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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Zllustrirtes Sonntagsblatt.«*- 7

Jtl 306

Zweites Blatt

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<Nachdruck verboten.)

I ten Lage befinden. Jeder, der die Verhältnisse I drüben kennt, weiß, daß zumal in Russisch-Polen I und in den baltischen Provinzen die Revolution I ihre Spitze auch gegen die Deutschen richtet. Es I ist daher unter den Deutschen Rußlands bereits I ein großes Verlangen erwacht, nach der alten Hei- | mal zurückzukehren. Dies Verlangen ist ein um I so brennenderes bei den Landsleuten in Russisch- I Polen, als sie in äußerster Gefahr sind, ihre I deutsche Sprache und damit überhaupt ihre deutsch« Nationalität zu verlieren und vom Po- lentum verschlungen zu werden.

Die Unterstützung der Deutschen in Rußland ist nicht nur eine Pflicht, die uns moralisch gebo­ten ist, die Erfüllung derselben fordert allein schon die nationale Klugheit, der Blick auf unser eigenes in den deutschen Ostprovinzen auf das äußerste, voni Polentum bedrängte Volkstum. Denn die Erkenntnis drängt sich jedem Einzel- nen der den hier zwischen Polen und Deutschen ! sich abspielenden Kampf aufmerksam beobachtet, immer zwingender auf: unsere Nationalität kann vor weiterein Vordringen des Polentums nur geschützt werden, wenn es uns gelingt, starke deutsche Bolksmassen in unseren Oste« zu werfen, denn hier bleibt das Deutschtum an Zahl und dadurch auch an Macht und Einfluß stetig hinter dem Polentum zurück. Die Ansiedlungskommis- sion, das zeigt sich klar, ist nicht im stände, eine so große Anzahl Deutscher aus anderen Gebieten des Deutschen Reiches herbeizuholen, die aus- reichte, um dem größeren Wachstum des Polen­tums auch nur einigermaßen die Wage zu halten. Deshalb müssen wir Deutsche auch außerhalb unseres Vaterlandes in unsere östlichen Provinzen hineinzuziehen suchen. In den Deutschen Ruß­lands bieten sich uns frische Hilfstruppen für den nationalen Kampf, den wir gegen die Polen zu führen haben. Sie sind als solche noch aus an­deren Gründen von ganz besonderer Bedeutung. Durch die Arbeit der Ansiedlungskommission wird nur das Deutschtum auf dem Lande gestärkt. Wie I steht es aber mit den Städten? Hier sind wir Deutschen in schlimmer Lage, denn es fehlt uns an dem tvichtigsten, den deutschen Arbeitern; die noch vorhandenen werden mehr und mehr ver­drängt, weil sie nicht so bedürfnislos sind und darum auch nicht so billig arbeiten können, wie ihre polnischen. Wettbewerber. In den mit ihren Ansprüchen an die Lebenshaltung viel bescheide­neren Deutsch-Russen, können wir das bekommen, I was wir in den Städten so nöttg brauchen, einen I deutschen Arbeiter- und Handwerkerstamm, der I den Kampf mit den Polen erfolgreich aufzuneh- I men tiermag. ' I

Ferner: Millionen deutschen Geldes gehen I jährlich durch die polnischen Landarbeiter, die im I Sommer nach dem Westen ziehen, dem deutschen I Nationalvermögen verloren und verstärken hier I rm Osten die wirtschaftliche Kraft der Polen. I Wenn es gelänge, hier im östlichen Deutschland I eine große Zahl deutsch-russischer Landsleute auf I flehten, 3 bis 6 Morgen großen Parzellen anzu- I siedeln, die natürlich voll diesem Besitz nicht allein I le&en könnten, und sich daher im Sommer als I

Die revolutionäre Bewegung in Rußland

Aus de» Oßserprovinzen.

Die letzten Nachrichten aus den Hafenstädten lauten etwas beruhigender, da das Militär zu­verlässig ist und et nste Störungen abzuwenden

Die deutsch-rmsische Rückwanderung. _ Nur wenige werden erfahren haben, daß in Ostrowo, Provinz Posen, sich ein Komftee zur Rettung von Deutsch-Russen gebildet, und dies Komftee eine Kanzlei für deutsch-russische Rück- Wanderer gegründet hat. Und doch handelt es sich hierbei um ein nattonales Hflfswerk ersten Ranges, das überall bekannt zu werden und leb- Wrefte Unterstützung verdient. In Rußland le- bett 2 Millionen deutscher Stammesbrüder, in Russisch-Polen allein gegen 400 000, die sich durch die russische Revoluftoit in einer äußerst bedräng-

Srschcint wöchentlich siebe« mal.

Druck und Verlag' Ioh. Aug. Koch, UmvrrfitätS-Buchdruckerei 40.

Marburg, Markt 21. Telephon 55.

in der Lage fein wird. Wie die Verhältnisse I auf dem Lande sich gestalten werden, ist vor- I läufig nicht zu sagen, da die Revolutionäre noch I Herren der Lage find. Immerhin ist durchaus I kein Grund zu vorzeitigem Optimismus vor- I Händen und man wird gut tun, sich nicht in I falscher Sorglosigkeit wiegen zu lasten. Wenn I eine Mehrzahl der Balten in ihrem Lande bleibt, I so tut sie das wohl nur deshalb, weil sie an I der Möglichkeit verzweifeln, bei dem Mangel I an Subsistenzmitteln sich in Deutschland eint I neue Existenz zu schaffen.

I Königsberg, 29. Dezbr. An Bord dL I gestern Abend von Reval hier eingetroffenen I DampfersPrinz Heinrich' befanden sich | 23 reichsdeutsche Flüchtlinge, Männer und | Frauen; alle find gesund und befitzen Barmittel I und fanden auf eigene Kosten Unterkunft. Nach I ihrer und des begleitenden Oberstabsarztes Aus- I kunft ist die Rückkehr des Dampfers nach Reval I nicht erforderlich. Dort herrscht Ruhe. Der I Militärkommandant hielt mühelos die Ordnung I aufrecht. Die Zeitungsnachrichten über die Un­ruhen in Reval seien stark übertrieben. (?) Dor zwei Wochen fand ein Putsch statt, seitdem ist alles ruhig. (?)

Bromberg, 29. Dezbr. Ter Personen' und Güterverkehr mit Alexandrowo, Ort uw Uebergana, sowie Sosnowice Weichselbahn, Ort und Uebergang, ist eingestellt. Güter sind bis auf weiteres nicht attzunehmen, rollende anzu­halten und den Absendern zur Verfügung zu

I stellen; Fahrkarten sind nicht zu verkaufen.

Hamburg, 20. Dez. Der Dampfer der Amerika-LinieKehrwieder" unterhält einen ständigen Verkehr zwischen den russischen Hafen­plätzen der Ostseeküste und Memel, sodaß für die Beförderung von Flüchtlingen ausreichend gesorgt ist.

Lübeck, 29. Tez. Der DampferLivland" überbrachte auS Riga 76 Flüchtlinge. Der DampferDeutschland" ging von hier ab, um weitere Flüchtlinge zu holen.

Hamburg, 29. Dez. Wie die.Hamburg- Amerika-Linie" mitteilt, ist dieBatavia", die nach der russischen Ostseeküste nur entsandt wurde, um im Bedarfsfälle als Hospitalschiff oder als vorübergehender Zufluchtsort zu dienen, hierher zurückgekehrt, da für eine derartige Verwendung kein Bedürfnis vorlag.

Ten bereits gestern gebrachten Auszüge» aus verschiedenen Privatbriesen sei heute noch ein weiterer angeschloffen, der einem Briefe eines Rigaer Oberlehrers entstammt, den dieDanziger Neuesten Nachr." veröffent­licht haben.

Ganz Süd -Livland brennt; alles, wa! einem Deutschen gehört, wird verbrannt. Auf ein­zelnen Gütern halten sich noch die Deut­schen, da sind sie alle: Aerzte, Förster, Guts­besitzer usw. in besonderen sesten Hüten zusammen-

Madrid, 29. Dezbr. Deutschland und Frankreich haben der Vertagung der Marokko- konferenz bis 16. Januar bereits zngestimmt.

London, 29. Dezbr. Das Kriegsamt be- schloß die gerichtliche Verfolgung dreier Offi­ziere, die nach einer in Pretoria abgehaltenen Untersuchung während des Burenkrieges Kriegs­vorräte unterschlagen ur.b Bestechungen ange­nommen hatten. Die Offiziere sind bereits verhaftet

Landarbeiter nach dem Westen verdingen müßten, dann würden ungeheure Summen, die jetzt die Polen verdienen, dem Denflchtum erhalten blei­ben, und dasselbe dadurch finanziell ganz be­deutend gekräftigt werden. Das sind ungefähr die Erwägungen, die zur Gründung des oben­genannten Komitees geführt haben. Dasselbe sieht zunächst seine Aufgabe darin, die in den Deutsch-Russen erwachte Sehnsucht nach dem Mut­terlande zu stärken durch Aufrufe usw. Aus die- ser Aufgabe ergibt sich ganz von selbst eine andere: die aus Rußland eingewanderten Deutschen mit Rat und Tat zu unterstützen, d. h. ihnen hier in I Deutschland, und vor allem im Osten, Arbeit und

Brot zu verschaffen, und ihnen, da die meisten fast ganz mittelos aus Rußland ankommen, das Reisegeld bis zu ihrer neuen Arbeitsstätte vorzu­schießen. (Bis jetzt hat dasselbe ca. 150 deutsch- russische Familien in Deutschland untergebracht.) Allein schon. die Erfüllung dieser Aufgaben ist natürlich mit großen Kosten verbunden und nicht möglich, wenn nicht seine Arbeit in ganz anderer, wirksamerer Weise unterstützt wird, wie bisher. Das Komftee richtet deshalb an jeden Deutschen, der ein Herz für seine bedrängten Landsleute in Rußland und eine klare Erkennt­nis für die Größe der Gefahr hat, in der sich unser Volkstum hier, im Osten des Reiches be­findet, die ebenso dringende wie herzliche Bitte, ihm Geldspenden zum Besten unserer deutsch-rus­sischen Brüder zu übermitteln.

Ist es nicht eine Ehrensache für unser Volk, daß es hier, wo es sich darum handelt, den eige­nen Landsleuten, dem eigenen Volkstum, zu Hilfe zu kommen, eine mindestens ebenso offene Hand zeigt, tote an anderen Stellen? An die deutschen Arbeitgeber jeden Standes aber wendet sich das Komitee mit dem herzlichen Ersuchen, sich bei Be­darf von Arbeitern und Hilfskräften jeder Art (Handwerker, Fabrikarbeiter, Landarbeiter, Schreiber, Kaufleute) an die Kanzlei für deutsche Rückwanderer zu wenden, damit dieselbe in der Lage ist, den in ihre Heimat Zurückgekehrten Ar­beitsgelegenheit nachzuweisen; auch bittet es, mit­tellosen Leuten, wenn irgend möglich, das Reise­geld ab Ostrowo vorschießen und an die Kanzlei einsenden zu wollen; dieselbe wird dann die Fahr, karten besorgen, sodaß die Leute selbst kein bar Geld in die Hand bekommen. Bei den bescheids- nen Mitteln, über die das Komftee bis jetzt leider noch verfügt, ist es ihm nur in Ausnahmefällen I möglich, den Rückwanderern die Reisekosten I zu erstatten. Anfragen jeder Art: Stellen- I gehend quittiert. Anfragen jeder Art: Stellen- I angebote usw., nimmt die Kanzlei für deutsche I Rückwand erer, Ostrowo, Flei sch markt 6, entgegen. I

Neueste Telegramme.

Berlin 29. Dezbr. Ein Telegramm aus Buea (Kamerun) meldet: Leutnant Karl Foertsch, geboren am 12. August 1879 zu a ssel, früher Infanterie-Regiment No. 96, ist auf einer Expedition bei Hingam schwer verwundet worden.

Kiel, 30. Dez. Die Hebungsversuche beim Torpedoboot8 126" werden erst nach Neujahr ausgenommen werden. Der Bergungsverein läßt in Cuxhaven neue Hebevorrichtungen Her­stellen.

Vierteljährlicher Bezugspreis: btt ött Expedition 2 Mk* bet allen Postämtern 2,25 Ml. <e$d. Bestellgeld).

Jnsertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg, Reclamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonntag. 31. Dezember 1905.

zum Allerheiligsten, zu den beiden Keinen Höfen, blieb auch ihnen versagt.

Ec war gewiß ein liberal denkender Mann, der jedermann und jedem Stand gab, was ihm gebührte. Sie hatten alle ihren Zweck und Nutzen aber er gebrauchte noch lange Zeit, ehe er sich mit dem Gedanken vertrant machen konnte, feine Tochter wollte einen bürgerlichen Schriftsteller heiraten, der nichts besaß als sein bischen Verstand.

Hanns ging durch das Wohnzimmer über die Diele in ihren großen Salon. Hier traf sie Egon, welcher scheinbar sehr ungeduldig auf sie wartete. Hohn und Aerger standen deutlich aus seinem Ge- sicht geschrieben.

Er trat schnell zu der Eiutretenden heran und betrachtete sie von oben heräb musternden Blickes.

Höre einmal, Hanns," rief er höhnisch,Dn bist wohl gar nicht recht -----"

Sie fiel ihm aber mit einer brüsken Bewegung und einem so harten Klang der Stimme in dar Wort, daß er betroffen schwieg und nur ung> duldig an feinem Schnurrbart zerrte.

Ich verbitte mir diesen Ton, Egon," sagte sie.Alles kann ich ertragen, nur keinen Spott. Nicht gegen mich, nicht gegen ihn. Du scheinst mit mir sprechen zu wollen, bitte. Aber ich bitten daß es in einem Ton geschieht, der angemessen ist."

Egon schwieg, und Hanns fuhr nach einer kurzen Pause fort:

Ich habe mit voller Neberzeugung Papa und Dir gleichzeitig von meiner Absicht Mitteilung gemacht. Ich war mir ganz klar, daß ich eine» Sturm heraufbeschwören würde, und ich. wollte ihn nicht zweimal dttrchkämpfen müssen. Daß ick> ihn aber überstehen werde, steht fest."

So, so?" meinte er kurz.Sehr siegesgewttz, aber Du wirst Dich täuschen. Wenn das alles schm» ganz fest steht, wirft Du auch nicht mit mir bart über sprechen wollen. Ich werde mich also ein>* fehlen und nachher mit Prpa über die Sack« reden.» .Msrisetzimg folgt.) J

Jv - -im. Wb. L -**-S

Die Brücke.

Roman von Willy Scharlau.

lFortsetzung.!

, --Das glaube ich," knurrte dec fange Leutnant, indem er näher trat.Könnte dem Herrn schon Passen. Jung, hübsch, nicht töricht und auch noch vermögend. Glaub ich schon."

Davon weiß er nichts!" rief Hanns empört.

Unsinn, weiß er nichts. Wozu gibts denn .Auskunfteien, kenne ich. Ist gar nicht so teuer."

Wer selbst im Glashaus wohnt, soll nicht gegen andere Steine werfen, Egon. Ich bin aber überzeugt, Oertel denkt toeniger--. Ich will

das Wort unausgesprochen lassen."

Bitte, tue Deinen moralfarbenen Anwand­lungen keinen Zwang an," meinte Egon höhnisch.

Der Vater aber schnitt jedes weitere Wort scharf ab, indem er unzweideutig erklärte, er tounftbe mit der Tochter allein zu sprechen. Die­sen: Wunsch konnte sich Egon nicht widersetzen und verließ, wenn auch ungern, das Zimmer.

Exzellenz atmete förmlich erleichtert auf, als die Tür sich hinter dem Sohn fchloß.

Er fchob die Decke zur Seite, richtete sich auf und ging langsam zu dem großen Schreibtisch, an welchem er sich wieder mederließ. Er toar noch bfaffer als gewöhnlich.

»Du kannst Dir denken, Hanns, wie über­raschend mir Dein Bekenntnis kommt. Ich weiß nicht, was ich zuerst fragen soll, denn es ftünnt von allen Seiten auf mich ein. Wo ich es nicht Angern gesehen, erteilst Dn einen Korb, und ich verstehe Dich nicht."

Ich will Dir alles erzählen, Väterchen," sagte Hanns rasch und trat zu dein Vater.Du sollst nicht so viel sprechen, und schon deshalb will ich Dir alles sagen. Außerdem aber habe ich Alchts, auch gar nichts vor Dir zu herbergen. Nicht ein Wort von Liebe ist zwischen ihm und mir

I gesprochen worden, einzig in dem gestrigen Brief I schrieb er es. Und doch wußte ich genau, der Brief I oder er selbst. Er hat den ersteren Weg vorge- I zogen und ich finde es recht."

Sie erzählte dem Vater rückhaltlos alles, was I geschah. Dann ward es füll im Zimmer.

I Der alte Herr saß da, den Kopf in beide I Hände gestützt, und dachte nach.

I »Es ist niemals ganz leicht, ein Kind sortzu- geben, denn die Ehe ist und bleibt ein Glücksspiel,

I und doppelt, wenn nicht das Für und Wider genau abgewogen wurde."

Davon war aber zwischen den beiden bislang nicht die Rede. Ihnen genügte, daß sie wollten. Um so eaifter aber toar seine, des Vaters Pflicht, auch die Kehrseite ins Auge zu fassen.

Langsam erhob sich der General.

Wie alt und gebrechlich erschien er der Tochter in diesem Augenblick, so sehr, daß sie seinen Arm faßte, ihn zu stützen.

Laß, Kind!" erklärte er ruhig, aber nicht unfreundlich.So schlinun steht's noch nicht um öen alten Lingen, daß er sich gar nicht mehr zu Helten wüßte. Ich gebrauche Zeit, zu überlegen, lall nur die nötige Ruhe dazu. Für eins hab Tank, mein Mädel, dafür, daß Du Deinem alten Vater von allem Mitteilung machtest, ehe Tu Dich bandest. Das toar brav."

. »Ich sagte Dir, daß die Absicht bei mir be. steht, mich zu verloben,. Väterchen. Ich habe daraus fein Hehl gemacht."

»Ein Faktum, mit dem ich rechne, Hanns, trotzdem laß mir Zeit."

Er nickte der Tochter zu, toelche das Zimmer verließ. |

Langsam, sehr langsam ging Exzellenz auf bein dicken Teppich hin und her. Tann setzte er stw an seinen Schreibtisch, entnahm demselben ein Sölaft Papier, auf welchem Zahlen und Summen verzeichnet waren, mackste sich aus diesen einen Auszug, rechnete und legte dann das Stück Papier wieder an seinen Platz znriick. I

Köln, 30. Dez. Der Bund der mittleren Und kleineren Brauereien der Norddeutschen Brausteneroemeinschaft hielt hier gestern eine zahlreich besuchte Tagung ab. Es wurde eine Entschließung zur Brausteuervorlage angenom­men, in der namentlich erklärt wird: Der Bund spricht sich gegen jede Erhöhung der Braustener aus und verlangt die Einführung mner wirksamen Staffelung. Die von den Großbraneceien als berechtigt anerkannte Staffe­lung mit der Differenz von einer Mark zwischen bem niedrigsten und dem höchsten Satze fei in p.'tner Weise hinreichend.

$6tiS 29. Dez. (Havas.) Der Minister­rat beschloß, daß die Mitglieder de8 Klerus, aus Grund des Gesetzes betreffend die Trennung der Kirche vom Staat, an den offiziellen Em- pfängen am 1. Januar nicht mehr teilnehmen fallen.

Die materielle Seite muß auch in Betracht ge­zogen werden, dachte er. Schriftstellerbrot ist häufig genug Hungerbrot.

Nun stand er wieder auf und wanderte im Zimmer auf und nieder, bis ein Gefühl von Schlwäche ihn zwang, seinen gewohnten Platz im Sofa wieder aufzusuchen.

Es mußte wohl ein großes Glück sein, eine Ehe ans Siebe. Ihm ward dies Glück nicht zuteil. Seine Ehe toar vom Verstand geschlossen, sie floß ruhig, ohne Erregung dahin.

Aber toar solche Ehe nicht einer Liebesheirat vorzuziehen?

Was bleibt bei einer solchen, wenn die Liebe schwindet?

Und nun gar, wenn der eine Teil soviel auf. gibt, wie seine Tochter wollte?

Auf das Gerede der Welt gab er wenig. Man sprach ja auch schon gerade genug von den Extra­vaganzen seines Kindes, von ihrer übergroßen Selbständigkeit unb ihren wunderlichen Neigun­gen, mich von seiner unglmiblichen Schwäche, alles gift zu heißen. Aber trotz aller Extravaganz blieb Fräulein von Lingen unter allen Umständen Fräulein von Lingen, auch jetzt, wo sie sich Doktor der Philosophie nannte. Sie toar und blieb die vornchme Dame.

Das aber änderte sich mit einem Schlage, toeiut sie einen bürgerlichen Mann heiratete. Nickst in seinen Augen, sicherlich auch nicht in den Augen vieler Standesgeuossen, wohl aber für die Ge­sellschaft in Wilhelmsburg. Ter Kreis, in welchem sie hier lebten und verkehrten, toar fest geschlossen, unnahbar, wie mit einer chinesischen Mauer um­geben. Außenstehende konnten wohl zwveileii einen Blick über die Mauer werfen, cintreten konnten sie nicht. Und wen die Gesellschaft mis- schloß, der hatte keine Aussicht, jemals das Tor wieder zu finden.

Zwar gab es zwei Eindringlinge. Denen aber gaben _ ihre Titel einen gewissen Anspruch auf Zugehörigkeit zur Gesellschaft, der Zutritt aber