Einzelbild herunterladen
 

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marlmra und Kirchhain.

Jfö 71

Stirteljährlicher Bezugspreis: bei der ExpeLittou 3 ML, bei allen Postämtern 3,36 M. (excl. Bestellgeld).

Se4<iti»nl|ebflbi: die gespaltene Zeile »der deren «an» 10 Vfß, Sleclamev: die Zeile 35 Pfg.

Marburg

Dienstag, 25. März 1902.

Erscheint täglich außer an Werklage» nach Sonn- uno Feiertag«-. Sonntagsbeilage: Jlluftrirtes Sonntagsblatt.

Druck and Verlag: Joh. Ang. Soch, UniverfitätS-Buchdruckere Marbnrg, Markt 31. Telephon 55.

37. Jahrg.

Die großpolnische Bewegung.

Abgesehen von den Organen der groß­polnischen Hetzpresse, welche es gegenwärtig noch für angezeigt halten, hinsichtlich ihrer politischen Taktik den Grundsatz walten zu lasien, daß die Vorsicht der heftete Teil der Tapferkeit sei, und daher das Vorhandensein einerpolnischen Ge­fahr" ableugnen, hat auch die Zentrumsprefse die vom Reichskanzler Grafen Bülow abgegebene Erklärung über die Bedeutung der polnischen Frage und die Gefahr der großpolnischen Be­wegung für die deuschnationale Entwickelung der östlichen Provinzen des Preußischen Staates wiederholt bekämpft und nicht nur als den Ausdruck einer übertriebenen Besorgnis hinge- fteHt, sondern ihr sogar einen tendenziösen, im letzten Grunde aggressiven Charakter beigelegt. Gras Bülow war in der Lage, sein Auffassung von der Staatsgefährlichkeit der großpolnischen Aspirationen durch amtliche Berichte der Ober- präfidenten der zweisprachigen Provinzen sowie durch eine große Zahl von Preßäußerungen zu belegen und gegenüber den Behauptungen der Mitglieder der polnischen Fraktion den Nach­weis zu erbringen, daß die Staatsregierung alle Ursache hat, auf der Hut zu sein und im Interesse des Deutschtums das Vordringen der großpolnischen Propaganda aufs nachdrücklichste zu bekämpfen. Seitdem haben die berufsmäßigen polnischen Agitatoren ihre Hetzarbeit keineswegs eingestellt, und nach tote vor wird in der groß- polnischen Presse, besonders in der des Auslandes, ohne jeden Rückhalt die Wiederaufrichtung eines selbständigen polnischen Reiches als Ziel und Auf­gabe der großpolnischen Bewegung proklamiert. Wenn auch die deutschen Ultramantanen daraus, vielleicht auf römischer Weisung, noch nicht den erforderlichen Schluß gezogen haben, so beginnt das Gebühren der Polen jetzt doch in national gesinnten katholischen Kreisen als eine schwere Gefahr für unser deutsches Reich empfunden zu werden. Am 20. d. Mts. ergriff der linksrheinisch ansässige, streng- katholische Majoratsherr Graf Hoensbroech das Wort, um in Uebereinstimmung mit der großen Polenrede der Reichskanzlers Graf Bülow vom 13. Jan. d. I., die landesfeindliche, um nicht zu sagen landerverräterische Tendenz der großpolnischen Bewegung fest zu­stellen! Graf Hoensbroech erklärte weiter, das Verhalten der nationalpolnischen Geistlichen stehe in striktem Gegensätze zu den Grund­sätzender katholischen Kirche, die national­polnische Agitation verfolge unter dem Deck­mantel der Konfession einseitige nationale Ziele! Diese Auslassungen des katholischen Herrnhausmitgliedes find für unsere Regierung von ausschlaggebendem Werte. Sie beweisen, daß man in katholischen Kreisen, denen ultramantane Politik noch nicht der aus­schließliche Leitstern geworden ist, mit unserer

110 Nachdruck verboten.)

Else.

Roman von Hanna Asch enbach.

(Fortsetzung.)

36. Kapitel.

Seit er von mir gegangen, Wie still die Welt umher! Daß einst die Vögel fangen, Ich weiß eS garmcht mehr! So viel der Blumen blühen, Mir gilt nicht mehr ihr Schein. Seit er von mir gegangen, Bin ich so ganz allein.

Neinick)

Der kleine Herwig'sche Familienkreis hat sich um den einladenden Abendtisch versammelt, nur Elfe fehlt. Hertha blickt sich suchend um. Dort drinnen steckt die faule Liese", antwortet Curt auf die stumme Frage;hol Du sie, Prinzeßchen, sonst kommt sie nicht."

Die Schwester springt erschrocken auf.WaS hat sie denn, Muttchen?" Die Gefragte schaut ängstlich drein, ohne zu antworten, aber Hertha wartet auch nicht darauf. Sie eilt ins Boudoir, wo aber alles stockdunkel ist.Elfe", flüstert sie und kniet nieder neben der Chaiselonge, sag, Kind, was ist Dir?" Keine Antwort. -Elfe schläfst Du? Wie? Du weinst? - Mein Liebling, nicht doch, Du zerreißt mir das Herz." Ein heftiges Schluchzen erschüttert den

Regierung der Ansicht ist, daß es sich hier nicht um einen Kampf für die unterdrückte Religion sondern um die Vorbereitung einer national-polnischen Erhebung gegen den preußischen Staat handelt! Daß es sich bei dieser Verhetzung der polnisch­sprechenden Bevölkerung gegen ihre deutschen Landsleute nicht um eine vorübergehende Erscheinung, sondern um die mit zielbewußter Energie betriebene Vorbereitung eines Kampfes handelt, in dem nichts Geringeres als eine Verminderung, wenn nicht gar Vernichtung der Machtstellung Preußens angestrebt wird, dokumentirt eine längere Auslassung desPreglad Wzechpolski" (Allpolnifche Rundschau), in der es heißt:In dem Nationalkampse kann die Parole nur lauten: Wir oder Ihr. Dies ist wirklich ein Kampf auf Leben und Tod, denn es ist kein Polen denkbar ohne Ober- s chlesien, ohne Pos en, ohneWestpreußen, auch sogar ohne O st Preußen; für den preußi­schen Staat bedeutet der Verlust dieser Provinzen, deren Grenzen nur wenige Meilen von Berlin entfernt liegen, gleichsam Vernichtung, Umsturz seiner Macht, sogar Verlust seines NamenS.....Preußen verlöre den vierten

Teil seiner Bevölkerung und würde zum Stand­punkt und zur BenennungBrandenburg" zurück­finken.....Wir können nicht zugeben, daß

man unS aus der Wiege unserer Nation herauS- drängt und uns verhindert, an das Meer zu gelangen, eine für die Entwickelung einer großen zeitgemäßen Nation unum­gängliche Bedingung. Diesen Land­strichen, welche fich heut unter preußischer Herr­schaft befinden, kann Polen um keinen Preis entsagen. Man fieht, mit welchen politischen Möglichkeiten der polnische Fanatismus bereits rechnet! Natürlich wird auch wieder der Er­wartung Ausdruck gegeben, daß der russische Nachbar die allpolnischen Bestrebungen unter­stützen werde.Richt umsonst", schreibt das genannte Blatt,treiben im Posenschen und in Schlesien private Agenten der russischen Politik unter der Masse von Zeitungskorre­spondenten ihr Wesen." Für den Fall aber, daß diese russische Hülse ausbleiben sollte, wird derBefreiungskampf" von den tapferen Polen auch allein geführt werden, dennwie in der Schlacht bei Grunwald wird das ganze polnische Volk im preußischen Teile Polens einmütig aufbrechen, schwer atmend und stöhnend, sich auflehnend, die Hände ballend und mit Sehn­sucht, aber zugleich mit wahrhaft bäuerischer bewunderungswürdiger Geduld wartend auf den Augenblick, wenn vernehmlich dar siegreiche Losungswort erschallen wird:Schlagt los auf die Hundekerls!" Den letzten Zweifel aber über den wahren Charakter der großpolnischen Bewegung und über die Berechtigung der preußischen Politik in den Ostmarken behebt Przeglad Wzechpolski", indem er bekennt: Wir fürchten uns, es laut auszusprechen, daß

Körper der Liegenden. Einem plötzlichen Impuls folgend, schlingt sie beide Arme um den Hals der Schwester und stammelt nnter Thränen: Ach, Hertha, hilf mir, ich ertrage es nicht mehr!"

Diese atmet tief auf, und ihre Hände falten fich unwillkürlich.Sag mir alles, mein Herzenskind,Du wirst sehen, ich habe einen Trost für Dich. Du weist, ich wartete schon lange daraus, daß Du den Weg zu mir finden solltest, aber Vertrauen muß freiwillig kommen. Nun beri hige Dich ein wenig, mein Elfchen, ich gehe zu Mama, damit fie fich nicht ängstigt, und nach Tisch, dann schüttest Du mir Dein Herzchen aus." Elfe nickt stumm. Ja, fie will sprechen. Ach, warum hat fie er nicht schon längst gethan? Ihre kluge, treue Schwester konnte gewiß Helsen!

Sie ruht noch ein wenig," sagt Hertha, als sie mit heiterem Antlitz in8 Wohnzimmer zurückkehrt.Beunruhige Dich nicht, Muttchen, laß fie lieber, es ist besser," fährt fie fort, als die kleine Frau aufspringt, um hinüberzueilen. Bleib, Mutti, Curt will nun zu seinem Essen kommen, gelt Junge? und betreffs Elfe glaube ich, daß die Krifis eingetreten ist, und fich ihr Zustand zum Besseren wenden wird."

Sobald als möglich erhebt fich Hertha, und nachdem fie ihrer Mutter ins Ohr geflüstert hat:Laß mich ungestört mit Elfe" verläßt fie rasch dar Zimmer. Frau Herwig seufzt tief

unsere nationale Kraft die Grundlagen des Preußischen Staates abbröckelt, daß das, was wir erobern, fie verlieren müssen, daß dort, wo wir unS ausbreiten, fie weichen müssen. Wir fürchten uns dies auszusprechen, um unsre Gegner nicht zu reizen, um sie nicht aufzu- klären und zu warnen. Aber heutzutage wissen die deutschen Politiker besser als wir, worum eigentlich gekämpft wird. Es verstand dies Bismarck, es verstehen dies seine Nach­folger, ebenso die preußischen Regierungskreise und auch diejenigen, welche die wirklich deutsche Meinung in nationalen Angelenheiten aufrichtig aussprechen, nämlich die Hakatisten."

Umschau.

Friedensverhandlungen?

Die während der letzten Tage äußerst karge amtliche Berichterstattung über die Vorgänge auf dem Kriegsschauplätze hat im englischen Parlamente und außerhalb desselben wieder daS unbestimmte Gefühl und die Befürchtung her­vorgehoben, daß eine neue Hiobspost zu er­warten sei. Es ist dies, wie gesagt, nur eine Annahme; dieselbe hat aber so um sich gegriffen, daß das KriegSamt in den letzten Tagen einen beständigen Strom von Besuchern in seinen Vorhallen zu- und abfluthen sieht, die erfahren wollen, ob daS Schweigen gebrochen ist. Selbst­verständlich hieß es wieder unverrichteter Sache abziehen. Einflußreichen Persönlichkeiten gegen­über, die in die inneren Räume Zutritt haben, wurde aber die bündige Erklärung abgegeben, daß die Regierung keinerlei wichtige Nachrichten zurückhalte und daß absolut nichts vorliege, was den umlaufenden Gerüchten zur Bestätig­ung . dienen und die gehegten Befürchtungen begründet erscheinen ließe. Auch in Marburg waren gestern Gerüchte im Umlauf, die von einer Gefangennahme Kitcheners durch die Buren wiffen wollten. Eine thatsächliche Unterlage hatten dieselben aber nicht, wenn ja auch auS der nachfolgenden, uns heute Morgen zuge­gangenen Depesche ersichtlich ist, daß wichtige Ereignisse auf dem südafrikanischen Kriegsschauplätze vor sich gegangen sein müssen, deren Konsequenzen heute noch nicht zu übersehen sind! Die Meldung aus Kapstadt lautet:

Pretoria, 23. März. (Reuter.) Die Mit­glieder der Transvaalregierung: Schalkburger, Reitz, LucaS Meyer, Krogh, Vandervelde, find hier von Middelburg mit Sonderzug unter Parlamentarflagge eingetroffen.

Die knappe Faffung dieser Meldung sowie der Umstand, daß weder das KriegSamt in den letzten Tagen etwas über die Vorgänge auf

auf. Natürlich muß eS wieder Hertha sein, der sie ihr Herz öffnet, als ob nicht die Mutter zuerst käme, denkt fie in bitterer Aufwallung; dann aber überlegt fie fich, daß ihre kluge Aelteste doch am ehesten Rat finden würde, und so wartet fie ohne Groll, doch voll Ungeduld.

Aber eS vergeht mehr als eine Stunde, ehe fich die Boudoirthür wieder öffnet, und ihre Tochter mit bewegtem Gesicht herauStritt. Sie winkt der Mutter, ihr in die Küche zu folgen, und dort erfährt die gespannt lauschende Frau in kurzen, klaren Worten ElfeS Roman.Und das konnte fie mir Alles verheimlichen? Wie häßlich von Elfe!" bricht eS nach einigen Minuten sprachloses Staunens von den Lippen der kleinen, eifersüchtigen Mutter. Hertha streichelt ihr liebkosend die Wangen.Nicht doch, Muttchen, nicht schelten. DaS atme, süße Ding befand und befindet sich noch jetzt ganz im Bann ihret Liede. Sie folgte eben diesem Manne, der fie gebeten hatte, zu schweigen. Nach dem, WaS Elfe mir gesagt, und fie hat ehrlich gebeichtet, halte ich leichtfertiges Spiel seinerseits für ausgeschloffen. Den Grund seines Zurückziehens weiß das Kind auch nicht. Er hat fie nur gebeten, ihm zu verzeihen Es ist alles auS! waren seine letzten Motte."

Ich verstehe es nicht recht, aber schlecht war es von ihm gehandelt," schiebt Frau Her­wig aufgeregt ein.Seine Mutter starb

dem Kriegsschauplatz veröffentlicht hat, noch daß sonst reichlich fließende Privatquellen in der letzten Zeit in der Lage waren, einen Bericht über die Operationen in Südafrika mitzuteilen, öffnet natürlich bet Vermutung Thür und Thor. Man entfinnt sich, daß anläßlich der Freigabe Lord Methuens die britische Regierung einen Akt weitgehender Großherzigkeit für die Buren in Aussicht stellte und daß ferner Lord Wolseleh, König Eduards Berater, trotz Einspruchs der Minister mit einer außerordentlichen Mission nach Süd­afrika gesandt wurde. Ein Vorgang, der vor der Uebernahme von Lord Roberts Kom­mando durch Kitchener sehr bemerkt wurde, scheint sich wiederholen zu wollen; Lord Kitchener versucht offenbar im letzten Augenblicke alle Hebel in Bewegung zu setzen, um im Guten, da es anders durchaus nicht gehen will, ein greifbares Resultat des jahrelangen Kampfes herbeizusühren! Denn zweifellos ist die Sendung Lord Wolseleh's nicht erfolgt, um ein Urteil über den unfähigen Methuen zu finden, sondern um dem König Bericht über den wahren Stand der Dinge in Süd­afrika zu erstatten. Und da diese vermutlich noch viel schlimmer liegen, als die englischen Machthaber zuzugestehen gezwungen sind, so würde dieser Bericht für Chamberlain und Konsorten schwere Folgen haben, für Kitchener aber unter Umständen die Enthebung von seiner Stellung und die Stellung unter Anklage bedeuten! Auf geheime Weisung des englischen KriegSamteS versucht nun Kitchener die Mission Wolseleh's zu ver­eiteln, indem er den Buren die weitestgehenden Zugeständnisse macht, um noch vor Wolseleh's Ankunft einen vorläufigen Ftiedensschlußherbeizu- führen! Dies ist nach unserer Anficht der kurzen Depesche langer Sinn.

Eine zeitgemäße Betrachtung.

Einer amerikanischen Zuschttft an die Kreuzztg." entnehmen wir folgende beachtens­werte Auslassung:

Da jetzt im deutschen Reichstage gerade der Zolltarif berathen wird, so möchte ich fragen, wie Deutschland gegen ein wittschastlich so übermächtiges Land wie Amettka aufkommen will, wenn es fich nicht kräftiger schützt? Vor allem Allem gilt daS von den Landwitten in Deutschland. Wenn der amettkanische Farmer schon verdient, wenn das Psund Rindfleisch (Schweinefleisch ist etwas teurer) zu 20 Pfg. abgegeben wird, was will der deutsche Vieh­züchter bei den jetzigen Transportmitteln da­gegen machen? Ebenso ist eS aber mit allen amerikanischen Getreidearten, die viel billiger in Berlin aus den Markt gebracht werden können, als der deutscheLand- wirt sie selbst produziren kann!

einige Tage vor dem Bruch. Jedenfalls waren seine Verhältnisse ungünstiger, als er glaubte. So manchmal öffnet erst ein Todesfall den Hinterbliebenen die Augen."

Hettha spricht mit Beziehung, und die kleine Frau nickt Plötzlich verständnisvoll.Ach ja, das ist wahr. Der arme Mensch, jetzt begreife ich alles, er konnte nicht anders handeln." Die Tochter lächelt fein, nachsichtig und gütig, wie man über ein naives Kind lächelt.O Du kleines Mütterchen, nun hat er mit einemmole Dein ganzes Herz und doch habe ich nur eine Vermutung geäußert." Die Angeredete hebt energisch den Kops.Nein, er ist brav, er ge­fiel mir so gut, als er seinen Besuch machte, so ein lustiger, hübscher Offizier. Er kam ja auch dann nicht wieder, Du weißt, ich machte Dich damals darauf aufmerksam. Ich ahnte ja gleich so etwas, aber da kam der schreckliche Schlag mit Papas Tode und all die schweren Sorgen, da ist'S kein Wunder, daß man nicht so aus Elfe achtete." Frau Herwig wischt fich die Augen, die schon wieder voll Thränen stehen, indes Hettha die zierliche Gestalt liebevoll in den Arm nimmt.Nur Mut, Liebes, es ist schon viel gewonnen, nun Elfe gesprochen hat. Du wirst sehen, nun können wir gegen ihren Kummer ankämpfen, und in nicht allzu ferner Zeit werden wir unsere luftige Elfe wiederhaben."

(Fortsetzung folgt.)