MU dem Kreisvlatt für die Kreise Marbma und Kirchhain
bei allen Postämtern 2,26 Mk. (ejcl. veMgeld). **’ Marburg „ ».
i“ ** Donnerstag, 20. Februar 1902. e"< - 87‘ 'ö“,t0'
Eine englische Veruriheilung der südafrikanischen Gewaltpolitik.
Die Londoner „Daily News" veröffentlichte kürzlich einen Brief von einem englischen Geistlichen in Südafrika, in dem dieser seine Landsleute dazu aufforderte, für den gefangenen tapferen Lurenkommandanten Kruitzinger einzutreten, damit dieser nicht demselben Schicksal anheimfalle, wie kürzlich der erschoffene Sche.-pers. Die Mahnung des Geistlichen ist doch nicht ftuchtlos in England verhallt. Denn die „Daily News" druckt jetzt eine ganze Anzahl von Briefen ab, die warm für die braven Burenführer eintreten. Die Zeitung selbst bemerkt dann dazu: „Wir haben nichts als Abscheu für die Behandlung, die man gewiffen Kriegshandlungen zuteil werden läßt, von denen man behauptet, daß ihre Berechtigung fraglich sei, daß sie deshalb durch ein feindliches Kriegsgericht beurtheilt und mit dem Tode bestraft werden müßten. Wenn das Opfer eines solchen Verfahrens ein tapferer Feind ist, den man gefangen nahm, während er eine heroische That beging, dann wird das Vorkommnis für englische Leser noch schmerzlicher." Das Blatt fährt dann mit Bezug auf seine Preßgegner fort: „Unsere Gegner pflegen uns in Bezug auf unsere südafrikanische Politik höhnisch zu fragen, wie es zu erklären sei, daß wir so großes Jntereffe beweisen für das Wohlergehen und die gute Behandlung von Leuten, die nicht nur Fremde, sondern auch unsere Feinde sind. Es ist leicht auf diesen Hohn zu antworten. Die Buren sollen unsere Mitbürger werden, und wir hegen Glauben, daß es nur eine Art giebt, zu verhindern, daß sie statt dessen innerhalb des Reiches eine Nation geheimer und ewiger Feinde werden. Die Methode ist die der Milde. Und deshalb zögern wir nicht, darauf hinzuwirken, daß nicht nur alle ungebräuchliche Grausamkeit in der Kriegführung vermieden werde, sondern daß man eine Milde zur Anwendung bringe, wie sie sonst bei rein militärischen Kämpfen nicht üblich ist. In Anbetracht der Schwäche unseres Gegners können wir eine solche Milde üben, und in Anbetracht der Schwäche des Gegners ist eine solche Härte, wie Scheepers traf und Kruitzinger bedroht, nichts weiter als unedel."
Es ist besonders intereffant, auch einmal wieder aus englischem Munde eine solch entschiedene Verurtheilung der englischen Gewaltpolitik zu hören. Leider sind diese vernünftigen Leute einstweilen noch spärlich gesät. Wie es im großen und ganzen um die Volksstimmung bestellt ist, bewies ja noch vor kurzer Zeit in drastischer Weise Chamberlains enthusiastische Aufnahme im Herzen Londons. Noch entschiedenere Stimmen finden wir übrigens in australischen Blättern, wie denn überhaupt in
83 Machdruck verboten.)
Else.
Roman von Hanna Nschenbach.
lFortsetzung.)
Der alte Freund sieht sekundenlang nieder in das milde Todtenantlitz, dann beugt er sich und drückt sanft die Lider über die erloschenen Augen. Ein entsetzter Aufschrei läßt ihn auffahren. — „Mein lieber Junge," sagt der Medizinalrath überredend, „nun muß mal ein Ende gemacht werden."
Er zieht den Willenlosen aus dem Zimmer hinüber in deffen eigenes. Dort drückt er ihn in die Sophaecke. — „So, mein junger Freund, vun schlafen Sie ein wenig." Werner blickt entsetzt auf ob dieser Zumutung, indes der Doktor ihn zu beschwichtigen sucht. „So ruhen Sie wenigstens eine Viertelstunde hier, es muß sein!" Apathisch lehnt sich der Leutnant zurück.
Die Reaktion auf die heftige Erregung tritt ein. Schlaf ist hier das einzige Mittel.--
Der kleine Herr nickt Werner freundlich zu, Hann verläßt er dar Zimmer.
Am Todtenlager ist des Arztes Amt bald erfüllt. Er giebt der Haushälterin noch einige Anweisungen und verspricht ihr, alle Formali-
Australien die Klagen über die Kriegführung trotz aller Lcyalität der offiziellen Kreise beständig zunehmen. Ein Sidncyer Blatt vergleicht z. B. — ja nicht ohne Berechtigung — die Thaten der Engländer in Südafrika mit denen Muhameds, Albas, Tillys, WeylerS. Das „Bulletin" sagt wörtlich: „Wenn eS selbst zur Wohlthat der Welt wäre, daß die Burenstaaten britisch würden, wäre es Zeit für England, einen christlichen Staat, die Bibel, öffentlich durch den Henker zu verbrennen und zu Thor und Odins Verehrung zurückkehren, Zeit, die Kirchen als Trinkstuben zu verkaufen und ihre Bischöfe dazu, Zeit, jeden gebotenen Preis zu nehmen für das Nationaldrama, in dem der britische Held erklärt, daß derjenige, der seine Hand an eine Frau legt, unwürdig sei, den englischen Namen zu tragen . . . Gäbe es ein Jenseits, so wäre es immer noch besser, ewig unter der Erde zu liegen, als die lange Reihe kleiner Kinder anzutrcffen, die heimathloS in der Kälte und dem Regen auf den Feldern starben, während der Mordbrenner wegritt, andere hülflose Mütter auszuräuchern für den Ruhm des Reiches." Massagen die Engländer zu solchen Ergüssen ihrer lieben kolonialen Landsleute? Welcher Sturm der Entrüstung würde sich in der englischen Preffe erheben, wenn in irgend einem angesehenen Blatte der kontinentalen Presse ein solcher Ton angeschlagen würde?
Umschau.
Eine deutsche Volksbewegung in Posen.
Mit elementarer Gewalt bricht sich in der Provinz Posen eine deutsche Volksbewegung Bahn. Sie ist bezeichnender Weise in den Kreisen des deutschen Mittelstandes zum Ausbruch gelangt, der bisher zum großen Thüle der nationalen Frage kühl, ja abweisend gegenüberstand, und greift ohne Einwirkung von außen immer weiter um sich. Am vorigen Montag erfolgte in der Stadt Posen die erste deutsche Volksversammlung. Was sich dort den Theilnehmern oufdrängte: die Gewißheit, daß cs sehr möglich ist, die Deutschen aller Stände um das nationale Banner zu schaaren — hat stch den Deutschen in der Provinz bereits mit- getheilt. In Liffa und in Deutsch Koschmin haben stark besuchte deutsche Versammlungen das Echo der Posener Versammlung gebildet. Die Noih der Zeit, der zunehmende polnische Boykott zwingen gerade den deutschen Mittelstand zu einer Stellungnahme in der nationalen Frage. Und diese Leute, die noch so große Polenfreundlichkeit nicht davor schützt, daß sie aus die polnischen schwarzen Listen gesetzt werden, find endlich zu der Einsicht gekommen , daß sie klar und unzweideutig Stellung nehmen müffen. Es giebt keine
täten zu erledigen, da ihr junger Herr doch gänzlich unfähig dazu sei.
Erst am Nachmittag erwacht Werner aus seinem ErschöpfungSschlaf. Es ist als sei in ihm etwas geriffen — ein qualvoller Schmerz durchzuckt ihn — die Erinnerung. Die grausame Wirklichkeit steht vor seiner Seele.
Werner schreitet auf die Thür des Sterbezimmers zu, einen Moment schwankt er. ES kommt ihm das Gefühl, daß bei einem TodeS fall viel Formalitäten zu erfüllen seien, die er durch seinen Schlaf versäumt hat.
Entschloffen öffnet er die Thür. Wo ist die Mutter? Unruhig schaut er um sich. Dort aus der angelehnten Salonthür schimmert Licht. Er eilt hinüber und bleibt wie erstarrt am Eingang stehen. Die Wände find dunkel verhangen; Orangerien in den Ecken und an der Seite, wo auf erhöhter Estrade der Sarg steht. Heller Kerzenschein fällt mild auf das weiße Antlitz der Todten, das so unbeschreiblich friedlich auf den Seidenkiffen ruht. Weiße Seide umhüllt auch die zarten Glieder der Heimgegangenen — ihr Brautkleid. Sie trug es erst einmal, an jenem Tage, da fie sich dem geliebten Manne zu eigen gab mit Leib und Seele. Nun schmückt es heute den Körper, den man in die kühle Kirchhofserde betten wird an die Seite des vorausgegangenen Gatten. —
Möglichkeit mehr, neutral zu bleiben. Diese Folge der polnischen Aggressivität war vorauszusehen; nun sie ein getreten ist, haben sich die Verhältniffe geklärt, und es kann sich nur noch darum handeln, ob überall Männer vorhanden sind, die sich an die Spitze der deutschen Be wegung stellen können und wollen. Da wird namentlich in den kleineren Städten an den opferfreudigen Patriotismus der Beamten, Geistlichen und Lehrer appelliert werden müssen. Wer im Osten genauer bekannt ist, weiß, daß es an solchen Männern nicht fehlt und hat das Vertrauen, daß fie jetzt hervortreten werden, zumal der Erfolg der Versammlungen in Posen, Liffa und Deutsch-Koschmin laut genug spricht. Das Vorgehen des in nationalen Dingen bisher verhältnismäßig indifferenten Mittelstandes ist eine Folge des schneidigen Vorgehens der Regierung gegen die polnische Agitation. Denn ohne die entschiedene Stellungnahme der preußischen Regierung, ohne zu wissen, daß er in Berlin einen starken Rückhalt hat, würde der Mittelstand sich kaum aufraffen. Die Re gierung sollte daher durch solche an fich noch vielleicht geringfügige Erfolge, die aber für die Zukunft mehr verheißen, in ihrer entschiedenen Stellungnahme dem Polenthum gegenüber nur bestärkt werden.
Englands illoyale Kriegführung.
Es ist wiederholt behauptet worden, daß Buren, welche sich an der Kriegführung nicht betheiligten und in englischer Gewalt sind, gezwungen werden, in den Eisenbahnzügen Platz zu nehmen, um dadurch die im Felde stehenden Buren von einem Angriff abzuhalten. Minister Brodrick will von diesem Gebühren nichts wissen. Vielleicht so schreibt man der „Tägl. Rundsch.", giebt ihm nachstehender Brief einer Dame aus Prätoria zu denken.
Prätoria, 31. Okt. . . . Vater ist gestern wieder von einer solchen Reise zurückgekommen. Es ist für ihn schrecklich, manchmal fünf Tage im Zuge zuzubringen. Es war Vz10 Uhr, als Vater ankam. Wir waren den ganzen Tag sehr in Sorge um ihn, denn, denkt Euch, gestern kommt jemand an unseren Garten und fragt, ob wir schon etwas vom Vater wüßten. Ich sagte: „Nein — haben Sie denn etwas gehört?" „O ja," war die Antwort. „Es ist ein Zug in die Luft geflogen." Ihr könnt Euch unseren Schreck denken; der gute Mann wunderte sich noch obendrein, daß uns das so sehr nahe ging. Natürlich war die Freude groß, als wir den Vater heil und gesund wieder hatten.
Prätoria, 15. Dez. . . . Heute morgen ist Vater nach Pietersburg abgereist. Wie Ihr ja bereits wißt, werden Bürger von Prätoria mit jedem Zuge mitgenommen, um durch ihre Gegenwart die anderen Buren von einem Angriff abzuhalten. Wir sind sehr beunruhigt,
Der Sohn steht von fern und blickt auf das rührende feierliche Bild. Er wagt kaum zu athmen.
Lange steht Werner am Sarge und sein schmerzdurchtobtrs Herz wird ruhiger, je länger er in die geliebten Züge schaut.
Schweren Schrittes verläßt Werner das Sterbezimmer; er findet Rappel seiner wartend. Richtig, er muß ja von dem Sterbefall Meldung mcchen und um Urlaub bitten. Er hat ja auch den Dienst versäumt.
Und nun steht er vor dem Gestrengen, den nur ein Zufall noch zu so später Stunde auf der Kanzlei zurückgehalten. Wie im Traum hört Werner die herzlichen Worte des sonst so barschen Mannes, die fich gegen deffen Gewohnheit auf seine Lippen drängen, als er in das verheerte, junge Antlitz schaut. Wie im Traum hält Werner die Hand an der Mütze. Ihm ist, als habe ihm der Gestrenge zweimal die Hand gereicht und ihm ermunternd auf die Achsel geklopft. Was er eigentlich gesagt hat, weiß er nicht. Jedenfalls nichts! — Was soll man auch sagen?
Zögernd schlägt er den Weg nach Hause ein.
24. Kapitel.
„Werner, Werner, so halte doch!" ruft eine bekannte Stimme, „zum Teuf---" Das
Wort erstarrt dem lustigen Baron im Munde,
aber es muß eben ertragen werden. Bis jetzt sind noch alle wiedergekommen, die zur Bahnfahrt kommandiert wurden. Vater erhielt einen Platz erster Klaffe in einem Wagen direkt hinter der Maschine. Die Reise dauert gewöhnlich acht Tage.
Ein Interview mit Frau Dewet.
lieber ein Interview mit Frau Dewet, der Gemahlin des bekannten Burenführers, die sich zur Zeit in bem Zufluchtslager zu Maritzburg befindet, weiß der Berichterstatter der „Daily Mail" folgendes zu erzählen: „Als ich eintrat, bemerkte ich zu beiden Seiten nahe der Thüre die Wappen des Transvaal- und Oranje - Freistaates sowie die Portraits von Mr. Krüger, Steijn, Louis Botha und Dewet; auf dem Tifch stand ein Bouquet weißer Blumen. . . Frau Dewet ist eine kleine schmächtige Gestalt; fie trug weiße Kleidung und verweigerte in englischer Sprache zu antworten. In Holländisch sprach sie sehr lebhaft. Sie raisonnirte über die Zufluchtslager und verlangte ein Haus in Pietermaritzburg zu erhalten, wie es die Frau des General Smit, der ihrem Gatten im Range nachstehe, besäße. Dabei bemerkte fie, daß fie persönlich bemittelt sei und daß fie in pekuniärer Beziehung, wie auch bezüglich Bedienung, nicht die leiseste Unterstützung der britischen Militärbehörden wünsche. Ferner war sie sehr ungehalten, daß man ihr verweigere, mit ihrem Gatten zu korrespondiren. Die kleine Frau war sicher, daß ihr im Felde stehender Gatte sich weder gefangen geben noch jemals „erwischt" werden würde; lieber würde sie ihn im Grabe sehen, als daß er sich den Engländern selber stelle. Zwei ihrer Söhne befinden sich noch immer beim Vater, während ein dritter bei Paardeberg gefangen genommen und nach St. Helena in Kriegsgefangenschaft überführt worden ist."
Deutsches Reich
Brrlik, 19 Febr
— Wie das „Wiener Fremdenblatt' meldet, ernannte der Kaiser von Oesterreich den Prinzen Eite.l Friedrich von Preußen zum Oberleutnant im Oesterr.-Ungar. Infanterie Regiment Nr. 39.
— Der Prinzregent von Bayern hat die Begnadigung des Raubmörders Kueißel, der .Auasb. Abendztg.' zufolge abgelehnt, sodaß seine Hinrichtung in den nächsten Tagen erfolgen wird.
— Der deutsche Botschafter v. H o l l e b e n lud den Admiral D e w e y telegraphisch zu dem Diner ein, an dem Prinz Heinrich theilnehmen wird. Dewey sprach sein Bedauern aus, die Einladung wegen der Krankheit seiner Frau nicht annehmen zu können.
— Der Budgetkommisfion ist vom Staatssekretär des Reichsschatzamts jüngst mitgetheilt worden, daß der Fehlbetrag im Reichshaushalte für das Rechnungsjahr 1900/1901 annähernd 70 Millionen Mark betragen werde.
als der Freund fich umwendet, und er sein ver» störtcs Antlitz sieht. „Was ist geschehen?" Er weiß die Antwort im Voraus, das verräth sein tieferblaßtes Gesicht. Ein zitternder Athemzug hebt Werners Brust. „Sie ist todt!" sagt er mit halberstickter Stimme. — Da legt Baron Selten seinen Arm in den des Freundes, und zieht ihn mit fich fort, über die Straße in deffen Wohnhaus. Dort schlingt er den Arm um deS Freundes Schulter. „Werner, Bruderherz — das ist ja entsetzlich!" stammelt er. „Aber wie ist das möglich? So schrecklich rasch?" — Ich weiß es nicht," lautet die tonlose Antwort. — „Werner, sei nicht so finster und starr, Du weißt, ich traute mit Dir. Sie war mir theuer — sehr, sehr theuer!" Der Andere zuckt die Achseln. War nutzt das ihm? Er will keinen Trost, am liebsten niemand hören und sehen. Was find ihm alle die Menschen?
Aber der kleine Baron denkt nicht daran, sich zu verabschieden, obgleich des Freundes schroffe Art ihn in Verlegenheit bringt. „Werner," beginnt er schüchtern, „darf ich sie sehen?" — Dann steht Baron Selten tiefergriffen am Sarge der mütterlichen Freundin. — „Starb sie leicht, Werner? — „Ja." — „Heute früh?" — „Ja." — Selten verstummt entmuthigt.
(Fortsetzung folgt.)