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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham.

* - Sonntagsbeilage: Alluftrtrtes Sonntagsblatt. '~"u

allein stehen kann. Sollten noch Leute vor­handen sein, die für diese Politik sind, dann möchte ich sie bitten, unsere Ausgaben für Flotte und Heer, die militärischen Vorbereitungen anderer Länder und die Lall ins Auge zu fasten, die unsere augenblickliche Steuer uns jetzt schon aufladet. Diese Leute sollten sich dann selbst fragen, ob sie, wenn wir tatsächlich stark oenug sind, ganz für unS allein zu stehen, die Opfer zu tragen willens sind, die ihre Politik mit sich bringen würde. Wir sind durch das japanische Volk angezogen worden nicht nur wegen besten Tapferkeit, sondern auch wegen besten hohen Patriotismus, Geduld, Selbstzucht, die sich be­merkbar machte, ganz unabhängig davon, ob das Glück dem Volke für den Augenblick lächelte oder nicht, und wir wurden schließlich ange­zogen durch die Geradheit und Aufrichtigkeit der japanischen Diplomatie. Auf dem Gebiete der Diplomatie wie auf dem Gebiete des Krieges haben wir einen Verbündeten gewonnen, an dessen Seite zu stehen wir stolz sein können... . Ich bin überzeugt davon, dass unsere Allianz der Erhaltung de? Friedens dienen wird, und ich glaube, daß wir behaupten können, daß der Frieden nicht gebrochen werden wird, wenn England und Japan bas Verlangen tragen, baß ber Frieden im Fernen Osten gewahrt bleibt/ Ueber die Politik anderen Nationen gegenüber äußerte sich Lord Lansdowne wie folgt:Weder in unserem Bündnis mit Japan, noch in unserem Einverständnis mit Frankreich war das geringste Verlangen vorhanden, die Rechte oder Privilegien anderer Länder zu schmälern. Was uns anbetrifft, so können wir nur sagen, daß andere Nationen, wenn sie den Wunsch haben, zu einem ähnlichen Einver­ständnis mit uns zu kommen, unS dazu bereit­finden werden, aber natürlich unter der Be­dingung, daß nichts, waS von jetzt an geschieht, in irgend einer Weise unsere Freundschaft mit den beiden Mächten schädigt. Ich erhebe meine Stimme gegen die Annahme, daß wegen der Annäherungen zwischen Grsbbritannien und zwei großen Nationen notwendigerweise eine Entfremdung zwischen uns und einer anderen Macht oder anderen Mächten eintreten muß."

im Umlauf, baß neue Metzeleien für morgen vor- Bereitet würben. Panik herrsche in ber Stadt. Kaulbars versprach, unverzüglich strengste Maß. nahmen zu treffen. Er werde die Unruhen unter, brücken, von welcher Seite sie auch kommen mögen. Den Truppen fei befohlen, jeden nieder, zuschießen, der auf ein Saus oder einen Laden

einen Angriff machen sollte. Von verschiedenes, Städten Südrußlands laufen hier Meldungen über schreckliche Metzeleien unter den Juden ent.

Großbritannien

Die bedeutsame politische Rede, die der Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Lord Lansdowne, kürzlich gehalten hat und die bereits telegraphisch kurz skizziert worden ist, liegt jetzt ausführlicher vor in einem Bericht, dem wir folgendes entnehmen:

Die meisten Engländer erklärte der Minister des Aeußern find in der Ansicht groß geworden, daß es iw ganzen für uns besser ist, jedes Bündnis irgend welcher Art zu ver­meiden. Meiner Ansicht nach ist die Zeit für eine derartige Anschauung vorbei. Andere Nationen treten zu Gruppen zusammen. Weitere Nationen bewaffnen sich bis an die Zähne, und heutzutage kommt ein Krieg viel plötzlicher und schneller als in den Tagen unserer Vorväter. Ich toage es auszusprechen, daß heutzutage keine Nation, die an den Angelegenheiten der zivili­sierten Welt teilzunehmen wünscht, ganz für sich

Stellungen als General-Gouverneur, als Chef der Petersburger Garnison und als Gehilfe des Ministers des Innern, als Polizeichef und als Gendarmeriechef enthoben und zum Palcnskom- Mandanten ernannt worden.

Petersburg, 9. Nov. Nach aus ^.Oron- stabt hier eingegangenen, bisher unbestätigten Meldunaen fall in der vorigen Nacht in Kron- stabt ein erbitterter Kampf stattgesunden haben. Die Infanterie feuerte, Maschinengewehre sollen in Tätigkeit gewesen sein. Tie Stadt steht in Flammen. Die Einwohner flüchteten. Das Telephon mit Petersburg ist unterbrochen. Der Telmraph funktioniert noch.

P e t e r s b u r g , 9. Nov. (W. B.) Ueber die Unruhen in Kronstadt wird weiter gemeldet: Der Marineklub und mehrere Magazine wurden Der. wüstet und in Brand gesetzt. Eine Schar von Meuterern und Matrosen durchzieht die Stadt, gibt Schüsse ab und terrorisiert die Bevölkerung. Die Geistlichkeit bat eine Prozession organisiert, in der Hoffnung, der Plünderung Einhalt tun zu können. Es herrsckst allgemeine Panik. Ueberall sieht man Blutlachen in den Straßen. Die Plün­derung wird fortaefetzt. Die Bürgerschaft flieht eilig aus der Stadt. Die nach Petersburg unb Oranienbaum gehenden Dampfer sind überfüllt von fliehenden Bewohnern. Zwei Bataillone des Infanterie-Regiments Irkutsk sind nach Kronstadt abaefandt worden.

Den LondonerCentral News" wird aus Pe- tersburg gemeldet: Eine große Meuterei fand gestern Abend unter den Matrosen des Geschwa­ders bei Kronstadt statt. Nach Ueberwältigung der Offiziere landeten viele Meuterer und plün­derten die Läden, sowie öffentliche Gebäude, namentlich die staatlichen Spirituosenläden. Trup. Pen wurden berangezogen und es kam zu furcht­baren Kämpfen, wobei viele Personen getötet oder verwundet wurden. Die Meuterer waren gut bewaffnet und, batten auch, verschiedene Maschinengeschütze mitgenommen, mit denen sie sich heftig wehrten. Die ganze Nacht wurde .blutig gekämpft. Biele Häuser wurden angezündet, auch große Gebäude und die Marineklubs geplün- dert. Es herrscht völlige Panik in der Stadt und

Deutsches Reich.

Berlin, 10. November. 1

Seine Majestät der Kaiser, und bet Kronprinz sind gestern Donnerstag Mittag 1 Uhr nach Hannover abgereist. König AlfonS von Spanien fuhr mittels Sonderzuges nm feinem Gefolge, unter welchem sich auch Genercck v. Lindequist befand, um 11 Uhr 20 Min. vor- rnitags von der Wildparkstation nach Mägde« bürg ab. Der König traf dort itm 1 Uhr ein. Beim Einlaufen des Zuges wurden 21 Salut­schüsse abgegeben. Auf dem Bahnhof war eins Ehrenkompagnie des Infanterieregiments 66 mit Fahne und Musik aufgestellt.. Zum Empfang waren die Spitzen der Militärbehörden erschie- neu. Nachdem der König die Front der Ehren- kompagnie abgefchritten und diese Parademarsch gemacht hatte, bestiegen der König, das Gefolge^ der deutsche Ehrendienst und die zum Empfang Erschienenen die bereitstehenden Wagen und sich­ren durch die festlich geschmückten Straßen nach dem Schrotdorser Exerzierplatz. Aus dem ganzen Wege bildete Militär Spalier. Der Bahnhos und der Platz vor dem Bahnhof war mit Flaggen und Pflanzen-Arranaements prächtig geschmückt. Das Publikum begrüßte den König herzlich. Auf dem Exerzierplatz nahm der König den Parade­marsch des dort aufgestellten kriegsstarken Ba­taillons ab und wobnte Gefechtsübungen bei. Dann begab sich der König zum Offiüerskasiiw. Im Empfanaszimmer wurden dem Könige zu. nächst die Offiziere des Regiments vorgestellt. Hierauf wurde das Frühstück einaenommen. Beim zweiten Gang erhob sich der König und brachte folgenden Trinksvruch in deutscher Sprache aus: Es ist mir eine große Freude, mein liebes 66. Regiment zum ersten Male zu sehen und mit mei­nen Offizieren zusammen sein zu können. Dieser Freude gebe ich Ausdruck mit dem Rufe: Seine Maiestät Kaiser Wilhelm Surra!" Der Regi­mentskommandeur Oberst Baron Digeon v. Mon- teton dankte dem Könige für seine Worte und brachte ein dreifaches Hurra auf den König aus Nach dem Frühstück wurde eine Photogravhsschi Aufnahme gemacht. Hierauf begab sich der K» nig mit dem Gefolae und den Offizieren zum Bahnbofe zurück. Auf dem Vorplatz zum Dabu- Hofe hatte inzwischen das gesamte Regiment Nr, 66 Ausstellung genommen. Um 3 Uhr 15, Min. lief der kaiserliche Sanderzug aus Bwlin in den Bahnbof ein. Der Kaiser, der die Uniform des Känmsn'wirm-weoiments trug, verließ den Zug und begrüßte den König, worauf sich dieser herzlich van den Offizieren verabfchi.'d.'te. Um 3 Uhr 17 Min. wurde die Fahrt, nach Han­nover fortgesetzt, wo die Ank',"-st um 5 Uhr 54 Min. erfolgte. Lebhaft begrüßt begaben sich die Majestäten und der Kronprinz , nach der Köni-'susauen-Kgserne. wo das Reaiment Auf.

Spenden zum Besten in anderen südruffifchen

Zur Lage in Rußland.

Petersburg, 9. Nov. (W. B.) Die Peterburger Telegraphen-Agentur bestätigt die Meldung derNowoje Wremja", daß Großfürst Nikolai Nikolajewitsch an Stelle des Großfürsten Wladimir zum Chef-Kommandanten der kaiser­lichen Gardetruppen und der Truppen des Mili­tärbezirks Petersburg ernannt worden ist.

Petersburg, 9. Nov. (Petersburger Telegr.-Agentur.) General Trepow ist feiner

deren Umgebung.

Odessa, 9. Nov. (W. BZ Tie Börse be- schloß, ein Ersuchen an die Börsen der ganzen Welt zu richten, intern zur Sammlung von der hier und

unglückten aufgefordert

folge des Amnestie-Ukafes wurden 180 Gefangene in Freiheit gesetzt.jSine Deputation der Stadt­verwaltung besuchte den Generalgouverneur Kaulbars und teilte ibm mit, es feien Gerüchte

Neueste Telegramme.

ch Berlin, 10. Nov. Der Wechsel in der Lei- fang des Kolonialamtes wird nach derDeutsch. Tagesztg." viel rascher eintreten, als man der- mutete. Der Kolonialdirektor Dr. Stübel gedenkt den Etat vor dem Reichstage nicht mehr zu Der- treten. Daher wird angenommen, daß ein Rat der Kolonialabteilung die Vertretung des Direk- tors erhält und daß die übrigen Räte ihr Ressort hu Reichstage vertreten.

München, 9. Nov. Der Großherzog von Luxemburg ist auf seinem Schloß Hohenburg bei Lengries schwer erkrankt Großherzog Adolf sieht jetzt im 90. Lebensjahre.

Paris, 9. Nov. Der Senat begann unter großer Beteiligung die Beratung des Entwurfs deZ Gesetzes über die Trennung von Kirche und Staat. Chamaillard (Rechtes beantragt die Ver­tagung der Diskussion, bis das Konkordat ord­nungsmäßig gekündigt ist. De Lamarcelle ver­langt die Vertagung der Berasiing bis nach den Wahlen im Jabre 1906. Der Antrag wird mit 174 gegen 101 Stimmen abgelehnt. Ein wei­terer Antrag, der ebenfalls die Vertagung ver­langt, wird mit 190 gegen 50 Stimmen abge­lehnt und hierauf die Beratung auf Freitag ver­tagt.

Stockholm, 10. Nov. Der König von Schwe­den hat beschlossen, daß Schweden in offizielle Verbindung mit Norwegen trete.

London, 9. Nov. Bei einem Bankett in der Guildhall hielt der erste Lord der Admiralität Earl of Eawdon eine Rede, in der er ausführte, die Verwaltung könne gegenwärtig im Verlaufe von wenigen Stunden ber Schlachtssotte sechs Schlachtschiffe hinzufiigen, und fo die Stärke der Kanalflotte auf 15 Schlachtfckiiffe erhöben.

Städten 33er- wird. In-

*----------------süert-liäbrlich-r Bezugspreis: bet der Eg-Mion 2 Mk, Erscheint wöchentlich Neben mal.

_ bet allen Postämtern 2,25 M. ^excU Bestellgeld). "" ** Druck imb Verlag- Joh. Aug. Koch, UmverfttätS-Buchdruckerei 40«

Jfä 20Ö Jnserttonsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Psg. «onNab-'Nd 11. NoVeMbtt 1905. Marburg, Markt 21. - Telephon ob.

Reclamen: die Zeile 25 Psg. '

'Abdruck verboten.^

Pflicht und Liede.

Roma« vo« E. Wild.

lFortsetzung.)

f , Viola war auch heute die Schönste, die Ge­feiertste. Umschwärmt von allen Seiten, fand sie kaum Zeit, Gerhard zuweilen einen freund- lichen Blick zu schenken, und gar oft ließ sie die Gelegenheit dazu unbenutzt vorübergehen.

.Tonnbergs leidenschaftliche Bewunderung wirkte wie ein berauschender Trank auf sie; jung und unerfahren, wie sie war, gab sie sich ganz dem bestrickenden Zauber des Augenblicks hin.

Ihre Liebe fist: Gerhard war noch nicht stark

Ihre junge Seele dürstete nach

gHmg, um der lockenden Versuchung aus dem Wege zugehen.. Und ihr Pflichtgefühl?

Ach, sie besaß keines, wie ihre Mutter keines .besessen hatte. Ihre junge Seele dürstete nach Muck, tind sie nahm es, wo sie es zu finden glaubte, ohne sich zu fragen, ob ein auf so schwart» kenrem Grunde errichtetes Gebäude auch auf die Tauer haltbar sei.

_ , ^£.!rar lwch einem rasch durchtanzten Walzer, ctir Tänzer mar Tonnberg gewesen. Statt das lunge Mädchen zu feinem Sitze zu führen, zog er lege ihren Arm in den seinen, und ehe noch Viola zur Besinnung kommen konnte,'stand sie mit ihm ailem in einem kleinen Seitenkabinett, welches ourch die Kunst des Gärtners in einen reizenden Laubgang verwandelt worden war.

was G^äusch vom Ballsaal tönte nur im ge- ^ampftem Klange herüber, ein mattes, mildes den kleinen Raum, dessen im ft- erniHte Atmosphäre sich heiß und schwer auf Vio- la-^unge Brust senkte.

^ofinberg ergriff ihre bebende Hand und 3U shr- daß fein heißer Atem mre Wange streifte.

Ersaweckt trat sie einen Schritt zurück.

-- Mädchen, ich liebe Dich mit

Her Glut meines Herzens, ich kann ohne Dich Btu)f TcFicri! mein!*

Sie stand wie zu Stein, erstarrt und ließ es gefchehen, daß er sie in feine Anne schloß und heiße, brennende Küsse auf ihre Lippen drückte.

Es war ein stürmisches, begehrliches Liebes­werben, das sie betäubte, verwirrte und mit sich fort riß.

Sie vergaß, daß ein anderer Anspruch auf ihre Treue hatte, daß es ihre Pflicht gewesen wäre den Ungestümen zurückzuweisen, ihn von sich zu stoßen ach, sie hatte nicht die Kraft dazu! Willenlos duldete sie seine leidenschaftliche Küsse, seine Umarmungen, es war ihr, als sei alles um sie her in nebelgrauer Feme versunken. Sie sah nur diese glühenden Augen vor sich. fie hörte nur die weiche, zärtlich schmeichelnde Stimme, die in halb gebrochenen Tönen das Geständnis einer wilden Leidenschaft ihr ins Ohr flüsterte, und als er sie endlich aus seinen Armen ließ, da hatte er sie seine Braut genannt und einen hell blitzen­den Diamantring an ihren Finger gesteckt. War das alles Wirklichkeit, oder war es nur ein Traum? Wie sie in den Saal zurückgekommen sie wußte es nicht.

Viola hatte ein Gefühl, als müsse jedermann dorr ihrer Stirn den begangenen Treubruch lesen, als müsse ihr jedermann ansehen, was vorge­gangen sei und was sie noch ändern mußte wollte.

Gerhard allein hatte ein Anrecht an sie sie hatte auf Tonnbergs stürmisches Werben keine Antwort gegeben, es konnte nicht sein, cs durste nicht sein und doch!

Sie fand nicht den Mut, Tonnberg die Wahr- beft zu sagen: seine Hoffnungen mit einem Schlage zu vernichten, dazu fehlte ihr die Kraft.

Wenn er feine glühenden Blicke tief in die ihren versenkte, dann stockte ihr das Wort auf den Lippen, und sie schwieg schwieg, bis es zu spät geworden war.

Das Fest war zu Ende, die Gäste hatten das Schloß verlassen, und Viola war noch immer stumm geblieben. Auch Tonnberg hatte sich emp­fohlen; mit hochgehobenem Haupte und leuchten­

den Blickes war er gegangen. Wenn er wieder- kam, dann kam er als Freiwerber, sie wußte es, ohne daß er es ihr gesagt.

Was sollte sie tun, was konnte sie tun, um das drohende Unheil zu beschwören? Scheu und verwirrt sagte sie dem GefchwisterpaareGrrte Nacht!"

Langsam und müde schlich sie sich in ihr Zim­mer. Sie warf den duftenden Ballstaat von sich und riß die Rosen aus den Locken. Ein wilder Zwiespalt erfüllte ihre Brust. Was hatte sie getan ?

Ihre Pflicht wäre es gewesen, dem Freiherrn sogleich alles offen mitzuteilen, damit er einer Werbung Tonnbergs zuvorkomme. , Er war fo gut, er liebte sie fo innig, er würde ihr vergeben, gewiß sie hatte doch nur aus Unbedachtsamkeit gefehlt es konnte sich noch alles zmn Guten wenden.

Aber Viola haßte das WortPflicht. Es war ein so ödes, trauriges Wort, es sprach von Demut und Unterwerfung, und sie, so schön, so gefeiert, sollte sie sich wirklich zur Sklavin herab- würdigen und die Vergebung eines Mannes er- flehen, der selbst seiner Liebe feste Schranken setzte und nicht einmal ein Wort der Bewunde­rung für die Schönheit des Weibes besaß, das er sein eigen nennen wollte.

Sie blieb vor dem hohen Ankleidespiegel stellen und betrachtete lange und prüfend das kristall- reine Glas, welches ihre Gestalt in ihrer ganzen Schönheit wiedergab.

Ja, sie war schön und der Besitz eines solchen Weibes mußte jeden Mann glücklich machen.

Wenn Gerhard dieses Glück nicht zu schätzen wußte sie brach jäh ab und wandte ihrem Spiegelgebllde den Rücken. Ein scharfer, stechen­der Schmerz durchzuckte ihre Brust.

Gedachte sie der seligen Stunden, die sie an Gerhards Seite genossen stieg das Bild eines stillen, traulichen Glückes vor ihrem inneren Auge auf? Sie nahm den Brief ihrer Mutter hervor und las ihn langsam und aufmerksam durch; wollte sie Kraft und Beruhigrmg ans diesen Zei­

len schöpfen? Sie faltete das Blatt ziisamnien und verbarg es wieder sorgfältig. Ihre Augen brannten heiß.

Ruhelos schritt sie auf und ab. bis das Helle Tageslicht durch die verhüllten Fenster drang; dann erst warf sie sich auf ibr Lager und ein tie. fer, traumlofer Schlaf entrückte sie für Stun­den allem Leid der Erde.

Als Viola erwachte, war es schon faät.am Nachmittage. Eine trübe Wintersonne spielte in matten Reiferen auf dem blumendurchwirkte« Teppich des Salons, in welchen Viola matt und müde gleich einer Kranken trat. Auf ihr Klingeln 'erschien sofort die alte Rieke.

Gott fei Dank, daß das Fräulein endlich er­wacht fei. Sie sei schon dreimal^ dagewesen, bet Freiherr habe das gnädige Fräulein um eine Unterredung Bitten lassen.

Wala wandte sich hastig zu der geschwätzig plaudernden Tienen'n.

Was gibt es?" fragte sie mit fliegendcnk Atem,ist Besuch hier gewesen?"

Ja, Herr von Tonnberg ist vor einer Stund« erst weggefahren. Er Batte eine lange Unter­redung mit Herrn von Linden gehabt."

Genug, genug," unterbrach Viola das Mäd­chen;helfen Sie mir bei der Toilette, ich muß in einigen Minuten fertig sein."

Alles Blut war aus ihren Wangen gewichen, während sie mit bebenden, zitternden Händen chc üppiges Haar löste, damit die Dienerin dasselbe so rasch als möglich in Ordnung brächte.

Sie sprach kein Wort weiter, bis sie ihre Toi­lette beendet hatte.

Wo erwartet mich der Freiherr?" fragte sie' mit zuckenden Lippen, als sie schon die Türflinkei in der Hand hielt.

In seinem Arbeitskabinett," lautete die Ant­wort des Mädchen?.

Viola nickte mechanisch, bann trat sie langsam aus dem Zimmer.

Mit bebenden Lippen schlich sie den Korridor entlang, die Treppe hinab bis zu der Tur voq Gerhards Arbeitszimmer- (Forss. folgt.)' /