37. Jahrg.
Ein früheres Kapitel aus Englands
SS
In England herrscht große Entrüstung über die öffentliche Abfertigung, welche Chamberlain vom deutschen Reichskanzler kürzlich erfahren | hat Man stellt sich, als wenn die in der ganzen Welt, in Deutschland vielleicht m besonders hohem Grade, verbreitete Entrüstung über Englands völkerrechtswidriges Verhalten I ;m Burenkriege nur grundlose Heuchelei sei. Enaland's Politik, so wird heuchlerischer Weile in der dortigen Presse behauptet, sei stets eine legale gewesen, habe immer nur die Freiheit I der Völker im Auge gehabt. I
Demgegenüber würde es genügen, auf die rücksichtslose Gewaltpolitik hinzuweisen, mit der sich England im vorigen Jahrhundert in den Besitz der damals holländischen Kapkolome gesetzt hat, zu deren Behauptung es jetzt zu der von der ganzen civilisirten Welt verurtheilten I grausamen Kriegführung gegriffen hat. Aber man kann noch weiter zurückgehen und wird finden, daß eine ähnliche Nützlichkeittpolitik unter Nichtachtung aller geschloffenen Verträge von England zu allen Zeiten gehandhabt worden ist. Die Zeit der Kämpfe zwischen England und Holland bietet dafür besonders lehrreiche Beispiele. _ .
Im Jahre 1674 ward zwischen Holland und England der Friede zu Westminster geschloffen, während der Krieg der Niederlande mit Frankreich sortdauerte. England, welches damals die möglichsten Vortheile von seiner Neutralität bei diesem Kriege ziehen wollte, bestand darauf, daß der neutralen Flagge sogar das Recht zuerkannt werde, den kriegführenden Parteien Schiffsbauholz, und deren Kolonien Lebensmittel | zuzuführen; die Kontrebande wurde auf Waffen, Geschütze und Pferde beschränkt. Als aber im siebenjährigen Kriege die neutralen Holländer, gestützt auf diesen Vertrag, der durch den Frieden von 1713 überdies aufs Neue bestätigt war, an Frankreich Schiffsbauholz und nach den französischen Kolonien Lebensmittel lieferten, erklärten die Engländer den Handel mit Schiffs- bedürfniffen für Kontrebande und den ganzen Handel nach den französischen Kolonien für unerlaubt. Allein im Jahre 1756 nahmen und konfiszirten sie 56 holländische Kauffahrer, und im Jahre 1758 beklagten sich die holländischen Kaufleute in einer Bittschrift beim Statthalter darüber, daß ihr Verlust an den von den Engländern geraubten Schiffen und Waaren schon 12 Millionen betrage.
des meinigen Sonne." — „Warst?!" lacht der Sohn, deffen Rührung bei dem starken Glücksjubel seine? Herzens nicht lange angehalten; „ich bin es, und will e8 immer bleiben, bist ja auch das liebste Mütterchen der Welt. — Und nun habe ich eine famose Idee? Hast Du zu Nacht gegeffen?" unterbricht er sich. — „Ja, mein Junge, aber Du?" — „O, ich esse einen Biffen auS der Hand, bin garnicht hungrig. Ich schlage vor, mein geliebtes Mütterchen nimmt den Arm ihres großen Jungen und wandert mit ihm nach der Elbe. Wir haben einen traumhaft schönen Abend, kein Lüftchen regt sich; eS ist mollig warm draußen. Wir machen einen unserer wonnigen Abendspaziergänge früherer Zeiten, und wenn Du hübsch brav bist, kaufe ich Dir eine Portion Deines geliebten KaffeeeiseS, ja?" Frau von Buchwald lacht heiter auf. — „O, Du grvßmüthiger Junge! Also dazu langts noch am Ende deS Monats, alle Wetter! Oder soll ich meine gütige Hand aufthun?" — „Auch das, Muttchen, und nun komm. Unterwegs erzähle ich Dir von
I einem großen Zauberfest, auf welches ich am ! Montag gehe, und aus das ich mich kindisch freue."
Zehn Minuten später trägt Werner seine Mutter die Treppe hinab und schreitet mit ihr langsam in den herrlichen Sommerabend hinaus. Sie suchen die einsamen Wege am Quai und finden dort eine bequeme Bank. Mit leidenschaftlichem Entzücken ruhen die Augen der Kranken auf dem herrlichen Bild, das sich wie ein Märchen aus 1001 Nacht vor ihr entrollt.
(Fortsetzung folgt.)
ihre Studien und ihre praktische Vorbereitung I i zum höheren Justizdienst bisher zugemessene 1 Arbeitszeit, ohne dieselben zu erhöhen,
anders zu vertheilen. Es soll nämlich die I Dauer des Rechtsstudiums, welches der I ersten juristischen Prüfung vorangehen muß, in I Zukunft 7 Halbjahre betragen (gegenwärtig 3 Jahre), während für den Vorbereitungsdienst 37g Jahre angesetzt werden (bisher 4 Jahre). Die Begründung zu dieser Umtheilung geht davon aus, daß in Bezug auf das Rechtsstudium I nach Stoff, Plan und Methode Aenderungen I in neuerer Zeit sich angebahnt haben, denen I durch die Verlängerung der Studienzeit um I ein Semester Rechnung getragen werden soll. I Dor einigen Dezennien war vieles, waS jetzt I den Gegenstand besonderer Reichsgesetze bildet, ! gesetzlich überhaupt noch nicht oder nur durch I zerstreute partikularrechtliche Normen geregelt. I Aber auch der damals bereits vohandene Rechts- I stoff hat die mannigsachsten Erweiterungen erfahren; manche Materien find durch eine reich- I haltige Rechtsprechung und durch befruchtende I literarische Arbeit zu vorher ungeahnter Be- I deutung gelangt. Man vergegenwärtige sich
I nur, zu welcher Bedeutung Disziplinen, wie I Staatsrecht, Verwaltungsrecht, Völkerrecht und
I Kirchenrecht, in den letzten dreißig Jahren herangewachsen find. Man ziehe ferner die I
I grundlegende Umwälzung in Betracht, die im I I Plane des Rechtrstudiums durch den Erlaß deS I Bürgerlichen Gesetzbuches sich vollzogen hat. I Endlich berücksichtige man die in der gesammten I Methode des juristischen Studiums herbeige- I führte Erweiterung schon allein durch die gegen I früher sehr beträchtliche Steigerung der Nutz- I barmachung von praktischen Uebungen für die I Studirenden. I
I Der Staatsregierung erscheint eS daher | dringend wünschens Werth, die Studienzeit der I Juristen auf der Universität um ein S e m e st e r I zu verlängern. Dementsprechend beab I fichtigt sie, gleichzeitig eine Kürzung des bis I herigen Vorbereitungsdienstes zwischen der ersten I und zweiten Prüfung um die gleiche Zeitspanne, nämlich um ein halbes Jahr, Platzgreifen zu
I laffen. Sie glaubt hierbei die Thatsache berück sichtigen zu muffen, daß eine große Summe von Kenntnissen, die früher der junge Jurist
I sich erst im Vorbereitungsdienste zu erwerben I hatte, gegenwärtig bereits auf der Universität I ihm dargeboten wird.
: I UebrigenS soll mit dem Gesetzentwurf noch I eine andere Neuerung eingeführt werden. Die
: I Studirenden sollen nämlich verpflichtet werden : I am Schluffe des dritten Semesters bei der von
der Unterrichts- und Justizverwaltung zu bestimmenden Stelle sich ein Zwischenzeit g- n i ß über die Ordnungsmäßigkeit ihres bisherigen Rechtsstudiums zu erwirken. Als Unterlage für dieses Zeugniß sollen die Anmeldebücher und die Zeugnisse über die Uebungen und die in letzteren gefertigten Arbeiten dienen; auch die Studiennachweife nicht-preußischer Universitäten können hierzu benutzt werden, salls deren Studienbetrieb den Einrichtungen aus den preußischen Universitäten gleichwerthig ist. Ausdrücklich mag hinzugefügt werden, daß eine förmliche Zwischenprüfung nicht eingeführt werden soll. Die Durchführung der geplanten Aenderungen setzt einige Uebergangs- bestimmungen voraus. Die mit dem April in Kraft tretende Neuordnung soll sich nur auf solche Studierende erstrecken, die erst ein Se» | mester ihrer Studienzeit hinter sich haben.
Diejenigen Studierenden, welche an sich nach den älteren Vorschriften zu behandeln sein werden, können aber aus diesen Vortheil keinen Anspruch mehr erheben, müssen vielmehr ein ordnungsmäßiges Rechtsstudium von 7 Semestern Nachweisen, wenn sie ihre Meldung verzögern, also spätestens bis zum 30. September 1904 ihre Zulassung zur ersten juristischen Prüfung nachfuchen. Andererseits soll der Justizminister ermächtigt fein, den Vorbereitungsdienst auch
I bei diesen Kandidaten auf 37, Jahre zu be* I schränken, wenn sie ein Rechtsstudium von 7 I Halbjahren zurückgelegt haben.
I Eine Unterredung mit Ohm Krüger. I Ein Mitarbeiter der „Täglichen Rundschau" I Pfarrer Schowalter hat mit dem Präsidenten I Krüger eine Unterredung gehabt, in der I dieser u. A. sagte, daß die Republiken nie I Krieg geführt hätten, wenn sie nicht dazu ge- 1 zwungen worden wären, um ihre Selbstständig- I leit und Freiheit zu behaupten. Sie hätten I nur das Schwert von sich gewendet, das auf I sie gerichtet war. Für eine Intervention würden I die Buren sehr dankbar sein, aber nur wenn I man mit ihrer Forderung der Unabhängigkeit I rechne. Der englische Vorschlag : „Erst Unter- I werfung, dann eine Art von Selbstregierung" I würden die Bureu nie annehmen. Es seien so- I wohl Geld als Kleidungsstücke nöthig, doch I empfehle es sich, nicht fertige Kleider sondern Stoffe und Materialien zur Herstellung von
I Kleidern zu senden. Denn dadurch bekämen I die Frauen in den Lagern selbst Beschäftigung, I die sie etwas aufraffe und ihre Lage vergessen I taffe. Auf die Frage ob es von Werth fein . würde, wenn die deutsche Regierung von der
Ganz derselbe Vorgang wiederholte sich, als I im Jahre 1778 der Krieg zwischen England und Frankreich wegen des Beistandes ausgebrochen war, welchen letzteres den für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Amerikanern geleistet hatte. Genau wie 20 Jahre früher, setzte sich England über alle beschworenen Verträge hin- I weg, ließ die neutralen holländischen Schiffe I untersuchen, konfiscirte alle, welche nach Frank- I reich mit Holz beladen waren und verbot den Handel nach den französischen Kolonien. I
Aus Anlaß dieser Gewaltpolitik Englands erschienen damals eine große Anzahl verschiedener I Schristen, in der die allgemein herrschende Ent- I rüstung ihren Ausdruck sand. Sie scheinen I Lord Roseberry nicht bekannt gewesen zu fern, als er kürzlich im Parlament erklärte, es gäbe kein früheres Beispiel in der Geschichte, wo I der britische Name mit gleicher Feindschaft an- I gesehen worden wäre wie in heutiger Zerr. I I Wir wollen deshalb sein Gedächtniß etwas aus- frischen. Unter jenen Schriften ist eine von be= sonderem Interesse, weil sie gleichsam prophetisch die Stellung vorausfieht, die Englands Weltmarktpolitik den übrigen Nationen gegenüber heute einnimmt. .
„Es ist nicht unmöglich", so heißt es darin in deutscher Uebersetzung, „daß die Männer, welche an der Spitze der Staaten stehen, eines Tages nach dem allgemeinen Wohl der Mensch- I heit Verlangen tragen. Es kann selbst der Fall eintreten, daß sie endlich begreifen, daß I die Interessen der Nationen sich nur zu all- I fettigem Schaden kreuzen, und daß der allge- I meine Nutzen erfordert, daß Jeder etwas von seinem besonderen Vortheile abtrete. Dann I wird England, in dem Glauben, daß es am meisten dazu verlieren haben, derjenige Staat sein, welcher sich am entschiedensten widersetzt.
I Ist es doch naturgemäß der Feind der allgemeinen Wohlfahrt, an deffen Demütigung alle
I Nationen interessiert sind."
Wem fiele diesen prohetischen Worten gegenüber nicht fofort die Haltung ein, welche Eng- I land auf dem Haager Friedenskongreß einge- I nommen hat, und die absolute Nichtachtung, mit der es sich über die dort gefaßten Beschlüsse I während des Krieges mit den Buren, hin- weggefetzt? ***
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chen ihm so unbefangen und harmlos vertraute, müßte er doppelt streng gegen sich fein. —
„Was sinnst Du, Werner?" fragt Frau von Buchwald leise. — „O, Muttchen, ich habe so viel mit Dir zu reden," aber als er ihrem erfchrockenen Blick begegnet, fügt er beschwichtigend hinzu: „Nicht heute, Liebes, sei unbesorgt; eg ist auch nichts Schlimmes, wie Du zu fürchten scheinst, Du thörichtes Frauchen!" — „O, ich dachte nur, Du hättest etwas mit Tante Therese, sie schreibt garnicht." „Tante Therese," wiederholt Werner gedehnt, „ach sie ist doch immer schreibfaul. Darum sorge Dich nicht," sucht er die Mutter zu beruhigen. Aber innerlich wird es ihm klar, daß sein Geständniß sein krankes Mütterchen doch recht erschrecken würde, da sie der einflußreichen Baronin Wunsch kannte und theilte, um der für ihn so glänzenden Zukunfts- Hoffnungen willen. Ihren Widerstand, wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein konnte, würde er zwar bald besiegt haben, aber die Sache würde sie erregen, und darum war Vorsicht geboten. — — .
„Nun sage, Mütterchen," beginnt er heiter, wag für Thorheiten wollen wrr denn da begehen ? Du siehst einen königlich sächsischen Leutnant zu allem bereit." - „Ich ja, Werner, laß uns überlegtn! Ich fühle wich heute tote neugeboren. Für morgen habe ich schon ein Programm, aber was thun wir heute Abend?„ I _ „Was hast Du denn morgen vor, Liebes?" I — fragt der Sohn, innerlich fest entschlossen, im Nothfall selbst den geliebten Kirchgang I schwimmen zu lasten, falls sein theures Mütterlein einen anderen Wunsch hegt. „Ich wollte | Dich bitten, mich in die Kirche zu führen.
Umschau.
Umtheilung in d er Studienzeit der Juristen in Preußen.
Ein dem Landtage zugegangener Gesetzentwurf bezweckt, die den Juristen in Preußen für
Werner preßt die Lippen fest zusammen, um I den Jubellaut zurückzuhalten, der ihm zu entschlüpfen droht. „Ich war so lange nicht dort," fährt Frau von Buchwald fort und fügt weh- müthig hinzu: „wer weiß, wie es nächsten Sonntag ist."
Der Leutnant verbirgt fein Gesicht auf der Hand der Kranken, die er zärtlich küßt, dann sagt er, und seine Stimme wird fast erstickt von dem inneren Jubel: „O, herzlich gern, Mamachen, vielleicht regnet es nächsten Sonntag." — „Ja, vielleicht," und wieder macht die zarte Frau eine gewaltsame Anstrengung, um die wehe Stimmung, welche sie stets von neuem überfällt, zu verscheuchen, um ihres luftigen Jungen willen. Der aber merkt heute sowieso nichts davon. Er fitzt an ihrer Seite und malt sich die Begegnung am nächsten Tage in leuch tenden Farben au5. In plötzlich auSbrechendem Jubel springt er auf, nimmt die Mutter in seine starken Arme und trägt fie zum Fenster. Dort hält er die federleichte Gestalt wie ein Kind an seiner Brust und auf den herrliche» Abschiedsgruß der scheidenden Sonne deutend: „Siehst Du, Muttchen, so rofig, so selig ist eS mir zu Muthe! Daß Du nun wieder wohl bist, welch ein Glück! O, Du liebes Mütterlein, wie schön ist doch das Leben!" —
Verklärten Auges ruht der Kranken Haupt an der Schulter des Sohnes. Die welke Menschenblüte, fie ist die Wurzel, auS der dies kräftige Reis entsprungen; sie hat dem Manne das Leben geschenkt, und nun hält er fie in I feinem Arm und lacht über die zarte Last. — „Ja, das Leben ist schön," sagt sie mit umflorter I Stimme, „und Du, mein Werner, Du warst
(Nachdruck verboten.) Else.
Roman von Hanna Aschenbach.
(Fortsetzung.)
„Gesund?!" Ein traurige« Lächeln umspielte den Mund der Dame, und sie birgt das Gesicht an der Schulter des Sohne-. — „Gesund, natürlich Mütterchen!" wiederholt Werner in froher Zuversicht, „wie ich mich freue!"
Frau von Buchwald richtet sich entschloffen auf. „Ja, Werner, ich fühle mich recht wohl, ordentlich stark," sagt fie heiter. „Der Doktor meinte, er könne mir alle Thorheiten erlauben, die ich begehen möchte, ich solle die schöne Zeit noch genießen."
Der Sohn fieht nicht da« wehe Zucken in dem geliebten Antlitz, er hört auch nicht daS Beben in der Mutter Stimme. Für fie hat jedes Wort einen todestraurigen Neben sinn, aber der Sorglose denkt nur daran, daß da- geliebte Mütterchen nun feine Else sehen kann, sobald als möglich, und daß er nun endlich Gewißheit erlangen wird, Gewißheit! Ach, eigentlich zweiset er garnicht mehr an der Möglichkeit, die Geliebte heimzusühren. Der Gedanke ist ihm längst so vertraut, daß ihm ein mögliche? Scheitern seiner Pläne nicht in den Sinn will. Er wartet, weil sein Ehrgefühl ihm gebietet, feine Werbung auf Grund positiver Ver- hältnifse anzubringen, denn sobald er Elfe's Wort erhalten, will er vor die Mutter treten. Bei feinem Besuch am Nachmittage war ihm die Heimlichkeit ihres Verkehrs doch schwer auf das Herz gefallen und gerade, weil da« Mäd»
»ierteljährlicher Bezugspreis: bet der Expedition 2 DL, SÄdtbtttd
bei allen Postämtern 2,25 Mk. (excl. Bestellgrld). 0
I»f.,ti»»«,ebühr: die gefpaltene Zcke ob« deren «an» IvPfg. 23. JMMlH 1902.
Reclamrn: di, Zelle 25 Pfg. * 1 _____