mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.
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Marburg
Sonnabend, 1. März 1902.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- uno Feiertag«. SoautagsbeUage: Jllaftrirtes Souatagoblatt.
Drnck nnb Verlag: Joh. Ang. Koch, Universitäts-Buchdruck«»
Marburg, Markt 21. — Telephon 55
37. Jahrg.
Erstes Blatt.
Bestellungen für den Monat März auf die
„vberheffifche 3eit««g" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirchhain und Neustadt, sowie von allen Postanstalten und Landbriefträgern entgegengenommen.
Prinz Heinrich wieder in Washington.
Vom Bankett der Presse am Mittwoch Abend begab sich Prinz Heinrich direkt auf die Reise nach Washington. Hebet die Ankunft dort- selbst wird gemeldet:
Prinz Heinrich traf heute Vormittag um 9 Uhr hier ein und wurde am Bahnhofe vom Botschastsrath Grafen Quadt empfangen. Vom Bahnhofe fuhr der Prinz alsdann nach der deutschen Botschaft. Vormittags um 10 Uhr 30 Minuten begab sich der Prinz bei Herr- lichem Wetter nach dem Kapitol zur Theil- nahme an der Gedächtnißfeier für Mac Kinley. Der Prinz betrat den Saal zusammen mit dem Präsidenten, der gleichzeitig erschienen war. Beide nahmen neben einander hinter dem Sprecher Henderson, der den Vorsitz führte, Platz. Sämmtliche Mitglieder des Kabinets, der Oberbundesrichter, das diplomatische Corps und die höchsten Offiziere der Armee und der Flotte, sowie die gesummten Mitglieder der beiden Häuser des Kongresses waren zur Theil- nahme an der Feier erschienen. Das Kapitol, das Trauerschmuck trug, war von großen Menschenmengen umdrängt. Staatssekretär Hah hielt die Gedächtnißrede, in der er Mac Kinleys Verdienste um daS Vaterland feierte. Dem Charakter der Feier angepaßte musikalische Aufführungen bildeten den Beschluß. Nach einem Frühstück, das dem Prinzen ix einem anschließenden Saale angeboten wurde, begab sich derselbe mit seinem Gefolge nach Mont Sernon, um Washingtons Grab und seinen ehemaligen Wohnsitz zu besuchen. Am Abend nahm Prinz Heinrich an dem Diner der Familie Roosevelt Theil, bei dem
90 (Nachdruck verboten.)
elfe.
Roman von Hanna Aschenbach.
(Fortsetzung.)
Der Wagen rollt pfeilschnell dahin; prächtige Saatenfelder wechseln mit saftgrünen Wiesen, eine Wonne jedem Landmann. Die Baronin ist das Ideal einer Gutsherrin, und die Herrschaft Buchwald hat unter ihrem Regiment sich nicht nur von der früheren Mißwirthschaft erholt, sondern ist für die ganze Provinz ein Pracht- und Mustergut geworden.
Werner blickt weder rechts noch links, nur als der Wagen in den Forst einbiegt, in den berühmten Buchenwald, der der Besitzung seinen Namen gegeben, da hebt sich seine Brust unter einem gepreßten Athemzug.
Jetzt öffnet sich den feurigen Vierern ein herrlicher Buchenweg. Wie ein majestätischer Dom wölben sich die prachtvollen Baumriesen hoch über den Häuptern der Wageninsaffen. Und da erscheint im Hintergründe auf sonnen- umfloffener Lichtung ein märchenhaft stolzes Bild: ein mächtiger, quadratischer Steinriese, von stattlichen Thürmen flankiert; ein erbge- seffenes Ritterschloß, vom Nimbus der Feudalzeit umfloffen: Buchwald.
Die Sonne strahlt und flimmert in den blitzenden Spiegelscheiben der gothischen Fenster und wirft farbige Reflexe durch das Spitzen- wuster des Giebelwerks. Ein eigenartig romantischer Hauch liegt über dem Ganzen, ein spinne- tvebfeiner Sagenschleier, gewoben durch die Jahrhunderte, die über dieses Schlosses Zinnen dahingezogen.
außer dem deutschen Botschafter von Holleben nur einige engere Freunde der Familie Roosevelt anwesend waren.
Dem „Expreß" zufolge werde Prinz Heinrich nach Beendigung seiner Reise in den Vereinigten Staaten Kanada besuchen. Dieser Besuch geschehe hauptsächlich auf Anregung des Kaisers, dem sehr darum zu thun sei, zu den beiden angelsächsischen Völkern die besten Bezieh ungen, die möglich find, zu unterhalten. Der Kaiser habe dem König Edward diesen Besuch vorgeschlagen und der König habe soeben geantwortet und den Besuch warm willkommen geheißen. Prinz Heinrich würde dann sich für wenige Stunden auf englisches Gebiet begeben und vielleicht Ottawa und Montreal einen sehr kurzen Besuch abftatten. Wie die „Kölnische Zeitung" meldet, hat der General gouverneur von Canada den Prinzen Heinrich eingeladen, Ottawa zu besuchen. Einer anderen Meldung zufolge wird Prinz Heinrich nicht den Generalgouverneur von Canada besuchen, indessen bei den Niagarafällen, wenn er auf canadischem Gebiet ist, einen Abgesandten des Gouverneurs empfangen.
Nach dem Stapellauf fand in der Festhalle ein Galafrühstück statt. Prinz Heinrich brachte dabei folgenden Trinkspruch aus: „Bei dieser Gelegenheit möchte ich ein dreifaches Hoch ausbringen auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten Roosevelt! Hip, Hip, Hurrah!" Das Haus erdröhnte unter den einstimmigen Rufen. Dann erwiderte Präsident Roosevelt mit einem dreifachen Hoch auf den „Gast der schon unsere Herzen gewonnen hat." Tosender Beifall. Der Prinz und der Präsident schüttelten sich darauf die Hand. Dann wurde noch ein Hoch auf Miß Roosevelt ausgebracht. Nachdem Prinz Heinrich und der Präsident die Tafel verlassen und ein Boot, dar sie zur „Hohenzollern" bringen sollte, bestiegen hatten, stürzten sich alle Anwesenden auf das Geschirr, die Bestecke, um sie als Souvenirs mitzunehmen. Alles war in einer der Gelegenheit entsprechenden Weise verziert. Dabei wurde dar Gedränge so lebensgefährlich, daß Polizei und Seesoldaten energisch Ordnung schaffen mußten. Bemerkt wurde nach dem Stapellaufe, wie Präsident Roosevelt zusammen mit seiner Frau unb Tochter den Text einer Depesche an den Deutschen Kaiser aufsetzte und dieselbe dann laut vorlaS. Die Episode trug einen gemüth- lichen Charakter. Das betreffende Telegramm lautet in deutscher Hebersetzung wie folgt: „Seine Majestät Kaiser Wilhelm, Berlin. „Meteor" glücklich vom Stapel gelaufen. Ich
Die Baronin hat nie Sinn für die seltene Schönheit ihrer Besitzung gehabt, und Erna von Wehlen sieht dies herrliche Fleckchen Erde als etwas selbstverständliches an. Anders Werner. Er hat ein offenes Auge und Herz für das Heim seiner Väter, und heute dünkt es ihm um so herrlicher, da tr eS zum ersten Mal erblickt, ohne den frohen Gedanken daran schließen zu können: mein künftiges Eigenthum! — Werner von Buchwald ist nicht habgierig, weit entfernt davon, aber er ist cyuf gewachsen in den Traditionen seines alten Geschlechts, in dem Bewußtsein, der letzte Träger eines stolzen Namens zu fein. Er hat das Schloß seiner Ahnen als sein bereinftigeS Erbe betrachtet, so lange er benken kann. An jenem unvergeßlichen Konfir- mationktage, da hatte die Baronin selbst in nicht mißzuverstehenben Worten auf seine ber- einstigen Pflichten hingewiesen — unb nun war alles, aller anders gekommen, alles umgestürzt, alle Hoffnungen zu nichte geworben, um bet Laune eines eigensinnigen Mäbchens, um bet starren Parteilichkeit einer alten Fran willen!
Der Wagen hält vor bet Rampe, zwei Lakaien stürzen herzu unb öffnen ben Schlag. Sie grüßen ben jungen Offizier respektvoll, unb wer in biefen starren Bebientengesichtern zu lefex versteht, der erkennt trotz bet bewegungslosen Minen fteubige Heberraschung unb mitleidige Theilnahme darin. — Der vergötterte, junge Herr hat ja die Mutter verloren. Deshalb wohl das finstere Antlitz, das so mächtig kontrastiert mit dem sonnigen, übermüthigen Knabengeficht, dar er bei seinen früheren Besuchen zeigte.
Er schreitet stolz aufrecht mit unbeweglichem
gratuliere Ihnen und danke Ihnen für die mir erwiesene Liebenswürdigkeit und sende Ihnen meine besten Wunsche. Alice Roosevelt."
New-York, 26. Febr. DaS von bet „New- Yorker Staatszeitung" zu Ehren des Prinzen Heinrich veranstaltete Diner im Waldorf- Astoria- Hotel fing um 8 Hhr an. Etwa 12 Vertreter bet amerikanischen Presse nahmen baran theil. Hermann R i b b e r von der „New- Yorker Staatszeitung" begrüßte ben Prinzen mit ben Worten: „Ew. königl. Hoheit verletzten bie Monoboctrin, inbem Sie als Vertreter bes Kaisers nicht nur ein Stück amerikanischen Bobens, sonbern uni alle eroberten." Er erinnerte an bie historische deutsch-amerikanische Freundschaft und an General Steuben, welcher der erste Präsident des deutschen Vereins wurde und schloß mit ben besten Wünschen für bas Wohlergehen beS Prinzen. (Stürmischer Beifall.) Der Toast wurde stehend angehört.
Prinz Heinrich erwiderte aus diese Anrede: „Ich bin mir der Thatsache voll bewußt, daß ich der Gast und in der Gesellschaft der Vertreter der Presse der Vereinigten Staaten besonders der Gast der „New-Yorker Staats- Zeitung" bin, und ich wünsche beiden zu danken für die freundliche Einladung und den Empfang, der mir heute Abend geworden ist. Zweifellos ist bie Presse heutzutage ein Faktvr, wenn nicht eine Macht, welche nicht vernachlässigt werben darf unb bie ich mit zahllosen submarinen Minen vergleichen möchte, bie in vielen Fällen in ber am wenigsten erwarteten Weise losgehen. Ein anbetet Vergleich mag Ihrem Geschmack, meine Herren, mehr entsprechen, unb et ist that- sächlich schmeichelhafter. Er würbe gezogen von Sr. Majestät bem Kaiser, ehe ich abreifte. Der Kaiser sagte: „Du wirst mit vielen Vertretern ber Presse zusammentreffen, unb ich wünsche beshalb, Du mögest Dir stets vergegenwärtigen, baß Preßleute in ben Vereinigten Staaten beinahe mit meinen komman- birenben Generalen rangiten." Ich weiß, es wirb Sie intereffiren, etwas über bie Natur meinet Mission in biesern Lande zu erfahren. Die Thatsachen liegen so: Seine Majestät der Kaiser hat bie jüngste tapibe Entwickelung ber Vereinigten Staaten aufs genaueste verfolgt, unb Seine Majestät ist sich seht klar über bie Thatsache, baß Ihre Nation eine rasch schreitenbe ist. Meine Senbung in bieses Laub mag beshalb als ein Akt ber Fteunbschaft unb Cout- toifie angesehen werben mit bem einzigen Wunsche, freundschaftlichere Beziehungen zwischen Deutschland unb ben Vereinigten Staaten zu förbetn. Sollten Sie willens fein, eine ausge-
Anllitz, ben er hat einen ptüfenben Blick ber Baronin aufgefangen, ber ihm feine Haltung zutückgegeben hat. Aber so ruhig fein Aeußetes, so aufgeregt ist auch fein Inneres. Wie er als Fremdling bie Schwelle überschreitet, bie er bis bato als bie feine betrachtet, burchzuckt ihn ein heißer brennenbet Schmerz. Verloren! klingt er in ihm, verloren unb nichts gowonnen! Heimath unb Lieb zugleich verloren, das eine um bes anderen willen unb nichts gerettet als bie Ehre! Ja, Frau Baronin, die Ehre, denn ein Buchwalb verkauft sich nicht!
Dieser Gebanke giebt ihm bie innere Freiheit zurück. Hub als seine Tante sich jetzt zu ihm toenbet: „Du kennst ja ben Weg zu Deinen Zimmern, ich muß mich nun um die Wirtschaft kümmern," da kann er gelassen antworten: „Meine Zimmer?" — Wenn Du mir diejenigen Räume anweisen willst, die ich früher bewohnte, so kenne ich den Weg allerdings. — Gestattest Du mir, mich dahin zurück zu ziehen?" — Eine förmliche Verbeugung, und er wendet sich nach der Treppe, bie in die höheren Stockwerke führt.
DaS Mittagsmahl, bas um sechs Hhr eingenommen wirb, verläuft frostig unb steif. Des Leutnants zeitweilige Versuche, einen wärmeren Ton in bie Hnterhaltung zu bringen, scheitern stets an ber prüfenben Beobachtung ber Baronin. — „Sie erwartet, baß ich mürbe werbe," sagt er sich in aufflammenbem Trotz, unb bann klingt seine Stimme so eiskalt unb gleichgültig, baß die ohnehin schon stark gespannte Gebulb ber Dame reißt, unb sie bissig antwortet. So herrscht ein ewiger Kampf zwischen beiben, während Ernas stummer Schmachten des Leutnants Laune nicht
streckte Hand zu ergreifen, so finden Sie eine solche jenseits des Atlantischen Ozeans."
Whitelaw Reid von der „New-York Tribüne" feierte ben Präsibenten als Inhaber be8 für bie Amerikaner höchsten Postens in ber Welt unb Roosevelt persönlich als kraftvollen zielbewußten Mann am Steuer, er feierte ben Kaiser als Vertreter alles Besten in Deutschland», der von ber Welt jetzt in feiner persönlichen Größe anerkannt worben sei. Er weiß, was er will, spricht es gerabe heraus unb hanbelt gerabe danach, wie es Roosevelt in ähnlicher Weise auch thut. Obwohl oberster Kriegsherr, erhielt der Kaiser den Frieden, hob die Lage der Arbeiter, förderte Kunst, Literatur und alles Schöne und Gute und wächst an Größe von Jahr zu Jahr. Drei Nationen find von Gott und der Natur zu ewiger gegenseitiger Freundschaft bestimmt, die Vereinigten Staaten, Deutschland und England. Zwischen den ersten beiden bestand stets eine intime Freundschaft, schon des vielen deutschen Blutes wegen. Auch der Kaiser ist davon durchdrungen. Indern ich auf des Kaisers Wohl trinke, verbürge ich mich für die Zustimmung der ganzen amerikanischen Presse.
Heber bieNew-Yorker Festtage bringen wir noch folgende Nachträge:
Der ganze Mittwoch war für den Prinzen Heinrich noch damit ausgefüllt, in New-York an Bankett und sonstigen Festlichkeiten Theil zu nehmen. Das schlechte Wetter machte die Ausführung eines Theiles des Programms zu nichte, besonders am Vormittag, während der Nachmittag erträglicher war, so daß der Fackelzug am Abend ungestört vor sich gehen konnte.
3um Frühstück der Industriellen begab sich Prinz Heinrich um 1 Hhr Nachmittags im offenen Wagen, voran zwei Schwadronen Gentlemen- Reiter und zur Seite berittene Polizei. Morgan, der Vorsitzende, brachte Trinksprüche auf Roosevelt, ben Kaiser unb Prinzen Heinrich aus. Prinz Heinrich ertoiberte mit einem Trinkspruch auf bie Führer von Jnbustrie unb Hanbel ber neuen Welt. Alle Trinksprüche würben von den Anwesenden stehend angehört.
Um 4 Uhr nachmittags traf Prinz Heinrich, wieder auf ber „Hohenzollern" ein. Beim Fackelzug am Abenb waren 320 Vereine, bie 6000 Fackelträger entfanbt hatten, vertreten. Das Publikum stanb bicht gebrängt auf ben Straßen, burch welche ber Zug ging, namentlich aber in ber Nachbarschaft bes Ärion- Gebänbes, wo Prinz Heinrich auf bem Balkon bie Revue abnahm. Im Ariongebäube
gerabe verbessert. Unb ähnlich, wie bies eibauliche Mahl vergeht ber Abenb. Werner zieht sich sobalb als irgenb möglich zurück. — Den nächsten Morgen will er zu einem Spaziergang durch ben Schloßpark benutzen, aber schon nach einigen hunbert Schritten muß er um« kehren, jeber Strauch reißt die HerzenSwunde von Neuern auf.
Endlich kommt bie zur Eröffnung der Testaments festgesetzte Stunbe. Man ber« sammelt sich in der Bibliothek, bem büstersten, unwohnlichsten Zimmer bes Schlosses, denn keine der beiden Damen setzt je einen Fuß hinein. Werners Nerven thut das herrschende Halbdunkel unsagbar wohl, und er zuckt unwillig zusammen, als zetzt zwei Diener viel- armige Leuchter mit brennenden Kerzen hereintragen.
Aus Veranlassung seines ehemaligen Vormundes, der als Testamentsvollstrecker mit bem Morgenzug von Karlsbad eingetroffen, ist auch bie alte Ann - Lies nach Buchwalb gekommen. Sie fitzt das Taschentuch vor den Augen, hinter ihrem jungen Herrn und der Baronm. Man sieht es bem alten, vergrämten Mäbchengeficht an, baß Gelb oder Gelbeswerth wenig Einbruck auf sie machen werben. Ihre Trauer um die Verstorbene ist aufrichtig unb tief.
Der Notar verliest bas Testament. Es ist kurz unb bringt für Werner nichts Heder- rafchenbes. Er ist Erbe der ganzen Hinter- laffenschaft feiner Eltern. Das ist bebeutungS- voll unb inhaltslos zugleich, benn er sieht sich im unbestreitbaren Eigenthum von — nichts!
(Fortsetzung folgt.)