mit dem Kreis-latt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Sonntagsbeilage: Jllnstrirtes Sonntagsblatt.
Jls. 261
Vierteljährlicher Bezugspreis^ bet bei ExpLition 2 Mk., bei allen Postämtern 2,25 M. ^ejeu Bestellgeld).
JnserttonSgebühr: die gespaltene Zelle oder deren Raum 10 Pfg.
Reelamen: die Seile 25 Pla.
Marburg
Sonntag 5. November 1905.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck intb Verlag' Joh. Aug. Koch, UniversltLtS-Buchbruckerel 40.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Erstes Blatt.
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für die Monate November und Dezember auf die
„OberheNische Zeitnng" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch» Hain, Neustadt und Wetter, sowie von allen Postanstalten und Landbriefträgern entgegengenommen.
Slädlijche Sozialpolitik.
Tie „Südwestdeutschs Korrespondenz" berichtet aus Karlsruhe: Der Stadt Karlsruhe, wo mit am ersten unter den deutschen Städten, im Dezember 1898, die Dienst, und Einkommensver- hältnisse der städtischen Ar bester durch ein besonderes Statut geregelt worden sind und diese nach zehnjähriger Dienstzeit Antwartschaft auf Ruhegehalt und Hinterbliebenenversorgung erlangt haben, beantragt jetzt beim Bürgerausschnß die Vornahme einiger für die Arbeiterschaft wichtiger Verbesserungen. Während bisher nur die ständig angestellten, d. h. 10 Jahre ununterbrochen im Dienste der Stadt befindlichen Arbeiter Urlaub bis zu 8 Tagen ohne Kürzung des Lohnes erhielten, soll künftighin auch den unständigen Arbeitern bereits vom 1. Dienstjahr an Urlaub von 3 Tagen unter Fortbezahlung des Lohnes gewährt werden. Me Stadt Karlsruhe ist damit weit über das Maß hinausgeg äugen, in dem andere Gemeimvesen ihren Arbeitern die gedachte Vergünstigung einräumen, da in der Regel die Zurücklegunst einer mehrjährigen Dienstzeit vor der Bewilligung von Urlaub verlangt wird. Ferner sollen kürzere vom Arbeiter nicht verschuldete Arbeitsversäumnisse, wie infolge Teilnahme an Kontrollversammlungen, öffentlichen Wahlen, Beerdigungen und bei sonsti- gen dringenden Anlässen keine Lohnkürzung zur Folge haben. Die im Arbeiterstatui zur Zett Nicht berül,rte Frage, welche Lohnansvrüche die zu Friedensübungen einberufenen Arbeiter haben soll dahin geregelt werden, daß Arbeiter mft mindestens einjähriger Dienstzeit während ihrer Einberufung auf die Dauer von 8 Wochen, wenn sie verheiratet sind, den vollen Lohn nach Abzug der Versicherungsbeiträge und der reichsgesetzlichen Familienunterstützung, und, wenn sie ledig sind, den halben Lohn nach Abzug der Versiche- Mngsbeiträge erhalten. Endlich ist die Zuständigkeit bei der Entlassung von Arbeitern neu geregelt. Bisher waren hier die unständigen und die mit Anwartschaft auf Ruhegehalt und Hinter- bliebenenversorgung ständig angeftcllten Arbefter völlig gleichgestellt. Es konnte den letzteren wie den ersteren das DienstverhällniS von der Vorgesetzten Dienstbehörde mit 14tägiger Frist gekündigt und ebenso konnten auch die ständigen
Arbeiter aus den im Arbeiterstatut bezeichneten Gründen sofort entlassen werden: den Arbestern blieb hiergegen nur der Weg der Beschwerde, an den Stadtrat offen. Künftighin soll, um jede oberflächliche und wirkliche Behandlung der Frage der Entlassung eines ständigen Arbeiters auszu- scklließen, über Dienstauffündigung und Entlassung von solchen eine besonders Disziplinär- behörde entscheiden, bestehend aus dem Vorstand des städtischen statistischen und Arbeitsamts als Vorsitzendem, dem Vorstand des Betriebs, dem der zu entlassende Arbeiter angehört, und einem ständigen Arbeiter, der von dem Arbeiteransschuß des betreffenden Betriebs jeweils für die Dauer eines Kalenderjahres ernannt wird: es soll damit auch den Arbeitern Gelegenheit gegeben werden, sich durck einen Vertrauensmann darüber zu informieren, ob bei Entlastungen gerecht vorgegangen wird oder nicht. Ferner ist die Entschei- düng der Disziplinarbehörde dem Arbeiter in schriftlicher Ausfertigung mit Angabe der Gründe mitzuteilen, so daß also jeweils ersichtlich ist, ob, „die nötige Sorgfalt und strenge Gerechtigkeit" beobachtet wurde. Gegen die Entscheidung b:r Disziplinarbehörde steht sowohl dem Dienswor- stand wie dem Arbeiter die Berufung an den Stadtrat zu.
Umschau.
Ertrage der Erbschaftsbesteuerung in Preußen.
Das Auftommen der gemäß den Gesetzen vom 19. Mai 1891 bezw. 31. Juli 1895 in Preußen zur Hebung gelangenden Erbschaftssteuer zeigt erst seit den letzten drei Jahren eine andauernde Steigerung. Der Ertrag des Rechnungsjahres 1904 in Höhe von rund 12 115 000 Mark war um 11,46 Prozent höher als im Vorjahr und um 34,66 Prozent höher als 1897, d. h. in demjenigen Jahre unserer Berichtszeit, welches das geringste Steueraufkommen aufwies. Die im Jahre 1900 auS der Erbschaftssteuer erzielte Einnahme im Betrage von rund 10 602 000 Mark wurde erst 1902 wieder erreicht bezw. um 118 000 Mark oder 1,11 Prozent überholt, und diesen Betrag überstieg die Einnahme im folgenden Jahre auch nur um 1,39 Prozent, bis dann endlich 1904, wie bereits angegeben, eine erhebliche Steigerung zu verzeichnen war.
In den einzelnen Direktivbezirken zeigte , das Auftommen an Erbschaftssteuer 1904 gegenüber dem Vorjahre ganz erhebliche Verschiedenheiten. So war in den Bezirken von Ostpreußen, Posen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Hohenzollern eine Verminderung des Ertrages zu verzeichnen, welche bei Hohenzollern und Posen eine Höhe von 58,33 bezw. 60,36 Prozent erreichte. Ander- seits wies Hessen-Nassau eine Zunahme um nicht weniger als 71,26 Prozent auf, während die Stei- gerung in den übrigen 8 Bezirken zwischen 25,32 Prozent (Stadt Berlin) und 2,34 Prozent (Westfalen) fchwankte. Bei einer Vergleichung des Steueraufkommens in den Direktivbezirken für die Zeit von 1900/1904 treten die Gegensätze weniger stark in die Erscheinung. Hohenzollern wies hier mft 28,57 Prozent den stärksten Rückgang, Hessen-Nassau mit 37,07 Prozent die größte Zu-
nähme auf. Geringer als 1900 war das Erträgnis im letzten Jahre noch in Ostpreußen (25,18 Prozent), Weftpreußsn (3,42 Proz.), Schlesien (8,81 Proz.) und Westfalen (13,44 Proz.), wäb- rend, abgesehen von Rheinland, in welchem die Steigerung 34,40 Prozent betrug, die Zunahme in den übrigen Direktivbezirken , zwischen 6,49 Prozent (Brandenburg ohne Berlin) und 18,79 Prozent (Schleswig-Holstein) schwankte.
£ir Jsteinnahme in den Jahren
Tausend Mar!
1896 . . . 9 046
1897 . * . 8997
1898 ... 10 258
1899 . 9530
1900 . . . 10 602.
an Erbschaftssteuer betrug
Tausend Mark 1901 . » . 10172 1902 . . . 10 7'20 1003 . . . 10 869 1904 . . . 12115
Sozialdemokratische Gesinnungstüchtigkeit.
Der frühere Redakteur des sozialdemokraftschen Genfer Blattes „Le Peuple de Gendve", Duaime, bewarb sich mit Erfolg um die Gunst der Gattin eines Parteigenossen. Der Jnseratenacquisiteur des „Peuple", Därouand, rin Freund des beleidigten Gatten, machte darüber dem Redakteur Duaime Vorwürfe, und es kam zum offenen Zwist, der dieser Tage ein Nachspiel vor dem Genfer Polizeigericht fand, das in Genf Pein, liches Aufsehen erregt. Därouond erzählte, der „Peuple" habe eine Campagne, die er im Namen der öffentlichen Moral gegen , einige Finanziers führte, plötzlich eingestellt, als ein gewisser Rüegg, der dem „Peuple" das Material für seine Cam. pagne geliefert hatte, mit Frs. 1000 zum Schweigen gebracht worden sei: von diesen FrS. 6000 habe der damalige Redakteur des „Peuple", Duaime, Frs. 1000 erhalten. Duaime klagte darauf wegen Verleumdung. Aus den Verhandlungen ergab sich mit Bestimmtheit nur, daß die Frs. 6000 an Rn egg bezahlt wurden, lutb daß darauf der „Peuple" sogleich seine Angriffe einstellte. Daß Duaime persönlich Frs. 1000 erhalten habe, ist nicht nachgewiesen. Das Urteil wird erst noch gefällt. Da der ehemalige In- seratensammler des „Peuple" einmal im Zuge war, die Geschästsmarime des sozialdemokraftschen Blattes einmal auszuplaudern, erzählte er auch, daß das Blatt sich von der Genfer Kursaaldirek- tton Frs. 1500 zahlen ließ und dafür über das Rößlispiel des Kursaales schwieg, während andere Blätter, so das „Journal de Gendve", desien Auf- Hebung verlangten. Die Frs. 1500 wurden aller- dings „für Inserate" bezahlt, der „Peuple" brachte aber nur für etwas Frs. 300 Inserate des Kursaals; den übrigen Frs. 1200 stand keine positive Gegenleistung gegenüber. Und eine andere niedliche Geschäftspraxis enthüllte der Acquisiteur: der „Peuple" nahm groß« Lotterieanzeigen auf und empfahl sie im Textteil der Bs- achtung seiner Leser. Er machte dann aber von den betreffenden Nummern zwei Ausgaben: die eine, mit der empfehlenden Notiz, für die In- ferenten der Lotterieanzeigen, die andere Notiz im Texttril, für die Genfer Arbeiter. Der als Zeuge vernommene Cheftedakteur des „Peuple", der Arbeiterführer Sieg erklärte, er habe von all diesen Dingen keine Kenntnis gehabt, da er sich nie mit den administraftven Angelegenheiten des
Blattes befasse. — Uird dabei ergeht sichdft sozialdemokratische Presse tagtäglich in den wüst» sten Schimpfereien gegen die „Unmoral" der bür» gerlichen Kapitalistenpresse.
♦ Die Einberufung des Reichstages auf Dienstag, den 28. November, ist nunmehr et* folgt. Die Bekanntgabe dieses ziemlich späte» Termins hat in manchen Kreisen überrascht, und verschiedene Blätter bringen ihren Unmut dar« über zum Ausdruck, daß die Zusicherung, den Reichstag diesmal möglichst früh rinzuberufen, nicht erfüllt worden ist.
Man macht der Regierung mit Unrecht den Vorwurf, die Einberufung des Reichsparlaments ohne Grund verzögert zu haben, oder nicht fleißig genug gewesen zu sein, um die in Vorbereitung befindlichen Gesetzentwürfe in einem beschleunigteren Tempo vornehmen zu können. Von einigen Blättern war sogar das Verlangen ausgesprochen worden, der Reichstag möchte auch für den Fall, daß die großen Vorlagen noch nicht, fertig seien, alsbald rinberufen werden, da es ihm, an Ar« beitsstoff nicht fehlen werde, wenn nur die in der vorigen Session unerledigt gebliebenen Entwürfe wieder eingebracht würden. Was aber wäre Me Folge gewesen, wenn dieses Verlangen erfüllt worden wäre? Der Reichstag hätte dann eben im alten vorjährigen Gleise fortwursteln müssen, er hätte seine Zett mit Jnterpellaftonen und Jo« ziälpolitischen Plaudereien ausgefüllt und toäre bereits arbeitsunlustig gewesen, wenn die Einbringung des wirklichen Arbeitsstoffes erfolgt wäre.
Den Mittelpunkt der Verhandlungen in, her bevorstehenden Rrichstagsiession bildet unzweifelhaft die Sanierung der Rrichsfinanzen. Mit ihr stehen und fallen die übrigen großen und wichtigen Vorlagen, wie die Flottenvorlage, die Ko- lonialvorlage, die MilitärPensionSgesetze u. a. m. Ja selbst die Gestaltung des Etats ist von der Erledigung der Reichsfinanzreform abhängig. Hieraus ergibt sich das weitere, daß eine Einberufung des Reichstages nicht angebracht gewesen wäre, ohne daß die Sicherheit bestanden hätte,,am Termin seines Zusammentrittes die Entwürfe für die Reichsfinanzreform und bte neuen Reichssteuern einzubringen. Die Fertigstellung dieser Vorlagen jedoch war nicht früher zu bewerkstelli- gen als bis zu dem nun fun ^gegebenen Termin. Schon aus den Diskussionen über diesen Gegenstand in der Presse konnte man ersehen, mit welchen Schwierigketten zu kämpfen gewesen ist, um ein Einvernehmen der Bundesregierungen und namentlich eine llebereinsftmmima der in mancher Beziehung verschiedenen Auffaffungen zwischen den norddeutschen und den süddeutschen Staaten über die Finanzreform und die Steuerprojekte zu erzielen.
Auch im Reichstags wird die Behandlung der Reichssinanzreform Schwierigkeiten genug , be- begegnen. Die bittere Notwen diakett, die Reichs- rin nahmen ganz erheblich zu erhöhen, liegt aber nun einmal vor und ist von allen Parteien — ja sogar von der Sozialdemokratie — anerkannt worden. Aber auch die organische Reform de» Rrichsfinanzwesens an sich und die Grenzregulie- rung zwischen den Finanzen des Reichs und bet
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sich deutlicher geschrieben stand, das Wort, welches ihr heißes sehnen stillte und ihr eine Welt von Glück und Liebe versprach.
Alles erschien ihr nun in einem besseren, schöneren Lickte, Me häuslichen Beschäftigungen hatten nichts Abschreckendes mehr für sie: sie begann es sogar natürlich zu empsinden, daß Magda mit scharfem Blick Me Oberaufsicht über den Haushalt führte. Sie fand es jetzt so schön, für seine Lieben sich mit den prosaischen Sorgen deS Lebens zu belasten, daß ihr die nüchterne, gute Mazda plötzlich in einem hellen Verklärungsschimmer erschien, und sie gab sich alle Mühe, wenn auch nicht in allen, so doch in manchen Stticken ihr getreues Abbttd zu werden.
Des Abends wurde jetzt häufiger musiziert. Viola zu Liebe setzte sich der Freiherr ans Klavier und spielte, während sie mit bochgeröteten Wangen und leuchtenden Blicken lauschte.
Welches Entzücken aber empfand sie, als er sie rinlud, mtt ihm vierhänMg zu spielen, und sie glaubte sich der Welt entrückt, wenn sie, an seiner Seite sitzend, mit ihm sich in das Studium der Klassiker bertiefen konnte.
Was waren das für Stunden reinen, echten Genusses: Stunden, deren sie noch nach Jahren mit stiller Wehmut gedachte.
Mazda mit ihrem unvermeidlichen Strickstrumpfe saß gewöhnlich seitwärts in einer Ecke, neben ihr Herr von Rotteck, der getreue Freund des.Hauses. *
Auch an ihn und ferne ungelenken Manieren batte sich Mola mit der Zett gewöhnt: ste nannte ihn nicht mehr „grisllos und sinkffch", wie fie eÄ früher im Stillen oft getan.
Sie hatte den edlen Sern unter der raube» Außenseite erkannt, denn Gerhard hatte ihr et*
lNockivruS verboten^
Pflicht und Liede.
Roma« vo« S. Wild.
(Rortfeimng.)
L Eine selige, stille Zeit voll Glück und Frieden braA nun für Viola an.
sie fühlte, daß sie dem Freiherrn von Tag zu 5ag teurer wurde, und namenloses Glück er* Me chre Seels, wenn sie daran dachte, daß pe Stunde kommen würde, daß seine Lippen das .wort sprechen würden, das in seinen Äugen täg- |
-In dieser Nacht erfreute sich Mola nicht, tote sonst, des gefunden Schlafes der Jugend. Sie konnte lange nicht rinfchlafen und lag mit offenen Augen träumend da und wenn sie die Angen schloß, dann sah sie immer rin schöne», dunkles Männerantlitz vor sich, das sie so zärllich anblickte, daß ihr das Blut heiß zu Kopf und Herzen stieg und ein tiefer Schauer ihren Körper durchbebte.
Was mochte dies sein?
' „Ganz entschieden, die Fahrt ist mir nicht gut bekommen," lästerte Mola etwas beklommen vor sich hin. „Ich habe Fieber. Wie meine Lippen glühen und wie ich glücklich bin!" murmelte sie, endlich schlaftrunken in die blendend weißen Kissen zurücksinkend.
Der Tranrngoit kam und mengte im neckischen Wiele Wahrheit und Phantasie bunt durchein- anbet.
Rosige Bilder um gaukelten da» schlafende ^Rädchen und als Mola am nächsten Morgen et» kochte, da schwebte noch rin seliges Lächeln auf tbren Lippen — der Traum war gar zu schön gewesen.
zählt, daß Rotteck Jahre hindurch in den kümmer- lichsten Verhältnissen gelebt habe, um seinen zwei Schwestern eine Aussteuer mitgeben zu können.
Die eine hatte einen Justizrat geheiratet und lebte nun in der Residenz, Me andere war die Gatftn eines Gutsbesitzers geworden, der einen kleinen Besitz in einer der schönsten Gegenden am Rheine hatte.
Beide Schwestern des Herrn von Rotteck waren dem Zuge ihres Herzens gefolgt, als sie sich bet. mahlten, und wenn sie auch nicht in glänzenden Verhältnissen lebten, so waren sie doch glücklich und zufrieden und wünschten sich kein bessere» Los.
Freilich ahnten sie nichts davon, welch' große Opfer es ihrem Bruder gekostet, um ihnen die kleine Mitgift zu verschaffen, die er einet jeden gegeben; denn er wollte nicht, daß sie mtt leeren Händen des Haus ihres Gatten betraten.
Anton von Rotteck hatte daS Gut von seinem Vater in dem denkbar schechtesten Zustande übernommen, zahlreiche Schulden hafteten überdies auf dem nur mäßig großen Besitztum: denn der alte Herr hatte sich allen Mahnungen zum Trotz in gewagte Spekulationen eingelassen, Me alle ein mehr oder minder glückliches Ende nahmen.
Als er starb, hatte er seine Kinder fast an den Bettelstab gebracht und nur der unermüdlichen Ausdauer und Energie Anton von Roüecks war er ju danken, daß er sich nach einigen Jahren so weit emporgearbeitet hatte.
Aber dann erst brach für ihn eine Zeit der Arbeit und Entbehrungen herein, und Jahre gingen dahin, bis es ihm gelungen war, sich von der schwer brückenden Schuldenlast zu befreien.
„Unter solchen Verhältnissen konnte er natür- stch nicht an die Verfeinerung seiner Sitten denken,« hatte der Freiherr lächelnd seine Erzäh
lung geschlossen. „Sie müssen ihm so manches nachsehen, Viola. Ein Mann von Welt ist er eben nicht: aber er besitzt ein edles Herz und ich möchte um alles in der Welt seine Freundschaft nicht misfen."
Seit jener Zeit kam Viola dem guten Rotteck liebenswürdig und freundlich entgegen.
Sie verspottete ihn nicht mehr ob seiner rauhen polternden Stimme, seiner steifen unbeholfenen Verbeugung, die ibr früher so viel Stoff ;n ironischen Bemerkungen gegeben.
Früher war sie jedesmal entsetzt gewesen, wenn sie einen Tritt im Vorsaale vernommen, jetzt freute si- sich seines Kommens: denn bann konnte sie ungestört mit G:rhurd den ganzen Abend musizieren.
Man brauchte mtt Herrn von Roüeck nicht vick Umstände zu machen: wenn er nur rauchen durfte, dann war er schon zufrieden.
Neben Magda sitzend, rauchte er behaglich feine Zigarre und sah dem Freifräulrin zu, besten fleißige Hände sich unausgesetzt bewegten.
Ab imb zu flüsterte er ihr auch ein tiefes Wort zu, auf welches Magda ebenso leise antwortete.
Von dem, was gespielt wurde, verstand et wohl nichts: allein er versicherte jedesmal beim Abschiede, er hätte heute einen höchst genußreichen Sfbenb gehabt, und das Spiel Molas und bei Freiherrn sei wieder einmal ganz ausgezeichnet gewesen.
Ueber Magdas Gesicht huschte dann wohl ritt leichtes, flüchtiges Lächeln; sie wußte nur zu genau, wie es um Rottecks Musiksinn stand: denn erst unlängst hatte er ihr im geheimen anvertraut, rin gutes, altes Volkslied von ihr gesungen fei ihm tausendmal lieber als alT das klassische Zeug da.
IFortseßimg folgt)'.