mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Jüustrirtes Sonntagsblatt.
JVl 273
Vierteljährlicher Bezugspreis der ver Expckitton 2 bei ollen Postämtern 2,25 Mk. <egcL Bestellgeld).
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Marburg
Sonntag. 19. November 1905.
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Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Iah. Rüg. Koch. Umbersttätr-Buchdruckerei 40. Jahrg.
Marburg. Markt 21. — Telephon aö.
Erstes Blatt.
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'Nachdruck verboten.)
Pflicht und Liebe.
Noma« vo« C. Wild.
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^UVeb.en ‘^r. c§ gelungen, Rotteck J2 GeU)a.tb SU einer kleinen Gebirgsreise zu be- r,hs? Usb. k^perlich gekräftigt unb
^b.reT einer mehrwöchent- »imen Ätowefenheit Helm.
Eine alte, würdige Dam.- leitete setzt anstatt ^Äfud? 8reiherr^, und hittü
L“e f •iUC* Uon Schwester und Sckpvaaer llesten Shn snne ^rclnsmiimig weniger empfinden 5 ti.ck^ Ä«" HEe auf seinem Gute mehrere Prak-
IE"ugen eingeführt und sich dadurch so itfijtfffi* 8 i6m f“fl "iM I-» *“■ EMt'§ schien wieder beim alten zu sein, und doch md gar oft ein ernster, sinnender Mann vor r.Handzerchnung, die Viola einst für ihn Der- igt hafte. War s,e glücklich mit dem Manne,
I'urmische Werlmng sie seiner stillen, treuen ^leoe l-orgezogen batte, oder hatte sie die Strafe kurzen Verrat ereilt? —
öt§ Pier Jahre waren so Hergängen. Frau Magda war Mutter zweier fester, blühender Jun- L,in2 beremst echte Rottecks zu werden Der«
’L . ’ln Hinblick auf ihr eigenes Glück ti" i WC* 'ckwn mehrere Male versucht, ihren ■ "U'sw für eine Heirat günstig zu stimmen. t Er Gerhard hatte zu foföcn Vlänen stets »cn Kopf geschüttelt. ./
Verjährung der Vorstrafen?
Die Kommission für die Refornr der Straf- Prozeßordnung l)at sich unter audemm aiich mit einer Frage beschäftigt, die seit einer geraumen jssteihe von Jahren Gegenstand der öffentlichen Erorterurm ist und mit der auch die Kommissionen des Reichstags sich wiederholt befaßt haben, ohne daß die Losung jener Frage dadurch irgend .fine Förderung erfahren hätte. Aber auch die Verhandlungen in der Kommission für die Re- ifcrni der Strafprozessordnung über diese Frage waren nicht sonderlich geeignet, sie ihrer Lösung näher zu sichren. Wir sprechen von der Frage dvr Vorstrafen, von der des Strafregisters, ivel- ches den, der einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist, durch sein ganzes Leben als ein Unerbittliches Schuldbuch begleitet. Die Art, wie heute jegliche Bestrafung in den Strafregistern festgelegt und den Angeklagten oder gar auch den Zeugen in vollster Oeffentlichkeit vorgehalten werden kann, ist schon oft beklagt worden, und >es ist iftcht mit Unrecht gesagt worden, daß durch die Strafregister jede Strafe gleichsam zu einer lebenslänglichen werde.
Was die Vernehmung der Zeugen vor Gericht betrifft, so muß zugegeben werden, daß hier die richterliche Praxis in den letzten Jahren eine er- heblich humanere geworden ist. Im allgemeinen pflegt heute bei der Zeugenvernehmung nach den Vorstrafen nur so weit gefragt werden, als e» für die Zeugnisabgabe von Belang ist, also vor allem nach etwaigen Meineidsstrafen. Aber es liegt eben im Ermessen des Richters, wie wett di« Inquisition gegenüber deni Zeugen gehen soll, und es sind Fälsi bekannt geworden, in welchen die Zeugen mit einer Gründlichkeit über ihre Vorstrafen inquiriert worden sind, die durch die Verhandlung selbst in feiner Weise geboten paar.
Noch weit übler als die Zeugen sind selbst, verständlich die Angeklagten vor Gericht daran, Henn diesen gegenüber ist jene Rücksichtnahme, wie man sie heute zumeist bei den Zeugen walten laßt, im allgemeinen nicht üblich. Und doch liegt in dieser Methode, dem Angeklagten mich boi den belanglosesten Sachen Vorstrafen in der breitesten Deffmtlichkett aufs Santo zu setzen, eine Härte, die den Angeklagten unter Umständen weit schwerer treffen kann, als die Strafe, die ihm zudik- ttert wird. ES ist ein Fall bekannt, in dem ein Handwerksmeister iuegen Mißhandlung seines Lehrlings angeklagt und übrigens freigesprochen tmirde. In der Verchaildlung wurde festgcstellt dag der Angeklagte vor Jahrzehnten wegen Bettelns und Vagabondierens" besftasi worden war. Der Mann war eben auch einmal fechten- der Handwerksgeselle gewesen und hatte dabei Wech gehabt. War es nicht grausam, bei einer Verhandlung die noch dazu mit der Freisprechung EÄpS -nrrmV’eLGcffene und wahrlich nicht i^^wicht fallende Jugendsünde wieder aufzu- , Auch in der Strafprozeßkommission herrschte w e sich aus den Protokollen ergibt, Einsümini^. Le- ^n'nr' b2c 93ra?i§- etwaige Vorstrafen ^wÄ^klagten ohne Rücksicht darauf, ob ihre M.tstelluiig^silr die Entscheidung von Bedeutting
,n der Hauptvechandlung zu verlesen, ciiu
Unbilligkeit bedeute, die noch größer dann sei, wenn eine Freisprechung des Angeklagten erfolge. Aber was die Kommission zur Beseitigung deS Uebefftandes vorschlägt, ist in keiner Weife ausreichend. Der Vorschlag der Kommission geht da. hin, daß di« Fesfftellung der Vorstrafen, sofern sie nicht von den Beteiligten beantragt werde, nur dann zu erfolgen habe, wenn sie nach dem Ermessen des Vorsitzenden für die Entscheidung von Bedeutung sei. Das ist mir eine halbe Maßnahme, damit wird nicht erreicht, daß die Vorstrafen überhaupt einmal aus den Strafregistern verschwinden.
Darauf aber kommt es an, und dieser Stankt Punkt ist auch in der letzten Session des Reichstags in der Petitionskommission vertreten worden, welche sich mit einem diesb^üglichsn Vor- schlag beschäftigte. Dieser in einer Petition gemachte Vorschlag ging dahin, daß eine gesetzliche Bestimmung getroffen werde, wonach ebenso wie die Verfolgung von Straftaten in besttmmten Fristen verjährt, auch verbüßte Strafen der Verjärung unterliegen sollen, lind zwar soll die Verjährung der verbüßten Strafen nach Ablauf der doppelten Frist erfolgen, treidle für die Verfolgung der in Betracht kommenden Vergehen oder Verbrechen im Gesetz vorgesehen ist. Diese Verjährung soll die Wirkung haben, daß der Bestrafte, ivenn er sich seit seiner Verurteilung in dieser Frist nicht wieder strafbar gemacht hat, überall, insonderheit vor den Be- Hörden und Gerichten, als unbestraft gelten soll.
Diese Fordenmg ist in der Tat nicht nur vom rein menschlichen, nicht nur vom sozialpolitischen, sondern auch vom j u r i st i s ch e n Standpunkt aus als vollauf berechtigt zu bezeichnen, denn es sprechen hier- für dieselben Gründe, wie für die Verjährung überhaupt. Hoffentlich wird bei der bevorstchen- den Reform des Strafprozesses diese seit so langer Zeit erörterte Frage endlich in einer Form gelöst, wie sie den humanen Anschauungen unserer aufgeklärten Zeit entspricht.
Umschau.
Anwachsen der Staatsschulden.
Die Tatsache, daß in den letzten hundert Jahren die öffentlichen Schulden derjenigen Staaten, über deren Finanzlage eine fortlaufende Statistik vorliegt, sich mehr als verzehnfacht haben, kann nichts Beunruhigendes haben, da in derselben Periode der Ertrag der wirtschaftlichen Arbeit und damit der Wohlstand dieser Staaten sicher- sich noch weit größere Fortschritte gemacht hat. Immerhin ist es nicht ohne Bedeutung, daß im letzteit Menschenalter ein sehr viel stärkeres An- wachsen der Staatsschulden stattgefunden hat als in der Zeit vor der entscheidenden llmgestaltung der fontinentol - europäischen Machtverhältnisse durch die Feldzüge von 1864—1871. Es zeigt sich, daß die für das Jahr 1801 auf rund 12 Milliarden Mark berechnete öffentliche Schuld im Jahr- 1860 erst die Höhe von 54 Milliarden Mark erreicht hatte. In diesen 60 Jahren haben sich also die Verbindlichkeiten der Staaten nur um das 414sackte gesteigert. Ungleich schneller ging die Entwickelung in der Folgezeit von statten. Im Jahre 1882 war bereits eine Staatsschuld von rund 105 Milliarden Mark vorhanden. Für das Jahr 1903 ergibt sich an der Hand der letzten Veröffentlichungen der einzelnen Staaten
Er lebe ganz gut so und sehne sich nickt nach Veränderung, und Mazda mußte es dabei beiven. den lassen, obsckon sie jetzt so manches Mädcken fand, daß für ihren Bruder' eine ganz passende Frau gewesen wäre.
Er wollte nun einmal nicht, und dagegen ließ sich nicht ankämvfen. Daß Gerhard die Treulose noch immer im Herzen trage, daran mockste Magdla unter keinen Umständen glauben, das wäre denn doch zu arg gewesen.
Der gute Rotteck teilte natürlich Magdas Mei- nung, und so waren denn beide sehr erstaunt, als sie an einem hellen, kalten Wintertage Ger- Hards Besuch zu ungewohnter Sttrnde erhielten, und er ihnen mitteilte, er müsse noch heute in Ge- sckiäftsangelegenheifen nach der Residenz.
Der sonst so ruhige Gerhard !var sichtlich auf- geregt und trachtete so bald als möglich wieder fortzukommen.
„Was das nur sein mag," meinte Mazda nach Gerhards Weggange zu ihrem Gatten; „ich habe Gerhard selten so erregt und unruhig gesehen."
„Auch mir kam sein Betragen etwas sonderbar vor," versetzte Rotteck, „und übrigens kann ich gar nickst begreifen, tvas er jetzt in der Residenz zu tun Hal."
Mazda fuhr plötzlich lebhaft auf.
„Nein, nein," sagte sie dann, sich jetzt beruhst gend, „das kann nicht sein, jene Frau kann nichts mehr mit ihm zu tun haben."
„Du meinst Viola?" "
.Ja!" . ...
eine gesamte Schuldlast von etwa 142 Milliarden Mark, und das laufende Jahr mit seinen Kriegs-. ereignissen im fernen Osten und mit der allen Großmächten gemeinsamen energischen Förderung des Flottenbaues dürste diese Summe noch bedeutend erhöht haben.
Das Deutsche Reich hat sich erst in der zwei- ten Hälfte der siebziger Jahre des vorigen Jahr- Hunderts der langen Reihe der alten Staats- schulden-Träger angeschlossen. Und auch in der Entwicklung der deutschen Reichsschuld ist dieselbe Erscheinung zu beobachten, die dem Staatsschul- denwesen im allgemeinen anhaftet: die Erscheinung, daß die Höhe der Verpflichtung in rascher Progression gestiegen ist. Immerhin nimmt Deutschland mit seinen 3 Milliarden Mark einen sehr bescheidenen Platz in der Reihe der mit öffentlicher Schuld behafteten Staaten ein. An erster Stelle steht Frankreich mü saft 25 Milliarden Mark und Großbritannien mit rund 16 Milliarden Mark. Während aber für England, das in Schiffahrt und Handel über festen alten Besitz verfügt und noch auf Menschenalter hinaus Ouellen neuer Reichtümer erschließen kann, die Staatsschuld trotz ihrer enormen Höhe ernsteren Bedenken kaum begegnet, sind solche Bedenken für Frankreich, dessen Bevölkerung nur sehr lang, sam anwächst und somft die wichtigste Vorbedingung für die fortschreitende politische und gewerbliche Expansion nicht bietet, sehr wohl vorhanden. Darin liegt auch der erhebliche Unterschied zwi- schen der Finanzlage Frankreichs uird Deutschlands, die deutschen Bundesstaaten inbegriffen, begründet, ein Unterschied, der sich noch erwei- fern wird, wenn die geplante Schuldentilgung Deutschlands tatsächlich vorgenommen wird und zu einer wesentlichen Herabminderung der Ver- Kindlichkeiten des Reichs führt.
Mehr deutsches Selbstgefühl.
In den wenigen Jahrzehnten, wo unser neugeschmiedetes Kaisertum besteht, haben wir Deutsche bei aller Erstarkung der äußeren Machtverhältnisse noch nicht die tausend kleinen Schwächen und Fehler abgelegt, welche uns wohl den Ruhm eines Volkes der Dichter und Denker gelassen, aber jahrhundertelang uns verhindert ha- beit, unsere Stärke zur eignen und zur fremden Erkenntnis zu bringen. Roch heute, nach fünf- unddreißig Jahren staatlichen und wirtschaftlichen Aufschwungs, verbunden mit beispielgebender so- zialer Entwicklung, schmücken wir uns im tag- liehen Sprachgebrauch mit einem wahrhaft bedrohlichen Wnst höchst entbehrlicher Fremdwörter, wobei natürlich nicht verkannt werden soll, daß so manchs Fremdwort eben unentbehrlich ist. Aber wir sollen bedenken, was wir Männern wie Schiller, Goethe und Bismarck, die Seg- ttungen der Kultur über den ganzen Erdenball ausgegossen halten, schuldig sind. Gerade im Jahre des Gedächtnisses Friedrich Schillers sollte unser Volk durch eine sprachreinigeude Selbst- zücht diese große Schuld abzutragen beginnen.
Schmücken wir uns nicht mit fremden Federn! Die Sprache unserer deutschen Scholle ist edel und schön. Folgen wir den Vorbildern anderer Völ- ker! Nehmen wir uns den Engländer zum Beispiel, der in allen Zonen der bewohnten Erde seine Muttersprache zur Geltung bringt und verlangt, daß die anderen Volker mit ihm englisch reden. , Und bringen wir dies Selbstbewußtsein auch in praktischer Weise im täglichen Leben zur Durchführung 1 Betätigen
„Sie wird er wohl längst vergessen haben, denn er spricht nie von ihr," sagte Rotteck; „nein, gewiß. Mag da, diese Frau hat mit seiner Plötzlichen Reise nichts zu tun."
„Wir wollen es hoffen," sprach Mag da leise vor sich hin; denn mit einem Male fühlte sie sich ihrer Sacke doch nicht so ganz sicher.
Und es war tatsächlich Violas wegen, daß Gerhard so plötzlich nach der Residenz reiste.
Die Präsidentin Eckberg hatte ihm geschrieben und ihn aufgefordert, sich als Violas einstiger Vormund doch ein wenig um die junge Frau zu kümmern.
Dieser Tonnberg fei ein sinnloser Verschwender, der fick bald an den Bettelstab gebracht haben werde. Gerhard möge dock dafür sorgen, daß für Viola wenigstens eine kleine Summe gerettet werde, um sie vor Not zu schützen.
Während der ihm endlos dünkenden Fahrt überlas Gerhard wohl zehnmal den Brief der Präsidentin.
Also soweit mar es schon mit Viola gekommen, daß ihre Lage das Mitleid anderer wachrief!
. Litt sie barunter, oder nahm sie das Schicksal mit stolzer Gleichgiltigkeit hin?
Taulend Fragen und Zweifel durchkreuzten seine Seele, während er so dahinfuhr, vor llnge- diüd brennend, fein Ziel zu erreichen und doch wieder vor einem Zusammentreffen mit Viola bangend.
lind endlich, endlich kam er doch ans Ziel. Die Präsidentin empfing ihren „lieben Ressen" mit offenen Arnlen. _ . . .
wir hier unser Deutschtum! Kleiden wir uns nicht englisch und fordern wir von unserem guten beim schen Schneider keine englischen Stoffe. Mr tvollen uns nicht nach den Moden von London richten und für unsere Frauen keine Kleider aul Paris beziehen.
Auch im deutschen Haushalte muß dieser stark« Wille, deutsch zu fein und es zu bleiben, durchge, setzt werden. Hier können wir praktisch« Kolonialpolitik treiben. Ist unser Usam« berrafaffee nickst dem besten brasilianischm Kaffe« an biee Seite zu stellen? Wozu das Olivenöl aus Frankreich und Spanien zu beziehen, toemt das Erdnußöl unserer Kolonien vollwertigen Er« satz bietet? Warum reichen wir nicht unseren Gästen statt der Havanna-Zigarre eine trefflich« Auswahl von Samoa-Zigarren? Der Tabak, den Träger deuffcher Königskronen nicht verschmähen, der dürste wohl auch für unsere Gebildeten einer Prüfung wert sein. Warum schreiben unser« Frauen auf französischem Papier und parfümieren sich nrit Gerüchen aus ©raffe? Warum raucht unsere Jugend russische und ägyptische Zigaret- ten? Warum schreiben wir mit ongischen Stahlfedern? Gewiß —vieles ist schon beffer geworden, aber vieles ist noch nicht so, wie es sein sollte.
Praktisches Deutschtum zu treiben, ist unser aller Aufgaben. Nicht nur seine Steuern soll jeder Deutsche bezahlen, seine Wehrpflicht leisten und seinem König und Vaterland Herz und Blut opfern, Wenns vorlangt wird und der Ruf an bie Waffen erklingt. Nein, es gibt Pflichten, ine nur zu leicht vernachlässigt werden, well sie zu gering erscheinen, und das sind die, welche wir gegen unsere Sprache, unsere Kultur, unsere Volkswirtschaft, unsere Indu« ft r i e und Kolonialwirtschaft haben, Aufgaben, die jeder in Haus und Familie täglich, ja unaufhörlich zu erfüllen hat.
Goldene Regeln der Sozialdemo« k r a t i e.
Tie jüngsten Vorgänge im sozialdemokratischen Lager, welche den Unterschied, der in dieser Partei von jeher zwischen Theorie und Praxis geherrscht hat, besonders grell haben hervortreten lassen, haben die „Post" veranlaßt, einen neuen sozial- demokratischen Katechismus, den bie „Genossen* als Vademeeum benutzen können, zusammenzu- stellen. Die goldenen Regeln, denen auch wir weiteste Verbreitung im ganzen Lande wünschen, lauten:
1. Es gibt nur einen Gott, das ist Bebel, und' Mehring ist sein Prophet. Sein Wille ist für bi« „Genossen" Gesetz. Wer ihm nickst gehorcht, fliegt hinaus.
2. Man soll Bebels Taten nicht an seinen Worten messen. Er ist unfehlbar, was er tut, ist recht. Begehe nach seinem Vorbilde auch Da alles selbst, was Du um so lauter bei den Bourgeois tadelst.
3. Die Gesetze christlicher Nächstenliebe existieren nicht für die „Genossen". Sprich von Freiheit und Brüderlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit, schlag aber dem, der nicht Dein Bruder sein will, den Schädel ein.
4. Beschimpfe und begeifere alles, was einem Deutschen heilig und teuer ist, vor allem Religion. Vaterland und Familie. Meuchelmörder und revolutionäre Mordbrenner aber verehre all Heilige.
5. Hetze gegen die Bourgeois, schildere sie alS Scklemmer, Prasser und fäuL Bäucke, mach Dir
Sie erkundigte sich nach Maada, nach Rotteck, nach den zwei kleinen Jungen und schien di« Frage nicht zu verstehen, die in seinen brennenden Augen geschrieben stand.
Gerhard wollte nicht selbst fragen, er fürchtete, sich zu verraten; aber er litt es nicht länger.
„Sie schrieben mir Toimbergs wegen," begann er mit nur schlecht verhehlter Erregung, „und ich bin eigens hierher gekommen, um der jungen Frau mit Rat und Hilfe beizustehen.^
Die Präsidentin erfaßte lebhaft seine Hand.
„Wie edel von Ihnen! Ja, ja, bie ßinbenl sind stets treue Freunde gewesen. Nun, sehen Sie, mein lieber Neffe, ich konnte das nicht langer anseben; denn Tonnberg treibt es warhastin zu toll! Er hat in den letzten Wochen fast täglich namhafte Summen verspielt, und ich glaube, ü wird gar nicht mehr lange dauern, so ivirb matt ihm seine Eguipage, sein Reitpferd und bie ganze kostbare Einrichtung wegnehmen. Sem Haus iR arg mit Schulden belastet; beim er ist in Wucherhände geraten, kurz, es geht abwärts, stark abwärts, unb da backte ich, baß ein ernstes Wort, bei Zeiten gesprochen, doch gut täte. Vielleicht hört er auf Sie und läßt sich noch zur Umkehr beiregen."
„Ich will tun, was ick kann," sagte Gerharv mit bewegter Stimme; „aber sagen Sie mir nur, wie das alles so plötzlich gekommen ist."
„Plötzlich? nein. Das kam so nach und nach, und auf einmal stand das Unglück riesengroß bav Ja, ja, bie sogenannten guten Freunde haben schon gar manchen zu Grunde gerichtet." 1
_ 1. . !. . ____ (Fortsetzung folgt), j