mit dem Kreisblatt für die Kreise Marbura und Kirchhain.
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Marburg
Dienstag, 4. März 1902.
Erscheint täglich außer an Werrwge» nach Sonn- uns Aeierrag« . Sonntagsbeilage: Jllnstrirtes Sonntagsblatt.
Lrnck gnb Verlag: Ioh. Lug. Loch, Universitäts-Buchdrucker« Marbnrg. Markt 21. — Telephon 55.
37. Jahrg.
EnMche Meldungen.
Man thut im Allgemeinen immer gut daran, Nachrichten englischen Ursprungs ein gewiffes Mißtrauen entgegen zu bringen. Und — besonders ist dies jenen gegenüber angebracht, die daS Bureau „Reuter" von Zeit zu Zeit in die Welt setzt. Dieses Nachrichtenbureau wird zweifellos von der englischen Regierung dazu benutzt, bei eintretenden Unglücksfällen phantafie- voll kombinirte oder gar frei erfundene günstige Nachrichten in Umlauf zu bringen, um andere, ungünstige, zu kompensiren. Emen schlagenden Beweis für diese Thatsache liefern die Nachrichten des Reuter-BureauS über die letzten Vorgänge auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatz.
Am 24. Februar fand der Ueberfall des britischen Convois der Donopschrn Abtheilung durch die Buren statt, bei dem 16 englische Offiziere und 451 Mann gefangen genommen wurden, während der Verlust an Todten aus 120 Mann geschätzt (!) wird. Beröfsent- licht wurde diese Unglücksnachricht erst am 2 8. Februar! Der Zweck dieser Verzögerung wird sofort klar, wenn man beachtet, daß am 2 6. Februar ein Reuter-Telegramm, auf bas Minister Brodrick im englischen Unterhause Bezug nahm, melden mußte, daß bei den jüngsten Unternehmungen gegen die Schaaren De Wets ca. 6—700 Mann gefangen genommen worden find. DaS englische Publikum wird also durch eine Siegesnachricht erst in Hurrah Stimmung versetzt, damit die Veröffentlichung der Hiobspost nicht einen gar zu niederdrückenden Einfluß auf das Gemüth der englischen Steuerzahler ausübe, die man eben um einige weitere 100 Millionen zur Fortsetzung deS Krieges erleichtern will. — Gegen diese mit diplomatischem Geschick in Szene gesetzte Beeinflussung der öffentlichen Meinung wäre nun an und für fich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß die Mittel zum Zwecke sittlich einwandsfrei wären. Dies scheint aber bei der „Siegernachricht" nicht drr Fall zu sein.
Man beachte: „Reuter" berichtet, daß die englische Operation, bei der diese Gefangennahme geschah, fich zwischen Drede und Harri- smith bewegt habe. Nun melden die Morgenblätter folgende Thatsachen über die Operationen bei Harrismith: Die englischen Kolonnen hätten fich bei Lindley gesammelt. Dieses liegt aber 120 km sowohl von Harrismith alr auch von Vrede entfernt. Diese Kolonnen seien an „beiden Ufern deS WilgefluffeS hinab" marfchirt.
92 (Nachdruck verboten.)
Elfe.
Roman von Hanna «fchenbach.
(Fortsetzung.)
Also höre. — Doch halt, eines muß ich noch sagen: Ich sterbe beruhigt über deine Zukunft, mein Werner. Wenn Du auch kein Privatvermögen besitzest, so wirst Du doch die Jahres- rente von Buchwald weiter beziehen. Damit kannst Du herrlich leben, und außerdem weißt Du ja, daß die Tante Dich zu ihrem Erben bestimmt hat.
Mit diesen Aussichten für Deine Zukunft konnte ich eS wohl Unterlasten, Deine Tante um ein neues Opfer anzugehen, als eS fich nach PapaS Tode um Tilgung der Schuld an Aaron handelte. Es wäre mir unsagbar schwer geworden, die Baronin darum anzusprechen, und Du, mein stolzes Kind, fühlst mit mir. Aber sicherlich, ich hätte eS gethan, wenn Deine Zukunft nicht durchaus gesichert wäre. So beschloß ich, jährlich abzuzahlen, und, gottlob, eS ist mir gelungen! Du fragst mich nie nach der Verwendung unserer Einnahmen, Du reichtest stets mit Deiner Zulage. Warum sollte ich Deinen leichten Sinn mit solchen Sorgen beschweren? Ich schwieg, und hoffe heute noch, daß ich nicht thöricht handelte. — Nun aber sollst Du klar sehen, es ist an der Zeit, auf daß das Gedächtniß Deines herrlichen Vaters nicht leide!
Wir waren lange verlobt, Werner, fast sechs Jahre, eine lange, in unserem Falle entsetzliche Zeit. Dein Vater war Fähnrich, ich kaum
Nun fließt dieser Fluß 20 km südlich von Lindley und führt sein Lauf abwärts wie der des VaalflusteS (falls dieser durch Lindley strömende Fluß etwa gemeint sein sollte) nach Westen auf Kroonstad zu, also in genau entgegengesetzter Richtung von der nach Harrismith.
Nach .Reuter" haben die Buren versucht „über den Vaal" zu gehen, da dieser aber in nördlicher, also gänzlich anderer Richtung 120-140 km von Lindley und Harrismith entfernt sein Bett hat, so steht man hier vor Räthseln, die nur zeigen, wie völlig unzuverlässig die britischen Berichte find.
Jene Schilderung deS Operationsfeldes und der Vorgänge auf demselben, die zu der Gefangennahme der 6—700 Buren Dewets geführt haben sollen, ist also, wie wir soeben an der Hand der Karte nachgewiesen haben, völlig unrichtig und rührt offenbar nicht von einem zünftigen Militär auS dem Stabe Kitchener's her, sondern ist in dem Redaftionszimmer deS Reuter - BüreauS von Laien auf militärischem wie topographischem Gebiete auf gut Glück zurecht gemacht worden.
Es bliebe somit nur noch die nackte Meldung Reuters übrig, daß bei der letzten Operation gegen De Wet 6—700 Ma n n gefangen genommen worden seien. DieS wäre ein so bedeutender Erfolg in dem für die englischen Truppen verzweifelt rühmlosen Kriege, daß eS fich K i t ch e n e r auf keinem Fall hätte nehmen lasten, ihn postwendend mit allen Details und mit seiner eigenen Namensunterschrift nach England zu kabeln, ganz abgesehen davon, daß dies seine einfache Pflicht als Höchstkommandierender gewesen wäre. DaS ist nicht geschehen, denn die Meldung über die Erfolge bei Harrismith stammt nicht direkt von Kitchener, sondern ist vom Reuterbureau übermittelt. Warum hat nun daS britische Oberkommando diesen Erfolg nicht selbst gemeldet, sondern fich des Reuter- bureauS bedient auf die Gefahr hin, daß dieses den Bericht verballhornisieren und dadurch die Kritik herausfordern würde? — Darauf giebt eS nur eine voll befriedigende Antwort, die durch die unrichtige Darstellung der Details fast zur Gewißheit wird: Die Gefangennahme der 6 — 700 Buren ist nicht das Ergebniß der letzte« großen Operation gegen De Wet sondern daS der verschiedenen großen britischen Umzingelungsversuche, die im verflossenen Monat von den Engländern gegen den großen Parteigänger der Buren unternommen worden find und deren Resultate von Kitchener seiner Zeit einzeln gemeldet wurden. AlS nun am
fünfzehn, als wir unS daS Jawort gaben. Er war damals wohlhabend und wollte mich, die mittellose Waise, heirathen, sobald er die Epau- letten erhielt. Ich lebte bei meinem Vormund ein schreckliches, geduldetes Dasein. Ein Vierteljahr vor dem Termin unserer Hochheit verlor Dein Vater einen großen Theil seines Kapitals durch ein Bankfalliffement, kurz darauf brach auf Buchwald der Ruin aus. — Dein Onkel hatte das Majorat schwer belastet übernommen, schlechte Ernten und Viehseuchen thaten das Uebrige. Die Besitzung sollte zum Zwangsverkauf kommen. Ferdinand zog in die weite Welt, ich habe nie erfahren, womit er fich durchgeschlagen hat. AlS er nach langen Jahren wiederkam, war er mit Deiner Tante verheirathet und durch fie wieder Gebieter in Buchwald, denn fie war eS, die seiner Zeit die Befitzung gekauft hatte. Du hast Onkel Ferdinand nicht gekannt und kannst Dir infolgedeffen nicht vorstellen, wie die, durch die schweren Seelenkämpfe in feinem Gemüthe erwachte Melancholie, fast Schwermuth, jeden intimeren Verkehr mit ihm unmöglich machte.
So kam es denn, daß der schwerreiche Bruder nichts für Deinen Vater that, welcher indirekt durch ihn vollständig zum Bettler geworden war. Er hatte nämlich auf Veranlaffung Ferdinands den kleineren Theil seines Vermögens in einem Aktien-Unternehmeü angelegt. Ersterer hatte für einen größeren Betrag gutgesagt, als er leisten konnte, und so trat mein Verlobter für ihn ein. Kurz nach dem Zusammenbruch auf Buchwald kam auch die Aktien-Gesellschaft in Konkurs, nur wenige Prozente wurden znrück- gezahlt. Dein Vater erhielt kaum 1000 Mark.
24. Febr. die Buren den großen Erfolg über den Donop'schen Convoi davontrugen, bei dem nach den britischen Angaben 587 Mann den Buren in die Hände fielen, summirte Reuter, ob auf höheren Befehl oder aus eigener Initiative bleibe dahingestellt, all jene Burengefangenen aus sämmtlichen Operationen gegen De Wet, verschweißte die verschiedenen Berichte recht ungeschickt zu einem einzigen und meldete fie nun nochmals schnell als Erfolg der letzten britischen Unternehmung gegen De Wet nach England. Diese Reut-r- meldung ist also weiter nichts als eine plumpe Täuschung, angeregt durch den Burenfieg, mit der man das Volk in old England wegen der neuen Kriegsforderungen bei guter Laune erhalten wollte! 587 Engländer waren gefangen genommen worden und im Handumdrehen hatte Reuter auch 600 Burengefangene zufammen- addirt! — Das alles zufammengenommen nennt man dann englische — Meldungen. W.
Umschau.
Die Reise deS Prinzen Heinrich.
Da Prinz Heinrich fich gegenwärtig aus seiner Blitzzugrundfahrt durch die Vereinigten Staate befindet, treffen die Nachrichten nur spärlich ein. Bei Portage (Pennsylvanien) ist ein Güterzug entgleist, der Prinzenzug ist dadurch an der Weiterfahrt gehindert. In West- pennsylvannien find große Ueberschwemmungen eingetreten. AuS PittSburg wird gemeldet:
Don Portage ab fuhr der Zug mit dem Prinzen Heinrich mit äußerster Geschwindigkeit, die schließlich 60 Meilen die Stunde erreichte, und durchbrauste Johnstown, wo auf beiden Seiten des Bahnkörpers große Menschenrassen standen und dem auf der Lokomotive stehenden Prinzen zujubelten. In Bradenville wurde ein kurzer Halt gemacht, und der Prinz zog sich, Hände und Gesicht von Ruß geschwärzt, in den Wagen zurück, um fich für den Empfang in PittSburg umzukleiden. In PittSburg traf der Zug um 1 Uhr 14 Minuten ein. Auf dem Bahnhofe und in feiner Umgebung waren über 20000 Menschen versammelt, MufikkorpS und deutsche Sängervereine aus dem Alleghany County begrüßten den einlaufenden Zug. Der Aufenthalt währte 10 Minuten; dem Prinzen, der in Uniform auf der Hinteren Plattform stand, wurde ein Blumenarrangement und eine Adresse überreicht, worauf der Prinz mit einigen Worten dankte.
Heute Morgen 7 Uhr ist Prinz Heinrich in St. Louis eingetroffen und hat 4 Stunden dort
Er wurde hart getroffen durch diese Schicksalsschläge, besonders um meinetwillen, die er so schweren Herzens in den Händen deS Vormundes wußte, welcher unsere Verlobung gelöst hatte, nachdem meines Bräutigams Unglück bekannt geworden war. Wir protestirten natürlich, doch, da ich nicht mündig war, vergeblich. Die einzige Folge war, daß meine Behandlung eine schier unerträgliche wurde. Kannst Du Dir vorstellen, daß man mich durch Hunger und Kälte zwingen wollte, meinem Verlobten untreu zu werden?
ES gelang natürlich nicht, aber meine Gesundheit wurde damals zu Grunde gerichtet. Dein Vater hatte kaum eine Ahnung, wie es mir ging, denn auch der briefliche Verkehr ward unS unmöglich gemacht. Endlich gelang es mir, kurz vor meinem 22. Geburtstage, ein paar Zeilen heimlich an ihn fortzuschaffen, fie enthielten einen verzweifelten Hilfeschrei. Dein Vater war natürlich ganz entsetzt über meine Lage, so schlimm hatte er fie sich nicht gedacht. Er beschloß sofort, unsere Vermählung durchzusetzen, koste eS, was eS wolle, denn er fürchtete ernstlich für mein Leben.
Ich mußte sein Weib werden, so rasch als irgend möglich das stand fest. Er machte fich schon Vorwürfe, mich so lange dem gewissen losen Vormund überlasten zu haben. Der gute Mann! Er konnte ja doch da? nicht ahnen! Aber was thun? Den Abschied nehmen? Das nützte nichts! Denn in der kurzen Zeit bis zu unserer Hochzeit fand er keinen Crvilposten. Also im Dienst bleiben und Geld borgen. In der fiberhaften Angst jener Tage, ich war
verweilt. Es sand Empfang am Centralbahnhof statt mit Ueberreichung einer Adresse, dann folgte eine Kutschenfahrt nach der großen Misfisfippi- Brücke und von dort nach dem St. Louis-Klub, Frühstück dortselbst, nach dem Frühstück Fahrt durch das Westend nach dem Forest Park, dem Terrain für die Weltausstellung, wo der Extrazug des Prinzen bereit stand. Die Abfahrt von St. LomS erfolgte um 11 Uhr nach Chicago. Ankunft dort um 6 Uhr 30 Minuten Abends, die Entfernung beträgt 405 Kilometer (etwa Berlin—Karlsbad). Hier wickelt sich das Programm wie folgt ab: Empfang auf dem Bahnhof durch den Bürgermeister und ein Empfangs- Comitä, Fahrt nach dem Auditorium Hotel unter militärischer Eskorte, um 7 Uhr Diner im Hotel, um 9 Uhr Concert im Zeughause des 1. Regiments, veranstaltet von den Deutschen Chicagos, nachher großer Ball im Auditorium-Hotel mit darauffolgendem Souper.
Dienstag, 4. März. Besuch des Lincoln- Denkmals im Lincoln - Park, Abfahrt nach Milwaukee 2 Uhr Nachmittags, 6 Stunden Aufenthalt, Entfernung 130 Kilometer (etwa Berlin—Küstrin), Empfang auf dem Bahnhof, Fahrt nach der Ausstellungshalle, Begrüßung durch die Gesangvereine, Fahrt nach dem Hotel Pfister, wo daS Souper eingenommen wird, Galavorstellung im Deutschen Theater, Abfahrt nach dem Osten um 10 Uhr Abends.
Die Brüsseler Zuckerkonferenz.
Wie aus Brüssel gemeldet wird, find die Verhandlungen zwischen den verschiedenen Theil- nehmern zu Ende geführt und es sind lediglich formale Gründe, die bislang verhindert Haden, daß die Zuckerkonvention nicht bereits unterzeichnet ist. Die Vertreter der verschiedenen Länder bedürfen nämlich einer Spezialvollmacht, die erst ertheilt werden kann, wenn das Dokument der Konvention den Ressortministern vorgelegen hat. Die Unterzeichnung wird nun wahrscheinlich Dienstag erfolgen. Die Grundlagen der erzielten Einigung find bereits bekannt. Der Zoll wird auf 6 Francs festgesetzt, die Prämien kommen mit September 1903 in Wegfall. In Brüffel wird eine internationale Kommission eingesetzt, welche in außerordentlichen Fällen Veränderungen des Zolles genehmigen kann. Für unsere deutsche Zuckerindustrie und unsere Rübenbauern dürftyr die Beschlüsse dieser internationalen Konferenz recht verderblich wirken.
unterdessen schwer erkrankt, wie Dein Vater erfuhr, erschien ihm nichts zu extravagant. Er mußte mir ein Heim bieten, coüte qni coüte Er war kürzlich Premier geworden, also war die erforderliche Kaution nicht allzu hoch, und diese lieh er sich theilr von einem aufopfernden Freund, Baron Koppen, und dem Juden Aaron.
Am Tage, da ich das Bett verlassen durfte, floh ich aus dem Hause meines Peinigers. Ich war im Morgenkleid, ohne Hut und Tuch, nahm auch sonst garnichts mit. Ich hatte überhaupt nur gerade die Kraft mich in eine Droschke zu werfen und meines Verlobten Adreffe zu nennen. Dort angelangt, hob man mich ohnmächtig auS dem Wagen und trug mich in Deines Vaters Wohnung. Unser Wiedersehen nach jahrelanger Trennung zu beschreiben, liegt nicht in der Macht meiner Feder. Meine Nerven waren noch furchtbar überreizt von der Krankheit. Jeder glaubte, daß ich einen Rückfall deS kaum überstandenen Nervenfiebers haben würde, aber ich wußte es beffer. Ich war ja so überglücklich, wie konnte daS krank machen? Deines Vaters Wirthin übernahm liebevoll die Sorge für mich. Sie hat auch Mutterstelle an mir vertreten während der folgenden Wochen. Mein Verlobter zog zu feinem Freunde Koppen, während seine bisherige Wohnung für unS hergerichtet wurde. Am Tage nach meiner Flucht sand eine letzte Unterredung zwischen meinem Vormund und Deinem Vater statt. Natürlich wüthete der erstere, aber er hatte keine Macht mehr über mich, da ich mündig geworden war.
(Fvrtsetznng folgt.)