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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.

Vierteljährlicher Bezugspreis: bei ver ExpLition 2 Wit, bei allen Postämtern 2,25 Mr. Kcjd. Bestellgeld).

JnsertionSgebühr: die gespaltene Zelle oder deren Raum 10 Pfg, Reclamen: die .steile 25 Psa.

Marburg

Sonntaq. 29. Oktober 1905.

Erscheint wöchentlich siebe» mal.

Druck mtb Verlag' Joh. Aug. Koch, llmdcrsitätS-Buchdruckerei 40. Jahrg.

Marburg, Markt 21. Telephon 55.

Erstes Blatt.

Bestellungen

für die Monats November und Dezember auf die

Oderhtffifche Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch­hain, Neustadt und Wetter, sowie von allen Postanstalten und Landbriesträgern entgegengenommen.

Nationale Wohnungsfürjorge.

Der Bund deutscher Bodenrefarmer be­reitet zurzeit eine Massenpetition an das Preu- ßlsche Abgeordnetenhaus vor. Bekanntlich enthält die nach schweren Kämpfen unter Dach und Fach gebrachte wasserwirtschaftliche Vorlage in ihrem § 16 eine Bestimmung, nach der dem Staat durch königliche Verordnung das Recht zur Enteignung solcher Grundstücke verliehen werden kann, deren Erwerb zur Erreichung der mit dem Unterneh- men in Verbindung stehenden, auf das öffentliche Wohl gerichteten staatlichen Zwecke erforderlich ist. Die Petition glaubt das Erscheinen dieser Ver. ordnung beschleunigen zu können, indem sie das Abgeordnetenhaus nm diejenigen Schritte bittet, tvelche geeignet sind,das an die neu zu er­bauenden Kanäle angrenzende Land vor ver­teuernder Spekulation zu schützen, damit für die deutsche Arbeit hier billige und gesunde Wohn- und Werkstätten möglich werden." Gleichzeitig ver- breiten die Bodenreformer eine von I. Latscba verpaßte , BroschüreNationale Wohnungsfür­sorge", die in folgenden Forderungen gipfelt: 1. das an die neu zu erbauenden Kanäle angren­zende Land dem bedingten Enteignungsverfahren zu unterwerfen und 2. das auf diesem Wege dem Verkehr ericklossene Land, je nach Bedarf erwor­ben, durch staatliche Organe baureif zu machen, es an selbstbauende Interessenten zu angemeise- Ttem Preise abzugeben und die Bildung neuer Gemeinden zu ermöglicken.

Ans dem reichen Inhalt der fesselnd ge- schrieberren Broschüre sei andeutungsweise das folgende wiedergegeben:Bei gleichbleibender Bevölkerungszunahme haben wir in den nächsten 50 Jahren eine Zunahme von 50 Millionen Menschen zu erwarten; für sie muß Wohn- und Aicheitsgelegenheit beschafft werden. Die land- tvirtschaftliche Bevölkerung ist sich mit ca. 26 Millionen innerhalb der letzten 30 Jahre oleich- geblieben und daran wird sich auch für die Folge nichts ändern, die neu zuwachsenden Menschen müssen daher auf Industrie, Handel und @e- lverbe untergebracht werden. Rechnet man bei geräumiger Bauweise 500 qm für das Ein­

familienhaus (100 qm pro Kopf), so müssen der Land und Forstwirtschaft 5 Milliarden qm ent­zogen werden. Bei der Ilmwandlung eines Teils des Ackerlandes in Gartenland würde gemäß den Erfahrungen des Frankfurter Vereins zur För- derung des Kleingartenbaues unter Nationalein­kommen ans Grundbesitz nicht geschwächt, sondern erhöht werden. Wenn das fortgesetzte übermäßige Wachstum der Städte als ein nationales Unglück erkannt ist, muß für die vom Staat zu unter- nehmende Ansiedelung die Losung lauten: Weg von den großen Städten I Dazu bietet dieIn- dustriewohnstraße" ein lebensfähiges Kompromiß zwischen den idealen und praktischen Forderungen. Unter Wohnstraßen sind Ansiedelungen verstau, den, welche strahlenförmig von einem Verkehrs- zentrum ansgeheu und eine langgestreckte Form innehaltend, sich nach dem anderen Verkehrszen. trum hinziehen. Ihre Bevölkerungsdichtigkeit muß einerseits ausreichend sein, um einen lebendigen Verkehr innerhalb der Ansiedelung wachzurufen, und darf andererseits nicht so stark fein, daß der Charakter des Landlebens aufge­hoben und wiederum gesundheitliche und sittliche Bedenken auftauchen. Die Wohnstraßen müssen an bereits vorhandenen oder noch zu erbauenden Eisenbahnen entlang führen oder wenn möglich einer Wasserstraße als dem billigsten Transport­mittel folgen. Die Bildung neuer Gemeinden ist zu ermöglichen und durchzuführen. Dazu sind auch solche Flächen, die erst in späteren Jahren zur Bebauung gelangen können, unter die Hand des Staates zu bringen, ohne daß dieser in den sofortigen unmittelbaren Besitz tritt. Der Staat hat also für die betreffenden Ländereien auf eine bestimmte Anzahl von Jahren das Ankaufsrecht zu dem jeweiligen Normalpreise zu erlangen; dieses Verfahren wäre zu bezeichnen als das be­dingte Enteignungsrecht.

Die gute Absicht des Herrn Latscha in Ehren! Man wird jedoch sorgfältig zu untersuchen haben, ob bei der Durchführung des oben skizzierten Plages das Spekulantentum nicht etwa neben der seinem gemeinschädlichen Treiben entzogenen Jndustriewohnstraße lustig weiter wirken kann wie bisher und damit den Zweck der Wohnstraße zum guten Teil illusorisch machen wird. Die Broschüre geht aber auch bei allen ihren Dar­legungen von der Voraussetzung aus, daß die Kopfzahl der landwirtschaftlichen Bevölkerung sich auch in Zukunft nicht weiter erhöhen wird uns dieser Voraussetzung wird nickst jeder beitreten können. Ein Zweck der Neugestaltung de3 Zoll- tarifs und der Handelsverträge war doch gerade, die landwirtschaftliche Beschäftigung wieder ge­winnbringend zu gestalten und dadurch den Hauptguell der Landflucht zu verstopfen. Mit Recht bezeichnet Latscha die Anhäufung der Men­schen in Großstädten und Industriezentren als den Ausgangspunkt der Degeneration unseres Volkes. Man mache also die Landwirtschaft wie- der rentabel, höre auf mit der Bevorzugung der Großstädte, . wie sie auf so vielen Gebieten noch vorhanden ist, und der Zug nach den Großstädten wird wesentlich verringert werden. Daran denkt Latscha vielleicht selbst, wenn er schreibt:Wird

verboten.)

Pflicht und Liebe.

Noma« von C. Wild.

< wtznng.)

r, Sie fuhr sanft mit ihrer Hand über Violas lange Locken und sagte in herzlichem Tone:Es freut mich, wenn Ihnen alles so gut gefällt, und 'ch hvffe, wir werden mit der Zeit noch recht gute Freundinnen werden. Ich bin schlicht und offen rind sage meine Meinung stets gerade heraus, weil ich das für das Beste halte. Sie müssen es daher nicht so genau nehmen, wenn ich nicht jede Silbe ängstlich abwäge, meine Absicht ist ruinier gut und das ist doch die Hauptsache."

; .Sie drückte einen mütterlichen Kuß auf die Stirn des jungen Mädchens und fuhr dann in nfiterem Tone fort:Ich will Ihnen nun meine alte Rieke schicken; sie ist zwar keine sonderlich geübte Kammerjungser, aber treu und willig, das^ersetzt in vielen Fällen die Geschicklichkeit." . -site nickte Viola freundlich au und verließ das Zimmer, das junge Mädchen in einem Zustande förmlicher^Betäubung zurücklasfend.

Zwei Stunden später saß Viola mit dem Ge- schwisterpaare bei dem Souper, welches gewöhn- »ich unter dem Zelt im Blumenparterre ringe« swmmen wurde.

2a§ junge Mädchen hatte die graue -Reise jto-ckette - gegen ein hübsches Kleid von blaßrosa dertauscht.

Sie iippigen Locken hielt ein schwarzes Samt- 's", zusammen, und an dem weißen, reizend getonnten Halse schimmerte ein kleines Diamant- sieuz, ras einzige Schmuckstück, welches die ver. I-Onin ihrer Tochter hinterlassen.

'dren glänzenden Augen und den leise Erröteten Wangen sah Viola ungemein lieblich B.3' selbst Mazda dachte bei sich, welch' l/Es Mädchen doch das Mündel ihres wruderS fei.

Auch Gerhards Blicke ruhten mit Bewunde­rung auf diesem schönen Antlitz, welchem der freundlichere Ausdruck einen neuen Reiz verlieh. Viola fühlte sich so froh erregt, so dankbar ge­stimmt, daß sie ihre gewohnte Verschlossenheit ablegte und heiter und mitteilsam wurde, wie sie noch nie gewesen.

Es war ein herrlicher Juni-Abend, milde, laue Lüfte umspielten kosend ihre Stirn, rind der süße, berauschende Duft der Lindenbäume wiegte sie in eine angenehme Betäubung.

Mit vollen Zügen atmete sie den starken köst­lichen Wohlgeruch ein, und eine nie gefühlte Regung beschlich ihr stärker pochendes Herz, wenn sie in die dunklen Augen des Freiherrn sah, die sich immer wieder auf das schöne Mädchen bild hefteten.

Nur ungern verließ Viola den kleinen Kreis, als der Freiherr zum Ausbruch drängte, da sie von der Reise ermüdet sein müsse.

Es war so schön, so traulich gewesen; würde es morgen auch so sein?

Zum ersten Male in ihrem Leben entschlief Viola mit einem Lächeln auf den Lippen, und süße Träume umgaukelten sie im Schlafe.

Sie träumte von einer Heimat, die sie ge- fimden, von einem süßen, berauschenden Glücke, das sie noch nicht ganz verstand, und freudiger, ahnungsvoller Hoffnung voll öffnete sie am nächsten Morgen ihre Augen.

Hatte sie nur geträumt, oder sah sie wirklich dem heiß ersehnten Glücke entgegen?

Als sie den Korridor betrat, begegnete ihr Mazda mit einem mächtigen Schlüsselbund in der Hand.

Sie nickte dem jungen Mädchen freundlich zu und schalt sie lächelnd eine kleine Langschläferin.

Gerhard ist schon in die Felder hinausge- ritten," plauderte sie heiter fort,heute müssen Sie schon Ihr Frühstück allein einnehmen; denn wir Landbewohner sind Frühaufsteher und Hal-

durch anderweitige Maßnahmen der Prozentsatz der aus der Landwirtschaft zur Industrie Über­gehenden Bevölkerung vermindert, so schränkt sich in demselben Maße die Ausgabe der natio­nalen Ansiedelung ein." Neben der kraftvollen Unterstützung dieser anderweitigen Maßnahmen zur Kräftigung des Platten Landes werden aber die Freunde und berufenen Vertreter der Land, wirtschaft sicherlich gern bereit fein, dem groß­städtischen Bodenwucher mit gebotener Energie entgegenzutreten und dabei den oben wiederge- gebenen Vorschlag ernstester Erwägung zu unter­ziehen.

Umschau.

Die Sterblichkeit der Gesamtbevölkerung des preu­ßischen Staates 19 0 4.

Preußen hat im Jahre 1904 (1903) 365 495 (370 341) männliche und 336 652 (337 609) weibliche, zusammen mithin 702 147 (707 950) Personen durch den Tod verloren. Außerdem wurden den Standesbeamten 22 506 (22 065) Totgeborene männlichen und 17 657 (17 388) weiblichen Geschlechtes gemeldet. Die Zahlen des voraufgegangenen Berichtsjahres zeigen, daß die Summe der Totgeborenen 1904 eine größere, die der Gestorbenen eine geringere geworden ist. Ohne Berücksichtigung der Totgeborenen betraut die Sterbeziffer, auf 1000 am 1. Januar 1904 Lebende berechnet, für die Bevölkerung des preußischen Staates überhaupt 19,5 (19,9), für ihren männlichen Teil 20,5 (21,1) und für ihren weiblichen 18,4 (18,7). Vergleicht man dieses Ergebnis mit dem der früheren Jahre bis 1875 rückwärts, von wo ab infolge der Standes- amts-Einrichtung eine einheitliche Berichterstat­tung und Verarbeitung der Nachrichten über die Gestorbenen durchgeführt wurde, so zeigt 1902 die niedrigsten Sterbeziffern, hiernach die günstig­sten das Jahr 1904. Zwischen 1875 und 1904 traten für die männliche Bevölkerung Schwankun- gen von 28,1 bis 20.5 ein, für die weibliche von 24,6 bis 18,2 und für die gesamte Bevölkerung von 26,3 bis 19,3 auf 1000 Einwohners

Gin Parlament wirklich führender Persönlichkeiten

fordert die Korrespondenz desReichsverbandes gegen die Sozialdemokratie":

Daß in die Landtage Kandidaten birein- gebracht werden, die in dem betreffendem Wahl­kreise angesessen, die mit den Interessen dieses Kreises persönlich verknüpft sind, ist begreiflich und im Großen und Ganzen Wohl zu billigen. Im Reichstag aber handelt es sich um ganz an­dere Dinge: dort wird entschieden über das Wohl und Wehe von Reich und Volk, über die Zukunft unseres Vaterlandes und unserer deutschen Rasse, wird entschieden darüber, ob das deutsche Volk sich seiner großen Weltmission bewußt bleiben wird oder ob es, sich verzehrend in kleinlichem Streit und unfähig zu einem bewußten natio-

ten mit unseren Mahlzeiten eine bestimmte Ord­nung ein."

Ich werde morgen pünktlicher fein," sagte Viola entschuldigend.Sie sollen sehen, Fräu­lein von Linden, daß auch ich mich in die Haus­ordnung fügen kann."

»Das hoffe ich auch," versetzte Magda in ihrer ruhigen bestimmten Weise,nichts macht eine Häuslichkeit ungemütlicher, als wenn jedes darin nach seiner eigenen Art lebt; Ordnung ist ein festes Band, welches alle zusammenhält."

Ein leises Unbehagen beschlich Viola bei die- Jen Worten.

Sie war so froh gewesen, der strengen Dis­ziplin im Pensionate entronnen zu sein, und nun sah sie, daß sie dieser nur entgangen war, um unter ein anderes, ebenso strenges Regiment zu kommen. Sie hatte sich gedacht, jetzt hin und lassen zu dürfen, was ihr beliebte, statt dessen svllte sie nun nach der Stunde laben und einem Automaten gleich sich nach der vorgeschriebenen Regel richten.

Es lag viel Widerspruchsgeist und Unab­hängigkeitssinn in dieser jungen Seele, vielleicht gerade deshalb, weil Viola bisher hatte nach strenge gehandhabten Regeln leben müssen und eben diese stritte, einförmige Tagesordnung hatte ihr den Aufenhalt im Mädchenpensionate so ver- haßt gemacht.

Magda leistete ihr bei dem Frühmahle Ge­sellschaft und führte sie bann in dem geräumigen Schlosse umher.

. Viola staunte über die gediegenen wirtschaft­lichen Kenntnisse des Freifräuleins.

Sie hatte auf dergleichen Dinge immer vor­nehm herabgeblickt, und sie konnte nicht begrei­fen, wie Gerhards Schwester so viel Gefallen daran fand, beständig in Küche und Keller nach- zusehen, in die Milchkammer neben, die Wäsche­schränke revidieren und sich einer Menge von Be- schäftigungen widmen konnte, die Viola kaum vom Hörensagen kannte.

nalen Willen zur Tat, herabsinken muß zu eint» Nation dritten und vierten Ranges, die im Zu­kunftsrate der Völker nichts mehr zu bedeute« hat. Bei der Aufstellung von Kandidaten zu» Reichstage sollte daher in erster Linie zurückge­griffen werden auf jene Männer, die durch ihr« ganze Vergangenheit, durch ihr berufliches und nationales Wirken den Anspruch darauf erheben können, zu den Führern des Volkes. gerechnet zu werden, zu jenen Persönlichkeiten, die in selbst­loser Hingabe an die nationale Idee ihren Volks­genossen als leuchtende Sterne das Banner eine« großen deutschen Zukunft opfermutig boran- tragen. Man sage nicht, daß es an solche« Männern in unserem deutschen Vaterlande fehlt. Der Mangel an solchen Männern ist nur scheinbar vorhandün. Sie leben, sie sind da, vorläufig reilich bescheiden zurücktretend, aber nur toar- end auf den Augenblick, wo das deutsche Volk ie rufen wird, ihm voranzuschreiten als kühn«, ürchtlose Feldherren von Sieg zu Sieg, x-ec Reichsverband gegen die Sozialdemokratie" ist keine Partei, will eine solche nickt fein: seine Aufgabe kann daher nicht darin bestehen, selbst Kandidaten zum Reichstage aufzustellen. Die Bestimmung der Kandidaten muß er den ver­schiedenen Parteien überlassen. Aber er farat doch eins tun und zwar sckon jetzt lange bor de« allgemeinen Reichstagswahlen, nämlich seinen Freunden und Mitstreitern bas nationale Ge­wissen schärfen und sie fortgesetzt darauf Hin­weisen, daß in den nächsten Jahren im Reicht« tage die Geschicke des deutschen Volkes auf, lang« hinaus entschieden werden. Darum gilt elf Männer in den Reichstag zu bringen, ganz ohne Rücksicht darauf, ob sie in dem von ihnen zu bet- tretenden Wahlkreise angesessen find ober nicht, wenn sie nur durch die Macht ihrer Persönlichkeit eine Gewähr dafür bieten, daß in der Schicksals- stunde des deutschen Volkes dessen Lebensinteres­sen in ihren Händen fest und sicher gewahrt sind."

Ausland.

Großbritannien. Mit dem Prophezeihen ist es bekanntlich eine eigene Sache. Trotzdem hat sich ein englischer Universitätslehrer, Professor Strong in Liverpool, gemüßigt gesehen, seine An­sichten über die politische Lage in Europa nach 50 Jahren zum besten zu geben. Danach würde der Tod des Herrschers der österreichisck-ungari« scheu Monarchie eine tiefgehende Umwälzung Her­vorrufen. Die deutschsprechenden Einwohner Oesterreichs, etwa 10 Millionen an Zahl, würden sich dem Deutschen Reiche anschließen, dessen Ge­biet bann bis Wien reichen würde. Die slavischen Völker würden Böhmen als ihren Kristattisafions- Punkt ansehen und ein slavisches-tschechischel Reich begründen. Belgien und Holland würde« an Frankreich bezw. an Deutschland fallen. Herr Strong verbreitete sich bann noch weiter übet die Zukunft der britischen Kolonien, wobei er be­sonders in Indien, Australien und Kanada die englischen Interessen gefährdet sieht. Nut schade, daß er nicht auch über die schwebende«

War es denn überhaupt schicklich für ein Fräulein von Linden, wie eine ganz gewöhnliche Wirtschaftsmamsell überall selbst ihre Anord­nungen zu treffen, über alle Ausgaben ein ge­naues Buch zu führen und so von früh bis spät in angestrengter Tätigkeit zu leben?

Arbeit! Das Wort Arbeit in seinem wahr­sten Sinne war Viola stets fremd geblieben.

Sie hatte gelernt, musiziert, hier und da viel leicht eine zierliche Stickerei verfertigt, das war ihre ganze Tätigkeit gewesen.

Welches Vorrecht blieb denn dann der höhere« Klasse, wenn die adeligen Damen auch noch in ihrer Häuslichkeit schaffen sollten, gleich der Frau eines Bürgers oder eines Beamten, dessen klei. es Gehalt kaum hinreicht, die nötigen Bedürf­nisse zu decken.

Nein, es war entschieden unpassend von Magda, baß sie das tat, und Viola fühlte, wie sehr sie m geistiger Hinsicht der Schwester ihres Vvrmundel überlegen war; sie würde an so geisttötenden Be­schäftigungen niemals Gefallen gefunden haben!

Stumm und verständnislos war Viola ihrer Führerin durch alle Räume gefolgt; halb ge­ärgert, halb gelangweilt hatte sie den Erklärun- gen Magdas zugehört; jetzt aber erwachte in ihr der ganze Uebermut des siebzehnjährigen Mäd­chens, das, ohne Welterfahrung, ohne Welt­kenntnis, stolz auf das bischen Schulwissen Pocht, welches es noch ganz frisch aus der Pension ge­bracht, und das es nun in glänzender Weise zu beteuerter, trachtet.

Ich bin erstaunt über Ihre Unermüdlichkeit", sagte sie, mit Magda in ihren kleinen Salo« tretend, durch dessen weitgeöffnete Fenster süßer Lindenblütendust hereinströmte,das ist ja eine wahre Herkulesarbeit, die Sie da täglich zu bette richten haben. Fühlen Sie sich in der Tat glück­lich bei dieser Prosa des Lebens?"

Magda lachte laut auf.

.(Fortsetzung icr