Erscheint wöchentlich sieben mal,
Druck und Verlag' Iah. Aug. Koch, UmvrrfitätS-Buchdruckerei 40. Jahrg.
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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Illustrirtes Sonntaasblatt.
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J1& 4»O Sonntag, 17. Dezember 1W)5.
Viertes Blatt.
Weihnachtsbetrachtung.
Von Fritz Hastenpstng, Lehrer Marburg).
Die ernsten Klänge des Totenfestes sind der- Hallt, und mit dem vorletzten S rnntaae sind wir in hie Adventszeit, die ja recht eigentlich den schön, sten Teil des Kirchenjahres bÜdet, eingetreten. Die wohlbekannten, so vertrauten und lieben Lieder: „Wie soll ich dich empfangen" und „Macht j ? hoch die Tür, die Tor' macht weit" erklingen wieder, und MIder, schöne, halb vergessene Bilder werden wach in der Erinnerung. Unsere Ge- danken gehen zurück, wett zurück über Raum und Zeit, in die heitere, fröhliche Kindheit. Würziger Harzduft, untermischt mit dem feinen Aroma der Klepfel und anderer Herrlichkeiten, geheimnisvolles - \ Kommen und Gehen im Hause, und endlich der .Christbaum selbst, den die kindliche Phantasie vom „Christkindchen" ausgestellt und geschmückt wähnt, die herrliche deutsche Weihnachtstanne l
Schon unseren Altvordern war ihre Julfeier, : : das Wintersonnwendfest, das schönste Fcst des s Jahres, war doch jetzt die Macht der Eisriesen \ | wieder gebrochen, und wenn sie sich auch noch so ungebärdig stellten. Ihr Regiment war nun doch ] r bald zu Ende, und sie müßen zurück in ihren Eismlast am Gestade des fernen WendelmeereS '(das Meer nördlich von Skandinavien, durch das nach germanischem Mythus derWeg nach Niflheim, f in das Reich der bleichen Göttin Hel, führte).
Vorher aber zeigten sie noch einmal ihre ganze Gemalt. Grimmige Kälte herrschte, und die i Eichen des deutschen Unvaldes ächqten unter der Last des Schnees und barsten vor Frost.
Drinnen aber, im derrtschen Freisaßenhause, loderte ein mächtiges Feuer auf der Herdstätte, und Kienspanfackeln erhellten die eichmgetäfelte Halle mit rötlichem Glanze. Von den Wänden * herab hingen gewaltige Jagdtrophäen, zu denen I mancher grimme Waldbewohner seinen Pelz hatte ■ liefern müssen. Draußen, am Giebel, waren wunderliche Zierate angebracht, Gnom und Kobold i fern zu halten, die besonders in den zwölf helligen s Nächten (25. Dezember bis 6. Januar) ihr Wesen i trieben. Auch Odins wildes Heer durchbrmiste in : dieser Zeit auf den Flügeln der Windsbraut den ' Forst, und der Tann erscholl von seinen Hussa- l rufen und dem Gebell der beiden gewaltigen j L Wodansrüden Kliff und Klaff. Im trauten Ge- mach sagte die Hausfrau ein Runensprüchlein, l wenn das Geschrei der Jagd sich dem Hause üälierte.
Wenn sich am Tage der Sturm gelegt hatte, und Frau Holla ihre Wolkenkühe üb« den Him- l mel führte und den Wald mit Flocken bestreute, k daß die Bäume wie verzuckert ausschauten, dann holten die Knechte des Freisaßen eine Tanne aus I dem Forst, um sie im Hofe aufzurichten, bannt sie ; während der zwölf heiligen Nächte da- HauS vor ; Unglück schütze.
i Als viele hundert Jahre später die Lehre von dem Christkinde zu unseren Vätern gebracht und [ der yeidnischc Odin mit den Äsen verbannt wurde, । konnte sich das Volk von gewisien, ihm lieb ge» ■ wordcnen Gebräuchen, denen es mit der dem get- f manischen Typus eigentümlichen Zähigkeit an- ! hing, nicht ohne weiteres trennen. Davon leitet i sich auch die Feier des Geburtstages des Heflan- L des im Winter und die schöne Sitte des Weih. . nachtsbaumes her.
„Der Christbaum ist der schönste Baum, den : wir auf Erden kennen" sagt das Lied mit Recht. | Er funkelt und leuchtet mit hellem Schein weit in , des Winters Nacht hinein. Und wenn schon un- i seren Vorfahren ihr Weihnachten ein Stern in der ' trüben Winterszeit war, so viel mehr uns, denen t die frohe Engelsbotschast dort auf Bethlehems ; Gefilden erklungen ist:
- „Euch ist heute der Heiland geboren, welch« l ist Christus, der Herr in der Stadt Davids."
Die Auskunftsstelle für bäuerliche Ansiedlungen
s ft vom Deutschen Verein für ländliche Wohl- [ ahrts- und Heimatpslege B«lin SW. 11, Des- s auerstraße 14) auf vielfach wiederholte Wünsche ' ns Leben gerufen und zwar in d« richtigen Er- . »enntnis, daß bei d« großen sozialen und natio- Palen, Bedeutung der inneren Kolonisation und fcei ihrer verschiedenartigen Entwicklung eine : stelle, an der die bäuerliche Bevölkerung eine ' pickst vom geschäftlichen Interesse beeinflußte Ams- l (unft einholen könnte, bisher noch völlig fchlte.
Kohl hat der genannte 93«ein diese An Wabe l wn Anfang an 'aus sein Programm geschrieben, i fuch manches in ihrem Sinne getan' nun ab« \ off dieser Zweig seiner Täftgkeit besonders aus-
Icfmitet und der Landbevölkerung durch den hin- t »eisenden Namen mehr als bisher zum Bewußt- kw gebracht werden. Selbswerständlich wird es ! sch dabei, wenn die Aufgabe ganz erfüllt werden
soll, nicht nur um die gesamte staaüiche und staatlich beaufsichtigte Kolonisation handeln, son- dern auch um die privaten Aufteilungen, soweit sie eine allgemeinere Teilnahme beanspruchen. Die Auskunstsstelle wird darum in allen Kreisen Deutschlands Vertrauenspersonen zu gewinnen suchen, die ihr neben den Mitgliedern des Deut, schon Vereins für ländliche Wohlfahrts» und Hei. matpflege und den zur Mithilfe geneigten amtlichen Stellen das Auskunstsmaterial beschaffen helfen, auch zur Aufklärung der ländlichen Be- völk«ung behilflich find. Die Auskunstsstelle will kein Werbebureau sein, sondern nur das, was ihr Name besagt; sie wird, um ihren Zweck erfüllen zu können, natürlich in erst« Linie Sammelstelle sein muffen. Sofern sie aber pro- pagandistisch vorzugehen hat, was in Anbetracht der weittragenden vaterländischen Bedeutung bet inneren Kolonisation unter bestimmten Umständen zur Pflicht werden könnte, soll sie ihr Augen- m«k nur auf solche Gedanken richten, wo die Volksdichttgkeit eine Abwanderung noch ohne Schaden tragen kann , oder wo ohnedies eine ständige und nicht aufzuhaltende Abwand«ung nach den großen Städten, Industriezentren oder dem Auslands stattsindet, und wo es gilt, diesen Bevölkerungssttom dem großen nattonalen Be. siedlungswerke des Osten zuzuführen. Es war ein Fehl«, daß die bisherige Werbetätigkeit für das Ansiedlungswerk im Osten in dies« Beziehung nicht von vornherein Planmäßiger borge- gangen ist. Mancherlei Hemmungen, die das staatliche Werk in landwirtschaftlichen Kreisen «- fahren hat, schreiben sich daher. Wir geben uns ber Hoffnung hin, daß die Auskunstsstelle für bäuerliche Ansiedlungen, wenn sie sich richtig aus- zubauen vermag, als ein notwendiges Bindeglied zwischen den Praktischen Kolonisationsstellen und d« ansiedlungsluftigen Bevölkerung für das große Werk unf«« inneren Kolonisation förmlich und «sprießlich werden wird.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Dez.
— Seine Majestät der Kaiser unternahm gestern Creitag morgen, nachdem er abend» vorher von Berlin nach Potsdam zurückyekrhrt war, den gewohnten Spaziergang in Sanssouci und nahm später an einer Hetzjagd bei Döberih teil. Der Kaiser wird sich heute Samstag nach Braunschweig begeben zu einem zweitägigen Besuche bei dem Prinzen Albrecht von Preußen.
— Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" widmet dem soeben heimgekehrten General von Trotha einen Begrüßungsartikel, der wie folgt schließt: Mit lebhafter Genugtuung wird jeder national empsindende Deutsche aus den Verlaus dieses uns aufgezwungenen leider so opferrreichen Kampfes zurückblicken, dessen Leiter unter überaus schwierigen Umständen seine Pflicht und Schuldigkeit in einer Weise getan hat, wie es die Nation von den Offizieren ihres Heeres erwartet. Wir wissen uneins mit der weit überwiegenden Mehrheit unsere» Volkes, indem wir bei seiner Heimkehr dem Generalleutnant von Trotha den ihm gebührenden Dank zollen und ihn auf heimaUichemBoden von Herzen willkommen heißen .
— Als überaus erfreulich darf man es bezeichnen, schreibt die „Nat.-lib. Storr.", wenn jetzt allenthalben die Reichs- und die preußische Staatsverwaltung der Neigung entgegentritt, das Schreiber- und Kalkulaturwesen in der bisherigen Weise weiter wachsen zu lassen. Für den Kolonialdienst steht neuerdings Remedur ebenso zu erwarten wie für eine Reihe anderer Betriebe. Die Militärverwaltung darf das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, burcaukratischem Ueberfleiß und Eifer am wenigsten Zugeständnisse gemacht zu haben. Das Gegenteil gilt vom Polizei- und gerichtlichen Dienstbctrieb. Dabei steht die Unmasse von Papier, die in deren Akten beschrieben wird, vielfach in auffallendem und nicht immer befriedigendem Gegensatz zu der Selbstbeschränkung, welche sich Polizeiverwaltungen und gerichtliche Instanzen auferlegen, wenn es sich um selbst nur notdürftigste Orientierung eines Mitgliedes der bürgerlichen Gesellschaft bei Vorladungen usw. handelt. Auch beim obersten Gerichtshof des Deutschen Reiches, beim Reichsgericht, wird diel zu viel geschrieben. Das ergibt sich selbst aus den Reichsgerichtsentscheidungen, die zur Veröffentlichung gelangen. Die Frage aufzuwerfen, wie viel durch Beseitigung überflüssiger Schreiber- und Kalkulatorarbest im ReichS- und Staatsdienste erspart werden kann, erscheint in Zeitläuften nicht überflüssig, in welchen guter Rat, woher (Mb zu nehmen sei, so teuer ist wie gegenwärtig.
, ~ Nachdem sich bei den informatorischen Be»
ipreckungen der einzelstaatlichen Justizverwaltungen im Reichsjustizamt wegen der Grundzüqe der Abänderung der Strafprozeßordnung Einigkeit dahin herausgestellt hat, daß im wesentlichen an der In» "rtution der Schwurgerichte nicht gerüttelt werden, dagegen die Einführung der Berufung gegen Erkenntnisse der landgerichtlichen Straf- rommern als erwünscht angesehen werden darf, wird Nck die Fassung der bezüglichen Novelle in diesem Rahmen bewegen.
NarlüMentarijches.
Teutschcr Reichstag.
Berlin. 15. Dezember.
Der Reichstag nahm heute den Entwurf, betr. den Bahnbau Lüderitzbucht-Kubub, in zweiter Lesung
mit allen gegen die Stimmen der Sozialdemokratie an und setzte dann die Etatsberatung fort. Abg. Dr. Ablaß ifrs. Vp.) trug einzelne Greueltaten cu8 unseren Kolonien vor. Stellvertretender Kolonial- direltor Erbprinz v. Hohenlohe -Langenburg versicherte, er trete allen Fällen von Brutalität enta egen, bat aber, derlei Fällen nicht zu verallgemeinern. Geh. LegationSrat König ging aus die einzelne« Fälle näher ein um nachzuweifen, daß, sofern ste auf Tatsachen beruhen, ihnen auch stets strenge Strafe gefolgt ist. Abgi v. G e r l a ch inat. soz.) bemängelt« Lie Darlegungen des Abg. Grafen Stolberg über di« Sparsamkeit der Großgrundbesitzer. Staatssekretär Graf Posadowskh erinnert an den schweren Tadel, den gestern Abg. Bebel gegen die Ereignisse des Jahres 1803 erhob, und stellte demgegenüber, daß die sozialdemokratische „Neue Seit' die Heldentaten des preußischen BolkeS von 1813 als .große Eselei' und Napoleon als den Befreier hinstellt. Sein« früh«en Aeußerungen über die mangelnde Opferwilligkeit der bestehenden Klassen erläuterte er dahin, er habe namentlich die Opferwilligkeit auf politischem Gebiete berühren wollen, und hob dabei hervor, daß bei den Wahlen 3 Millionen bürgerliche Wähler der Urne ferngeblieben seien. Die fortgesetzte Zunahme der Sozialdemokratie fei eine Krankheit, deren Ur- fachen aufgedeckt werden müssen. Mit unleugbarem Geschick polemisierte Abg. Dr. Stöcker (wirtsch. Bgg) gegen die Sozialdemokratie, die er als revolutionär. aber nicht als foziale Partei hinstellte. Staatssekretär Frhr. v. Stengel wieS einzelne Bedenken gegen die Reichsfinanzresorm zurück. Nach einer weiteren Rede deS Abg. G a m p (Bp.) vertagte sich das Haus.
In der zweiten, nachmittag 41/, Uhr beginnenden Sitzung wurde zunächst nach unerheblich« Erörterung der Entwurf über den Bahndau Lüderchbucht-Kubub in dritter Lesung, sowie in der Gesammtabstimmung angenommen. Unter lebhaftem Beifall dankte darauf im Namen der in Afrika kämpfenden Truppen bre preußische Oberst v Deimling für die schnelle Bewilligung d« Bahn, die für die Truppen das beste Weihnachtsueschenk sei. Darauf setzte das Haus die Etatsberatung fort.
Ausland.
+ Schweiz. Nach einem soeben erschienenen Bericht über den Simplontunn el ist die Temperatur im Jnn«n immer noch 45 • und es fließt weiter kochendes Waffer, etwa 350 Liter in der Sekunde. Die Ingenieure haben sich dahin verständigt, daß für da« ganze Mitteldach des Tunnels Mauerwerk nötig ist, da sie bezweifeln, ob das natürliche Gewölbe die Hitze und den ungeheuren Druck von 1952 Meter de« Berge? aushalten kann. Es ist die Frage aufgeworfen worden, ob das Mauerwerk eine genügende Stütze bieten oder schmelzen und durch sein erhöhte- Gewicht eine Katastrophe herbeiführen wird. Noch eine andere Gefahr hat man jetzt bemerkt: Die Waflermafle im Tunnel nimmt zu, seitdem die Berge oben mit Schnee bedeckt find. Schienen, Schwellen, T°lephon- und Telegraphendrähte liegen an den Tunneleingängen aufgeschichtet; trotz aller optimistischen Berichte wird wohl der erste Zua erst im Sommer durch den Simplon dampfen.
Japan, Die Japaner haben e8 bekanntlich während deS Krieges meisterhaft verstanden, sich mit einem undurchdringlichen Schleier zu umgeben. Daß sie z. B. eine Anzahl großer und guter Schiffe verloren hatten, erfuhr man erst nach Beendigung des Krige«. Jetzt werden neuerdings ihre Gesamtverlufte und Abgänge bekannt, die geradezu erschreckend hoch find. Die Zahl der Toten und Verwundeten soll, englischen und französischen Blättern zufolge, 218,000 Mann, die Zahl der Kranken 221,000 Mann betragen hab»n. Also ein Gesamtabgang von 440,000 Mann I Wenn nun auch von den Verwundeten viele wieder hergestellt und von den Kranken die meisten Wied« genesen und in Reih und Gleid eingetreten find, so bleibt trotzdem der Verlust ein enormer. Man vergegenwärtige sich, daß Japan bei Beginn deS Krieges 13 Divisionen und ebensoviele Reservebrigaden aufstellte, deren Gesamtziffer keinesfalls mehr als 300,000 Mann betrug. Die entstandenen Lücken wurden durch junge Ersatz- Mannschaft und Landwehr wieder auSgefüllt. Jetzt versteht man nachträglich, varum die Japaner nach der blutigen Schlacht von Mukden vier wolle Monate in Untätigkeit verharrten und den Ruffen Zeit ließen, ihre Armee völlig zu reorganisieren. Die Japaner waren eben derartig geschwächt, daß sie eS nicht wagten, gegen die starken russischen Stellungen anzu- laufen wie bisher. Sie hätten damit unter Umständen ihre gesamten bisherigen Erfolge auf'« Spiel gesetzt. Man fersteht eS ferner, warnm sie beim Friedensschluß ihre zu hochgespannten Forderungen ohne weitere» Preisgaben und sich mit dem Erreichbaren begnügten. Sie waren eben, ganz abgesehen von der finanziellen Erschäpfung, einfach nicht in der Lage, sie mit dem Schwert in der Hand durchsetzen zu können.
Vermischtes.
Ei« leitetet Borfall wird aus einer holländischen GarnifionSstadt berichtet, wo ein Unteroffizier das Opfer seiner allzu großen Schnei- digkeit geworden ist. Der Unteroffizier stieg in Begleitung von zwei Damen an einer Eisenbahnstation au», wo, wie gewöhnlich, ein Gendarm bei der Ankunft de« Zuge« anwesend war. Dieser scheint den Unteroffizier nicht gesehen zu haben, er unterließ wenigsten» den einem Vorgesetzten gebührenden militärischen Gruß, der Unteroffizier ging auf ihn zu und fragte, ob er seine Pflicht nicht kenne. „Gewiß," erwiderte der Gendarm, »aber ich habe Sie nicht gesehen." „Sie hätten mich aber sehen sollen," lautete die Antwort, „und jetzt machen Sie vor mir die Honneur», und zwar zur Strafe zweimal." Der Gendarm, um den sich indessen eine große Volksmasse versammelt hatte, da der Unteroffizier seinen Befehl im militärischen Komment mit sehr lauter Stimme erteilt hatte, gehorchte und salutierte zweimal in der vorgeschriebenen Weife. Dann aber näherte er fich dem Unteroffizier und fragte: „Darf ich Ihren Urlaubspaß sehen?" Ein Gendarm hat nämlich das Recht oder vielmehr die Pflicht, jeden Militär unter dem Rang eines Offizier in einer andern al» seiner Gar- nisionsstadt nach seinem Urlaubspaß zu fragen. „Ich habe keinen", sagte der Unteroffizier. „Dann muß ich Sie bitten, mir zu folgen, und ich rate Ihnen, die« freiwillig und ohne Umstände zu tun, da ich sonst Gewalt brauchen müßte." D« Unteroffizier ging mit, hinterher folgten die beiden Damen. Der Garnison»- kommandant schickte den Unteroffizier sofort in Arrest, und am andern Tage wurde er in feine eigene Garnision zurückgebracht, wo er von seinem Regimentskommandeur acht Tage Arrest erhielt, weil er seine Garnison ohne Erlaubnis verlasse« hatte.
Ei« Sängerkrieg. Anläßlich der Landtag». Wahl in Oberwöllstadt wurde von der siegenden Partei laut Gieß. Anz. Freibier verabreicht. Nun besteht zwischen den beiden Gesangvereinen, Liederkranz uud Germania ein gespanntes Ver- hältniß, daS schon oft zu Reibereien Anlaß gab. Al« nun die Mitglieder de« einen Verein» den Saal betraten, entspann fich, infolge von Sticheleien und Schimpfereien der Gegner ein Streit, der in eine heftige Schlägerei auSartete. Mehrere Beteiligte wurden schwer verletzt, ein junger Mensch NamenS Peter Kuhn erlitt eine erhebliche Verletzung deS rechten Auge».
Russisches. An die Zustände im wilden Westen Amerikas oder an die schönen Zeiten deS Faustrecht erinnert da» ungenierte Vorgehen der Herausgeber deS offiziellen Organ» bet Rate» der Arbeiterdeputierten. Wenn man i» der „Nowoje Wremja" die zwei Spalten umfassende Schilderung des bewaffneten Einbruch» der „Vorkämpfer bet Freiheit" in ber Druckerei be» Herrn Buworin lieft, empfängt man bis Illusion, daß sich die rohen Vergewaltigungen nicht im ^ahre de» Heils 1905 in der Hauptstadt Rußlands, sondern in einem Lande abgespielt haben, wo die primitivsten Ordnung»- und Rechtsbegriffe noch gänzlich unbekannt find. Es ist der 19. November 9 Uhr abend«. Die Druckerei der „Nowoje Wremja" ist deS Streik» wegen geschlossen, nur drei Arbeiter find an der elektrischen Station beschäftigt. Zufällig erscheint der Verwalter der Druckerei, Herr Bogdanow, um einige Anordnungen für den nächsten Tag zu treffen. Fast zu gleich« Zeit erscheint eine Gruppe junger Leute und erklärt dem Pförtner, sie müßte den Verwalter sprechen, Bogdanow bittet die jungen Leute in sein Bureau und wirb aufgefordert, alle Zeugen zu entfernen. Nach einigem Hin- und Herreden geschieht e». Kaltblütig erklären nun die Eindringlinge, baß fte die Absicht haben, die Nummer 7 der „Jswestiga", b. t da» revolutionäre Arbeiterorgan, in der Druckerei bei Herrn Jsoworin zu brücken. Herr Bogdanow erklärt, er könne über den fremden Besitz nicht verfügen und wollte mit seinem Arbeitgeber Rücksprache nehmen. „Sie verlassen mit keinem Schritt daS Bureau", tönt e» ihm entgegen gleichzeitig richtet man bte Revolver auf ihn. Zufällig befindet fich Redakteur Holstein in der Redaktion. Er kommt hmzn und fragt nach dem Begehr der Leute. Unter Berufung auf einen Befehl deS Rate» der Arbeiterdeputierten wiederholen sie lakonisch die Herrn Bogdanow gemachte Mitteilung. Auch Herr Holstein erklärt, daß er fich nicht für be- rechtiat halte, über fremden Besitz zu verfügen,