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ErNes Blatt

Propfen,

uns

Die Bakterien

80

'Nachdruck verboten.)

Fluß dort mit reidj- verschwin- der große Er 1 singt

den Johannisbcer-

Mein Gott, Günther Du verlobt? Ich dachte immer. Du würdest Brunhilde--"

Sie stockt und errötet tief, als sie Günthers warnend emporgehobenen Finger gewahrt.

Dann begrüßt auch sie die künftige Schwä­gerin aufs liebevollste.

Bald liegt Dolores wohlgebettet auf Trudis schneeigem Lager. Dst> Fenstervorhänge sind zu- gezogen, , damit kein Strahl der ausgehenden Sonne, die sich durch den schwindelnden Nebel Bahn zu brechen beginnt, die müde Schläferin stört.

Auf den Fußspitzen huschen die beiden lieben Mädchen durchs Zimmer, nur ganz leise, fast unhörbar mit einander flüsternd:

Jetzt weiß ich, warum tvir nicht schlafen konnten, Ilse!"

«Ich auch, Trudi." :

D i e Sanatorien als Heil, und E r z i e h u n g s a n st a l t e n.

In denBlättern für Volksgesundheitspflege" bat der Berliner Arzt Dr. K. Beenvald über die Bedeutung der Sanatorien als Heil- und Er­ziehungsanstalten einen Aufsatz veröffentlicht, der auch in weiteren Kreisen Beachtung verdient.

Marburg

Sonntag, 13. August 1905.

Ausgehend von der Tatsache, daß die moderne Krankheitsbehandlung eine ganz andere ist als üt früheren Zeiten, so daß man Wohl sagen d.rf, daß gegenwärtig nicht mehr die Krankheit, sonder« der Kranke behandelt wird, ist Verfasser der An. sicht, daß, namentlich auf dem Gebiete der chroni- scheu Krankheiten, die häusliche Pflege nur in den seltensten Fällen genügt. In richtiger Er. kenntnis dessen habe man bereits begonnen, die Pflege eines erkrankten Familienmitgliedes, wenn die Mittel irgendwie auszubringen sind, einer ge- schulten Wärterin anzuvertrauen, weil verwandt- schaftliche Sorgfalt und Liebe nicht durch die Schulung und Erfahrung erworbene Hanlfertig, keit und Umsicht ersetzen können. Aus demselben Grunde habe auch die Krankenhaus Behandlung und die Behandlung in geschlossenen Heilstätte» eine viel größere Bedeutung als früher erhalten. Selten haben sich, so führt er aus, Humanität und Menschenliebe so vollkommen in die Gefolg. schäft dieser ärztlichen Anschauungen gestellt als in der Gegenwart. In reichlicher Menge sind in den letzten Jahrzehnten Sanatorien entstanden, welche entweder allgemein alle Kranken bei sich aufnehmen oder nur für bestimmte Krankheits­fälle bestimmt sind. Diese Sanatorien bieten dem Kranken eine fachgemäße Behandlung unter ge- schulter Pflege und wollen ihm außerdem durch Behaglichkeit und entsprechenden Komfort sovick wie möglich die Häuslichkeit ersetzen,

In der allerneuesten Zeit hat man nun aber erkannt, daß die Behandlung der Kranken keines» Wegs die Aufgabe der Sanatorien erschöpft' den« in den meisten Fällm ist dem Kranken nur wenig genützt, wenn man seine augenblicklichen Be. schwerden beseitigt, und es ist fall die Regel, daß nach der Rückkehr in die heimischen Verhältnisse und Gewohnheiten sich nach kurzer oder längerer Zeit die bekämpften Beschwerden wieder rin- stellen. Diese Rückfälle können aber leicht ver- mieden^ lverden, wenn ein sicher Kranker statt etwa eines Badeortes ein Sanatorium anfsucbt, in welchem er sich neben der Behandlung seiner Krankheit auch dessen pädagogischem Einfluffe unterwirft und sich unter sachgemäßer Führung erziehen und belehren läßt, wie er in Zukunft sich verhalten muß, um die erworbene Besserung zu befestigen; die Kranken müssen lernen, wie sie unter ihren gewöhnlichen Verhältnissen zu leben haben, um von Beschwerden frei zu bleibcu. Ja, Dr. Beerwald hält es sogar für möglich, buech sorgfältiges und stets kontrolliertes Vorgehen di« Stoffwechselkranken, die anfänglich nur kleinste Mengen aus der betreffenden Nahrungsgrupp« vertrugen, allmählich dahin zu bringen, oder, wenn man so sagen darf, dahin zu erziehen, daß sie auch wieder größere Mengen ohne ^chaüe« genießen können und dadurch also auch in biz Lage kommen, sorgenloser- au gesellschaftliche» Freuden teilzunehmen.

Bei dieser doppelten Bedeutung der Sana­torien ist die überall in Deutschland hervor« tretende und Förderung findende Bewegung zu«

Umschau.

Mehr Rücksicht nach oben!

DieSüdwestdeutsche Korrespondenz" schreibt: Daß' man auch den Fürsten gewisse Rücksichten schuldig ist, scheint heutzutage vielen Leuten nicht in den Kopf zu kommen. So hat sich in den letz­ten Jahren in Hessen die Gewohnheit eingebür­gert, daß man den Landesfürstn zu allen mög. liehen Festivitäten einladet und sein Erscheinen dabei mit Bestimmtheit erwartet. Nicht nur zu Festlichkeiten, die staatlichen Charakter haben, z. B- bei der Einweihung öffentlicher Gebäude oder neuer Kirchen, sondern zu allen möglichen Krieger-, Turner- und Sängerfesten soll der Landesfürst erscheinen. Wenn in irgend einem Dorfe ein Gesangverein sein Jubiläum feiert, so erwartet man vom Großherzog nicht nur, daß er einen Preis für das Wettsingen stillet, sondern auch, daß er das Fest durch seine Anwesenheit auszeichnet und zuhört, wie die ländlichen Ge- sangvereine die mühsam eingeübten Chöre tror- trageu, was sicher ?ür einen kunstsinnigen Manu nicht immer ein-Genuß ist. Großherzog Ernst Ludwig ist ein leutseliger freundlicher Fürst, "der sich z. D. gern mit den Jungen, die mif der Straße Herumlaufen, unterhält und die kleinen Mädchen auf seine Kölle» Karussel fahren läßt; diese Leutseligkeit sollte aber nicht mißbraucht werden, llnd ein Mangel an Rücksicht is es, wenn feder Verein bei seinen Festen eine Devu- tation nach Darmstadt schickt und sich das Er­scheinen des Landesherrn erbittet. Welcher Pri- vatmann möchte fortwährend derartige aeränsch- volle Feste über sich ergehen lasten! Unsere Für- sien haben doch neben denRepräsentationsz slichten auch ibr Arbeitspensum und brauchen Konzentra- I tion und Sammlung, um ihren Pflichten Nach­kommen zu können.

Die Selbstreinigung der Flüsse.*)

Von R. H. Francs

Jedem, der mit offenen Augen in die Natur blickt, luirb es schon ausgefallen sein, daß die so lebhafte und reingrüne Farbe des Frühlings­laubs im Laufe des Sommers sich verwischt. Dunklere Töne, schmutziges Grün, Beimengungen von Gelb und Braun treten auf, und ein in das Wesen der Natur eindrsingender Landschaftsmaler wird sich wohl hüten, in einem Spätsommerbild diese satten, seltsamen Nuancen der Bäume zu vergessen. Gerade sie geben ja dem Bilde einen wesentlichen Teil seiner charakteristischen Stirn- mung. Fragt er bei einem Botaniker cm, worauf dieser Farbwechsel beruht, so kann ihn dieser aufkläreu, es seien die Zersetzungsprodukte des Chlorophylls durch das intensive Sonnenlicht. In den Tropen geht das noch viel weiter. Gelb­liche Verfärbungen des Laubes sind allgemein, und bei gewissen Bäumen (z. B. Pisonia alba) werden die in der Jugend reingrünen Blätter infolge des, Sonnenlichtes im Alter schneeweiß. Diese Verfärbung hat aber weder bei uns noch im Süden zu, dem Vertrocknen und dem Laubfall Beziehung; sie ist nichts andres als ein Symptom des Alterns, das ber jedem, grellem Sonnenlicht ausgesetzten Chlorophyll sich einstellt. Das Blattgrün erleidet den Lichttod es wird ebenso zerstört wie Anilinfarben an der Sonne verbleichen, und dadurch muß es auch seine Phy- siologischen Funktionen einstellen. Diese Tat- fache machte nun die Natursorschuug darauf auf- merksam, daß man vielleicht auch schädliche Pflan- gen durch grelles Licht abtöten könne. Ein Na- turvorbild hierfür Ivar ohnedies in jener, unse­ren Gebildeten fast gar nicht bekannten und wirt- schaftlich doch so wichtigen Erscheinung gegeben, I hie mon bie Selbstreinigung der Flüsse nennt. I Das ist ein Phänomen, bas man für ein Wunder I halten mußte, bevor man seine Erklärung wußte. I Es besieht darin, daß der gesamte Unrat unserer I Stiibte, den wir gewöhnlich in die Flüsse leiten, I unbedingt deren Wasser endgiltig verpesten und I bie, fürchterlichsten Seuchen nach sich ziehen I mußte wenn nicht die Flüsse all' ihre Verun- I reiiiiguugen selbst verzehren würden. Das an« I - ' fchaulichste Bild, um welch' ernste und wichtige I Angelegenheit cs sich hierbei handelt, gibt uns I der Bericht, den eine vor Jahren in Paris ein- I gesetzte Kommission erstattete, die den Grad der I

) Wir entnehmen diesen interessanten Ab- I schnitt der zweiten Lieferung von Francös gro- I ßcm WerkeDas Leben der Pflanze", das kürz- I kich im Verlag desKosmos" in Stuttgart zu I erscheinen begonnen hat. Die 1. Abteilung:Das I Pflaiizenleben Deutschlands" ist ans 26 Liefe- I rungen (a 1 Mark) berechnet. I

Auch Ilse kommt sofort herbeigelaufen. Sie jnar in der Nähe zwischen den Johanmsbeer- sträuchern beschäftigt und fiel beinahe vor Schrecken um bei der wundersamen Mär von bet Verlobung ihres Bruders.

, In ihrer Verblüffung läßt Trudi den Topf mit frischgemolkener Milch, den sie gerade in der Hand hält, zur Erde fallen. Wortlos starrt sie das Paar da draußen an.

Trudi, liebes Schwesterchen!" ruft Günther ihr zu,dies ist meine Braut, Dolores Arevallo. Sie ist sehr müde und unglücklich! Sei gut zu ihr und tu' Dein Bestes, uni es ihr gleich behag- lich zu machen!"

Trudi möchte am liebsten aufschreien. Aber als wohlerzogenes Mädchen beherrscht sie sich. Nur ihre Hellen, blauen Augen, die sie mit dem Ausdruck, naiven Entsetzens auf die bleiche, junge Dame richtet, drücken ihre namenlose Verwun­derung aus.

.. Zwar hat Dolores stets eine Antipathie gegen jede Art Zärtlichkeit gehabt. Als jedoch Trudi jetzt,die Arme um sie schlingt und die volle Wange an ihre, tränenfeuchte drückt da überläßt sie sich willig der Liebkosung.

schließlich in den Regionen mikroskopischer Klein- heit ab. Die grüne Pflanze ist eben überall die Erhalterin der Gesundheit; so wie sie eine kahle Einöde zum Paradies verwandelt, so kann sie den übelriechenden Kanal auch wieder zum klaren durchsichtigen, poetischen Flüßchen machen und durch den zarten, grünen Schimmer unserer Ge­wässer, von dem der Kundige weiß, daß er aus lauter mikroskopischen Pflänzchen besteht, bor Seuchen und den Giften der Bakterien be­wahren. Deshalb sucht man jetzt diesebiolo- gische Klärung der Abwässer", wie der technische Ausdruck für diesen Vorgang lautet, mit allen Mitteln zu erzielen und zu beschleunigen.

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.

Nicht, weil der Spargel einging ober bk gelbe Henne keine Eier mehr legte"

Nein, weil Günther nach Hanse zurückkehrte und mit ihm das Mädchen, das er zu feiner Fran machen will."

Das ahnten wir gewiß meinst Du nicht, Ilse?"

Ja, das ahnten wir."

Keine Worte können die Ueberraschung der alten Horsts ausdrsicken, als sie von Günther die Nachricht seiner plötzlichen Verlobung mit einer Kreolin erhalten. Sie meinen aber geradezu, das Haus müsse ihnen über dem Kopf einstürzen, als er ihnen mitteilt, er habe das Mädchen gleich mitgebracht.

Tas muß ein nettes Geschöpf fein, daS unser Sohn uns da hergeschleppt bringt!" ruft die alte Fran ein- über das anderemal köpf- schüttelnd ans.So eine weite Reise bei Nacht und Nebel und ganz allein mit ihrem Bräu­tigam. Du wirst Dich freuen über Deine Schwiegertochter, Alker!"

Von diesem Ausspruch nimmt sie auch nichts zurück selbst, als sie gleich darauf von Trukä und Ilse hineingeführt wird in bas verhängte Schlafzimmer der beiden Mädchen und in bas wunderliebliche, im Schlummer sanft lächelnde" Antlitz des fremden Mädchens blickt.

Ist sie nicht schön, Mutter?" siüstert Trud! begeistert.

Sich nur die schwarzen Locken und die lan­gen, langen Wimpern!,, fügt Ilse bewundernd hinzu. t

Auf den Fußspitzen schleichen alle drei tote- ber hinaus, ins behagliche, altfränkische Wohn­zimmer, wo Günther ihnen als Zugabe zum ge­wohnten Kaffee eine genaue Erklärung seiner Handlungsweise gibt. ;

Einfach, schlicht und doch mit eindringlicher Beredtsamkeit schildert er feine Liebesidylle. /

kFortsetznna folgt.)"

5 , i

Verunreinigung der Seine durch die Pariser Ka- näle untersuchte. Der Bericht sagt u. a.:Wäh- renb oberhalb ber Brücke von Asnidres das Fluß­bett mit weißem Sande bedeckt, der '

von Fischen belebt ist und die Ufer lichem Pslanzenwuchs bestanden sind, det dies alles von ber Stelle an, wo Sammelkanal von Clichy einmündet, eine Flut schwarzen, mit Fettungen, haaren, Tierleichen und anderem Unrat bedeck-

Wenn ich mit Menschen- nnd mit Engelszungen redete.....

Roman von Erich Friesen.

(Foistetznng.)' r XI.

Ilse!"

EpJa, Trudi?" : 1

Schläfst Du nicht?"

Nein, ich kann heute Nacht iiicht ordentlich schlafen."

Ich auch nicht."

Mir träumte, ber Riesenfpargcl, den ich mit solch großer Mühe gesetzt habe, ginge- ein."

Und mir war's, als ob Dina, die gelbe Henne, krank sei und feine. Eier mehr legte."

Merkwürdig!"

Beide Mädchen blickten einander verdutzt an und brechen dann in schallendes Gelächter ans.

Es ist das erste Mal in ihrem Leben, daß die oeid-u durch und durch gesunden Jwillingsschwe- stern nicht schlafen können.

Sie springen deshalb, trotzdem der Morgen noch kaum zu grauen beginnt, schnell ans ihren Betten und kleiden sich an.

So fommt es, daß heute, während Bruno Horst und sein wackerer Ehegesponst droben in ihren altmobifchen Großvaterbetten noch tapfer draus los schnarchen, Ilse und Trudi bereits, ge- waschen und gekämmt, mit fliegenden Zövfcn und von ber frischen Morgenluft geröteten Wangen im Hof und Garten herumhantieren.

Tie nächste Station vom GuteWaldruhe" ist Langenbeim.

Als heute, wie gewöhnlich gegen vier Uhr uachts ber Schnellzug eine Minute hält, enk- steigt bemetben zur größten Verwunderung des »lenftiuenben Beamten ein junges Paar. Den Herrn kennt der Mann es ist Günther Horst, »w Dame ist tief verschleiert. ,

I Gunther überlegt, ob er einen Fuhrmann wecken ober bie zwei Stunden Weg? bisWald-

I rnbe" mit Dolores zu Fuß marschieren soll.

Er wählt schließlich bas letztere. Je weniger Aufhebens er , von ber merkwürdigen Tatsache macht, daß er bei dunkler Nacht mit einer fremden Dame in Langenheim ankommt, um so bester. Er tut dies besonders um seiner Eltern willen, deren strenge Ansichten inbezug auf alles, was Schicklichkeit betrifft, er kennt.

Totmüde, wie zerschlagen am ganzen Körper, so hängt Dolores am Arm ihres Bräutigams, ber ste, selbst bleich und übernächtig, die holprige Landstraße hinaufführt.

Das Romantische, Außergewöhnliche ihrer Flucht hat bereits aufgehört, Dolores zu reizen. Was möchte sie darum geben, könnte sie jetzt da­heim in Rom, bequem gebettet auf ihr spitzenbe- setztes. seidenweiches Lager, ruhig schlafen!" An- statt dessen schwankt sie mitten durch die Nacht, m't fast versagenden Füßen die taufeuchte Land- Bandstraße hin scheu, schweigsam, wie eine Verbrecherin ...

Langsam beginnt Dämmerung heraufzu- ziehen. Ein feiner Nebel lagert über Wald und Flur. Fester hüllte Dolores sich in ihren dün­nen Scidenmautel. Sie fröstelt.

Sieh dort, mein Liebling! Tas istWald- rube"!"

'So!"

Gleichgültig folgt Dolores' müder Blick dem ausgestreckten Zeigefinger ihres Bräutigams. Mühsam schleppt sie sich weiter, unterstützt von i seinem kräftigen Arm. i

Jetzt erreichen sie das hölzerne Tor. Es ist noch verschlossen.

Güntber zieht an der Glocke.

Nach wenig Minuten öffnet sich daS Tor. Trudi im blaubedruckten Kattunrock, eine blen- öenb weiße Schürze vorgebunden, steckt den blon- den Kopf durch die Spalte.

.Großer Gott, Günther £u|* Z, J

| ten Wassers, das sich nur langsam mit dem I Strome mischt. Ein grauer Schlamm, mit orga­nischen Resten vermischt, häuft sich längs des I rechten Ufers und erzeugt erhöhte Bänke, welche I Zeitweise übelriechende Inseln bilden. Dieser Schlamm bedeckt weiter unten das ganze Fluß- I öett. In ihm gährt es, und die bei Zersetzungen I frei werdenden Gasblasen, welche aufsteigen und I an ber Oberfläche platzen, haben in ber heißen Jahreszeit oft 1V/2 Meter Durchmesser und heben den ftinfenben Schlamm vom Boben des Flusses. Kein lebenbcs Wesen, weder Fisch noch Pflanze gedeiht hier. Aber wie merkwürdig, trotz dieser ungeheuerlichen Verunreinigung, die

| das Leben von 2V2 Mllionen zusammengebräng- ter Menschen mit sich bringt, ist die Seine 70 Kilometer abwärts von Paris wieder ebenso rein, freundlich und appetitlich, wie vor ber Stabt! Unb dasselbe Bild, wie die Seine in Paris, zeigt bie Themse unterhalb Londons, die Spree hinter Berlin, die Oder nach Breslau, die Donau .. iter- halb Wiens, kurz alle Flüsse, die durch große Städte strömen. Je nach ber Größe der Stadt, bezw. der Verunreinigung, sind sie nach 5070 Kilometer wieder völlig gereinigt. Die Hygiene begrüßte das freilich dankbarsten Herzens, aber es machte ihr viel Kopfzerbrechen. Heute wissen wir, baß es eigentlich das Sonnenlicht ist, welches die Flüsse und alle Wässer reinigt. Unb zwar in folgender komplizierten Weise: Die organi­schen Abfallstoffe ernähren Billionen von Wasser- bakterien und Fadenpilzen. Diese spalt»» die Substanzen in einfachere chemische Verbindungen, erzeugen aber zugleich chemische Zersetzungspro- dukte, die keinerlei anderes Pflanzenleben auf» kommen lassen. Aber wenn weiter flußabwärts I sich die Abfalljauche mehr zerlöst und das Son- I nenlicht tiefer in das Wasser eindringen kann, I beginnt die Selbstreinigung. 73K... können dem hellen Sonnenlich nicht widerstehen. Sie erleiden den Lichttod. Die durch sie erzeug­ten organischen Stoffe bleiben zwar, aber ihre Gifte werden durch die immer weiter gehende Verdünnung unwirksam, und die Sonne, welche die uns schädlichen Organismen tötet, ruft die uns nützlichen in's Leben. Eine Unmenge mi­kroskopischer, grüner Pflänzchen siedelt sich dann an unb verzehrt eifrig alle Reste der Jauche, welche durch die Bakterien tnerFtoiirbigertoeiie jufi so weit chemisch zerlegt wurde, daß sie in den Stoffwechsel der grünen Pflanzen einverleibt werden kann. Es ist derselbe Prozeß, den wir bei ber Humusbildung kennen lernten, nur ist er hier ins Wasser übertragen und spielt sich aus-

Erscheint wöchentlich sieben mal.

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Marburg, Markt 21. - Telephon 55.

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