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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg uud Kirchhain.
Jß. 71
vierteljährlicher Bezugspreis: bei der Expedition 8 ML, bei allen Postäwtern 3,26 ML (exd. Bestellgeld).
3»H«<leale«bä6r: die gripaltene Zeile »der deren State 10 Wß, Reden«: di» Zeil« 95 Pfg.
Marburg
Sreitag. 28. März 1902.
Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertage!. S»««tagSbeilage: JllaftrirtrS Souutagödlatt.
Druck und Verlag: Joh. Sug. Koch, Universitäts-Buchdrucker»
Marbvrg, Markt 21. — Telephon 55
37. Jahrg.
Erstes Blatt.
Karfteitag.
Karfreitagsstille lagert über der unruhigen Welt. Sie mahnt die Menschenherzen zur inneren Sammlung, damit sie die Botschaft hören, die vom Kreuze aus Golgatha ausgegangen ist: Es ist vollbracht! Die Versöhnung der Welt ist vollbracht durch das Opfer Jesu Christi am Kreuz. Aber wer will davon etwas wisien? Und doch können auch die Verächter des Kreuzes und des Gekreuzigten nicht leugnen, daß das menschliche Gewissen mit seinem Schuldbewußtsein ein sühnendes Opfer fordert. Sie können an der Thatsache nicht vorbei, daß unter allen Völkern Opfer dargebracht wurden und werden, bis sie sich vor dem Gekreuzigten im Glauben neigen. Thun sie das, dann bedarf es keines Opfers mehr, um Frieden mit Gott zu erlangen. Denn das Opfer ist vollbracht für die ganze Welt durch Jesus^Christus. So ist der Karfreitag ein Tag, um die zerschlagenen Herzen zu verbinden, die geängsteten Gewissen zu trösten mit der Botschaft : Es ist vollbracht! Wenn sie doch auf die Botschaft achten möchten, die geplagten und sich selbst verzehrenden Menschen unserer Tage. Mit rastloser Arbeit, mit fieberndem Genußleben wollen fie das Glück erjagen, in welches keine Gewissensstimme mit der Ankündigung des Gerichts mehr dringt. Aber die Jagd ist vergeblich. Man kann da§ Gewissen einschläfern, übertäuben, aber es erwacht unfehlbar aufs neue, und was es dann zu sagen hat, ist um so schrecklicher. DaS echte Glück, das vor den Anklagen des Gewissens nicht zerstiebt und von den Wechselfällen des irdischen Lebens nicht abhängig ist, zieht in der Stille ins Menschenherz ein, wenn es die Botschaft im Glauben sich aneignet: Es ist vollbracht.
Ein Schandmal auf den britischen Namen!
Zur Charakterifirung der englischen Kriegführung geben wir hier folgende „Hcldenlhat" wieder, die als unaustilgbares Schandmal dem britischen Namen für alle Zeiten anhaften wird.
Ueber des Kommandanten Scheepers Leben und Ende enthält der „Manchester Guardian" von jemandem, der soeben aus Südafrika zurückgekehrt ist, folgende Mitteilungen:
113 ^Nachdruck verboten.)
Else.
Roman von Hanna Aschenbach.
lFortsetznng.)
„Und wer hat denn den Vorzug, in ihrem Herzen zu wohnen, darf man das auch wissen? — „O ja," hatte fie ihm heiter willfahrt, „da ist Mutti und Elfe und Curt und Jakob und die Freundinnen in W. . — „Sonst niemand?" — Wie enttäuscht seine Stimme geklungen. „O doch, da ist noch ein separiertes Zimmer, „Und darin wohnt wer?" — „Ein lieber, treuer Freund, der beste auf der ganzen Welt." „Hertha!" hatte er stürmisch gerufen.
Und als fie dann an jenem Abend allein in ihrem Stübchen gewesen, da war es ihr plötzlich seltsam zu Mute geworden. „Habe ich eine Unwahrheit gesagt?" hatte fie fich ängstlich gefragt, „sollte ihm mein Herz doch gehören?" O nein, nein, es war nur die begreifliche Erregung, in die des Doktors Er- Üärung fie versetzt hatte. Er ging fort, und fie würde nie mehr an ihn denken. Ob ihre Antwort ihn sehr gekränkt hatte? Ach was, fie konnte nicht anders handeln. —
Und nun waren l1/, Jahren vergangen. Dr. Herbart hatte hie und da ein paar Worte fallen lassen, daß Heinz in Gießen, wohin er damals gegangen, fleißig studiere, und daß er das Physikum glänzend bestanden habe und nun sein Staatsexamen in die Nähe gerückt sei. Sie hatte nie ein Wort erwidert, fie hätte
„Gideon Jacobus Scheepers wurde am 4. April in Roodeport im Distrikt Middelburg in Transvaal geboren. Er wurde in einer Farmschule und in Middelburg erzogen, und als er Bürger wurde, trat er in Bloemfontein in die Freistaat Artillerie ein und wurde Vorsteher der Heliographen - Abteilung. Diese Stellung hatte er bei Ausbruch des Krieges inne. Seine Eltern leben noch, und einer seiner Brüder ist noch im Felde, während der andere als Gefangener in Ceylon ist. Nachdem er in Natal und unter Olivier mit Auszeichnung gedient hatte, wurde er zum Hauptmann befördert, und im August 1900 wurde er, nachdem er unter De Wet und Delareh gedient hatte, assistierender Kommandant unter dem ersteren. Er nahm an den meisten Operationen De Wets Theil, und als der zweite Einfall in die Kapkolonie beschlossen war, fiel ihm die Aufgabe zu, als erster mit einem Kommando von 150 Mann die Grenze zu überschreiten. Am 15. November 1900 überschritt er mit einer Abteilung vom Gros von De Wets Leuten den Fluß. De Wet selbst folgte ihm. Im selben Monat hatte er sein erstes Gefecht bei Hamelfontein, er besiegte hier eine Abteilung Deomanry. . . . Während seines Aufenthalts in der Kapkolonie nahm er 1300 Engländer, meist Deomanry und Reguläre, gefangen und er verlor etwa 23 Mann, die an Wunden oder Krankheiten starben. Seine Gefangenen ließ er stets frei, -und er behandelte die Regulären mit Höflichkeit und Achtung. Er griff Willow- more an und besetzte Murraysburg woselbst er die öffentlichen Gebäude verbrannte. Beim Rückzüge vor Crabbes Kolonne nach Mossel Bah zu wurde er krank, und eine Zeit lang begleitete er sein Kommando in einem Wagen. Später erkrankte er aber ernstlich und wurde auf sein eigenes Ersuchen in einem Farmhause in Ketting bei Naauwpoort zurückgelassen, und während einer seiner Leute ging, um einen Arzt zu holen, blieb Scheepers allein in der Farm. Dieser Mann wurde von einer Abteilung Husaren gefangen, und als er sagte, was sein Auftrag fei, wurde er am selben Tage, den 10. Oktober 1901, gezwungen, die Husaren zu dem Farmhause zu führen. Scheepers wurde als Gefangener weggeführt und blieb lange Zeit als Schwerkranker im Hospital von Baauwpoort. Er hatte, vielleicht infolge von Darmentzündung, ein inneres Leiden, und einmal deuteten die Symptome auf eine Eingeweide-Verstopfung.
Am 9. Dezember wurde er unter Bedeckung nach Graaff Reinet gebracht. Es war eine Voruntersuchung gegen ihn veranstaltet, und die Anklagebehörde hatte viel Material zusammengebracht. Der Prozeß sollte am 10. beginnen,
es nie gekonnt, denn merkwürdiger Weise war ihr die Kehle wie zugeschürt, sobald der Name des Studenten genannt wurde. Sie ärgerte sich über ihre Beklemmung und machte dann ein so finsteres Gesicht, daß der Doktor befreit aufatmete und sich vornahm, den Neffen überhaupt nicht mehr zu erwähnen. —
Es schlägt fünf Uhr. Die Träumerin springt hurtig auf. „Jetzt flink Toilette gemacht, sonst bemerkt Muttchen meine Extravaganzen!" Sie schlüpft geräuschlos hinunter in ihr Zimmer, und als eine halbe Stunde später Frau Herwig bei ihrer ältesten Tochter eintritt, findet fie diese im Begriff, an ihr Tagewerk zu gehen. Die hellen Augen verraten nicht, daß der Schlaf fie geflohen hat, und des Mädchens elastischer Geist zeigt keine Spur von Ermüdung.
Sie malt seit zwei Stunden an einem Ofenschirm, als die Atelierthür leise knarrt. In der Meinung, Jakob sei der Eintretende, fährt Hertha ruhig in ihrer Beschäftigung fort, als sich zwei weiche Arme um ihren Nacken legen, und eine Fülle dunkler Locken über ihr Gesicht fällt. — „Elfe", ruft fie zärtlich und zieht die kleine Schwester an fich. „Welche Ehre für mein Atelier," fährt fie dann scherzend fort, um der Jüngeren das erste Wiedersehen nach dem im Dunklen gemachten Geständnis zu erleichtern. Dann, einen innigen Kuß auf die gerötete Wange Elfe'S drückend, bittet fie: „Komm, Maus, setze Dich da auf daS Tabouret, ich möchte schnell diesen Zweig beenden." Und während Hertha's Pinsel einen duftig zarten Fliederzweig aus ihren Ofenschirm zaubert, hat
infolge von ScheeperS Krankheit konnte er aber erst am 18. anfangen. Am 27. wurde die fünftägige Verhandlung beendet. Scheepers war während der Verhandlung immer leidend, und einmal war er so krank, daß fie unterbrochen werden mußte. Er saß während der Verhandlungen auf einem Stuhle und bekundete wenig Interesse daran, er wollte fie so schnell wie möglich hinter fich haben. Während des Prozesses wurde er häufig von seinem Rechtsbeistande und von dem dortigen Geistlichen besucht, und er erhielt viele Sympathie Beweise in Form von Briefen und Telegrammen von Offizieren, die er gefangen genommen hatte, und die ihm schrieben, wenn ihr Zeugnis über ihre Behandlung als seine Gefangenen ihm im Prozesse von Nutzen sein könne, so dürfe er davon Gebrauch machen. Eines der wichtigsten Zeugnisse war ein Telegramm von einem englischen Baron, dessen Sohn von Scheepers Hilfe empfangen und der ihm in der That das Leben gerettet hatte, während er De Wets Gefangener war.
Am 17. Januar 1902 wurde auf dem Kirchplatze von Graaf Reinet vor dem Offizier Kasino die Verurteilung Scheepers' zum Tode durch den Strang, welche Kitchener in Erschießen umgewandelt hatte, verkündet. Leute von der Stadtwache und von den Coldstream-Garden bildeten ein Carrä, und Scheepers wurde in die Mitte desselben gebracht. Er wurde in einem Ambulanzwagen herangefahren, ein Offizier half ihm beim Aussteigen, führte ihn zu seinem Platze und bot ihm einen Stuhl an. Scheepers wollte sich nicht setzen, dankte aber dem Offizier und benutzte die Rücklehne des Stuhles als Stütze. Er sah bleich und abgezehrt aus, und es hieß, man sei ärztlicherseits der Meinung, seine Krankheit würde bestimmt innerhalb weniger Wochen ein tätliches Ende nehmen. Es war elf Uhr vormittags, als der Oberstleutnant A. H. Henniker vortrat und in einem Abstande von wenigen Schritten vor dem Verurteilten stehend die Anklage verlas und das Todesurteil aussprach. Scheepers, der ruhig zugehört und den Oberstleutnant gerade angesehen hatte, wurde dann zum Ambulanzwagen geführt und in das Gefängnis zurückgefahren. Am folgenden Morgen wurde er vom Geistlichen und von seinem Rechtsbeistande besucht. Am Nachmittage um halb drei Uhr wurde er im Ambulanzwagen, der von einer berittenen Eskorte der Coldstream- Garden begleitet war, aus der Stadt hinausgefahren. Nur die Schützen-Abteilung, der Arzt, einige wenige Offiziere und Mitglieder der Stadtwache waren bei der Hinrichtung zugegen ; dem Publikum war verboten worden, an dem Nachmittage aus der Stadt hinauszugehen.
Elfe Zeit, ihre Verlegenheit zu bemeistern. Nach wenigen Minuten schiebt die junge Künstlerin ihr Malzeug beiseite und wendet sich nach der Schwester um.
Da trifft fie aus den schimmernden Blauaugen solch' zärtlich-hingebungsvoller Blick, daß sie aufspringt, der Kleinen um den Hals fällt und stürmisch ruft: „Ich bin so glücklich, Elfchen, daß Du nun wieder mein vertrauender Liebling sein willst!" Die Angeredete erwidert die an der ernsten Schwester so ungewohnte, leidenschaftliche Zärtlichkeit herzlich. „Mir ist so leicht zu Mute, seit Du alles weißt," flüstert sie an Herthas Ohr. „Ach, hätte ich doch schon längst gesprochen!" — „Mütterchen hast Du's doch gesagt, Kind?" — „Sie kam an mein Bett und küßte mich unter Thränen, ich schämte mich aber furchtbar und that, als wenn ich schliefe."
Hertha erhebt fich, und der Schwester die üppigen Locken aus der Stirn streichend, sagt fie ermunternden Tones: „So, Herzel, ich denke, Du gehst nun zu ihr. Weißt doch welch' eifersüchtiges Frauchen fie ist. Wenn Du Dich mit ihr ausgesprochen hast, kommst Du wieder zu mir, dann besprechen wir noch mancherlei." Elfe folgt zögernd. Lange blickt Hertha auf die Thür, hinter welcher die graziöse Gestalt verschwunden ist.
Die günstige Veränderung in Elfes Wesen befestigte fich in den nächsten Tagen. Sie grübelte nicht mehr stundenlang wie bisher. Sie hatte nach der Unterredung mit Hertha die
Die Hinrichtung fand an der Straße nach Murraysburg, ungefähr l1/, englische Meilen von der Stadt entfernt, statt. Ein Stuhl war am Grabe aufgestellt, und Scheepers wurde an denselben angebunden. Er bat darum, man möge ihm seine Augen nicht verbinden, aber diese einzige letzte Bitte wurde ihm verweigert. Es wurden ihm die Augen verbunden, die Schützenabteilung nahm Stellung, der Offizier kommandierte: „Achtung — Feuer!" und der Tod trat augenblicklich ein. Scheepers war durch den Kopf, den Hals und die Brust geschossen. Er wurde an Ort und Stelle begraben, der Stuhl wurde in daS Grab geworfen und dieses dann nivelliert."
Dieser Bericht spricht für sich selbst und jeder Zusatz würde nur! seine Wirkung schwächen.
Umschau
Die Dienstlaufbahn der höheren Postbeamten.
In den letzten Jahren ist viel von einer Neuregelung der Dienstlaufbahn der höheren Postbeamten die Rede gewesen. Man sprach davon, daß für die höheren Postbeamten ein drei- bis vierjähriges akademisches Studium vorgeschrieben und der Titel Postreferendar, Post- assessor rc. eingesührt werden solle. Die Verhandlungen find nunmehr zum Abschluß gelangt, ihr Ergebnis bleibt aber weit hinter Ankündigung und Erwartung zurück. Der die Dienstlaufbahn neu regelnde Erlaß lautet wie folgt:
„Mit Allerhöchster Genehmigung Seiner Majestät des Kaisers treten vom 1. April 1902 ab in den Beamtenverhältnissen und Titelbezeichnungen bei der Reichspost- und Telegraphenverwaltung folgende Aenderungen ein.
Die Postpraktikanten haben nach ihrer etatsmäßigen Anstellung die Amtsbezeichnung „Postpraktikant" weiterzuführen. Nach dem Bestehen der höheren Verwaltungsprüfung für Post und Telegraphie erhalten die Postpraktikanten die Amtsbezeichnung „Ober Postpraktikant".
Bei den Ober-Postdirektionen werden Hilfs- reserenten und bei größeren Verkehrsämtern I. Klaffe Ortsaussichtsbeamte (Inspektoren) angestellt. Die Hilssreferenten werden zu Postinspektoren, die in Stellen für OrtsaufsichtS- beamte bei Verkehrsämtern etatsmäßig angestellten Beamten entweder zu Postinspektoren oder Telegrapheninspektoren ernannt, je nachdem die Anstellung bei einem Postamte oder bei einem Telegraphen- oder Fernsprechamte erfolgt. Die als Hilfsreferenten oder als Ortsaufsichtsbeamte etatsmäßig angestellten Postinspektoren und Telegrapheninspektoren gehören zur fünften Rangklaffe der höheren Provinzialbeamten und
kleinen häuslichen Pflichten wieder ausgenommen, die sie vor der Bekanntschaft mit Werner von Buchwald geübt hatte. Elfe gab sich also Mühe, liebenswürdig, sogar heiter zu sein, und suchte durch Zärtlichkeit an Mutter und Schwester gutzumachen, was sie durch ihren Mangel an Vertrauen ihnen angethan hatte. Kurzum, fie war verändert, günstig verändert — und doch nicht die alte!
Oft blickten fich Hertha und die Mutter befremdet an, wenn das Mädchen bei einem gemeinsamen Gelächter vergaß, einzustimmen, wenn erst der beiden plötzliches Verstummen ihren weitschweifenden Geist in die Gegenwart zurückführte, und sie durch forcirte Lustigkeit den bangen Eindruck zu verwischen strebte. Das gelang ihr wohl manchmal, ja es gab Stunden, wo sich die hoffende Mutter in dem frohen Wahn wiegte, den Sonnenschein des Hauses neu erwacht zu sehen. Aber alle Selbsttäuschung war vergebens, Elfe war nicht mehr fie selbst. Der Frohsinn, der übermütige Leichtsinn des Kindes war abgestreist — „fürimmer," klagte Frau Herwig, und Hertha wußte nur eine Möglichkeit, die alte Elfe neu aufleben zu lassen: ihr den verlorenen Geliebten wiederzugeben. Das war unmöglich, wenigstens konnte sie nichts dazu thun. Da hieß es also still halten und auf den vertrauen, dessen Wege nicht die unseren find.
(Fortsetzung folgt.)