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_________»tt dem Kreisblatt für die Kreise Marvmg uud Kirchhain._________
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Marburg
Freitag. 2. Mai 1902.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Soautagsdetlag,: JlluftrirleS Louutagsblatt.
Druck »ud Verlag: Joh. Lag, Noch, UniverfitätS-Buchdruckere
Marbnrg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
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Der belgische Aufruhr und die deutsche Antikornzoll-Bewegung.
Unsere Freihändler und sonstigen Gönner der Sozialdemokratie find hinsichtlich der belgischen Vorgänge und des Zusammenhanges der deutschen sozialdemokratischen Bewegung mit denselben auffallend schweigsam geworden, fie find begreiflicherweise von der ganzen Sache nicht sonderlich erbaut. Sie werden unschwer erkannt haben, daß zwischen dem gemeinsamen Vorgehen der Liberalen und Sozialdemokraten Belgiens in der Wablrechtssrage und in dem Vorgehen der roten Phalanx mit der „Brotwucher "Parole eine bemerkenswerte Analogie besteht. Hier wie dort soll die Regierung und die Parlamentsmehrheit unter das Joch der Minderheit gezwungen werden; hier wie dort wütet man dem Monarchen zu, daß er sein Robinet desavouiere, und hier wie dort nützt die Sozialdemokratie die liberalen Verbündeten aus, um ihre Sonderziele zu erreichen.
Wenn der vom „Vorwärts" nach Brüssel entsandte Spezialberichterstatter jüngst schrieb, was in Belgien jetzt herrsche, sei trotz der Abmachungen mit den Liberalen kein politischer, sondern der entschiedenste Klaffen-Kampf, der zufällig um einen politisch-parlamentarischen Gegenstand entbrannt sei; so treffen diese Auslassungen mutatis mutandis auch auf den Kampf gegen den Zolltarif zu; denn auch dieser Gegenstand soll der Sozialdemokratie nur dazu dienen, den Klassenkampf zu entfachen und die Bevölkerung aufzuwühlen.
Die liberale Bürgerschaft wird also nicht umhin können, aus den belgischen Vorgängen die Lehre zu ziehen, daß ein Hand in Handgehen mit der Sozialdemokratie auch vom rein taktischen Standpunkte betrachtet, ein sehr bedenkliches Unternehmen ist, daß sich aber für monarchisch und staatserhaltend Gesonnene ein Bündnis mit der Sozialdemokratie unbedingt verbietet. Noch niemals find die Mauserungspolitiker, die der sozialdemokratischen Bewegung durchaus jeden gemeingefährlichen Charakter absprechen wollten, grausamer ad absurdum geführt worden als durch die Vorgänge in Belgien und die hierzu von der deutschen Sozialdemokratie beobachtete Haltung.
Das „Dresdener Journal" macht darauf aufmerksam, daß der „Vorwärts" schon vor drei Jahren die kluge Taktik der belgischen Genossen gepriesen, die „tot die Arbeiterklasse aller Länder ein herrliches Beispiel gegeben" und die „kluge Taktik mit herrlichem Heldenmut verbunden
hätten, der im Dienste der Freiheit und Kultur ohne Besinnen das Leben wage". Diese Begeisterung für das revolutionäre Vorgehen in Belgien hat bei der deutschen Sozialdemokratie vorgehalten, bis der offenbar unerwartete Mißerfolg eintrat und der revolutionäre Ansturm, der zuletzt noch durch den von der deutschen Sozialdemokratie kräftig unterstützten Generalstreik verstärkt werden sollte, an der unerschütterlichen Festigkeit von Regierung und Kammermehrheit scheiterte.
Belgien war von jeher daS Probierland der internationalen Sozialdemokratie. Die Solidarität der deutschen sozialdemokratischen Partei mit den belgischen Gesinnungsgenossen ist unbestreitbar , und damit ist der revolutionäre Charakter der deutschen Sozialdemokratie nicht mehr abzuleugnen. Man lese nur, was ohne jeden Vorbehalt im „Vorwärts" zu lesen ist. Dort heißt es, die belgischen Genossen seien einmütig der Ansicht, daß es unschwer möglich sei, den Bürgerkrieg zu entfesseln und den König zu verjagen, daß man aber von der Entfesselung des Bürgerkrieges Abstand nehme, weil dessen alleiniges Ziel, die Errichtung der sozialen Republik, nicht erreichbar sei; denn dazu sei das belgische Proletariat „noch nicht reif."
Zur Zeitigung dieser „Reise" sollen die sozialdemokratischen Agitationen und die parlamentarischen Aktionen der Sozialdemokratie dienen; die Freihändler und Handelsvertragsfreunde werden hoffentlich begreifen, wessen Sache sie fördern, wenn sie diesen Agitationen und Aktionen Unterstützung gewähren. Jedenfalls hat der Verlaus der belgischen Wahlrechtsbewegung und das Verhältnis der deutschen Sozialdemokratie zu ihr über das Wesen der internationalen Sozialrevolutionäre einen lehrreichen Aufschluß gegeben. Möge er nur von allen Seiten gebührend gewürdigt werden.
Umschau
Der Prozeß Krosigk vor dem . Kriegsgericht.
Das Urteil ist gesprochen. Nach 4Vrstündiger Beratung verkündete das Gericht durch den Vorsitzenden folgenden Spruch: Beide Angeklagten werden von der Anklage des Mordes und der Meuterei freigesprochen und die Berufung des Gerichtsherrn gegen das freisprechende Urteil der ersten Instanz wird verworfen. Der Gerichtshof war der Anschauung, daß gegen die beiden Angeklagten schwerwiegendeDerdacht- gründe vorliegen. Er hat infolgedessen auch
2 lN-cchdruck verboten.)
Eine Geldheirat.
Roman von L. Haidheim.
tFortfetzuug.)
Fräulein Julchens Falkenaugen hatten sofort erspäht, daß der Herr mit seinem Arm die junge Dame umfangen hielt und — fie zuckte bestürzt zusammen — daß sie die letztere kannte.
Inzwischen waren sie rasch an dem Paare vorüber gegangen. Da faßte Ulla krampfhaft ihre Hand, sah fie erschrocken an und flüsterte erregt: „Tante Julchen, das war ja Hildegard von Lenzen! Du hast fie auch erkannt?"
„Ja, komm nur weiter!" sagte diese.
„Und er hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt!" stöhnte Ulla.
Hildegard war eine ihrer zahlreichen Ballfreundinnen, ihr aber immer eine der liebsten gewesen, wie fie die schönste war. Verkehr von Haus zu Haus fand zwischen ihnen nicht statt. Hildes Eltern lebten sehr zurückgezogen, dft Tochter ging stets mit befreundeten Familien in Gesellschaft.
„Wie kann fie so etwas thun, Tante Julchen?" fuhr Ulla fast weinend fort.
„Na, urteile nur nicht gleich, als hätte fie ein Verbrechen begangen, Kind. Der Herr wird ihr Bräutigam sein —"
„Aber dennoch — es ist doch nicht zu glauben, daß sie so —"
„Sieh es mal anders an, Ulla! Nehmen wir an, er ist heimlich mit ihr verlobt — fie treffen fich zufällig auf der Straße, da ist doch die Versuchung zu groß, ein paar Worte zusammen zu sprechen! So biegen fie in diese
menschenleere Straße, in die auch wir nie kämen, wenn nicht unsere Schneiderin hier wohnte —"
„Ja, ja, wirklich, so kann — so wird es wohl sein," meinte Ulla etwas beruhigt, dann setzte sie nach einem Weilchen schon ganz heiter hinzu: „Nun bin ich ober wirklich neugierig, ob wir nächstens Karten bekommen."
Das junge Paar, im ersten Augenblick erschrocken, hatte die Begegnung bereits vollständig vergessen, da Hildegard von Lenzen die Damen nicht erkannte, denen der Schein der Gaslaternen auf den Rücken fiel, während er ihre Gestalt in das hellste Licht hüllte. Sie war auch viel zu sehr von dem, was fie besprachen, eingenommen.
„Mein armer Hans, wir wußten es ja längst, daß wir uns nie angehören könnten," sagte sie :etzt, und ihre Stimme klang traurig und iitternb. „Es muß eben geschieden sein! Du agst es ja selbst, und ich danke Dir, daß Du mir vertraust und mich für großherzig genug hältst!"
„Mein Lieb — meine Hilde!" stammelte er ebenso ergriffen. Dann setzte er leidenschaftlich sinzu: „Wir haben es immer gewußt! Ja, dazu find wir Großstadtmenschen. Illusionen macht man fich über die Ansprüche nicht, die das Leben an einen stellt. Zwei, die nichts weiter haben, als die glühende, verzweifelnde Liebe — O, Hilde! Es ist ja nicht auszudenken, daß ich — daß wir —"
„Ich weiß auch nicht, was aus mir werden oll, Hans! Nur —"
Sie sprach so müde und fast träumerisch, >ann stockt fie.
insbesondere den Angeklagten Marten der That dringend verdächtig, fast überführt erachtet, jedoch reichten die Belastungsmomente nicht aus, um eine Verurteilung darauf zu stützen. Gegen Marten liegt insbesondere die gravierende Thatsache vor, daß derselbe zweifellos auf dem Korridor gewesen war, von welchem der Karabiner genommen war; ferner daß seine Ausrede, er habe nach Drückebergern forschen wollen, sich nicht hat erweisen lassen, sodann, daß er sich auch bezüglich seines Aufenthaltes in der Wohnung feiner Eltern als auch hinsichtlich seines Benehmens nach der That vielfach in unlösliche Widersprüche verwickelt hat. Bezüglich des Angeklagten Hickel Hot sich der Gerichtshof auf den Standpunkt gestellt, daß man sich nicht auf eine Minutenberechnung einlaffen könne. Er hat die Aussage des Unteroffiziers Dommning auch als durchaus glaubwürdig erachtet uno infolgedessen angenommen, daß Hickel thatsäch- lich im Stall gewefen ist. Demzufolge konnte der Gerichtshof der Aussage des Zeugen Baranowsky keinen Glauben schenken und auch die Aussage des Skoppek, der ja selbst angegeben hat, er habe eigentlich gamichts gesehen, hat das Gericht für zweifelhaft erachtet. Was den Familienhaß der Familie Marten gegen den Rittmeister von Krofigk anbelangt, so war das Gericht der Anschauung, daß unmöglich der Groll so groß gewesen sein konnte, daß Marten und Hickel noch zwei Jahre nach der eigentlichen Ursache fich zu einer solchen That hätten hinreißen lassen können. Das Gericht ist nach alledem zu der Anschauung gekommen, daß das freisprechende Urteil des ersten Kriegsgerichts zu Recht erfolgt ist. Die Berufung des Gerichtsherrn wird daher verworfen.
Die beiden Angeklagten nahmen das Urteil vollkommen ruhig und gefaßt entgegen, ebenso ruhig wie die Glückwünsche, die ihnen von verschiedenen Seiten übermittelt wurden. In den Straßen der Stadt, namentlich vor dem Kasernen- thor und vor dem Militärarresthaus hatten fich Hunderte von Leuten angesammelt. Die einjährige Gefängnisstrafe Martens läuft am 16. Juni ab.
Aus dem Verlaufe der gestrigen Verhandlung wollen wir noch einige wenige Punkte anführen. Der Vertreter der Anklage kam in seinem Plaidoyer sowohl durch den negativen Beweis als durch die Indizienbeweise zu dem Schluffe, daß Marten den Mord vollsührt, allerdings im Affekt und nicht in vorbedachter Abficht, und daß Hickel ihm Beihilfe geleistet
Die Straße war so einsam und das Trottoir trotz der vielen Schnee- und Regenschauer fo sauber — fie gingen immer hin und her, vor ihrer Not verschwand die Rückficht auf einzelne Begegnungen völlig.
Sie hatten eine ganze Weile geschwiegen, fich nur zuweilen seufzend die Hände gedrückt und fich enger aneinander geschmiegt.
Hilde begann zuerst wieder zu sprechen.
„Du sagtest vorhin, ich sei eine kaltherzige Rechnerin! Ach, mein Hans, für wen bin ich es denn? Du hast mir selbst erzählt, wie Dich auf der Schule und auf der Univerfität Deine Armut gedrückt, wie Du heimlich gearbeitet hast, um Geld zu verdienen, wie Du gedarbt und entbehrt, um nach außen hin den eleganten Regierungsasseffor zu repräsentieren. Ich weiß, fie hätten Dich nie dazu genommen, wenn Du nicht das Examen so glänzend bestanden und die persönliche Gunst des Ministers gefunden hättest! Sieh, mein Liebling, fo etwas sagt man fich dann, wenn man des Geliebten benft, immer wieder vor, und ich bin doch auch in zu armseligen Verhältnissen groß geworden, um mich nicht vor einem ganzen Leben voll Armut zu fürchten. Darum sah ich von Anfang an — eher als Du — daß es mit uns beiden nicht ging. Und neulich wie diese Anna Wolzin so glühend rot wurde, und wie fie strahlte und mir dann lachend gestand: „Der, ja der wäre mir der Rechte!" und wie fie bann sagte: „Ich rekomme jebe Woche Heiratsanträge, bie Männer lenken alle nur an mein Gelb, ber Assessor von Glaichen hat fich aber nie mit einem Blick um mich bemüht, ber fragt nicht zuerst nach
habe. Er beantragte beshalb bie unseren Lesern bereits gestern mitgeteilte Strafe. Die beiben Verteibiger bagegen, Rechtsanwälte Burcharb und Horn plaidieren unter nochmaliger teilweise sehr eingehenber Würbigung sämtlichen Beweismaterials für bie Freisprechung beider Angeklagten. Sodann wird zum Schluß beiden Angeklagten das Wort erteilt. Während Hickel fich mit einer kurzen Beteuerung feiner Unschuld begnügte, gestalteten fich die Ausführungen Martens zu einer Szene von hochdramatischer Wirkung. Marten tritt vor den Richtertisch und spricht mit lauter, aber vor innerer Erregung zitternder Stimme: „Ich bedauere, daß der Herr Vertreter der Anklage beantragt hat, mich und meinen Schwager Hickel zu verurteilen, obwohl ich gänzlich unschuldig bin. Ich kann vor Gott und ber ganzen beutschen Nation beteuern, daß mein Gewissen rein ist. Ich schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, baß ich völlig unschulbig bin. Ich wiederhole diesen Schwur, so wahr ein Gott int Himmel lebt. Von dem Herrn Untersuchungsrichter ist mir gesagt worden, ich sollte ein offenes Geständnis ablegen, damit ich wenigstens der Gnade Sr. Majestät des Kaisers empfohlen werden könne. Hoher Gerichtshof! Ich kann doch kein Bekenntnis ablegen, wenn ich nichts verbrochen habe. Gott allein ist mein Zeuge, daß ich den Herrn Rittmeister nicht erschaffen habe. Ich würde mich schämen, die Gnade meines Kaisers Wilhelm anzurufen, wenn mein Gewissen nicht rein wäre. Ich bin ebenso wie mein Vater mit Leib und Seele Soldat, ich habe mich stets anständig geführt und bin niemals auch nur auf den Gedanken gekommen, meinen Namen durch eine schlechte Handlung zu beflecken. Ich bin der Ueber- zeugung, der hohe Gerichtshof wird einen Unschuldigen nicht verurteilen."
Das Drama ist vorläufig zu Ende. Der Spruch des Gerichtshofes ist so ausgefallen, wie ihn das deutsche Volk erhoffte. Die beiden schwergeprüften Männer find in letzter Instanz freigesprochen worden, ob zu Recht ober Unrecht weiß Gott allein. Der tückische Mord ist freilich ungesühnt. Aber es ist immerhin besser, wenn ber Schuldige straflos bleibt, als daß vielleicht ein Unschuldiger dem Henkerbeile überantwortet wurde.
Der Gesetzentwurf über den fliegenden Gerichtsstand der Presse.
Der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Abänderung des § 7 der Strafprozeßordnung, (Beseitigung des fliegenden Gerichtsstandes der
dem Geld und deshalb interessiere ich mich für ihn und —"
„Und wenn der um Dich anhielte, Anna?" fragte ich.
„Dann nähme ich ihn sofort und wäre selig," so lautete ihre Antwort.
„Ach, Hans, erkenne doch meine grenzenlose Liebe für Dich und verhöhne nicht mein Rechnen! Trennen müssen wir uns ja doch, das ist gewiß! Papa und Mama haben mir gesagt, ich müsse eine Stelle annehmen. Weißt Du, Hans, eher —"
„Eher heiratest Du auch einen reichen Mann!" ergänzte er mit großer Bitterkeit.
„Ja, Hans, dazu bin ich fest entschlossen!"
„So? Und wenn wir dann beide verheiratet find und uns Wiedersehen?"
„Dann ist diese süße, schöne Liebe tot! Und alles, was hinter uns liegt, ist nie gewesen und wir bedenken, daß wir verheiratet find."
„Jctzt rechnet fie nicht! Jetzt spricht ein weltfremdes Kind!" sagte er und sah fie verwundert an. Hilde liefen schwere Thränen über die Wangen, und als er fie voll Leidenschaft fragte: „Bildest Du Dir ein, ich könnte Dich lassen?" da schluchzte fie fassungslos.
Er tröstete und suchte fie auf alle erdenkliche Weise zu beruhigen, und als fie fich gefaßt, kam fie auf ihre Rede zurück.
„Es muß sein, Hans! Was hilft es uns, daß wir uns schwach machen? Mit zerissenem Herzen kann man nicht stark und verständig fein. Und wir müssen es! Man sagt zwar: kein Mensch muß müssen — aber den Weg ber Vernunft wirb man wohl meistens nicht gern unb freiwillig gehen." (Fortsetzung folgt.)