i'_w m « 1 ii nn i
J2 152
Erstes Blatt
F-
H
'Nackitrnck bcrbofcn.)'
scheint.
p "(Fortsetzung folgt.)'
Volks ist nnmögttch, und die Verzögenrng versprochenen Reformen macht die Lage
D
der nüt
jedein Tage schwieriger. Tie Resolution soll zur Kenntnis des Ministerrates gebrackit werden.
zum Militär-Gouverneur begeben und diesen gebeten, den getöteten Matrosen Omeltschuk beerdigen zu dürfen. Die Besatzung des TranS- portschiffeS „Wecha", daS hier aus Nikolajew eingetroffen ist, hat sich, dem Vernehmen nach, den meuternden Matrosen des „KnjaeS Potem- lin' angeschloffen und ihren Kapitän und die Offiziere der „Wecha" übergeben. In der Stadt wird fortwährend geschossen. DaS Militär schießt inS Publikum, daS schreckerfüllt flieht. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten soll groß sein. Es verlautet, die in Odessa residierenden Konsuln hätten sich mit der Bitte an die Regierung gewandt, Kriegsschiffe nach Odeffa zu entsenden. In der Stadt wurde der Belagerungszustand erklärt; morgen sollen keine Zeitungen erscheinen.
Die Unruhen in Rußland.
Tie revolutionäre Bewegung in Russisch-Polen.
In Lodz trafen am gestrigen Donnerstag »us Petersburg die Delegierten des Kriegsministeriums zur Nntersuchungskom- mission ein, nämlich Generalmajor Nowikoff Sind Staatsanwalt Jenistejeff. Die Kommission oll feststellen, wie es vorkommen konnte, daß rin Monsterzug von 50000 Menschen am 21. bs. Mts. die sechs Kilometer langen Hauptstraßen zwei Stunden lang durchziehen konnte. Auch wird Gegenstand der Untersuchung sein, daß erst nachträglich die Menge durch schießende Kosaken ohne jede Warnung zerstreut wurde.
alle Kais um den Hafen herum sowie viele Schiffe durch die Geschütze der beiden Schiffe in Brand geschossen wurden und in Flammen stehen. DaS Militär an der Küste wagte es nicht, in den Bereich der Geschütze des „Knjäs Potemkin" vorzudringen. Die Meuterer feuerten zuerst einen Warnungsschuß ab, durch den 4 Kosaken getötet und 17 verwundet wurden.
Das Torpedoboot nahm Mittwoch morgen den russischen Dampfer „Esperanza" weg, der mit 2000 Tonnen Kohle beladen war. Die Kohle wurde auf den „Knjäs Potemkin" verladen. Nachmittag? teilten die Meuterer den Behörden an der Küste durch Signale mit, man solle ihnen reichliche Vorräte liefern; geschehe das nicht bis Sonnenuntergang, so würden sie die Stadt beschießen. Der Gouverneur von Odeffa telegraphierte darauf nach Ssewastopol und ersuchte um schleunigste Entsendung eines Geschwaders gegen die meuternden Schiffe.
Odessa, 29. Juni. Seit gestern abend 10 Uhr brennen die Packhäuser am Hafen, der Pöbel schleppt die Waren fort., Die Verluste betragen viele 'Millionen. Dichter Rauch hüllt die Stadt ein. Gestern abend wurde am Katharinenplatz in der Nähe des Richelieudenkmals eine Bombe zur Explosion gebracht, wodurch zwei Personen getötet wurden. Während der Nacht ereigneten sich am Hafen einige Explosionen, welche die erbittertsten Zusammenstöße zwischen den Truppen und der Volksmenge hervorriefen. Die Toten werden nach hunderten gezählt, die Krankenhäuser sind von Verwundeten überfüllt, die ärztliche Hilfe ist ungenügend, die Läden sind geschlossen. Der Verkehr stockt, die Hauptstraßen sind durch Truppen abgesperrt. Biele verlassen die Stadt. An den Zusammenstößen mit den Truppen beteiligen sich die Matrosen des „Knjäs Potemkin." Die Leiche des Matrosen Omeltschuk liegt noch immer am Hafen; die Matrosen fordern, daß dem Getöteten militärische Ehren erwiesen werden.
Odessa, 29. Juni. (W. B.) Drei Schiffe der altrussischen Gesellschaft, welche im Hafen lagen, wurden durch das Feuer vernichtet. Die Gebäude der Hafenverwaltung und viele andere Gebäude sind niedergebrannt. Große Mengen ausgeladener, am Quai lagernder Waren stehen in Flammen. Viele Schiffe verlassen eilig den Hafen. Die Feuerwehr wird am Löschen verhindert. Die Leiche des Matrosen Omeltschuk wurde von den Matrosen des „Knjaes Potemkin" wieder an Bord des Schiffes zurückgebracht. Elf Offiziere, die von den Matrosen des „Knjaes Potemkin" am Leben gelassen wurden, sind heute an Land gesetzt worden. Eine Abteilung von Matrosen hat sich unter Führung des Geistlichen des „Knjaes Potemkm"
„Ich bin nur einige Monate jünger und kann Sie mithin unmöglich Mutter nennen," erwiderte Viktoria, deren Lippen bebten.
„Nun, so wollen wir Schwestern sein. Nenne mich bei meinem Vornamen und Du."
„Auch das vermag ich nicht."
„Warum nicht, wenn man fragen darf?" Susannes Augen begannen zu schillern wie die einer Schlange.
„Weil mich mein Herz dazu drängen mutz, wenn ich jemand so vertraulich anreden soll."
„Und es drängt Dich in diesem Falle nicht dazu?"
„Wir sind uns gegenwärtig noch fremd, gna- dige Fran."
„Wie denkst Du darüber, Georg?" fragte bte Baronin spöttisch. „Sagt Deine Tochter „gnädige Frau" zu mir, so werde ich wohl „gnädiges Fräulein" sagen müssen. Das dürfte ft rem bett gegenüber einen komischen Eindruck machen."
„Sprich die Gemahlin Deines Vaters so an, wie es sich gehört!" fuhr der Freiherr auf. . „®je ist Deine zweite Mutter und Du wirst sie als solckte anerkennen!" .
„Ihren Rechten als Herrin bteieS Schlosses und als Freifrau von Dunois zolle ich tue schuldige Anerkennung — mehr, bitte ich aber nicht von mir zu verlangen."
Feder Blutstropfen war plötzlich aus Viktorias Wangen gewichen."
„Ich erwartete einen freundlicheren Emp. fang!" sagte Susanne, Glas und Teller zurückschiebend. „Bin ich hier so unwillkommen und kannst Du nicht verhindern, daß man es mir auf so unKveideutige Weise zu verstehen.gibt, lärm bedauere ich lebhaft, jetzt einer Famllie anzugehören, die mich als Eindringling zu betrachte«
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Juni.
— Seine Majestät der Kaiser hörte gestern Donnerstag vormittag den Vortrag des Kriegs- Ministers v. Einem und empfing den Frhrn. v Brandenstein, den Vorsitzenden des Deutschen Automobilklubs.
Zur Frühstückstafel bei dem Kasserpaar Al Bord der „H.ohenzollern" waren verschiedene Eiw Ladungen ergangen. Nachmittags besuchte bei Kaiser und die Kaiserin das Gartenfest beim Prinzen und der Prinzessin Heinrich von Preußen im Kgl. Schlosse. Sodann begab sich der Kaiser in den Jachtklub und verteilte dort 'btt Preise für die Wettfahrten der Kieler Woche. Später nahm der Kaiser an einem Herrenabend teil. .
— Die gemeinsame SchlußsrtzungdeL Landtags wird morgen, 1. Juli, nachmittag« stattfindcu. Tr 'wrwnlmus wird, falls ihm vom Abgeordnetenhause der Medizinalbeamten« entwarf morgen rechtzeitig zugeht, diesen uodfi am selben Tage erledigen und am 1. Juli nicht mehr tagen. Das Abgeordnetenhaus berät am 1. Juli vormittags noch die Tarifreform-Fntev pellation.
— Die Große Ausstellung b et Deutschen Landwirtschafts gesell« schäft wurde gestern Mittag in München t# Gegenwart des Prinzregenten, sämtlichen „Prinzen itnd Prinzessinnen des bayerischen Königshauses, des diplomatischen Korps, der Minist« und zahlreicher Landwirte feierlich eröffnet. Anwesend war auch der preußische Landwirtsck>afrs- minister v. Podbielski. Prinz Ludwig von Bayern eröffnete die Ausstellung mit einer längeren Rede, in der er des allgemeinen Interesses gedachte, welches sowohl der Prinzregent wie der Kaiser der Landwirtschaft stets entgegen- bringen, und schloß mit einem Hoch auf de» Prinzregenten und den Kaiser. Staatsmtnister Graf Feilitzsch betonte den engen Zusammenhang zwischen dem Blühen der Landwirtschaft und dem Blühen der Industrie, und brachte ein Hoch auf den Prinzen Ludwig aus.„ Reichsrat Frhr. v. Soden begrüßte als Präsident des bayerischen Landwirtschaftsrats die Deutsche
Vierteljährlicher Bezugspreis: bet vei ExpMion 2 Mk* bet allen Posrämlern 2,25 Mk. (tgcl. Bestellgeld).
Jnserttonsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Reclainen: die Zeile 25 Pfg.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck »nd Verlag- Jo h. Aug. Koch, UnivcrsitätS-Buchdruckerei 40. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Sonnabend, 1. Juli 1905
Schatten der Vergangenheit.
Roman von B. Coronh.
f Fortsetzung.)
‘ Kaum zwei Monate später fand die Trauung bei Freiherrn von Dunois mit der Nichte des Gutspächters Heller statt. Viktoria mußte der Hochzeitsfeier beiwohnen. Sie glich in ihrem Weißen Kleide und mit dem farblosen Antlitz einer Marmorstatue, während Susanne — die Augen blitzend, die Wangen fieberhaft gerötet, schim- niernbe Brillanten im Haar, tim Hals und den Armen — die Lebenslust und Genußsucht zu ver- körpern schielt.
An demselben Abend reisten die Neuvermählten zu längerem Aufenthalt nach Italien ab. Jbre Abwesenheit wurde weit über die ursprünglich festgesetzte Zeit hinaus ausgedehnt. Mehr- mals kamen Briefe von Dunois, der stets neue Aufträge erteilte. Man richtete die Gemächer der jungen Frau wahrhaft fürstlich ein und stattete die Gesellschaftsräume nicht minder prunkvoll aus. Die Absicht, viele Gäste zu empfangen, mußte mithin vorliegen. Alle Möbel, die ihre Mutter benutzt hatte, ließ Viktoria in die von der Gräfin bewohnten Zimmer bringen.
Frau von Elairville konnte das Bett wieder verlassen, aber sie war noch schweigsamer, und noch hochmütiger geworden. Ein Zug von Welt. Verachtung prägte sich in ihrem abgezcrrten Gesicht aus. Sie sprach nicht einmal mit ihrer Enkelin über des Barons zweite Heirat, sagte aber von Zeit, zu Zeit, den Arm des Mädchens mit ihren fleischlosen Fingern umklammernd: „Jede -schlechte Tat rächt sich auf Erden und jeder Frevel wird bestraft, denn Gott verzeiht nie, was unverzeihlich ist. Früher oder später trifft der vernichtende Streich das Haupt des Schuldigen. Er selbst taumelt in seiner Verblendung dem
Unheil entgegen und was er sich als Lust ge- dacht, wird ihm zur schweren Sühne."
Wie eine Prophetin, wie eine unerbittliche Schicksalsnorne war die Greisin anzusehen, wenn sie so sprach.
Noch einen gab es, den die Vermählung Susannes mit Hatz und Wut erfüllte: den Gutsbesitzer Stupp. Er verabscheute Dunois wie seinen ärgsten Feind, der ihm das Teuerste , geraubt hatte. Das neuerworbene Gut machte chm keine Freude mehr. Er wirtschaftete schlecht, vernachlässigte das Wichtigste, fuhr oft nach Köln, weil er das Bedürfnis hatte, sich zu zerstreuen, stürzte sich in ein leichtsinniges, tolles Leben und verbrauchte west mehr Gelb, als er einnahm, unb hatte bereits brückende Schulden.
Viele Monate verstrichen und der Hochsommer war gekommen, als Herr unb Frau von Dunois heimkehrten.
Einer Verfügung des Verwalters zufolge wurden der Baronin von dem Dienstpersonal Blumensträuße dargeboten. Brücke unb Tor des Schlosses waren mit Guirlanden und Kränzen geschmückt. Das freiherrsiche Wappen strahlte im Lichte bunter Lämpchen unb, in bem festlich dekorierten Speisesaal war die Tafel gedeckt.
Viktoria trat den Ankommenden entgegen ,und überreichte der Stiefmutter ein herrliches Bouquet. Sie tat es nur der Form wegen — ohne jede Spur von Herzlichkeit.
Susanne begrüßte ihre Stieftochter mit einer gewissen Herablassung und fragte spöttisch:, „Die Frau Gräfin befinbet sich wohl wieder einmal nicht ganz wohl, weil wir auf die Ehre verzichten mußten, von ihr empfangen zu toerben ?"
„Großmama ist allerdings immer noch leidend; sie beauftragte mich, ihre Stelle zu ver- treten," erwiderte die Baronesse in eisigem Ton.
„Nun, dann müssen wir uns eben in das Un- vermeidliche fügen, nicht wahr, Georg?" kicherte
Ebenso, wie die Polizei es leiden konnte, daß an der Ecke der Wschobnia- und Poludniowa- gaffe vom 23. dieses Monats nachmittags bis zum 24. mittag? Barrikaden gebaut und Monopolläden in Brand gesteckt werden konnten. Es soll geprüft werden, wer das Salvenfeuer auf die waffenlose Menge, daS eine Metzelei von 550 Getöt eten und etwa 1000Verwundeten anrichtete, kommandiert hat. Der Polizeimeister Chrzanowskh und vier Polizeikommissare sind bereits durch die Kommission verhört worden. — Während der Freitagsmetzelei sind zwei deutsche Untertanen, die 19jährige Lehrerin Babezhnska und der 36- jährige Fabrikmeister Romane unschuldig erschaffen worden. Die Familien der Beiden ersuchten den deutschen Generalkonsul in Warschau um Intervention.
Aus Lodz wird der „Schlesischen Zeitung" gemeldet: Von der Partei der National-Demo- kraten sind Proklamationen verteilt worden, die das Volk überzeugen sollen, daß es von den Juden ins Verderben gestürzt worden sei, und die deshalb zur Niedermetzelung der Juden ausfordern. Diese Proklamationen hatten zur Folge, daß ungefähr 50000 Menschen, ausschließlich Juden, aus der Stadt nach entfernter gelegenen Ortschaften geflüchtet find und dort zum Teil unter freiem Himmel kampieren.
In Lemberg erfährt man aus Cz en st och au, es sei dort Mittwoch abend das dritte Bombenattentat auf den Polizeimeister mißlungen, der am Fronleichnamstage auf die Menge schießen ließ und vom Revolutionskomitee zum Tode verurteilt war. Der Polizeimeister kam aus Petrikau zurück und fuhr im offenen Wagen vom Bahnhof in seine Wohnung. Unterwegs wurde eine Bombe unter ben Wagen geworfen, die den Kutscher vom Bock schleuderte, die Pferde schwer verletzte, den Wagen zertrümmerte und die Passanten mit Splittern bedeckte, aber den Polizeimeister unverletzt ließ. Der Bomben- werser entkam.
Kattowitz, 29. Juni. Als gestern morgen nach einer Versammlung im Zagorzer Walde die Arbeiter von Dombrowa nach Sosnowice ziehen wollten, versperrte ihnen Infanterie den Weg. Beim Zusammenstoß wurden 51 Arbeiter erschossen.
Die Meuterei in Odessa.
Eine Depesche des „Standard" aus Odessa besagt, in Ssewastopol sei auf vier weiteren Kriegsschiffen Meuterei ausgebrochen, und zwei der meuternden Schiffe seien in See gegangen, um sich dem „Knjäs Potemkin" anzuschließen.
Die vorstehenden Meldungen werden in einzelnen Punkten ergänzt durch folgende Londoner Depesche des Bureau Laffin:
London, 29. Juni. Ein spät am Abend in Odessa abgehendes Telegramm meldet, daß
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.
Neueste Telegramme.
Berlin, 30. Juni. In her neuesten Nummer des Armee-Derordnungsblattes bestimmt der Kaiser daß die Degen- unb Säbelscheiben bunEel jßcfärbt toerben. Äusführungsbestimmungen fol- jgen demnächst. —Der Reichskanzler Fürst von Bülow hatte gestern einen Besprechung mit dem französischen Botschafter.
Münster i. W., 29. Juni. Das „Mimst. Tageblatt" meldet, daß in der Angelegenheit des Divisionspfarrers Bachstein der Gerichtsherr die tzegen den Freispruch eingelegte Revision gestern Zurückgezogen hat.
Rom, 29. Juni. König Viktor Emanuel empfing gestern Ubrich Holtz, Mitglied des Pres- pi)lerium§ der deutsch-evangelischen Gemeinde. Der König zeigte lebhaftes Interesse für den Kirchenbau, und erkundigte sich nach den Verhältnissen der Gemeinde und ‘bem Stande der feelbfammlttitgen. Er sprach dann die Hoffnung tius, baß bald mit dem Bau begonnen werbe.
Paris, 29. Juni. Von zuverlässiger französi-
scher Seite verlautet, daß der Ministerpräsident Rouvier durch neuerliche Unterredungen mit dem deutschen Botschafter Fürsten Radolin die formelle Ueberzeugung gewann, daß Deutschland die berechtigten Interessen Frankreichs in Ma- irokko in keiner Weise beeinträchtigen wolle, mb den lebhaftesten Wunsch hege, bte marokkanische Frage so bald als möglich erlebigt zu sehen.
Petersburg, 29. Juni. Der Kongreß bet Vertreter der Städte hat folgende Resolutton an- 'genommen: Eine Volksvertretung auf konstittttio- tteffen Grundlagen ist eine dringende Notwendigkeit. Der Entwurf Bulygins, soweit bekannt ist, befriedigt nicht die elementarsten Forderungen der Volksvertretung. Die Ausarbeitung eines Entwurfs ohne Beteiligung der Vertreter des
Frau von Dunois. „Mache kein so verdrießliches Gesicht! Ich möchte heute ein wenig luftig fein, wenn Du nichts dagegen hast und mein Fräulein Tochter es erlaubt."
Viktoria schien die letzten Worte überhört zu haben. Keine Diuskel ihres stolzen Gesichtes zuckte. Sie erteilte bem Dienstpersonal einige Be- fehle, während sich Susanne in ihre Geniächer begab, um das Reisekleib mit einer eleganten Haustoilette zu vertauschen.
Dann wurde das Souper serviert.
„O Himmel, drei Personen in dem großen Speisezimmer!" rief die Baronin laut lachend. „So darf es aber nicht fortgehen, Georg. Das ist ja geradezu unheimlich. Sollte man nicht denken, auf jedem dieser leeren Stühle habe ein unsichtbares Gespenst Platz genommen? Nein, nein, hier will ich Gäste sehen und ftöhliche Stimmen hören."
„Das sollst Du auch!" stimmte er bei. „Ich habe ja die Stunde unserer Ankunft nur im Schloß bekannt gegeben und befohlen, zu schweigen."
„Auch eine seltsame Grille von Dir. Doch einerlei! Josef, holen Sie mein Jnchten- kösferchen."
Der Diener brachte es. Sie schloß es auf, nahm ein Etui heraus, öffnete es und ließ den düsterroten Feuerschein der Rubinen vor Frau- lein Dunois Augen funkeln. Diesen Schinuck bringen wir Dir mit. Ich habe ihn ausgewählt. Das sind meine Lieblingssteine; leider passen sie aber bester zu schwarzem als zu rotem Haar. Habe ich Deinen Geschmack getroffen?“
„Ich danke Ihnen, gnädige Frau," erwiderte die Baronesse, das kostbare Geschenk kaum betrachtend.
„Gnädige Frau?" wiederholte Susanne spät, fisch lachend. „Warum denn so förnllich? Patzt sich solche Anrede der Mutter gegenüber?"