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Die Lage in Italien.
Die in vielen Blättern fast allgemein verbreitete Austastung, daß die italienische Minister- krifis endgrltig beseitigt sei, beruht auf einem sehr starken Irrtum. ^Vielleicht behalten diejenigen sogar Recht,' die da prophezeien, daß die Krisis erst begonnen habe und sehr leicht einen verhängnißvollen Ausgang nehmen könne. Die Ursache, die das Kabinet Zarnadelli veranlaßte, dem Könige die Entlastung anzubieten, war an sich allerdings geringfügiger Natur. Daß die Kammer den von der Regierung vorgeschlagenen Präsidenten ablehnte, war eine Niederlage persönlicher Art, mußte aber bei dem in Italien herrschenden Regime zur Demission des Kabinets führen. Der AuSgang dieser Krisis wäre noch glatt vor sich gegangen und hätte noch nicht 24 Stunden beansprucht, wenn nicht im Hintergründe jenes Kammervorganges Ursachen schwerwiegender Art gelegen hätten. Italien ist das Schmerzenskind unter den europäischen Staaten. Die sittliche Fäulnis, die bis in hohe Regionen hinein alle Volksschichten angefreffen hat, die böse Korruption, die durch verschiedene Prozesse vor dem Lande blosgelegt worden ist, find so recht zum Nährboden für den politischen Radikalismus geworden. Die Umsturzparteien, vom blutigsten Anarchisten, der mit Vorliebe den Dolch gegen gekrönte Häupter zückt, bis zu dem Salonsozialdemokraten, haben in Italien eine Herrschaft errungen, die das Staatswesen in seinen Grundvesten bedroht. Der Streik der Eisenbahnangestellten zeigt dies aufs deutlichste. Wenn die in Gewerkschaften organisierten Arbeiter im Vertrauen auf ihre gefüllte Kriegskasse den Hammer niederlegen, um bessere Lohnbedingungen zu erzielen, so wundert man sich heute nicht weiter darüber. Daß aber auch ganze Beamtenkategorien sich bereits im geheimen derart organisiert haben, daß sie einen Streik mit Hoffnung auf Erfolg beginnen können, ist bisher nur in Italien möglich gewesen, und dieser Umstand ist eS, der die gegenwärtige Kabinetskrisis zu einer so schwierigen macht. Es ist eigentümlich, daß man diese Thatsache bisher gar nicht gewürdigt hat, der vor 14 Tagen zwischen der Kammer und dem Kabinet ausgebrochene Konflikt war bereits die erste Ursache jenes Streik» der Eisenbahnbeamten. Die Kammer wollte den Minister der öffentlichen Arbeiten nicht mehr an seinem Platz sehen, und zwar auS verschiedenen Gründen nicht. Die Regierungsparteien machten ihm sein Entgegenkommen gegen die Radikalen zum Vorwurf, sie klagten
94 lNachdruck verboten.)
Eise.
Roman von Hanna Aschenbach.
^Fortsetzung.)
Es klopft. Aus Werners „Herein!" tritt ein Diener ein und fragt im Namen der Baronin an, ob der Herr Leutnant gewillt sei, die Dame in der Bibliothek aufzusuchen. Dieser bejaht und folgt dem Bedienten auf dem Fuße. Als er die Ahnengalerie durchschreitet, richtet er sich stolz auf. Der letzte „Buchwald geht einen schweren Gang, den Gang in die Entscheidung. Sie ist kaum zweifelhaft und wird wohl das Erlöschen unseres Hauses bedeuten. Sei es drum! Ein Buchwald stirbt, aber verkauft sich nicht!"
Die Baronin erwartet ihren Neffen mit schlecht verhehlter Unruhe. Sie fürchtet die Entscheidung fast mehr, als er, der schon resigniert hat, während sie ihn noch zu bekehren hofft. Die thörichte Frau, sie ahnt nicht, daß gerade sie am wenigsten geeignet, den eigenwilligen, stolzen Sinn des Neffen zu ändern. Gerade durch ihre Art, geringschätzend über das zu sprechen, waS ihm am Herzen liegt, zwingt sie ihn, dafür um so feuriger einzutreten.
Sie beginnt das Gespräch so ungeschickt wie möglich mit der Frage: „Ich denke, daß die Ereignisse der letzten Tage und die Enttäuschung von heute früh Dir klar gemacht haben, wie recht ich hatte, als ich Deine Liebesaffaire für Wahnsinn erklärte."
„Du irrst," versetzt er mit äußerer Ruhe, „diese Ansicht habe ich nicht gewonnen!" Die enttäuschte Frau fährt heftig aus. „Du willst
ihu öffentlich an, daß er keine Disziplin im Beamtenkörper zu halten verstehe. Die Radikalen dagegen, trauen ihm nicht mehr. Wer will nun die Erbschaft Giuffo's antreten, wer will es übernehmen, den auf den toten Strang geratenen Regierungswagen wieder flott zu machen, zumal die Folgen des Streiks der Eisenbahnarbeiter immer fühlbarer werden? Die Re- gieruna hat in verfloffener Woche beschlossen, den Eisenbahndienst zu militarisieren, um wenigstens den Verkehr einigermaßen aufrecht erhalten zu können. Es wurden 14 000 Eisenbahnbeamte eingestellt, die sich in einem militärischen Reserveverhältnis befanden, zur Zeit aber beurlaubt waren. Für diese Einberufenen gilt das Kriegsgesetz, das ihnen verbietet, sich an Arbeiterverbindungen zu beteiligen. Die Regierung hat mit dieser Maßnahme allerdings den Verkehr aufrecht erhalten können, aber, es ist ein Gewaltmittel, das auf die Dauer nicht aufrechterhalten werden kann. Man sucht jetzt nach einem Arbeitsminister, der das die Eisenbahnangestellten-Frage lösende Programm in der Tasche trägt und sich verpflichtet, es durch- zuführen. Dieser starke Mann ist roch nicht gesunden, die verschiedensten Persönlichkeiten, mit denen Zarnadelli verhandelte, haben dankend abgelehnt. Der Ausgang der Ministerkrifis läßt sich sonach nicht absehen, aber heute schon läßt sich das eine sagen, daß die Regierung erheblich geschwächt auS dieser Krisis hervorgehen wird.
Umschau.
Prinz Heinrichs Amerikareise.
Von den bemerkenswertesten Einzelheiten beim Aufenthalt des Prinzen in St. Louis haben wir in der gestrigen Nummer unseren Lesern schon Mittheilung gemacht. Eine besondere Ehre erwies der Prinz den ehemaligen deutschen Marineangehörigen, die sich zahlreich in den Reihen der deutschen Militärvereine be fanden. Er sprach mit jedem Einzelnen derselben und machte sein amerikanisches Gefolge besonders auf diese Veteranen, die zum Teil „unter ihm gedient hätten", aufmerksam. Nach einer Rundfahrt durch die Stadt reiste der Prinz gegen 11 Uhr vorm. nach Chikago weiter, wo er mit einbrechender Dunkelheit eintraf. Auch hier fand wieder die übliche Begrüßung statt, Polizei und ehemalige deutsche Soldaten bildeten Spalier. Die Letzteren sammelten sich dann hinter dem Wagen des Prinzen zu einem imposanten Fackelzuge und geleiteten den Prinzen bis zum Auditorium-Hotel, in dem ein großes
doch damit nicht sagen, daß Du an Deiner hirnverrückten Absicht, jenes Mädel zu heiraten, festhälst? Es spricht eine tiefe Angst, eine atemlose Spannung auS den raschen Worten, aber der junge Mann bemerft das nicht. Um seine Lippen spielt ein unsagbar trauriges Lächeln, als er mit bebender Stimme erwidert. „Da sei Gott vor! Ich bin so bettelarm, wie könnte ich den frevlen Mut besitzen, jenes sonnige Wesen an mein Elend zu fesseln?
Die alte Dame atmet erleichtert auf. — „Das ist recht, daß Du's einsiehst, Werner; ich wußte es ja, daß Du vernünftig werden würdest — Buchwald ist doch wahrlich ein solch hübsches Lärvchen wert, und Erna so übel auch nicht —" „Tante!" ein unbeschreiblicher Ausdruck liegt in diesem empörten Aufschrei, „ich sage Dir, beleidige mich nicht!" Die dunklen Männeraugen blitzen drohend nach der Frau hin, die mit so plumper Hand an seinem Heiligsten rührt. Aber diese läßt sich so leicht nicht einschüchtern. Sie richtet sich ebenfalls zu ihrer stattlichen Höhe auf und erwiderte nicht minder scharf: „Du bist verrückt! verstanden? — Warum soll ich nicht aussprechen, was jeder vernünftige Mensch für selbstverständlich hält? Ich pflege meine Gesinnung offen heraus zu sagen, habe es nie gelernt, der Wirklichkeit ein schönes Mäntelchen umzuhängen."
Werner ist einen Augenblick sprachlos, dann kommt ihm das Verständnis für daS Gehörte. „Das ist eine Perfidie!" bricht es nun in mächtiger Erregung von seinen Lippen. „Du glaubst, ich nähme nun Dein Gut und Deine Erna dazu, weil ich meiner Liebe entsagen muß? Du meinst, ich sperre mich nur noch ein
Festmahl stattfand. Ehe der Prinz daselbst eintraf, war dort das Gerücht von einem Attentat verbreitet worden, das ein entlassener amerikanischer Soldat auf Prinz Heinrich ausgeübt haben sollte. Zum Glücke war es nur eine ganz harmlose Episode, die z'r jenem Gerüchte Anlaß gegeben hatte. An das Festeffen reihte sich ein Konzert in der Waffenhalle des ersten Milizregimentes, in dem ausschließlich deutsche Lieder und Kompositionen zum Vortrage gebracht wurden. In einer Rede, die hier vom Vorsitzenden des Comitäs gehalten wurde, betonte dieser, daß die Deutsch-Amerikaner stets ihre Liebe zum alten Vaterlande bewahren würden. Besonders beachtenswert aber scheint uns ein Passus in der Begrüßungsrede des Bürgermeisters von Chicago, den wir hier anfügen möchten: „wir bewillkommnen Sie nicht nur wegen der Hochachtung und Bewunderung, die wir für den deutschen Kaiser empfinden, sondern auch weil wir Ihr demokratisches Auftreten lieben." — Um 2 Uhr nachmittags trat dann der Prinz seine Weiterfahrt nach Milwaukee an. Auch hier, wo er gegen 4 Uhr eintraf, wurde ihm ein begeisterter Empfang zu Teil, die Häuser waren mit zahlreichen deutschen Flaggen geschmückt und auch ein öffentliches Gebäude, das Rathaus, hatte eine solche gehißt.
Das für morgen, Donnerstag vorgesehene Programm lautet wie folgt: Ankunft in Boston 10 Uhr vormittags, Entfernung 715 Km. (etwa Berlin—Wien). Empfang auf dem Bahnhofe, Fahrt nach dem Somerset-Hotel unter militärischer Eskorte, Empfang durch den Gouverneur, den Mayor, den Präsidenten der Harvard- Universität u. s. w., Fahrt durch die Stadt und Gegenbesuch des Prinzen beim Gouverneur und beim Mayor, Abfahrt nach Cambridge (Harvard Universität), Ankunft um 1 Uhr 45 Minuten mittags, Gabelfrühstück in der Aula, Besichtigung der Universität und Festaktus, Empfang der Delegierten der „Germa Museum Association" im Hause des Professors Münsterberg, Abfahrt von Cambridge nach Boston 5 Uhr 30 Minuten nachmittags, Diner der Stadt Boston im Somerset-Hotel.
Eindruck der letzten Bülowschen Rede in England.
In Besprechung der Rede des Grafen Bülow im deutschen Reichstage bemerkt der „Standard", die Rede beweise klar, daß das Jangtse-Thal in Berlin ebenso sehr als deutsches wie als englisches Interessengebiet angesehen werde. — „Morning Post" meint, die Rede sei eine überaus klare Darlegung des Weges, in dessen
wenig um des Scheines willen? — Frau Baronin, das vergesse ich Ihnen nie — niemals ! Dieser nichtswürdige Verdacht hat uns geschieden — für immer! Ich verlasse Buchwald noch heute." —
Er verbeugt sich und ist zur Thür hinaus, ehe die bestürzte Frau noch ein Wort äußern kann. Aber dann entlädt sich der ganze Zorn, der ganze Ingrimm, vielleicht auch die schmerz- licheEnttäuschung, die sie sich nicht eingestehen will.
So verzichtet Werner von Buchwald auf daS Erbschloß seiner Ahnen, so verlor er die letzte Verwandte, die einzige Stütze in seiner pekuniärenNotlage, so wird derBaroninLieblings- wunsch vom Aufleben des alten Geschlechtes in Pracht und Herrlichkeit durch die beiden Menschenkinder, die ihrem Herzen am nächsten stehen, zu nichte!" Und nur, weil zwei Hitzköpfe aufeinander geprallt, weil zwei eigensinnige Naturen nicht das rechte Wort am rechten Ort fanden. Wäre Werner der Tante als Bittender genaht, er hätte ihrer Liebe das abgerungen, was sein Herz wünschte. Die Frau hätte seinem liebenswürdigen, sonnigen Wesen so wenig zu widerstehen vermocht, als je eine andere! Hätte die Baronin dem Neffen wiederum liebevoll zugeredet, mit milden, sanften Frauenworten versucht, sein wundes Herz zu gewinnen, hätte sie ihm statt der materiellen Vorteile die Pflichten seines Namens vorgehalten — der Bruch wäre vermieden worden. Es kommt ja im Leben so viel darauf' an, wie eine Sache hingestellt und beleuchtet wird. Ein mildes Gemüt erblickt überall Schöner und Gutes, und findet stets die lichte Seite, und der PesfimismuS sieht schwarz, wo kaum grau schimmert.
Ein Haltung die deutsche Regierung eine Pflicht sehe, die sie im Interesse Deutschlands bei der deutschen Politik ausüben müsse. Die Rede fei ein Beispiel für die Anschauungen, die gesunder Menschenverstand von einer natinalen Politik habe.
Wirtschaftlicher Niedergang und Auswanderung.
Der wirtschaftliche Niedergang hat, wie stets, so auch jetzt, eine starke Steigerung der Auswanderung im Gefolge. Schon seit längeren Monaten find die von Bremerhafen nach New Park und Baltimore abgehenden Paffagierdampfer des Norddeutschen Lloyd voll besetzt. Den Record hat der heute nach Newyork expedirte Dampfer „Rhein" erreicht, welcher die Bevölkerung einer kleinen Stadt, rund 2400 Auswanderer, an Bord hat. Seit dem Jahre 1891, da die Auswanderung nach Brasilien auf der Höhe stand, hat kein Dampfer eine solche Passagierzahl nach der neuen Welt übergesührt. Die große Mehrzahl der Auswanderer stammt aus Rußland und Österreich.
Die Einbringung der Börsengesetznovelle
soll, wie verlautet, in nächster Zeit erfolgen. Man wird alsdann da» interessante Schauspiel erleben, daß die bürgerliche Linke, welche die Notlage der Landwirtschaft leugnend, eine zollpolitische Besserstellung derselben mit allen Mitteln bekämpft und sich dabei sozialdemokratischer Hilfe bedient, die Interessen der Börse allem anderen voranstellt. Wenn aber dieselbe Phalanx auf der einen Seite die bescheidene Forderung der Landwirte, für ihre Erzeugnisse Preise zu erlangen, bei denen sie bestehen können, als Begehrlichkeit, ja als Wucher bezeichnet, und aus der anderen Seite für die volle Freiheit der Börsenspekulation, die unser Volk schon um Milliarden geschädigt hat, eintritt, so ist das kein Widerspruch. In beiden Fällen betreibt die Linke die Geschäfte der Großfinanz — und das kuriose dabei ist, daß die „Todfeinde" des Kapitalismus, die Sozialdemokraten, dabei mit großem Eifer mitwirken.
Die deutschen Bergbaurechte in Schantung.
Wie die „Tgl. Rdsch." auf besondere Anfrage hin mittheilen kann, stehen der Unterzeichnung des Vertrage- zwischen Deutschland und China bezüglich der Erwerbung von Bergwerksrechten in der Provinz Schantung that- sächlich nur geringfügige Meinungsverschieden-
Werner von Buchwald sitzt im Turmzimmer vor dem Schreibtifch und verfaßt sein Abschiedsgesuch. Es bleibt ihm nichts anderes übrig nach dem Bruch mit der Tante. Er ist auch gut so. O, warum war er Soldat geworden?! — Das war Sache der Reichen. Freilich, seine Eltern hatten in ihm den Erben von Buchwald gesehen, sie hatten ja nicht ahnen können, wie trügerisch diese Hoffnung sich erweisen würde. — Gleichviel, er kann sich nicht zum Sklaven jener Frau machen, nun und nimmer, sie hat ihn tätlich beleidigt! Sein Inneres kommt von Neuem in Aufruhr bei der Erinnerung an den schmählichen Verdacht der Baronin. DaS Versprechen, welches er seiner Mutter gegeben, ist gelöst: „so weit eS meine Ehre erlaubt!" — Er stand an der Grenze, der Bruch war unwiderruflich.
Werner nimmt die Feder wieder auf, und nach kurzem Zögern schreibt er mit fester Hand seinen Namen unter daS Schriftstück, das seinem Leben eine vollständige Wendung geben soll. Ob zum Besseren? Der Mann schüttelt das Haupt. Auf etwas Gutes für sich in der Zukunft hofft er nicht mehr. Aber ein heißes Verlangen brennt in seiner Brust, der einzige Wunsch, den er noch an8 Leben hat, zu beweisen, daß ein Buchwald nicht von einem launenhaften Weibe abhängig ist, daß er sich aus eigener Kraft eine Position zu schaffen vermag, daß der bunte Rock ihn nicht der Arbeit entwöhnt hat! Aber wie? Wie alle diese stolzen Gedanken verwirklichen, die sein Hirn heute durchtoben? Ein schwerer, qualvoller Seufzer hebt die Brust des jungen Mannes.
(Fortsetzung folgt.)