Deutsches Reich.
Berlin, 18. Okt.
-— Seine Majestät der Kaiser hörte gestenk Dienstag Vormittag den Vortrags des Stellver« treters des Chefs des Militärkabinetts.
— Das Kronprinzenpaar wird heul« von Bad Kreuth, wo es zum Besuch beim Herzog Karl Theodor in Bayern weilte, die Rückreise antreten, in München einen kurzen AufenthE nehmen und morgen in Potsdam eintreffen, wo die kronprinzlichen Herrschaften zunächst im Mak« morpalais Wohnung nehmen werden.
— Die für den 25. Oktober bevorstehend« Reichsgerichtsverhandlung über den lippi - i schen Thronfolgestreit soll, wie ein« j Korrespondenz berichtet, voraussichtlich nur einen! Tag in Anspruch nehmen. Eventuell werde der Spruch noch am gleichen Tage in der nichtöffent« lichen Sitzung mitgeteilt werden.
— In einem das V e r h ä l t n i s D e u t sch - Ian b § zu Frankreich behandelnden, wie es scheint inspirierten Aufsätze faßt die „K. 8-M das Ergebnis der Delcasschchen Erörterungen dahin zusammen, daß nach den zufriedenstellen, den Erklärungen Englands Deutschland doch nicht darauf verzichten werde, nach den Urhebern fo[< cher internationaler Preßtreibereien zu forschen- Erst dann wäre es möglich, ohne gerade um das Wohlwollen Frankreichs zu buhlen, im Verlaufe des Umwandlungsprozesses der öffentlichen Mei. nung in Frankreich, welche heute nicht mehr t« Deutschland, sondern in England den ErbfenÄ sehen, zu einem ehrlichen Verkehr zu gelangen, der keine entente cordiale zu fein brauche, aber schon als entente loyale eine Friedensbürgschaft sein würde.
— Die Ausschüsse des Bundesrats haben die erste Lesung der neuen Steuer Vorlagen beendigt. Die zweite Lesung beginnt am 23. d. M. und wird ebenfalls mehrere Tage in An
los, Gerhard, wenn Sie wollen, ich tue doch dem Kinde damit nur eine Wohltat."
Sie hielt inne und fuhr sich mit der Hand flüchtig über die Augen.
„Ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen," sagte sie nach einer Pause. „Sie wissen, mein verstorbener Gatte ist sehr freigebig gegen mich gewesen; außer dem für Viola deponierte« Pflichtteil hat er mir sein ganzes Vermögen zur freien Verfügung hinterlassen; nun — dieses Vermögen habe ich verspielt."
Gerhard wich bestürzt zurück.
„Alles?" rief er in entsetztem, fragendem Tone.
„Alles. Vor zwei Tagen habe ich mein letztes! Goldstück auf den grünen Tisch geworfen."
Der Freiherr gab keine Antwort. Es widerstrebte ihm, der totkranken Frau Vorwürfe zu machen, er wollte ihr die letzten Stunden nicht verbittern.
Mit einem geheimen Grauen betrachtete et das bleiche Gesicht die tief eingesunkenen Augen, die ihn wirr anblickten. „
Hatte denn die Frau mit den wilden, zügellosen Leidenschaften jemals ein Herz besessen?
Sie hatte leidenschaftlich und begehrlich Glück und abermals Glück verlangt, hatte ste aber je ein solches geboten? Was verstand sie überhaupt unter Glück, sie, die ihre Fugend, ihre Schönheft, ihren Reichtum in vollen Zügen genossen, ohne befriedigt worden zu fern? Sie hatte sich nm den Gatten nicht bekümmert, sie hatte ihr Kind in die Obhut Fremder gegeben, sie hatte gegen die heiligsten Pflichten gesündigt und zuletzt noch sich selbst zur Bettlerin gemacht.
Das Spiel war für sie au? und sie ging, ohne sich um die anderen zu kümmern; was Wetter km«, damit hatte sie nichts mehr zu schaffen. i (Fortsetzung folgt.)^
Neueste Telegramme.
Münster i.W., 16. Okt. Der Provinzialausschuß beschloß, dem Provinziallandtag die stebernahme der in § 2 des Wafserstraßm- gesetzes geforderten Garantieverpflichtung zu empfehlen.
Oldenburg, 18. Okt. Bei den gestrigen Landtagswahlen im Großherzogtum wurden 7 Kandidaten der bürgerlichen Parteien und 4 Sozialdemokraten gewählt. Die Zusammensetzung des Landtages ist daher nicht verändert. In Bant wurden 3 Sozialdemokraten gewählt, während sie in Delmenhorst, Oldenburg und Varel unterlagen.
Hamburg, 17. Okt. Ein Transport verwundeter und kranker Krieger bestehend aus 5 Offizieren und 52 Mann kehrte heute mit dem Neichspostdampfer „Feldmarschall" von Deutsch-Südwestafrika zurück. Wie bei den früheren Rücktransporten waren von dem Berliner Oberkommando Vorkehrungen getroffen, um die Krieger gleich in Hamburg abzufertigen, damit sie von hier aus auf Urlaub oder zur völligen Heilung in einen Kurort geschickt werden können.
Paris, 17. Okt. Die spanische Polizei entdeckte einen Mordanschlag gegen König Alfons von Spanien und Präsidenten Loubet. Der Mordanschlag war für den 24. Oktober geplant. Die Entdeckung geschah durch Beschlagnahme einer Postsendung. Man fand zwischen Blumen Dhnamitbomben versteckt. (D. Tagesztg.)
Paris, 18. Okt. General Galliens hat seine Demission als Gouverneur von Madagaskar gegeben. Kolonialminister Clemente! wird Freitag im Ministerrat die Ernennung des sozialistischen Deputierten Augagneur, des Bürgermeisters von Lyon, als Nachfolger Eallienis Vorschlägen.
Christiania, 16. Okt. Die Bewegung zur Einführung der Republik kann als abgetan angesehen werden. Der Demonstrationszug der Republikaner in Christiania zählte noch nicht einmal die Hälfte der Stimmen der Sozialdemokraten bei den letzten Wahlen. Nicht ein einziger hervorragender Politiker hat die Bewegung unterstützt. Die große Menge des Volkes wünscht vielmehr, daß die ganze KrisiS abgeschloffen sei und überall normale Verhältnisse eintreten. Die Verfaffungsfrage hat noch nicht definitiv geordnet werden können.
Loudon, 18. Okt. Die Mitglieder des Pariser Stadtrats, welche zurzeit London besuchen, wurden gestern nachmittag im Thronsaale deS Buckingham-PalasteS vom König Eduard empfangen.
Newyork, 17. Okt. Präsident Roosevelt verbot die Ausfuhr von Waffen nach San Domingo, um die Revolution einzuschränken.
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Besitzrechte russischer Untertanen unberührt blei, ben. Wiederholt wttd die Verpflichtung Ruß- lands und Japans anerkannt, Chinas Zustttn- mung zu den Abmachungen zu erlangen. Die in den früheren Versionen des Artikels 6 ausge. führte Bestimnmng, daß beide Parteien die Freiheit haben, in dem expropriierten Eifenbahngebiet alle Maßnahmen zu treffen, die ihnen belieben, fehlt in dem offiziellen Tert des Artikels.
Artikel 7 besagt: Japan und Rußland Der» Pflichten sich, ihre Eisenbahnen in der Man- dschurei ausschließlich zu kommerziellen und industriellen Zwecken und in keiner Weise zu sttategi- schen Zwecken zu benutzen. Die, Einschränkung betrifft aber nicht die Eisenbahn im Pachtgebiet auf der Liautung-Halbinsel.
Artikel 8 sieht vor, daß die russische und ine japanische Regierung, um den Verkehr zu fördern und zu erleichtern, sobald als, möglich ein Separatabkommen treffen über die Regulierung des Verkehrs auf den Verbindungsstrecken ihrer Eisenbahnen in der Mandschurei.
Artikel 9 behandelt die Abtretung des südlichen Teils von Sachalin an Japan. Im letzten letzten Absatz dieses Artikels, wird gesagt: Japan und Rußland kommen überein, in ihren Gebieten auf Sachalin oder den angrenzenden Inseln keine Befestigungen und andere ähnliche militärische Werke zu bauen, sie verpflichten sich auch gegen- fettig, keine militärischen Maßnahmen zu treffen, die die Freiheit der Schiffahrt in der La Perouse- und der Tataren-Straße beeinträchtigen könnten.
Arttkel 10 präzisiert das Verhältnis der ruf- fischen Untertanen im südlichen Teil von Sachalin.
Attikel 11 behandelt die Fifchereigerechtsame in den russischen Territorialgewässern, im Japanischen, Ochotskischen und im Behrings-Meer. Es wird stipuliert, daß diese Abmachungen nicht die Gerechtsame berühren sollen, die bereits russischen oder anderen Staatsangehörigen in diesen Gebieten gehören.
Artikel 12 lautet: Da der Handels- und Schiff- fahrtsvertrag zwischen Japan und Rußland annulliert ist, verpflichten sich die kaiserlich japanische und die kaiserlich russische Regierung als Grundlage ihrer Handelsbeziehungei' bis zum Abschluß eines neuen Handels, und Schiffahrtsvertrages, der auf der Basis des bis zum Kriege in Kraft gewesenen erfolgen soll, gegenseitige Meistbegünstigung anzunehmen, in die eingeschlossen werden: Einfuhr- und Ausfuhrzölle, Tranfitformalitäten, Tonnengelder, sowie die Zulassung und Behandlung der Beamten, Staatsangehörigen, sowie von Schisfen des einen Landes in den Gebieten des anderen.
Artikel 13 behandelt die gegenseitige Rückgabe der Kriegsgefangenen und die Bezahlung der durch ihren Unterhalt entstandenen Kosten. Rußland verpflichtet sich, an Japan sobald als möglich die Differenz zwischen dem von Japan un6 Rußland hierfür ausgegebenen faktischen Bettage zurückzuzahlen.
Artikel 14 trifft die Bestimmung über die Ratifikatton des Friedensvertrages.
Artikel 15 sieht vor, daß der Text des Friedens. Vertrages für die Russen in französischer, für die Japaner in englischer Sprache abgefaßt wird.
Erscheint wöchentlich fieben mal.
Druck tmb Verlag- Joh. Aug. Koch, UnivcrfitätS-Bnchdruckertt 40.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Der russisch - japanische Friedens- Vertrag.
Der vom Reuierschen Bureau gestern veröffentlichte Text des russisch-japanischen Friedensvertrages enthält verschiedene Abweichungen von den am 16. September veröffentlichten Auszügen.
Arttkel 1 stellt die Wiederherstellung des Friedens und der Freundschaft zwisckten den Herrschen:, Staaten und Untertanen beider Länder fest. . . . ~
Artikel 2, in dein anerkannt wird, dah die In- teressen Japans in Korea vorherrschend sind, und in dorn bestimmt wird, daß, die russischen Unternehmungen in Korea die gleichen Rechte genießen, toie die Unternehmungen von Staatsangehörigen anderer Länder, besagt dann weiter: Es wird auch vereinbart, daß, um allen Anlaß zu Miß- verständnissen zu vermeiden, die beiden vertrag- schließenden Parteien an der tusfisch-koroanisdjen Grenze sich jeder militärischen Maßnahmen ent- halten werden, welche die Sicherheit des russischen oder koreanischen Territoriums bedrohen können.
Im Arttkel 3 fehlt die in dem früheren Aus- zug angeführte Bestimmung, daß alle von privaten Personen und Gesellschaften in der Mandschurei erworbenen Rechte unberührt bleiben sollen. Der Arttkel lautet nunmehr: Japan und Rußland verpflichten sich gegenteilig: 1. die Mandschurei vollständig und gleichzeitig zu rau- men, ausgenommen das Pachtgebiet auf der Liautung-Halbinsel, gemäß den Bestimmungen des ersten Zusatzartikels des Friedensvertrages; 2. vollständig wieder an Chino zur ausschließ, lichen Vertvaltung alle Tette der Mandschurei zurückzugeben, die jetzt besetzt oder imMachtbetteich der russischen und japanischen Truppen sind, mit Ausnahme des oben erwähnten Gebietes. Die kaiserlich russische Regierung erklärt, daß sie in der Mandschurei keine territorialen Vorteile, Vorzugskonzessionen oder ausschließlicheKonzessio- nen besitzt, welche die chinesische Souveränität be- einträchtigen oder unvereinbar mit dem Grund- satz der Gleichberechtigung sind.
Artikel 4 besagt: Rußland und Japan verpflichten sich gegenteilig, den allgemeinen alle Nattonen in gleichem Maße berührenden Maßnahmen, die China zur Hebung des Handels und der Industrie in der Mandschurei treffen könnte, keinerlei Hindernisse in den Weg zu legen.
Arttkel 5 sieht vor, daß die russischen Pacht- rechte auf Port Arthur, Dalny und die angren- zenden Gebiete und Gewässer gänzlich auf Japan übergehen, daß aber alle von privaten Personen oder Gesellschaften erworbenen Rechte unberührt bleiben sollen.
Arttkel 6 trifft Bestimmungen über die Teilung der mandschurischen Eisenbahn und setzt fest, daß Japan Gruben erwirbt, für die seine Teilstrecke den Verkehr vermitlell, ferner, daß beiden Parteien gänzliche Handelsfreiheit auf dem ex- propriierlen Gebiet eingeräumt wird. Der in dem früheren Auszug envähnte Passus fehlt, daß die Rechte von privaten Parteien oder Privatunternehmungen durch die Abmachungen nicht berührt werden, es wird aber bestimmt, daß die
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
Sonntagsbeilage: FUnstrirtes Sonntagsblatt.
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und daß in Zweifelssällen der französische Wortlaut als maßgebend gelten soll.
Es folgen zwei Zusatzartikel. Der erste, derselben setzt fest, daß die Heere der beiden Länder innerhalb 18 Monaten nach dem Inkrafttreten des Vertrages aus der Mandschurei, ausschließlich des Pachtgebietes auf der Liautung-Halbinsck zurückgezogen werden. Die Zahl der per Kilo meter zu rechnenden Soldaten, die zur Hebe» wachung der Eisenbahn bei beiden Parteien zug» lassen werden, ist noch nicht festgesetzt. Die Kommandeure der beiden Heere haben diese so niedrig zu •normieren, als zur Sicherheit der betreffenden Strecken erforderlich ist. Die Zahl 15 wttÄ lediglich als Maximalzahl genannt.
Der zweite Zusatzartikel, der die Absteckung der Grenze auf Sachalin betrifft,, sieht vor, daß die Abgrenzungskommission, sowett die topographischen Verhältnisse es gestatten, dem 50. Breitegrad als Grenze folgen soll und daß, falls Abweichungen von dieser Linie für notwendig befunden werden, zum Ausgleich an anderen Punkten entsprechende Abweichungen vorgenom» men werden. Die Arbeit der Abgrenzungskommission soll der Zusttmmung der vertragschsießen- hen Parteien unterliegen.
Bikricljährlicher Bezugspreis: btt ver Erpttution 2 Mb, SOlrttBlttfl
qin bet allen Postämtern 2,25 Mk. ^exel, Bestellgeld). u
J12. 240 Znsertionsgcbühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg, DlUMerStalk 19. Oktober 1905
Reklamen: die Zeile 25 Pfq. N'
2 (Nachdruck derboten.)j
Pflicht und Liebe.
Roma« von 6. Wild.
(Fortsetzung.)
Was Ivar aus dieser glänzenden Schönheit geworden! Kaum mehr als ein Schatten von dem, was sie einst gewesen, lag sie jetzt bleich und abgezehrt in den Kissen, nur das schöne, hellbraune Haar umgab in ungeminderter Fülle den kleinen, fein modellierten Kopf.
Der Freiherr war erschüttert am Eingänge siegelt geblieben, das Wort erstarb auf seinen Lippen angesichts der Zerstörung, die aus diesem einst so frifcfjerr, blühenden Wesen ein blasses, hinfälliges Weib gemacht hatte. —
. „Willkommen, Gerhard, treten Sie näher," ttef ihm die Baronin mit etwas unsicherer stimme entgegen; „es ist gut, daß Sie gekommen sind, vielleicht morgen schort wäre es zu spät «- wesen."
Der Freiherr trat an das Bett der Kranken sind ergriff ihre kleine, fieberglühende Hand.
„So schlimm wird es wohl nicht fein, Menne," sprach er mit einer tiefen, wohlklingen- oen Stimme. „Sie sehen mich bereit, alle Ihre Wunsche zu erfüllen."
„Weil es meine letzteit find," lächelte sie bitter „Keinen Widerspruch, Kousin Gerhard, ich weiß ^ts nur zu wohl, sonst hätte ich Ihnen diese Reise rricht zugenultet. Nicht wahr. Sie finden nnch^sehr verändert?"
„Ja,, ich finde Sie verändert," sagte er offen; Uiper. vie Ursache ist nicht die Krankheit allein."
Ste unterbrach ihn ungeduldig.
„^ch weiß, was Sie sagen wollen: das aufregende eben sott dem Tode meines Gatten, der Tanz, das Spiel, dieses beständige Nomaden» jeben — daZ alles haben mir andere auch aflaal.
Allein ich konnte nichts anders. Ich lvar nicht zu einem ruhigen Leben geboren, ich bedurfte der Aufregung, der Zerstreuung, ich wollte mich selbst vergessen, ich suchte das Glück. O, wie ich es suchtet Wie oft glaubte ich es in der Hand zu haben, und da war es wie im Nebel zerronnen, mein ganzes Leben war nur ein Suchen und niemals ein Finden."
Sie sprach die letzten Worte mit einem herzzerreißenden Ausdruck.
„Dteline, das wahre, das echte Glück darf man nicht in der Außenwelt suchen, das Glück liegt einzig und allein in der eigenen Brust. Geben Sie diese aufreibende Lebensweise auf, und kehren Sie in die Heimat zurück. Sie haben eine kleine Tochter, die Sie lieben lernen wird; in den Grenzen einer stillen Häuslichkeit werden Sie sich zufriedener fühlen als draußen in der Fremde, wo Sie stets einsam bleiben; geben Sie Ihrem Kinde die Mutter wieder, und das so sehnsüchtig gesuchte Glück wttd auch bei Ihnen Einkehr hallen."
Sie halte den Kopf tief in die Kissen gedrückt und die Augen fest geschlossen, damit er die Träne nicht sehen sollte, die ihr wider Willen die langen, dunklen Wimpern netzte. Sie wollte nicht weich werden, nicht weinen und doch fühtte sie, wie ihr ein Tränen ström die bedrängte Brust erleichtern würde; o, wie schwach, wie energielos sie doch während ihrer kurzen Krankheit ge- worden war!
„Das ist zu spät, Gerhard," sagte die Kranke setzt, ibn voll und klar ansehend, „meine Stunden sind gezählt, tmd wenn dem auch nicht so wäre, das alles, ist wider meine Natur. Ich liebe Viola, o ja; allein sie hätte nie mein ganzes Glück ansmachen können., Sehen Sie mich nicht so entfett an, Gerhard, ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich war eine schlechte Gattin und bin auch keine gute Mutter geworden, itnb doch
die Schuld liegt nicht allein an mir; hätte man mir einen Galten gegeben, der mich verstanden hätte, vielleicht wäre ich dann eine andere geworden, allein dieser schwache Mann, der in einem fort an betend zu meinen Füßen lag, der sich von Eifersucht verzehr! fühlte und doch mir gegenüber kein Wort des Tadels wagte, der glücklich war, wenn ich ihn nur mit einem freundlichen Blicke streifte, dieser Mann konnte nie und nimmer etwas für mich fein — selbst wenn" — sie griff hastig nach dem Herzen.
Eine jähe Röte überflutete ihr Antlitz, um sofort einer tiefen Bläffe Platz zu machen.
Erschreckt wollte Gerhard um Hilf« rufen, allein sie hielt ihn zurück.
, „Es ist schon vorüber," sagte sie matt, „bleiben Sie, ich habe Ihnen viel zu sagen."
„Nein, nein, jetzt dürfen Sie nicht mehr sprechen."
„Ich will und ich muß." versetzte sie, ihre Kräfte zusammenraftend, „die Zett ist karg gemeßen; Sie sollen nicht umsonst hierher gekommen sein."
Sie nahm unter ihrem Kopfkiffen denJ/br zwei Tagen geschriebenen Brief hervor und reichte ihn Gerhard.
„Für Viola," sagte sie. „Geben Sie Ihr das Schreiben an dem Tage, da sie Ihre Schwelle übertritt. Lassen Sie Viola noch, Mei Jahre m der Pension, dann nehmen Sie sie zu sich; Sie sind ihr Vormund und werden gewiß aufs beste für das Mädchen sorgen."
„Ihr Wunsch soll erfüllt werden/ war Ger- Hards Antwort; „doch wollen Sie nicht Viola sehen? Ich könnte —*
„Wozu?" unterbrach sie ihn mit einem bitteren Lächeln. „Wir haben uns im Leben fern genug gehalten, die wenige» Stunden , wurden uns nicht näher bringen, Nennen Sie mich Herz-