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Marburg
Sonntag, 9. März 1902
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertag«-. SouutagSbeilagr: JlluftrirteS SouutagSblatt.
Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckere
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
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Die slawischen Deutschenfeinde.
Wenn irgend eine Feier eine streng national beschränkte zu sein hatte, so war es die Victor Hugo-Feier in Paris, denn dieser Dichter war so spezifisch französisch, daß er für andere Rationalitäten und Rasten kaum verständlich war. Trotzdem ließen es sich die tschechischen Jokolisten, denen man gewiß nicht mit der Annahme zu nahe tritt, daß sie in ihrer über- »oältigenden Mehrheit nicht mehr als die Namen einiger Victor Hugoschen Werke kennen, nicht aehmen, unter Führung des Prager Bürgermeisters mit dem unaussprechlichen Namen Srb ostentativ an der Feier teilzunehmen. Dies geschah daher kaum aus Liebe zu dem großen französischen Dichter, sondern auS Haß gegen Deutschland und das Deutschtum.
Während hier in einem der ältesten Kulturzentren der alten Welt die Tschechen auS deutschfeindlichen Gründen an einem Feste teilnahmen, suchten aus eben denselben Gründen in einer großen Stadt der neuen Welt die Polen auf ein Fest einen Schatten zu werfen. Während Prinz Heinrich sich in Chicago aufhielt und von Deutschen, Skandinaviern, Iren und nicht zuletzt natürlich auch den Vollblutamerikanern begeistert gefeiert wurde, veranstalteten die Polen nicht nur ein Protest-Meeting, sondern sie machten sogar die Kirche zum Schauplatze der Agitation nationalen Hasses, indem in polnischen Gotteshäusern Trauergottesdienste mit den obligaten national-polnischen Predigten abgehalten wurden.
Prinz Heinrich hat mit der inneren deutschen Politik nicht das Mindeste zu thun, und schon auS diesem Grunde sollten die Polen ihren Haß nicht an ihm auSlaflen. Zum Zweiten hat seine Reise mit polenfreundlicher oder polenfeindlicher Politik nicht den leisesten Zusammenhang und schließlich ist er Gast eines Volkes, bei dem die amerikanischen Polen selbst das Gastrecht genießen. Wenn trotz alledem die Polen auch bei dieser Gelegenheit ihrem Deutschenhasse Lust machen, so zeigt sich, wie unversöhnlich derselbe ist.
An und für sich find die sich immer mehr häufenden Beispiele des Hasses des Slawentums gegen das Deutschtum für Deutschland sicherlich weder gleichgültig noch unbedenklich, denn einem kombinierten Angriffe des Slawentums unter russischer Führung und der revanchelustigen Franzosen könnte Deutschland nur mit Mühe widerstehen. Zum Glücke aber find die Slawen in nichts anderem einig, als in dem Haffe gegen da» Deutschtum, während eine dauernde und K = = ! =.......—J
97 (Nachdruck verboten.)
Else.
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Roman von Hanna Aschenbach.
(Fortsetzung.)
In der nächsten Sekunde steht fie leichenblaß in der Thür, die zitternden Hände in die Falten der Portiere gekrampft, um sich vor dem Umfinken zu bewahren. — Was ist das? Inmitten des Zimmers steht Hertha, im schwarzen Kleid, mit seltsam starren Zügen und qualvollen Augen. Hat fie die entsetzliche Worte gesprochen? Elfes Blick wandert angstvoll von der Schwester zur Mutter, die zusammengekauert im Lehnstuhl kauert, da8 Geficht mit beiden Händen bedeckend. „Wer?" ringt es sich stockend von den bleichen Lippen. Hertha will sprechen, doch fie bringt keinen Ton hervor. Statt dessen kommt fie langsam herüber zu der jungen Schwester, Schritt für Schritt, als koste jeder gewaltsame Anstrengung. „Unser Vater, Elfe!"
Es klingt wie ein wildes Schluchzen, und fie breitet die Arme aus. Mit einem lauten Schrei stürzt sich Elfe hinein. Sie halten sich lange umschlungen, aber während das Herz der Aelteren noch zittert und bebt unter der Erinnerung an die letzten Stunden, ist der Jüngeren Brust von den seltsamsten, widerstreitendsten
Gefühlen bewegt. Für den plötzlichen Tod des Vaters, der ihr seit Jahren entfremdet ist, hat »extrakt fie vorläufig nur Staunen. Die in ihrer Seele -eben» vorherrschende Empfindung ist eine unsagbare (172Q Erleichterung, denn während der letzten, entsetz- - lichen Minute hatte fie wirklich geglaubt, Werner sei in den Tod gegegangen.
fruchtbare Einigkeit iuuncr auf ein positives Ziel gerichtet sein muß. Jeder einsichtige russische Politiker weiß, daß die Macht Rußlands in erster Reihe auf der rassenmäßigen Homogenität und gleichen Religion der ungeheuren Mehrheit der Bevölkerung dek russischen Reiches beruht. Eine Angliederung des Tschechentums, der Südslawen und der nichtrussischen Teile des früheren Königreiches Polen wäre für Rußland kein Gewinn, sondern eine Gefahr, weil das ungeheure Uebergewicht des spezifischen Russentums verloren gehen würde.
Noch viel größer find natürlich die Unterschiede zwischen den mit den Franzosen kokettierenden Tschechen und Panslawisten und dem Romanentume. Beide Teile mögen sich Artigkeiten sagen, aber fie haben thatsächlich kein inneres Verständnis für einander. Dem Franzosen mit seiner uralten und feinen Kultur steht daS kulturell gleichwertige Deutschland innerlich näher, als das unkultiviecte Tschechen- tum. Und da er außerdem weiß, daß die Tschechen doch noch lange nicht die Regierungsgewalt in der habsburgischen Monarchie in Händen haben und daß speziell die auswärtige Politik dieser Monarchie nach einer ganz anderen Richtung tendiert, als es die Herren Tschechen möchten, so läßt sich der verständige Franzose Wohl mit der seiner Nation eigenen Höflichkeit die tschechischen Liebesbeteuerungen gefallen, aber er würdigt sie nach ihrem sehr geringen praktischen Werte.
Umschau.
Prinz Heinrichs Amerikareise.
Die RückfahH des Prinz Heinrichs durch die Weststaaten Nordamerikas ist beendet. Nach einem Telegramm aus New-Pork ist der Prinz gestern abend gegen 6 Uhr dort eingetroffen und hat sich sofort in fein Hotel begeben. Von seinem Aufenthalt in Boston ist noch nachzutragen, daß der Marinesekretär Long in humoristischer Rede die Pankeeschlauheit des Prinzen rühmte, mit der er sich in aller Herzen eingestohlen habe. Würde er in Amerika bleiben, so sei ihm die Wahl in die höchsten Ehrenämter sicher. — Auf der Weiterreise nach New York spielten sich auf allen Stationen die üblichen, ost geschilderten Begrüßungen ab, eine Ausnahme machte nur West - Paint, wo Prinz Heinrich die Kadetten inspizierte und unter Hinweis auf diebevorstehende 100jährigeJubelfeier der Militärakademie hervorhob, daß man der amerikanischen Nation zu einem solch' vorzüglichen Institut gratulieren müsse.
Ein heftiger Thränenstrom macht dem gepreßten Herzen Luft, und Hertha nimmt die bebende Gestalt liebevoll in ihre Arme und trägt fie mehr als fie fie führt, nach dem Sofa. Dann tritt fie zur Mutter, die noch immer regungslos verharrt. „Komm', Mama, sei nicht so stumm! Es ist ja schrecklich, aber der Wirklichkeit müssen wir ins Antlitz sehen, wir mögen wollen oder nicht." — Frau Herwig fährt auf. — „Sag' nur das Eine — fteiwillig?"
Die Tochter liest in den angstvollen Augen die ganze, bange Frage, die der Mund sich scheut, auszusprechen. Ach, daß fie hätte verneinen können! Blitzschnell ziehen noch einmal alle Konsequenzen einer Täuschung an ihrem inneren Auge vorüber, all die Gründe, die fie verbieten, die fie sich schon in der Bahn klar gemacht hat. Es ging nicht, eS mußte gesagt werden. „Also doch," murmelt die erschütterte Frau, „ich sehe es an Deinem Geficht, Hertha." Das blaffe Mädchen zögert noch sekundenlang. In unsäglicher Qual haften die ernsten Grauaugen auf der zarten Gestalt der Mutter. Welch' Herzeleid, welch' bittre Not beschwor doch dieser Todesfall auf das teure Haupt!
Mit einem leisen Wehlaut finkt fie neben der Mutter in die Kniee. „Es ist so!" Zweimal bewegen sich die bleichen Lippen, ehe fie die drei Worte verständlich formest. Dann aber, wie um das Andenken deS Verschiedenen nicht einen Augenblick von Zweifel trüben zu lassen, fährt fie eifrig fort: „Er wußte nicht, was er that. Er hat furchtbar gelitten, mehr fast, als Menschenkraft zu tragen vermag. Er sah keine Hilfe und keinen Ausweg mehr, und
Unannehmbar!
Ueber das „Unannehmbar!", was die Regierung den Kompromißbeschlüffen derKommisfion entgegengesetzt hat, hat sich in der Tagespresse lebhafter Streit erhoben. Die liberale „Voss. Ztg." führt dazu aus: „Die gegenwärtige Regierung hat es verstanden, nach langen Vor- berathungen eine Vorlage zu machen, mit der buchstäblich niemand zufrieden ist. Diejenigen, die die Vorlage bekämpfen, gewinnen mit jeder Neuwahl an Boden, und diejenigen, die sich als Anhänger der Regierungsvorlage einführen, fassen einen Beschluß über den andern, der von der Regierung als unannehmbar bezeichnet wird. Eine Verwirrung, wie fie jetzt reingebrochen ist, steht in der parlamentärischen Geschichte ohne Beispiel da." — Das ist auch unsere Meinung. In der That kann man fich nicht vorstellen, wie man fich radikaler in eine „splendid Isolation“ bringen kann, als es die Regierung mit der Abschüttelung der Kompromißler gethan hat. Durch dieses „Unannehmbarerklären" ist Graf Bülow gezwungen, gegen die Freunde des Schutzzolles und gegen dessen Gegner zu operieren. Die kons. „Krzztg." acceptiert dies „Unannehmbar" auch für die Reichtagsmajorität gegenüber der Regierungsvorlage und führt aus, daß wenn die Stellungnahme der Mehrheit gegen den Tarif in seiner jetztigen Gestalt offiziös als Phrase oder Uebermut ausgelegt werde, die Regierung sich in einem Irrtum befände. Sie schließt ihre Argumentation mit dem Satze: „Die Abgeordneten find doch keine Kinder, die auS Mutwillen Kleckse in des andern Schönschrift machen!"
Neuordnung des Gerichtsvollzieher- Wesens.
Der Justizminister hatte bekanntlich vor einiger Zeit eine Erhebung bei den preußischen Oberlandesgerichts-Präfidenten über die Wirkungen der Neuordnung des Gerichtsvollzieherwesens veranstaltet. Die ihm daraufhin zugestellten Berichte erkennen fast ausnahmslos an, daß die Grundlagen der neuen Einrichtung, nämlich der Ausschluß des Gebührenbezuges und der freien Auswahl unter den Gerichtsvollziehern zu einem Fortschritt auf dem Gebiete des Gerichtsvollzieherwesens geführt haben. Im wesentlichen begegnen fich die Berichte in der Auffassung, daß durch die neue Ordnung namentlich dem Konkurrenzkämpfe auf Kosten deS Schuldners wirksam gesteuert sei. Was die Einwirkung der Neuordnung auf die Verhältnisse der Gerichtsvollzieher betrifft, so geht das Urteil sämtlicher Präsidenten dahin, daß die
doch hätte er dies nie bei Besinnung gethan, ich weiß eS aus seinem eigenen Munde, nie, ich beschwöre es und nenne jeden, einen Lügner, der etwas anderes behauptet!"
Herthas Augen flammen, eine edle Begeisterung strahlt auS ihren Mienen, dann wird die Stimme wieder weich und wehmütig, als fie leise fortfährt: „Ich fürchtete das Schreckliche seit Wochen, und trotz aller Vorsicht ist es nun eingetroffen! Das Schicksal ist eben unerbittlich ! Ich habe gerungen mit der geistigen Umnachtung, die ich Papa nahen sah, ich habe ihn nie auS dem Auge gelassen, habe ihn gewaltsam herausgerissen, wenn die furchtbare Schwermut ihn befiel. Gestern noch gab er mir sein Wort und heute--" Ein heftiges
Schluchzen bricht die bebende Stimme, und Hertha legt den müden Kopf auf die Kniee der Mutter und weint herzbrechend.
Aber während das starke, mutige Mädchen hauptsächlich unter dem Gedanken an die trostlose Zukunft der Mutter zufammenbricht, hat diese noch keine Ahnung von dem schweren Unglück, das fie getroffen. Sie weint nm den verlorenen Geliebten ihrer Jugend. All das Glück das der Verstorbene ihr gegeben, zieht an ihrem Geist vorüber, sie vergißt momentan ganz, wie schwer sie auch durch ihn gelitten und trauert um seinen Verlust.
Else ist längst verstummt. Sie liegt mitweit- geöff rieten Augen und blickt aus die lautklagende Mutter, auf die schluchzende Schwester, und während fie sich bittere Vorwürfe macht, daß sie nicht auch weinen muß, wie diese beiden, jubelt es doch in ihrer Brust unaufhaltsam:
Gerichtsvollzieher selbst, nachdem fie die Ueber- qangsschwierigkeiten überwunden haben, mit der Neuordnung zufrieden find. Sie empfinden die Gewährung festen Gehalts unter Beteiligung am Gebührenbezüge, die Unabhängigkeit vom Auftraggeber und die gleichmäßigere Belastung als Vorteile, die ihren ganzen Stand gehoben hätten. Hier und da namentlich in der ersten Zeit hervorgetretene Unzufriedenheit richtete fich lediglich gegen eine vermeintliche Unzulänglichkeit des GehalteS und der Gebührenanteile. Vielfach wird denn auch eine Erhöhung der letzteren befürwortet. Für die Rechtsanwälte ist die Neuordnung des GerichtsvollzieherwesenS zuerst nicht ganz ohne Mißstände gewesen. Diese konnten früher den für fie bequemeren Verkehr mit einzelnen Gerichtsvollziehern pflegen, jetzt haben fie mit einer Reihe von Kräften zu thun, von benen sich anfänglich namentlich auch die jüngeren, vielfach als ungeschickt und mit den Verhältnissen unbekannt erwiesen. Jndeffen haben fich die Anwälte in zahlreichen Orten mit der Neuordnung ausgesöhnt und ihr in objektiver Würdigung die Anerkennung nicht versagt. Don den OberlandeSgerichtspräfidenten find denn auch Einrichtungen zur Beseitigung von grundsätzlichen Mißständen als nicht erforderlich bezeichnet.
Zur Lage in China.
Der Korrespendent der „Times", der mit Juanschikai eine Unterredung hatte, meldet über die Forderung der Chinesen, die Verwaltung von Tientfin ihnen wieder zurück- zngeben. Juanschikai sagte, in dem Friedensprotokoll fei nichts enthalten, was die Annahme gestatte, daß China der Herrschaft über die Haupthandelsstadt der Provinz beraubt werden solle, der Stadt, von der aus die Provinz allein verwaltet werden könne. Die Mächte könnten doch nicht glauben, daß er, der in Schontung während der ganzen Zeit der Wirren die Ordnung aufrecht erhalten habe, jetzt nicht für Ordnung sorgen könne. Er sei bereit, den Plan der Verbesserung des Peiho-Lauses weiter durchzuführen und zu erweitern, er habe diesen Plan stets begünstigt. Er wolle auch die 700 000 Taels, zu deren Zahlung an die Seezollverwaltung für die Zwecke der Kriegsentschädigung die provisorische Regierung fich verpflichtet habe, weiter zahlen. Das Auswärtige Amt gehe damit um, an die fremden Vertreter die Anfrage zu richten, wann er wieder die Regierung in seinem eigenen Damen würde übernehmen können.
„Gottlob, daß es nicht Werner ist!" — Sie schämt fich und kann doch nichts anders. Es ist, als könne fie für niemand und nichts mehr fühlen, als für den Einzig-einen, der fich heute für immer von ihr getrennt hat.
Unfähig, die tobenden Gedanken zu ertragen, springt fie auf. Da hebt auch Hertha den Kops. Ihr verweintes Gesichtchen bickt so todeStraurig aus die Schwester, daß diese unwillkürlich zu ihr tritt und den Arm um sie legt. — „Arme Hertha, hast wohl viel durchgemacht diese letzte Zeit?" fragt fie halb mechanisch und ist fast erschrocken, als diese fie ungestüm umfaßt. —
„O Elfe, ich hatte ihn so lieb! Ich glaubte immer, ich trüge eS nicht, und nun habe ich es doch ertragen — aber wie!" — Die letzten Worte begleitet ein schmerzlicher Seufzer. Doch dann geht eine wunderbare Veränderung mit dem Mädchen vor. Die schlanke Gestalt richtet fich auf, die feinen Züge werden fest, und um den Mund legt fich ein entschlossener Zug. „Was soll das Klagen, Schwesterlein? eS heißt, sich in das Unabänderliche fügen und — handeln. Du bist auch standhaft, meine Kleine," fügt fie ermunternd nach einem prüfenden Blick in Elses Gesichtchen hinzu.
Aber Hertha, die ja nicht ahnen kann, daß der erste Gewittersturm des Schmerzes schon am Morgen über das Kinderherz dahingebraust ist, zieht fie liebevoll an fich, und indem fie einen innigen Kuß auf die weiche Wange drückt, flüstert: „Komm einen Augenblick in die Veranda." Verwundert gehorcht Elfe. —
(FoÄsetzung folgt.)