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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchbai«.
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Marburg
Somabend, 3 Mai 1902
Sricheint täglich autzer au Wcrirageu nach sonn- und Keiertagev. Sovutagsbeilage: JllaftrirleS So«»tagsblatt.
Drnck mb Verlag: Joh. lag. Koch, llniverfitätS-Buchdrucker»
Marbvrg. Markt 91. — Telephon 55.
37. Jahrg.
Erstes Blatt.
Die Kap-Kairo-Bahn.
Die neuerlichen englischen Meldungen über die Kap Kairo-Bahn, so schreibt man uns von geschätzter Seite, find in Deutschland mit größter Zurückhaltung aufzunehmen. Die ganze Kap- Kairo Bahn ist ins Waffer gefallen und wird niemals durchgeführt werden. Die gemeldeten,
Großpolnische Agitation
Der Beginn des neuen Schuljahres in den preußischen Volksschulen hat in einem Teile der großpolnischen Presse Anlaß geboten, auf die Wreschener Vorgänge zurückzukommen und, unter völliger Entstellung der Thatsache, daß die maßlose Verhetzung des polnischsprechenden Teiles der Wreschener Bevölkerung den planmäßigen Widerstand der Kinder veranlaßt und die lieber griffe der Eltern und Angehörigen ermöglicht hat, die preußische Regierung und ihre Ver treter der gewaltsamen Unterdrückung des polnischen Nationalgefühls anzuklagen. Von dieser auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens geübten politischen Taktik der großpolnischen Agitation, die polnischsprechenden Bewohner der deutschen Ostmarken als Märtyrer einer rücksichtslosen und barbarischen Germanifierungspolitik hinzustellen, scheint sich die großpelnische Propaganda auf dem Gebiete des Unterrichtswesens, in erster Anie den deutschen Lehrern und Beamten gegen- tber, die nicht selten als ,feile, gefährliche Spione" und „ausgemachte Hakatisten" gebrand- markt werden, ganz besondere Wirksamkeit zu versprechen, denn immer wieder wird das Schicksal der beklagenswerten „polnischen" Jugend, die hilflos den Martern der preußischen Schule ausgesetzt sei, und das Los der „armen unglücklichen Eltern, die ihren teuersten Schatz „der Drangsalierung, der systematischen Entehrung preisgeben", zum Gegenstand der öffentlichen Erörterung gemacht. Wohin diese systematische Untergrabung der Autorität der Schule, die planmäßige Aufhetzung der urteilslosen Volksmenge gegen die Maßnahmen der preußischen Behörden, wohin die künstliche Entfachung und Vertiefung des Haffes gegen das Deutschtum und seine Vertreter geführt hat und führen kann, dafür sollten die Wreschener Vorgänge den skrupellosen großpolnischen Agitatoren ein bleibendes, warnendes Beispiel bieten. Dem scheint jedoch nicht so, denn trotz der Bestimmung des Kultusministers, daß diejenigen Kinder, welche den Anforderungen der Schule nicht genügen, über die gesetzliche Zeit in der Schule zurückbehalten werden dürfen, einer Bestimmung, die von der polnischen Presse als eine „empfindliche Strafe für die Eltern und Kinder" bezeichnet wird, nimmt die Aufhetzung der Eltern und Kinder
Umschau
Aus der Zolltarifkommission.
In der heutigen Sitzung der Zolltarif- kommisfion gab es zunächst wieder eine längere höchst überflüssige Debatte darüber, von wem die Anregung zu den Kommisfionsdiäten ausgegangen sei und ob der bekannte Abg. Stadt» Hagen sich damit einverstanden erklärt hatte. Die Sache verlies genau so wie in der Budgetkommission, die Linke stritt alles ab und da ein Stenogramm über die Verhandlung nicht ausgenommen war, so konnte ihr das Gegenteil nicht nachgewiesen werden. In der Beratung selbst wurden die Positionen 206 (eingedickte Milch), 207 (Eigelb und Eiweiß), 208 und 209 (Senf), 210 bis 214 (Essenzen, Früchte) ohne erhebliche Erörterungen nach der Regierungsvorlage genehmigt. Ebenso wurde die Positionen 215—217 (chemisch zubereitete Nährmittel), 218 (Tabakfabrikate), 219—230 (Erden und Steine) erledigt. Nach einer kurzen Diskussion über Pos. 231 (Schiefer) vertagte sich die Kommission auf heute 9 Uhr.
Das 50jährige Berfassungsjubiläum von Sachsen-Coburg-Gotha.
Das Festprogramm für das 50 jährige Verfassungsjubiläum der Herzogtümer Sachsen- Koburg und Gotha ist folgendermaßen festgestellt: Am Mittag des 3. Mai wird im Thronsaale des Schlosses Friedenstein vom Regenten eine Botschaft verlesen werden, auf die der Präsident des gemeinschaftlichen Landtages der beiden Herzogtümer namens des Landtages antworten wird. Am Nachmittage werden auf den öffentlichen Plätzen der Stadt Gotha Musikkapellen spielen, abends wird ein Fackelzug stattfinden, zu dem bereits 5000 Fackelträger angemeldet find. Dieser Fackelzug wird im Schloßhof eine große Serenade darbringen. Zu gleicher Zeit werden von allen Höhen des Thüringer Waldes Frendenseuer leuchten. Den Schluß des Festaktes bildet ein großer Kommers, an dem der junge Herzog Karl Eduard und der Regent teilnehmen werden. Für den 4 Mai ist ein Festbankett vorgesehen, dem eine Galavorstellung im Herzoglichen Hoftheater folgt.
gegen die Autorität der Schule ungestört ihren Fortgang. „Das preußische System", schreibt der..GoniccWielkopolski". „war, ist und bleibt rücksichtslos. Was müssen wir alfo thun? Unsere Kinder in Schutz nehmen, fie verteidigen mit derselben Rücksichtslosigkeit und Verbissenheit, durch welche sich das preußische System auszeichnet, und mit energischer That unsere Gefühle zum Ausdruck bringen. . . . Hilfe für unsere Schuljugend! so rufen wir. Möge das polnische Elternhaus zu einer Nationalschule werden, möge es der polnischen Schuljugend eine polnisch nationale Erziehung angedeihen lassen, welche sie verlangt, welche fie um jeden Preis, mag dies der deutschen Regierung und ihren loyalen und treuen Unterthanen gefalle:; oder nickt gefallen, erhalten muß. Schutz für unsere Schuljugend verlangen wir! Gestatten wir nicht, daß sie gemartert werde; protestieren wir auf gesetzlichem Wege gegen die Politik der Peitsche und gegen die Kultur der Rute." Daß eine derartige Kundgebung nicht gerade geeignet ist, das Ansehen der Lehrer und die Autorität der Schule unter der erwachsenen und Heranwachsenden Bevölkerung der gemischtsprachigen Landesteile zu fördern, liegt auf der Hand. Es kommt eben der großpolnischen Agitation, da fie nicht wohl die hohe Entwickelung und den erzieherischen Werth der preußischen Volksschule anzweifeln kann, vor allem darauf an, die Unterrichtsmethode der deutschen Lehrer in den Augen der Eltern und Kinder herabzusetzen und die Vorstellung wach zu erhalten, daß der Besuch einer preußischen Schule einem Martyrium für Kinder und Eltern gleich zu achten sei. Solange solche Anschauungen durch die Leiter der großpolnischen Agitation immer aufs neue in das Volk getragen werden, die die Schuljugend zum Träger politischer Bestrebungen zu machen bemüht find, wird die preußische Regierung an dem Grundsätze festhalten müssen, daß es in erster Linie die Aufgabe der Schule ist, diejenigen schädlichen Einflüsse, welche geeignet find, Wert und Bestand einer sittlichen Erziehung in Frage zu stellen, nach Möglichkeit zu beseitigen und zu bekämpfen. Reicht dazu die gesetz lich vorgeschriebene Zeit nicht aus. so wird eine Verlängerung des Schulbesuches Platz greifen müssen. Es liegt daher im eigensten Interesse der polnischredenden Bevölkerung, den verderb liehen Einflüssen der den Widerstand gegen alles Deutsche predigenden großpolnischen Agitatoren sich selbst und vor allem die schulpflichtige Jugend zu entziehen.
8 (Nachdruck verboten.)
Eine Geldheirat.
Roman von L. HaidHei».
(Fortsetzung.)
„Meine arme, kleine Weisheit! Wo hast Du nur die viele Vernunft her?" fragt er bedrückt.
„Von da, woher Du fie auch nehmen sollst. Glaubst Du, man könnte bei Wolzins so intim verkehren, wie ich, ohne zu begreifen, daß man „vernünftig" sein muß? Du glaubst nicht, wie hoch Verstand und Vernunft bei dem Geheimen Kommerzienrat angeschlagen werden!"
„In dem Artikel „Herz" machen fie also wohl nicht?"
„O doch, Hans! Anna hat ein warmes Herz, fie ist auch gut, aber ihre Art ist eben eine mehr auf nüchternes Urteil gestellte. Und der Geheime! Ob der Wohl ein Herz hat! Er betet sein Kind einfach an; er hat alte Freunde, die er sehr liebt —"
„Dein Zeugnis freut mich für Vater und Tochter, aber fiehst Du, Hilde, heiraten könnte ich das Mädchen nie und nimmer."
„Hans, ich bitte Dich, nimm Vernunft an! Siehst Du —"
„— daß Du tauben Ohren predigst, Herzchen!" unterbrach er fie.
„Hans, höre mich doch nur! Du bist so ehrgeizig, Du hast ein glühendes Verlangen nach glänzender Lebensstellung —"
„Sage das nicht so, Hilde! Jeder andere in meiner Lage würde wünschen, Carriere zu machen."
„Gut. Dich liebt die einzige Tochter Wolzins. Ihr Vater giebt fie Dir, weil er fie glücklich sehen will. Hans, mein Hans, kann ich Dir einen größeren Beweis meiner Liebe geben —"
„Hilde, Du redest mir so dringend zu, daß ich fürchte, Du willst frei fein — Du! Es liegt Unnatur darin, daß ein Mädchen wie Du, wenn es wahrhaft liebt —"
„O!" stöhnte fie leise. „Ach, Hans!" Es klang unsäglich schmerzlich. Dann fuhr fie fort: „Unnatur? Wenn ich meiner Natur folgen könnte und dürfte! Aber waS ist denn in unseren Beziehungen nicht Unnatur? „Werden wir vornehmen Armen" nicht von Jugend aus zu schweigender, lächelnder Entsagung erzogen, während wir hungern nach alledem, aus das wir Verzicht leisten müssen, obwohl eS dicht vor unfern Augen schwebt? Und die Liebe? Wir armen Mädchen haben auf den Lebensweg einen Luxusartikel mit bekommen, den manche anderen sich nicht gönnen: Das strenge Ehrgefühl! Sieh, Hans, daß ich hier mit Dir gehe, daß wir uns lieben, ohne das Recht dazu zu haben — das ist schon eine Verletzung des heiligsten Erziehungsgutes, welches meine armen Eltern mir mitgaben. Weiter kann ich nicht mit Dir gehen, eS sei denn —"
Sie schwieg, zitternd vor Erregung hing fie schwer an seinem Arm.
„Was willst Du sagen, Hilde? Sprich!" ries er heiser.
„ES sei denn, daß das Ende im Wasser wäre!" schluchzte fie, fast erstickt vor Herzklopfen.
Und so wahr, so erschütternd ehrlich klang dies Wort, daß er wie von einer Kugel getroffen zusammenzuckte.
Es dauerte eine geraume Weile, ehe er sprechen konnte. Das Bild, das fie heraufbeschworen, stand furchtbar deutlich vor ihm. O, fie hatte bei Wolzins Vernunft gelernt. Und fie hatte recht mit jeder Silbe.
Das fügte er auch zuerst und fast wider Willen.
„Du hast recht, mein HerzenSliebling, so darf eS nicht weiter gehen. Gott helfe uns beiden, Hilde!"
„Er wird schon helfen, wenn wir unS selber helfen, Hans." Und dann, nach einer kleinen Weile, begann fie wieder leise zu sprechen: „Mir träumte diese Nacht, Du hattest Dich erschaffen, Hans. Das hat mir den ganzen Tag in den Gliedern gelegen, ich war krank vom Denken. Denn — ob ich's geträumt oder gedacht, weiß ich nicht — ich mußte mir immer wiederholen: das kommt davon, wenn man nicht Vernunft annehmen will. Und fieh, Hans, Du würdest ein Jahr, ein paar Jahr allenfalls, taumelnb glücklich fein und dann wäre das Ende Enttäuschung und die Kugel. Darum bin ich heute stark, Hans! Nun komm, bringe mich an die Straßenbahn, und Du — Du gehst nun still nach Hause und Überlegst!"
„Hilde! Hilde! Soll dies wirklich unsere Trennung sein? So auf offener Straße?" schrie er auf.
„Haben wir denn etwas besseres? Vielleicht eine Höhle, in die wir kriechen könnten?" gab fie unbeschreiblich bitter zurück.
unter dem 14. April getroffenen Abmachungen mit dem Kongostaat sind lediglich ein Scheinmanöver zur Belebung der völlig darnieder- liegenden Finanzen. Auch hat der Kongostaat mit der Abmachung garnichts zu thun. Im östlichen Kongostaat hat ein belgisches Konsortium eine große Landkonzesfion mit dem Recht des Bahnbaues erhalten, und an dieses private Konsortium hat sich Williams für die Kap-Kairo- Bahn gewendet, um einen Anschluß an Rho- defia zu erreichen. Da jenes belgische Kongokonsortium viel englisches Kapital in sich ausgenommen hat, so fand Williams wohl keinen direkt ablehnenden Bescheid, und dies soll benutzt werden, um den Geldmarkt zu beleben. Die Frage des Durchgangs der Kap-Kairo-Bahn durch den Kongostaat' ist in diesen Abmachungen überhaupt nicht berührt, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Zustimmung hierfür überhaupt nicht gegeben wird. Auf Deutschland sollten die Meldungen einen Druck ausüben, daß wir die Erlaubnis zur Führung der Bahn durch unsere ostafrikanische Kolonie erteilen möchten, denn sonst bliebe unser Seengebiet unaufgeschloffen. Diese Drohung wird nicht verfangen, denn wir haben naturgemäß nur ein Interesse, unser Seengebiet nach unserer Küste aufgeschloffen zu sehen, nicht nach der englischen Kolonie. Herr Williams möge sich überzeugt halten, daß, wenn es Herrn Rhodes nicht gelang Deutschland zu überrumpeln, dies ihm auch nicht glücken wird. Inzwischen haben sich die Verhältnisse auch so verschoben, daß die ganze Kap-Kairo-Bahn auch in England bereits als ein Phantom angesehen wird. Wo die ganze englische Herschaft in Südafrika in die Brüche geht, erscheint es als eine vollkommene Verblendung, solchen Dingen nachzujagen.
Zur Räumung Tientsins.
Wie die „Dtsch. Warte" erfährt, steht die deutsche Regierung der Räumung Tientsins durch die verbündeten Truppen durchaus sympathisch gegenüber. Der Grund, weshalb hierfür bis jetzt als Folge der Beratungen der Gesandten und Befehlshaber der in China stationierten Truppen der Vertragsmächte noch nicht ein bestimmter Termin festgesetzt wurde, ist dem Umstande zuzuschreiben, daß die Formalitäten, die zwischen den beteiligten Regierungen und deren Bevollmächtigten unter sich zwecks Einigung auf einen bestimmten Zeitpunkt notwendig find, viel Zeit erfordern, sodaß sich ein Endtermin nicht von heut auf morgen bestimmen läßt. Hinsichtlich der Bedingungen, welche an die Ausgabe von Tientsin durch die Truppen
Sie war leichenblaß, bebte am ganzen Körper und ihre Zähne schlugen wie im Schüttelfrost auf einander.
„Hilde!" keuchte er. Seine Augen funkelten unheimlich und ihr wurde angst vor feiner Leidenschaft. Da war die Straßenbahn. Eie riß sich los und flog dahin.
„So — so zu scheiden!" murmelte er, al8 schon längst nichts «ehr zu sehen und zu hören war.
Dann schlich er müde nach Haus.
♦ * *
„Station Haselberg, drei Minuten!"
Tante Julchen war voraus gereist, um den Möbelwagen in Empfang zu nehmen und das allernotwendigste in dem „Erbhause", wie fie es nannte, zu besorgen.
Jetzt stand fie mit ihrem Federhut, ihrem allzu jugendlichen kleinen Umhang und ihrem zu kurzen Kleide am Bahnhof — schon längere Zeit neugierig angestarrt von ein paar Einwohnern des Ortes, die mit dem Zuge fort wollten, und ein paar jungen Herren, die fich der Forstwiffenschaft und der Juristerei be- fliffen — und empfing Vater und Tochter mit einem riesigen Strauß erster Frühlingsblüten.
Die beiden jungen Herren steckten die Köpfe zusammen und guckten fich fast die Augen aus; die andern Neugierigen standen am Wagenfenster und starrten unverfroren auf die „Erben", denn als solche hatten sie die Ankömmlinge sofort erkannt.
„Donnerwetter! Das ist was feines! Chik und schneidig!" flüsterten die ersteren.
(Fortsetzung folgt.)