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Marburg
Donnerstag. 21. Dezember 1905.
Erscheint wSchentlich sieben mal.
Druck und Verlag- Iah. Ang. Koch, UmversitätS-Buchdruckerei 40. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon o5.
Zweites Blatt.
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I Deutsche Kolonien.
GÄdwestafrUa. Nachdem der Reichstag jbie Forderungen für den Bahnbau von Lüderitz- bucht nach Kubub genehmigt hat, wird sofort mit dem Bau begonnen werden. In Lüderitz- stucht befindet sich bereits der Bauinspektor Schlüprnann von der Kolonial - Abteilung, der ifcie staatliche Bauaufficht führt, ferner Ingenieur Nissen von der Firma Lenz u. Co., der den Letzten Teil der Nsambara-Eisenbahn gebaut hat Mnd auch diesen Bau leiten wird. Nach einem Telegramm deS Gouverneurs find schon 150 farbige Arbeiter auf dem Wege nach Lüderitz- vucht, und der Gouverneur wird bald im ganzen drei- bis fünfhundert farbige Arbeiter -pellen können. Am 14. d. M. reiste der Baumeister Reh von der Firma Lenz n. Co. mit acht Mann Auffichtkpersonal nach Lüderitzbucht. Die für die erste Strecke des Bahnbau« erforderlichen Sprengarbeiten werden durch die 'In Lüderitzbucht stationierte Eisenbahn Baukom- pagnie anSgeführt. . Der erste Teil der Materialien, für deren Lieferung die leitende Firma schon vorläufige Abmachungen getroffen hatte, wird am 30. Dezember von Hamburg abgehen.
Ostafrika. Bis Ende Januar wird die ^Strecke der Bahn Dar-eS-Salaam—Mrogoro bis zum Kingani-Fluffe, rund 80km, fertiggestellt sein, und dann gleich probeweise in Betrieb gefetzt werden. Zurzeit sind schon reichlich 60km vollendet. Da man immer reichlich Arbeiter -zur Verfügung gehabt hat, ist der Bahnbau troß des Aufstandes rascher vorgeschritten, als man angenommen hatte. Die ganze Strecke Piz Mrogoro wird jetzt auf rund 210km angenommen. Die Vorarbeiten sind bis zum Kilometer 180 vollendet. Zur Ueberfchreitnng des ^Kinganis durch die Bahn wird man zunächst vorläufige Maßnahmen treffen, weil noch länger eine technische Beobachtung des Flusse» und Ider von ihm in der Regenzeit mitgeführten Wassermaffen und Baumstämme erforderlich ist, 'ehe man Klarheit über die Erfordernisse für den Bau einer festen Brücke zu gewinnen vermag.
Ausland.
Italien. Einen bemerkenswerten Gegen- satz zu einer Reihe vou wenig wohlwollenden Besprechungen der großen ReichStagSrede des Fürsten Bülow über die auswärtige Politik durch die italienische bürgerliche Presse bildet die warme Anerkennung, die da« Militär-Blatt »Esercito* ihr widmet. Nach den Auslassungen des »Esercito* müßte diese .offene und stolze Sprache' in erster Linie in Italien gewürdigt
(Nachdruck verboten.)
Verwehte Gleise.
Eins Weihnachtsgeschichte von Reinhold OrtMüLS.
Dadurch daß er sie in seiner mannhaft ruhigen von den widerwärtigen Zudringlichkeiten eines mitreisenden jungen Menschen befreit, hatte sich Rudolf Bruckner augenscheinlich daS unbegrenzte Vertrauen seiner allerliebsten ^Fahrtperossin gewonnen. Der Unverschämte hatte schon auf der ersten Station das Coups 'verlassen und sie waren von nun an ganz allein mit einander geblieben. Während sich draußen über die weiten verschneiten Felder allmählich die frühe Dunkelheit deS Dezembertages herab- ffenkte und das eintönige Landschaftsbild vor j>en Wagenfenstern mehr und wehr hinter dem Schleier der immer dichter wirbelnden Flocken ^erfchwand, plauderten sie in ihrem kleinen behaglich durchwärmten Gefängnis munter und lebhaft wie alte Bekannte.
Im allerletzten Augenblick vor der Abfahrt deS ZugeS erst war die zierliche Kleine auf dem löahrhof erschienen, ohne großes Gepäck, aber so schrecklich beladen mit einer Unzahl von Schachteln und Paketen, daß sie beim besten Willen nicht erst lange nach dem Frauercoups Hatte suchen können, sondern froh gewesen war, noch irgend einen Unterschlupf zu finden. Und abgesehen von dem nunmehr glücklich entfernten Geschäftsreisenden hatte sie's dabei nach ihrer eigenen Meinung offenbar über alle Erwartung gut getroffen. War doch ihr Gefährte em ernster, gesetzter Mann, dessen -vaar sich an Stirn und Schläfen bereits zu lichten begann. Und alles, ft>a« *t faate. Hana fo Hua und so aütia in«
werden. „Die leichte Ironie', mit welcher der «hervorragende Staatsmann" darauf hingewiesen hätte, daß die große Mehrheit des italienischen Volke« nur zu sehr dem Dreibund ein noch größere« Gewicht wünschen müßte, um die Unabhängigkeit seiner äußeren Politik wahren zu können, wird hervorgehoben, und die Worte de« Kanzler«, daß die Gefahr de« Verluste« einer solchen unabhängigen Politik jedem Italiener au« der Gesckichte seines Landes bekannt sei, werden in Sperrdruckwredergegeben. «Mögen diese Ausführungen ironisch gemeint sein oder nicht, sie find von unbestreitbarer Tiefe und die Lenker unserer Politik täten gut, mit ihnen zu rechnen" . . . DaS Blatt schließt seine Ausführungen mit den Worten: «Jedenfalls freuen wir unS, daß der Dreibund eine neue und feierliche Bestätigung gefunden hat, da der Austritt au« diesem Bunde (accordo) für un« gleichbedeutend wäre mit einer Isolierung unter gefahrvollsten Bedingungen und mit einem vollkommenen und direkten Hasardspiel'. — Diese Stellungnahme deS einflußreichen militärisch-politischen Blatte« erbringt von neuem den BewiS, daß die stärkste Stütze der italienischen DreibundLpolitik durch Heer und Flotte gebildet wird.
Hessen-Nassau Utld Nachbargebiete.
Rhünda b. Gensungen, 16. Dez. Freitag abend gegen 5 Uhr brach im Gehöft des Landwirt« Stieglitz Feuer auS. Die Scheune, sowie die Stallungen wurden ein Raub der Flammen.
Brenna, (Kreis Wolfhagen), 18. Dezember. Vor einigen Tagen kam es zwischen dem Tagelöhner K. und seiner Ehefrau zu Zwistigkeiten, in deren Verlauf die Frau einen großen Stein dem Mann an den Kopf mit derartiger Wucht warf, daß der Getroffene mit zertrümmerter Schädeldecke tot zu Boden stürzte. Gegen die 30 jährige Ehefrau ist ein Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todeserfolg einleitet worden.
Vermischtes.
Königshütte, 19. Dez. BergmannSsrau KaluS hat wie die „Frkf. Ztg." meldet, in Gemeinschaft mit ihrem Liebhaber, dem Arbeiter Thomanek ihren Gatten ermordet, indem sie ihm, der die beiden Nachts bei einem Stelldichein überrascht hatte, einen Knäuel Lampen in den Mund steckte und ihm ein Kopfkissen so lange über da« Gesicht deckte, bis er erstickt war. Dann hängten die Gattin und ihr Liebhaber bie Leiche auf, damit Selbstmord als Todesursache angenommen werde. Alles da« geschah unter den Augen der achtjährigen Tochter des Ehepaars Kalus, deren Schweigen mit 50 Pfg. erkauft wurde. Die Frau ging dann zur
gleich, daß Fränzchen Baldung auch nicht das mindeste Bedenken trug, ihm während der gemeinsamen Fahrt durch den von Weihnachtsahnung und Weihnachtsstimmung ganz wunderlich erfüllten Winternachmittag alles zu offenbaren, wa« an Freude über die Genenwart und an fröhlicher Erwartung für die Zukunft ihre noch halb kindliche Seele bewegte.
Zu allererst hatte er erfahren, daß sie aus einem hauptstädtischen Institut komme, in welchem junge Mädchen für allerlei praktische Berufsarten vorgebildet würden und daß es sich bei dieser Reise um eine ganz gewaltige Neber- raschung handeln solle.
«Meine Tante und mein Bruder haben keine Ahnung davon, daß ich da« WeihnachtSsest mit ihnen verleben werde," plauderte sie. «Und wenn ich nicht so furchtbar sparsam gewesen näre mit meinem Taschengelde, hätte ich auch den Preis der Fahrkarte unmöglich zusammen bringen können. Wenn wir doch nur schon da wären! — In meinem ganzen Leben ist mir noch keine Etsenbahnfahrt so lang geworden wie diese."
Rudolf Bruckner fragte lächelnd nach ihrem Reiseziel und hörte, daß sie nach Neustadt wolle.
«Da werden wir unS also schon in einer halben Stunde trennen müssen, denn mein Weg führt mich noch ein gutes Stück weiter," meinte er. »Sie sprachen von einer Tante, die Sie überraschen wollen. Haben Sie denn Ihre Eltern schon verloren?'
»Ach ja! — Ich war erst sechs Jahre alt, als die Mama starb und der Papa ist nun auch schon seit beinahe sieben Jahre tot. — Wenn wir die Tante nicht gehabt hätten, wäre e« un« aewiß sehr schlecht aeaanaen. denn mein Bruder
Beichte und schlug nach ihrer Rückkehr Lärm, daß ihr Mann sich erhängt habe. Die Täter sind bereits verhaftet.
Münster, 19. Dez. Französische Blätter wußten in diesen Tagen zu berichten, daß 30 Soldaten des 4. Kürassier-Regiments in Münster fahnenflüchtig geworden und nach Frankreich geflohen wären, wo sie alle Arbeit fanden, bis aus einen namens Michael Zenner, der sich ganz mittellos dort der Behörde stellte und in die Fremdenlegion ausgenommen zu werden wünschte. Der Grund zur Flucht wären Mißhandlungen gewesen. Nach Erkundigung ist an der ganzen Geschichte, wie Vorauszusehen war, kein wahres Wort. Im ganzen Jahre 1905 ist au8 dem 4. Kürassier - Regiment ein Mann desertiert, ein Elsässer namens Thouvenin. Ebenso ist im ganzen Jahre 1904 nur ein Mann anSgerückt. Der Name Zenner kommt in den Listen deS 4. Kürassier-Regiments überhaupt nicht vor. Beim Infanterie-Regiment Nr. 55 war ein Musketier Zenner, der aber wegen Geisteskrankheit entlassen worden ist.
Hildesheim, 18. Dez. Wie die HildeS- heimische Zeitung meldet, ist heute abend hier Bischof Dr. Wilhelm Sommerwerk, genannt Jacobi, gestorben.
Mailand, 19.Dez. Der Ueberseedampfer „Sicilian Prince', der am 5. Dezember mit 754 Auswanderern von Palermo nach New-Dork auSaefahren ist, ist in Gibraltar nicht eingetroffen. Man befürchtet, daß der Dampfer während der letzten schweren Stürme im Mittelmeer un^ergegongen ist.
Auf einen groben Klotz ... Die »Bremer Nacht." erzählen: Scene: Ueberfüllter Wagen der Ringbahn in Bremen. Eine Dame steigt ein und muß stehen; ein Arbeiter erhebt sich und nun ent spinnt sich folgendes Gespräch; Arbeiter: „Madamm, nehmen S' minen Platz, ich kann ehder stahn.* Dame (hochmütig): »Danke, ich setze mich auf keinen warmen Platz.' »Arbeiter: «Denn so kann'k bett nich helpen, Madamm, een Jsbüdel kann'k mi nich in de Boxen hangen." Für diese treffende Antwort soll der Arbeiter von einem Herrn drei Mark erhalten haben.
Tie Berliner und andere Grotzbrnueeeie« klagten neulich mächtig und dabei zahlen Dividende: Schultheis - Berlin 18 Prozent, Patzenhofer-Berlin 15 Prozent, die Vereins- brauerei Rixdorf, die Stettiner Bergschloß brauerei 14 Prozent, Schwabenbräu-Düsseldorf 10 Prozent, Elbschloß - Brauerei Nienstädten 10 Prozent ufro.
Hochschulnachrichten.
Göttingen: In der nächstm Zeit wird, wie verlautet, die Zahl der studentischen Korporationen um ein neues Korps vermehrt werden. Das in der ersten Hältte der 80er Jahre suspendierte Korps .Teutonia' wird sich wieder .austun'. Zu gleicher
war damals noch ein ganz kleiner Junge. Aber sie ist uns wahrhastig eine rechte Mutter gewesen. Ich bin ganz sicher, daß es kein edleres und selbstloseres Wesen auf der Welt gibt."
Ihre Augen leuchteten, und eS war etwas so unsäglich Rührendes in dieser unschuldigen Schwärmerei eines dankbar zärtlichen Herzens, daß Rudolf Bruckner sie durch seine Fragen veranlaßte, ihm noch recht viel von der vergötterten Tante zu erzählen, nur um der Freude an dem reizenden Anblick noch für eine Weile teilhaftig zu werden. Noch ehe die letzte halbe Stunde ihrer gemeinsamen Reise verstrichen war, hätte sih der Koupeegeroffe aus ihrer Schilderung ein recht anschauliches Bild zusammensetzen können von einer sanften und doch tapferen, tugendstrengen und doch unendlich gütigen Frauengestalt, die in der Erziehung und Pflege zweier armer verwaisten Kinder die Aufgabe ihre« Lcben« erblickt und diese Aufgabe mit jenem durch nichts zu erschütternden Heldenmut durchgeführt hatte, dessen in solchen Dingen am Ende doch nur ein weibliche« Wesen fähig ist.
«Ihre Tante muß in der Tat sehr bet- ehrungSwürdig fein,* sagte er. «Ich möchte beinahe bedauern, daß e« mir nicht vergönnt ist, sie kennen zu lernen."
„Ja, dar ist wirklich schade", erwiderte Fränzchen, die schon angefangen hatte, ihre sieben Sachen zusammen zu suchen, treuherzig. „Sie würde Ihnen ganz gewiß riesig gefallen. Denn Sie müssen sich nicht etwa vorstellen, daß sie eine magere alte Jungfer ist mit einer spitzen Nase und verkniffenen Lippen. — O nein, sie ist noch immer so hübsch, daß ich mich auf dem ! Fleck in sie verlieben würde, wenn ich ein Mann
/juakeW Lisöhne /1
Zeit wird bie in den 50er Jahren gegründete frei* schlagende Verbindung .Mündenia" aufhören zu bestehen, da ihre attiven Mitglieder in das neue Korps eintreten werden. Die hier schon vorhandenen Korp» (Saxonia, Hannovera. Bremensia, Hildeso-Guestfalia, Brunsviga und Herchnia) sollen die Neugründung der Tentonia gerade laicht mit günstigen Augen ansehen, da sie für ihre zum größten Teile an attiven Mitgliedern sehr schwachen Korporationen eine unbequeme Konkurrenz bilden wird. Für die -Mündenia' ist gegenwärtig der Bau eines Hause«, bei 15. Korporationshauses in unserer Universitätsstadt, im Werke. Die .alten Herren' der »Mündenia* werden nicht mit in den Bestand bei .Teutonia" übernommen werben.
Straßburg: Der Kampf ber Stubenten gegen bie konfessionellen Verbindungen hat auch hier zur Erünbung einer Ortsgruppe bes Verbands deutscher Hochschulen unter dem Namen „Studentenverband an der Kaiser Wilhelms-Universität' geführt. Der Verband erklärt in einer Zuschrift an die .Straßb. Post' ausdrücklich, daß er durchaus keinen Anspruch aus eine Gesamtvertretung der Studentenschaft macht.
— Deutschbaltische Studenten. Durch die erneute Schließung des Polytechnikums in Riga ist eine größere Anzahl deutschbaltischer Studierender genötigt worden, deutsche Hochschulen aufzusuchen. Die Herren haben sich meist nach Darmstadt und Karlsruhe gewandt. Da die Zustände in den baltischen Provinzen sich von Tag zu Tag verschlimmern, ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß noch zahlreiche weitere Hörer des Rigaer Polytechnikums ihren Kommilitonen folgen werden. In Karlsruhe werden, wie die »Nat. Korr.' erfährt, diese Deutschballen durchaus als Deutsche behandelt, während sie in Darmstadt bie vollen Lasten der gegen die dort besonders stark sich hervordrängenden russischen Studierenden erlassenen Schutzbestimmungen tragen muffen. Hier müßte auf -eben Fall Abhilfe gelchaffen werden. Der Zweck der Bestimmungen über Ausnahmebehond- Inng ist doch, die Schädigung der deutschen Interessen durch ausländische Konkurrenz abzuwehren, nicht aber bedrängte deutsche Volksgenossen in noch größere Bedrängnis zu bringen.
— Die Verleihung eines tierärztlichen Doltortitels wird von der preußischen Unter- richtsoerwaltung eingehend erwogen. Es wird nach einer Aeukerung des Dezernenten Wohl der Titel Dr. med vet. dafür gewählt werden. Man denkt daran, daß das Recht zur Promotion, wenn auch nicht allen, fo doch einigen Universitäten verliehen werden könnte. Zum Studium der Tierheilkunde ist jetzt das Reifezeugnis erforderlich, die Ausbildung ist ungefähr dem medizinischen Studium gleich, und e« erscheint daher der Wunsch, zur Promation als Dr. med. vet. zugelassen zu werden, gerechtfertigt. Prof. Schmach betont jedoch in der »Bert. Tierärztl. Wochenschrift', daß das Recht der Prüfung ben beiden tierärztlichen Hochschulen beigelegt werde« müsse, und nicht den medizinischen Fakultäten, deren Mitglieder gar nicht in der Lage find, die Fähigkeiten der Veterinärmediziner festzustellen. Auch m Bah.rn und Württemberg wird die Promotion von Tierärzten geplant._ _______
1. LangeS fc
1. Uhrenfabrik Glashütte (8)
30 1. Preise) empfiehlt ihre Fabrikate bei Vertreter. Curt Zenner, Bahnhofstraße 10.
Verantwortlich für die Redalnmi: Dr. Toerkes-Bovpard in ni'A-r,,,,.,
wäre. Aber sie will garnicht heiraten, unb das ist ein wahres Glück für un« — obwohl e« vielleicht sehr egoistisch ist, baß ich so etwa« sage. — Aber wissen Sie, mein Herr — jetzt, wo wir unS gleich Abieu sagen werben, kann ich ja bavon sprechen — wissen Sie, weshalb ich fo offenherzig gegen Sie gewesen bin, obwohl ich Sie garnicht kenne unb obwohl ich weiß, baß ein junges Mädchen auf bet Reise überhaupt nicht mit einem fremden Herrr sprechen soll?*
„Nun, da wäre ich in bet Tat neugierig."
»Weil Sie eine gewisse Aehnlichkeit haben mit einem Bilde, auf das die Tante groß« Stucke hält und datz sie über ihrem Heinen Schreibtisch hängen hat, so lange sie bei un« ist. — Es ist am Ende keine sehr große Aehnlichkeit. Aber ich weiß nicht — in den Auge« unb um ben Munb--*
Sie hielt errötenb inne, weil ihr ba« Unschickliche solcher Vergleichung zum Bewußtsein kommen mochte. Aber die Verlegenheit war nicht von langer Dauer, denn eben fuhr bet Zug in ben Neustädter Bahnhof ein unb e« war hohe Zeit, baß Fränzchen sih mit all ihren ziemlich unzulänglich verpackten Schätzen auf ben Bahnsteig hinaus rettete. Rudolf Bruckner war ihr ritterlich babei behilflich. Unb eben wollte sie ihm mit einem freundlichen DankeS- wort zum Abschieb bie Hanb reichen, al« ein Beamter am Zuge entlang lief und den bet Weiterfahrt gewärtigen Passagieren zurief:
«Alle« aussteigen! — ES gibt wegen Schneeverwehung zwischen Hellbach und Liebenwalde einen wenigstens zweistündigen Aufenthalt."
^Fortsetzung folgt.)