ein, weshalb sie nachgeben sollten. Er glaube nicht, daß sie die Bedingungen annehmen würden, so lange sie nicht ihre Ziele erreicht hätten. Der Interviewer vermutet, daß Wolseley mit seiner zweiten Bemerkung die Amnestie für die Kaprebellen meinte, auf welche die Burenführer nicht verzichten wollten.
Daß während der Verhandlungen der Krieg munter fortgesetzt wird, geht aus der nach
sein? Unkraut, nichts als Unkraut! Und die Rasenflächen? Total vermoost!"
Der Besitzer aller dieser Herrlichkeiten machte ein langes Gesicht und schwieg.
Unterdessen ging der Herr Nachbar zu der Fontäne, die hier wieder angelegt war, drehte eine Schraube herum und sogleich brach ein starker heller Strahl hervor, der gleich darauf haushoch in der Sonne tanzte, und in der Grotte, wo die Frösche und Eidechsen saßen, begannen alle diese Tierchen gleichzeitig mit kräftigen Strahlen sich zu beteiligen. Ein Rauschen machte sich in nächster Nähe hörbar, und über die Felsgruppe brach, Kaskaden bildend, eine neue Wasserflut.
„Aber ist denn das nicht reizend?" rief Ulla vorwurfsvoll.
„Unnütze Spielerei ists, gnädiges Fräulein! Ihr verehrter Herr Erbonkel war von jeher ein verrücktes Kraut! Tausende und abertausende hat er verpufft für lauter solche Tändeleien und den Plunder da im Hause! Und dann, als ihm die Frau starb, ist er weggezogen, ohne nur mal einen Menschen zur Aufsicht anzustellen. Nie wieder hat er sich um sein Besitztum bekümmert. Keinem Menschen hatS Freude oder Nutzen gebracht — ihm wars einerlei. Na, er soll nicht so ganz normal gewesen sein — Friede seiner Asche! Aber Sie, mein verehrter Herr Erbe, können jetzt eine hübsche Summe in die Hand nehmen —"
„DaS wird vielleicht die einzige Möglichkeit fein, das Ganze wieder nutzbar zu machen", sagte der arme Burghausen bedrückt. „ES fragt sich nur, ob ich die Mittel habe.
Der Oberstleutnant nannte eine größere Summe.
„So viel wird- sicher kosten!"
„DaS ist keine erfreuliche Aussicht, die Sie mir da eröffnen, Herr Nachbar."
„Herr Gott, welch schrecklicher Mensch!" dachte Ulla. „Wenn er doch lieber gar nicht gekommen wäre!"
„Ich soll Sie wohl mit kaltem »lut gleich Ihr schönes Geld wegwerfen laffen? Nein, dazu bin ich nicht der Mann! Ich bin ja viel zu froh, in diesem elenden Nest einen vernünftigen, gebildeten Nachbar zu bekommen, als daß ich Ihnen nicht lieber gleich die Augen öffne!"
Der schreckliche Mensch wandte sich jetzt ihr zu.
„Ja, nun denkt da8 kleine gnädige Fräulein gewiß: wäre dieser abscheuliche alte Kerl doch wo der Pfeffer wächst!"
Ulla mußte lachen; eigentlich böse konnte man ihm auch nicht sein. Trotz seiner griesgrämigen Manieren und greulichen Wahrheiten lag in seinen Augen eine treuherzige Schalkhaftigkeit, die ihn anziehend machte.
(Fortsetzung folgt.)