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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.

JB. 73

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Marburg

Donnerstag, 27. März 1902.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertag». Souutagsbeilage: Jlluftrirtes Souutagsblatt.

Druck «ad Verlag: Joh. Ang. Koch, Universitäts-Buchdrucker«

Marbvrg, Markt 21. Telephon 55.

37. Jahrg.

Die Sozialpolitik

wird im Deutschen Reiche mit Stetigkeit ge­fördert. Fast in jeder Woche bringen die amt­lichen Publikationsorgane Bekanntmachungen, welche sich auf die Beschästiguugseinschränkung von Arbeitern beziehen, und wenn sie auch nur einzelne Gewerbszweige betreffen, so bewirkt doch ihre große Zahl, daß ein recht beträcht­licher Kreis des deutschen Gewerbes davon be­troffen wird. Jedenfalls wird man der Reichs­regierung nicht nachsagen dürfen, daß sie die ihr in der Gewerbeordnungsnovelle vom Jahre 1891 gegebenen Anregungen nicht befolgt hätte. Im Gegenteil, es scheint sogar ein etwas sehr rasches Tempo bei der Regelung der Beschäftigung der Arbeiter in den einzelnen Gewerbszweigen eingeschlagen zu werden. Dazu kommt, daß verschiedene Verordnungen ähnlicher Art vorbe­reitet werden. Die Kommission für Arbeiter­statistik, welche mit diesen Vorbereitungen be­traut war, ist ja zwar inzwischen eingegangen, an ihre Stelle ist aber die entsprechende In­stitution im Kaiserlichen Statistischen Amte getreten, und man kann sicher sein, daß diese die ihr übertragene Aufgabe mit größtem Eifer zu lösen bestrebt sein wird. In nächster Zeit soll auch wieder ein bedeutender gesetzgeberischer Schritt auf sozialpolitischem Gebiete gethan werden. Es wird gemeldet, daß der Bundes­rat in einer seiner nächsten Sitzungen den Entwurf über die Beschäftigung von Kindern in der Hausindustrie genehmigen und dem Reichstage zur Beschlußfasiung bald nach Ostern wird zugehen taffen. Bestätigt sich die Meldung, so würde damit von einer dem Bundesrate in der Gewerbeordnungsnovelle vom Jahre 1891 übertragenen Befugnis Gebrauch gemacht werden. Die Ausdehnung von Arbeiter­schutzbestimmungen aus die Hausindustrie war schon in dieser Novelle in Aussicht genommen. Wie weit die in Aussicht ge­nommenen Beschränkungen der Kinderbe­schäftigung in der Hausindustrie gehen werden, ist noch nicht bekannt. Grundsätzlich wird natürlich gegen die Ausdehnung des Kinder­schutzes auf die Hausindustrie nichts einzuwenden sein. Im Gegenteil, es ist schon vom Stand­punkte der Gerechtigkeit notwendig, daß die Hausindustrie ähnlichen Grundsätzen wie die andere Industrie unterworfen wird. Sie muß es aber um so mehr, als durch das Verbot der Beschäftigung von Kindern in den Fabriken diese in die Hausindustrie gedrängt worden find und selbstverständlich hier unter viel un­günstigeren Bedingungen, länger und in schlechteren Räumen, arbeiten müssen, als dort. Die Ausdehnung des Kinderschutzes auf die Hausindustrie stellt sich also nicht bloß als Konsequenz früherer gesetzlichen Bestimmungen dar, sondern ist infolge der tatsächlichen Ver-

112 lRachdruck verboten.)

Elfe.

Noma« von Hanna Aschenbach.

(Fortsetzung.)

Hertha schiebt die Malutenfilien beiseite und beginnt eine Promenade in ihrem kleinen Reich. Die Hände im Nacken verschlungen, das feine Köpfchen wie unter der Last der goldenen Flechten zurückgebogen, die Augen weit geöffnet in die Ferne gerichtet, so wandelt fie lautlos auf und ab über den weichen Teppich.

Mit einem Male läßt fie die Arme finken und sagt halblaut:Ich glaube, ich spiele Ver­steckens mit mir. Das ist thöricht. Ich muß mal richtig nachdenken und wissen, woran ich bin." Einem raschen Gedanken folgend, gleitet fie hinüber zu dem kleinen Plüschdivan, den Frau Herwig ihr beim Einrichten des Atelier« heraufgestellt hatte. Sie denkt zurück an ihre erste Begegnung mit Heinz Frank. Seine sonni­gen Augen waren ihr gleich aufgefallen, als fie den grünbemützten Studenten auf dem K... er Perron erblickte. Aber die offenkundige Be­wunderung, die fie in dem übermütigen Gesicht gelesen, hatte fie verletzt und entrüstet, und dieses Gefühl hatte fich bei den häufigen Be­gegnungen auf der Dahn und im Ort immer mehr gesteigert, obgleich das Benehmen des jungen Mannes sich rasch geändert hatte, und

hält IN ff. durchaus gebeten. Natürlich wird man aber erst die Vorschläge des Bundesrats kennen lernen muffen, um ein Urteil über den neuesten größeren sozialpolitischen Schritt der Regierungen zu gewinnen. Jedenfalls sollte man auch hier nicht zu weit gehen. Beim ganzen Arbeuerschutz muß man immer bedenken, daß Deutschland kein isolierter Staat ist. Es darf ihm nicht die Konkurrenz mit anderen Industriestaaten unmöglich gemacht werden. Sonst würde man gerade die Arbeiter, die man schützen will, durch Kürzung der Arbeitsgelegen­heit, welch letztere doch für fie das wichtigste Moment im Leben darstellt, aufs schwerste schädigen. Das aber wäre eine recht verkehrte Sozialpolitik.

Umschau.

Die Aussichten des Zolltarifs.

Obschon der Reichstag und das preußische Abgeordnetenhaus ihre Pforten geschloffen haben, wurden doch die Verhandlungen über den Zoll­tarif in den einzelnen Parteien selbst und mit der Regierung mit unvermindertem Eifer fort­gesetzt. DieKreuzztg." macht darauf auf­merksam, daß neue Derständigungöversuche im Gange find, bei denen hauptsächlich die Minimal­zölle für Weizen und Gerste inbetracht kommen. Sie wünscht diesen Verständigungsversuchen Er­folg, möchte aber vor allen Dingen Wert darauf gelegt wissen, daß eine Verständigung nicht bloß über die Mindestsätze für Getreide, sondern über die wesentlichsten Differenzpunkte der Vorlage überhaupt herbeigeführt werde. Anscheinend werde bei diesen Verständigungsversuchen auch die Diätenfrage eine Rolle spielen, für deren negative Erledigung dieKreuzztg." eintritt, im Gegensatz zu derKöln. Volksztg.", die leb­haft für Gewährung von Diäten agitiert, da nach ihrer Ansicht sonst kein Zolltarif zu­stande kommen würde. Der konservative Ver­treter des Wahlkreises Neustettin, Landrat von Sonin, erklärte in einer Versammlung des Bundes der Landwirte, daß er die Aussichten für eix Zustandekommen des Zolltarifs für sehr schlecht halte. Besser aber als ein neuer, unge­nügender Tarif mit erhöhtem industriellem Zoll­schutz sei der gegenwärtige Zustand. Die den Wünschen der Landwirthschaft entgegenstehende Haltung der Regierungsvertreter ließe auf mangelndes Verständnis für die Lage der Land­wirtschaft im Schoße der Regierung schließen. In Fulda hat in der vorigen Woche derFuldaer Bauerntag" getagt, auf dem besonders der Zentrumsabgeordnete Herold die Stellung der Zentrums zum Zoll­tarife klarlegte. Wie bekannt, verfolgt dasselbe auch hierbei die Taktik, die es in dem letzten Jahrzehnte zur ausschlaggebenden Partei gemacht hat, daß eS nicht starr an einer einmal für

bald nur die tiefste, rücksichtsvollste Verehrung bekundete. Aber je öfter die sonnigen Jünglings­augen vor des Mädchens Seele erschienen, um so kühler und stolzer ward ihr Wesen gegen den unermüdlichen Courmacher.

So kam es, daß der übermütige Student still und melancholisch, und die gütige, sanfte, selbstbeherrschte Hertha hochmütig und verletzend wurde. ES entstand ein eigentümliches Wechsel­spiel zwischen beiden. Heinz Frank schaute finster drein, solange er fern von der Geliebten war; trat fie aber in seinen Gesichtskreis, und daß dies oft geschah, dafür sorgte er wacker, dann strahlte sein Auge freudig auf, indes fich in die klare Mädchenstirn eine zornige Falte grub, und der kleine Mund fich verächtlich wölbte.

Dann kam jener stürmische Junitag, und der stammende Blick steht ihr vor der Seele, mit dem er ihr gelöstes Haar bewundert hatte. Ihr Benehmen damals hatte keine falsche Deut­ung zugelaffen, und er hatte auch daraufhin seine Fensterpromenaden eingestellt. Bei den kurzen Begegnungen, die nun folgten, hatte er fich aus flehende Blicke beschränk. Sie hatte auch zu bemerken geglaubt, daß er ihr, am Todestage ihres Vaters, von der Wohnung Dr. HerbartS zum Lahnhofe gefolgt sei, doch hatte fie nicht weiter darauf geachtet und seiner überhaupt vergessen in jener.arbeitsreichen Zeit der Ueberfiedlung in das neue Heim und der

richtig erkannten Anficht fest hält, sondern gern zur Nachgiebigkeit bereit ist, sobald es für sich davon eine Stärkung seiner Macht und seines Ansehens erhoffen darf. Von dieser klugen Politik gab auch die Rede des Abgeordneten Herold ein beredtes Zeugnis. Er führte nach der freihändlerischenFrankfurter Zeitung", die man gewiß nicht im Verdacht haben darf, in einem solchen Berichte schutzzöllnerische Tendenzen besonders hervorzuheben, aus, daß er niemals Getreidezölle in Höhe von 7,50 Mk. gefordert habe. Er habe nur eine rechnerische Aufstellung gemacht, daß zur Sicherung der gewiß «icht z« hohe« Preises von 16 Mk. für Roggen und von 20 Mk. für Weizen ei« Zollsatz vo« 8 Mk. für Weizen und von 6.50 Mk. für Roggen erforderlich sei! Diese rechnerische Aufstellung sei ««- streitbar richtig! Nu also! Wenn so auch nach der Berechnung dieses Zentrums­abgeordneten Zollsätze von 8, bezw. von 6,50 Mk. unumgänglich nötig find, um der Landwirtschaft die zur Existenz erforderlichen Preise zu sichern, so vermissen wir die logische Folgerung, daß das Zentrum nun auch für s o lche Zölle eintritt! Wir weisen darauf hin, daß diese Berechnungen des Abgeordneten Herold noch um ein geringes die Höhe der vorn Bund der Land­wirte geforderten Zollsätze übersteige«! Wie an der Hand dieser Ausführungen nun frei* händlerische Blätter die kühne Behauptung aufstellen können, der Bund der Landwirte steigere die Höhe seiner Forderungen aus taktische« Gründe«, ist uns rätselhaft. Freilich ist von diesen Ausführungen Herolds in dem Referate, an dessen Schluß jene Be­hauptung aufgestellt wird, kein Wort zu finden, offenbar weil es zur Tendenz des ganzen Artikels bedenklich schlecht paffen würde! Wir find nicht unhöflich genug, aus diesem Umstande weitere Folgerungen zu ziehen. Wir möchten nur zu bedenken geben, ob es ratsam ist, nach anderer Leute Fenster zu werfen, wenn man selbst in einem GlaShause fitzt.

Ein russisches Beispiel!

Bei der Erörterung der Brüffeler Konvention ist viel davon geredet worden, daß man künftig den russischen Zucker in Höhe der russischen in­direkten Prämie überall differenzieren werde, wenn Rußland nicht der Konvention nach­träglich noch beitritt. Dazu bringt der amt­liche russische Börsenanzeiger jetzt den Kom­mentar, daß die russische Regiering die auS dem russischen Zuckersteuergesetz für die dortige Zuckerindustrie fließenden Vorteile nicht als Prämie" im Sinne der Brüffeler Konvention anfieht und daß fie fich daher keinerlei differen- zielle Behandlung des russischen Zuckerexports gefallen laffen werde. Deutschland hat fich im Gegensatz zu Rußland in Brüssel unter daS

Wiederaufnahme ihrer Erwerbsthätigkeit. Sie hatte ihn nicht wiedergesehen, aber einige Wochen nach dem Tode des Vaters hatte der Doktor einmal ganz unvermittelt gefragt:Wissen Sie, Fräulein Hertha, daß ein junger Mann Ihrer in sehnsüchtiger Liebe gedenkt?" Sie war jäh errötet und hatte unficher gefragt:Wer?" obgleich fie genau wußte, welcher Name fallen würde. In der That hatte der Rechtsanwalt fortgefahren:Heinz Frank, mein Neffe. Er trug mir auf, Sie um eine Unterredung zu bitten."

DaS Mädchen hatte fich während dieser Worte, die eigentümlich zögernd von den Lippen bei Freunde« gekommen waren, gefaßt. Sein forschendes Auge hatte gesehen, wie der kleine Mund fich trotzig zusammenpreßte, wie der zierliche Kopf fich hochmütig in den Nacken bog, und er hatte fich nicht enthalten gekonnt, innerlich zu frohlocken, als es schneidend von den roten Lippen geklungen hatte:Ich kenne Ihren Neffen nicht und wünsche nicht, seine Be­kanntschaft zu machen."Gott Lob, fie liebt ihn nicht", hatte es mit tausend Glücksstimmen in der Brust des Mannes jubiliert, und diese Gewißheit hatte ihn plötzlich zum beredten An­walt seines Neffen gemacht.

Er hatte in der ihm eigenen, loyalen Weise das prächtige Gemüt und die glänzenden Geistes­gaben des Studenten geschildert und berichtet, wie dessen Lebensweise fich vorteilhaft verändert habe, seit er Hertha kenne. Er hatte feine

englische Joch gebeugt und wird schwerlich auch den Prämienzuschlag gegen Rußland einführen. Deutschland hat dann seinen Zoll auf 2 Mark 40 Pfennig pro Zentner ermäßigt, dem eine indirekte russische Prämie von annähernd 5 Mk. pro Zentner, also in doppelter Höhe gegenüber« steht. Wenn der deutsche Reichstag dieser Kon­vention zustimmen sollte, werden wir also sehr bald russischen Zucker in Deutschland haben. Unsere Zuckerrübenbauerx können sich dann bei Graf Bülow für diesenhöheren" Schutz der Landwirtschaft bedanken, und die Regierung wird fich den Ruhm erworben haben, die blühende Zuckerindustrie ans Meffer geliefert und daS Nationalvermögen um Hunderte von Millionen geschädigt zu haben. Hoch lebe der Freihandel!

Die FriedenSunterhandlunzen in Südafrika.

Wir haben in den beiden letzten Nummern an der Hand von zwei offiziellen englischen Aeußerungen unseren Lesern mitgeteilt, wie wir uns die Vorgänge denken, die in jenen kurzen Depeschen gellreift find. So weit wir nun die deutsche Preffe und die Kommentare des Aus­landes verfolgen konnten, standenwirbiSher mit unserer Ansicht vereinzelt da! Daß wir aber im Gegensatz zu fast der ge- sammten Preffe des In- und Auslandes, die jene beiden Telegramme kommentierte, die Sach­lage richtig erfaßt hatten und mit unserer kritischen Betrachtung der diplomatischen Fassung der gestern veröffentlichten Erklärung Brodricks der Wahrheit sehr nahe gekommen find, möge unseren Lesern folgende Nachricht aus brüffeler, der Burenregierung nahestehenden Kreisen beweisen:Die Reise Schalk Burgers und seiner Begleiter über Pretoria in den Oranje­freistaat wird in Utrechter Burenkreisen (also Krüger!) als ein den Friedensausfichten günstiges Ereignis betrachtet, da die Reise jedenfalls auf Veranlassung Eng­lands erfolgte. Die Burenführer, erklärt man, haben keinen Anlaß, augenblicklich England entgegenzukommen, da alle Privatberichte über die Kämpfe der letzten sechs Wochen für die Buren günstig ausgingen. Am 17. März reifte der Delegierte Fischer auf Einladung des Ministers Kuhper nach dem Haag. Dieser Konferenz folgte eine längere Beratung zwischen Krüger, Lehds und Fischer. Lehds verlängerte seinen Aufenthalt in Holland um mehrere Tage und ist erst gestern nach Brüssel zurückgereist. Alles deutet darauf hin, daß angesichts der Wendung der Dinge in Südafrika König Eduard entgegen dem Willen Cham- berlain's beflissen ist, möglichst bald den Krieg zu beendigen, daher auch die Reise WolselehS! Dieser trifft in Kap- standt voraussichtlich am 31. ein, nicht mit dem Auftrag, den Buren Friedensangebote zu

Ueberzeugung ausgesprochen, daß ihr Einfluß jedenfalls von günstigstem Erfolg für das Studium seines Steffen sein werde.

Er hatte endlich mit den Worten geschloffen: Sie sehen, Hertha, in ihrer Hand liegt die Entscheidung über meines Neffen Zukunft. Ich kenne ihn und weiß, daß diese Krisis den Wendepunkt für feinen reich begabten Charakter bedeutet. Helfen Sie ihm auf den rechten Pfad. Von Ihnen abgetoiefen, wird er unver­züglich zurückkehren in die Arme feiner Kommili­tonen und Studium Studium fein laffen. Von Ihnen ermuntert, wird er glänzend arbeiten. Ich bin der Letzte der Ihnen ratet, ihm Hoff­nung zu machen. Doch sollten Sie der Zeit die Heilung überlaffen."

So sagen Sie ihm," hatte daS Mädchen rasch erwidert,daß ich nicht an Liebe und Heirat denke, -daß ich dazu keine Zeit hätte, weil ich Geld verdienen müsse.

Der Dottor hatte sie darauf so eigen an­gesehen.Hertha, verzeihen Sie mir die Frage: Ihr Herz ist also noch ganz frei?" Wie feine Stimme gezittert hatte, er mußte den Neffen sehr lieben, so hatte das Mädchen gedacht und ruhig geantwortet:Ja, Herr Dottor, e» ist frei in diesem Sinne, der aber ein nonsense ist, denn in Wirklichkeit ist es dicht besetzt."

(Fortsetzung folgt.)