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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.
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Marburg
Domerstag, 8. Jmi 1905.
Erscheint wöchentlich Heben mal.
Druck unb Verlag' Joh. Ang. Koch, UmversttStS-Buchdruckerei 40.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Ernes Blatt.
Neueste Telegramme.
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! Nachdruck verboten.^
. Wien, 6. Juni. Kaiser Franz Joseph spendete 25000 Frk. für die Notleidenden anläßlich des Erdbebens in Skutari. — Der Kaiser smpfing heute Nachmittag den Fürsten Nikolaus !>on Montenegro und stattete ihm heute Nach» mttag einen Besuch in dessen Hotel ab.
Paris, 6. Juni. Im heutigen Ministerrat »ab Delcaffö unter Hinweis auf die Meinungs- »erschiedenheiten, die sich zwischen ihm und seinen Kollegen in betreff der auswärtigen Politik ergeben haben, seine Demission. Minister- !Präsident Rouvier gab namens der Regierung einem Bedauern und gleichzeitig der ?lner- ennung für die von Delcasiä geleisteten Dienste Ausdruck. Rouvier hat interimistisch die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten übernommen.
Petersburg, 6. Juni. (W. B.) Aus Anlaß der Vermählung des deutschen Kronprinzen fand heute in der deutschen Botschaft großer Empfang der deutschen Kolonie statt. Der Botschafter gedachte des Brautpaares und brachte ein Hurra auf dasselbe aus. Die deutsche Kolonie sandte dem Kronprinzen ein Hul- drgungstelegramm.
Manchester, 6. Juni. (Reuter.) Der internationale Baumwollenkongreß tagte hmte hier. Der Delegierte Amerikas erklärte, die amerikanischen Vereinigungen wären noch nicht zu dem Punkte gekommen, sich zu organisieren, »im dem Verbrauch der amerikanischen Baum» wolle Beschränkung aufzuerlegen. Ihre Stellung wäre in Amerika eine eigentümliche, aber die Ansichten erweiterten sich, und da sich Export und Handel ausdehnten, wäre es außer allem Zweifel, daß Amerika bald so weit sein würde, um einer internationalen Organisation beitreten fu können.
Christiania, 6. Juni. (W. B.) Der kommandierende Admiral Sparre sandte an den Kaiser als Ehrenadmiral der norwegischen Flotte Anläßlich der Hochzeit des Kronprinzen folgendes kelegramm: „Eurer kaiserlichen und königlichen Majestät bitte ich namens des Osfizier- korps der norwegischen Marine anläßlich der heutigen Hochzeitsfeier die innigsten Glückwünsche darbringen zu dürfen." Die Stadtverwaltung von Christiania telegraphierte an den Kaiser: .Eurer Majestät bringt die Hauptstadt Norwegens in Ehrerbietung und Dankbarkeit die innigsten Glückwünsche zum Hochzeitstage des Kronprinzen dar."
Schatten der Vergangenheit.
Roman von B. Corony.
> Fortsetzung.)
12. Kapitel.
i Fräulein von Dunois konnte in dieser Nacht feinen Schlaf finden. Die feurigen Melodien des Musikstückes, das sie mit dem jungen Walter gespielt, fronten noch wie aus weiter Ferner in ihrem Ohr wieder. Wenn sie die Lider schloß, war es immer, als hebe sich von dem dunklen Hintergründe ein strahlendes Augenpaar ab und tauche tief, tief in ihre Seele, diese mit einer wahren Lichtflut überströmend und ihre zarte, weiße Hand, welche auf der blauseidenen, von! Spitzen überrieselten Decke lag, meinte die Be- rührung heißer Lippen zu fühlen. Ein arger Zwiespalt quälte Victoria. Henry von Clair- villes innere Hohlheit und Oberflächlichkeit hatten sich ihr längst offenbart und es war nur natürlich, wenn sie Vergleiche zwischen ihm und Kurt zog, dessen ganzes Wesen männliche Energie und Selbstbeherrschung ausdrückte, der sich aus Heilten Verhältnissen mit rastlosem Fleiß und ohne jede Untersrützung von feiten reicher Verwandten zu einer Stellung emporgerungen hatte, die ihm die günstigsten Aussichten für die Zukunft er-
• öffnete.
..Liebe ich ihn denn? Mein Gott, liebe ich ihn denn?" fragte sich die Baronesse, aus den seidenen Kissen emporfahrend und erschrocken in das Dunkel hineinstarrend.
,-Stein — nein," antwortete sie sich selbst. »Nein! Und wenn dennoch — so muß es doch Mein ewiges, unantastbares Geheimnis bleiben."
Victoria fühlte sich seit der entsetzlichen Be- fiegnung mit Anton Schreiner, den man jetzt freite nicht mehr frei umher gehen ließ, dem Vater
Polnische Träume.
Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung, daß unter den Polen die radikale Stimmung immer mehr zunimmt. Eine Vertretung polnischer Na- tionalforderungen innerhalb der gegebenen politischen Verhältnisse findet man eigentlich nur noch bei dcm polnischen Zentrum. Sonst fetzt sich fast überall das Allpolentum durch und gerade die Vertreter der polnischen Intelligenz, bei denen man ein ruhigeres Urteil erwarten sollte, machen sich zu Trägern phantastischer Pläne und Kombinationen, die so ziemlich den Umsturz aller Machtverhältnisse in Europa zur Voraussetzung haben. Vor einiger Zeit hat ein Redaktionsmitglied des „Review of Reviews" den Krakauer Universitätsprofessor Lutowslawski, der in der wissenschaftlichen Welt als geistvoller Platon- interpret wohlangesehen ist, interviewt und sich von ihm folgendes Prognostikon der Zukunft Polens stellen lassen: Die polnische Republik, dir polnische Nationalität ist unsterblich. Sie wird und muß auferstehen. Ihre Zeit, da sie ans ihrem Grabe aufersteht und ihren Platz unter den großen Staaten der Erde wieder einnimmt, ist gekommen, sobald erst einmal Rußland und Deutschland — denn beide Staaten verbindet das gemeinsame Verbrechen an unserem Volke, und die Niederlage Rußlands ohne die Deutschlands würde Polen nur unvollkommen Wiedererstehen lassen — durch den großen Bund England-Amerika-Frankreich-Japan besiegt sind. Dieser Zusammenstoß Rußlands mit der modernen Welt der Freiheit, des Fortschrittes, ber Gerechtigkeit ist fein unvermeidliches Schicksal. Es ist niemals „das Bollwerk Europas wider die gelbe Gefahr" gewesen, vielmehr haben die Polen allein die Kultur des Westens gegen den asiatischen Eindringling geschirmt, sie haben die Türken von den Wällen Wiens verjagt (!), sie waren an die 1000 Fahrs (!) Europas, Schutzwall gegen das tartarisierte Russentum: denn eben Rußland ist die gelbe Gefahr, nachdem es sich durch die asiatische Uebersiutung hat tartarifieren lassen. Sein Zar ist nichts anderes als der Tartaren-Khan, und sein Regierungssystem ist durchaus orientalisch. Polen, mit seiner ein Jahrtausend alten eigenen Kultur kann nimmermehr auf die Dauer beherrscht bleiben van einer Macht, die physisch, intellektuell, moralisch soweit unter ihm steht tote das in Barbarei versunkene Rußland. Es wird auferstehen als Republik und ein großes Reich vom Baltischen bis zum Schwarzen Meere bilden: Riga, Königsberg, Danzig werden seine Häfen im Norden, Odessa der im Süden sein. (Eine Karte dieses imaginären Polenreiches ist von der Redaktion der englischen Zeitschrift beigegeben.) Die neiterstandene Republik wird 20 Mill. Polen, ebensoviel Ruthenen, 5 Millionen Littauer und noch etwa die gleiche Zahl russischer und deutscher Bewohner umfassen. Dieses 50 Millionenreich wird das wirkliche Bollwerk der Kultur gegen die gelbe Gefahr bilden, einen uneinnehmbaren Schutzwall, gehütet von einem gebildeten, moralischen, unbestechlichen, religiösen Volke wider das Andriitgen der tartarisierten Völkermischung, Rußland geheißen.
m hr denn je entfremdet; sie kannte aber die durch nichts zu erschütternden Standesvorurteile der zärtlich geliebten Großmutter zu gut, um auch nur die Möglichkeit einer Verbindung mit dem bürgerlichen Assessor zu erwägen: nichtsdestoweniger aber drängte sich sein Bild zwischen sie und den ihr bestimmten Bräutigam, und sie schluchzte, das Antlitz in die brennenden Hände bergend: „Warum isi Kurt nicht vom alten Adel? Wie würdig könnte er neben den ritterlichen Gestalten unserer Ahnen stehen! Da ist kein einziger, der ihn überträfe an Vornehmheit der Gesinnung, an Stolz und echt aristokratischem Emp- sinden!"
Fräulein von Dunois war selbst viel zu hochmütig, nm diesen Gedanken mehr Berechtigung einzuräumen, als Träume, für die es, so hold sie auch sind, doch keine Verwirklichung gibt. Aber ganz und gar mit sich fertig wurde sie trotzdem nicht. Was sich in ihrem Herzen für Kurt regte, zwang sie zu verdoppelter Zärtlichkeit gegen feine Schwester. Was war dem armen Kind nur gewesen? Hier handelte es sich offenbar nicht um ein Physisches, sondern um ein fecli« ick:es Leiden. Wie schnell hatte sich die entzückende Fröhlichkeit des lieblichen Geschöpfes in düstere Schwermut verwandelt! Die Baronesse sann vergebens nach und zermarterte sich .,ben Kopf. Irgend etwas grausames mußte über das heitere, lebensfrohe Mädchen gekommen sein. —
Das glühende Rot der Morgensonne tauchte die weißen Fenstervorhänge in Purpur und Gold.
Victorias Augen schmerzten vor Müdigkeit. Noch einmal suchte sie einzuschlafen, doch vergebens.
Jetzt glitt sie vor ihrem Lager herab, schlüpfte in die zierlichen Pantöffelchen unb in ein Helles Morgengewand und öffnete das Fenster. Ach,
Es liegt uns fern, für diesen Gedanken eines phantasiebegabten Gelehrten daS ganze polnische Volk verantwortlich zu machen. Man könnte sogar mit einer gewissen ästhetischen Freude und mit behaglichem Lächeln dies« Aeußeruugen entgegennehmen, wenn sie nicht doch einen sympto- matischen Charakter trügen. Sie entsprechen eben der im polnischen Volke sich immer mehr verbreitenden! allpolnischen Stimmung, deren üppigste und schönste Blüte sie barstellen. In diesem politischen Einheitsgedanken liegt die eigentliche politische Gefahr und nicht gegen die polnische Rasse, sondern gegen diese allpolnischen Träume führen wir Kampf. Die Sache hat aber außerdem ihre pikante Seite. War es nicht gleichfalls ein Krakauer Akademiker, Stanislaus Tarnowski, der unlängst der preußischen Regierung Ausdehnungsgelüste nach Osten vorwarf? Behauptete er nicht, um feine unter russischer Herrschaft stehenden Stammesbrüder zu entlasten, daß Preußen die Revolution im Weichselgebiet hervorgerufen habe, um auch Russisch- Polen zu okkupieren? Fürtvahr, es ist unvorsichtig, wenn man selbst so gefährliche Pläne hegt, auch noch anderen ähnliche Absichten unteren« schieben. Erinnert das nicht an jenen Spitzbuben, der, um selbst ungehindert entkommen zu können, rief: „Haltet den Dieb"? O. K.
Die Hochzeitsfeierlichkeiten in Berlin.
Bei prächtigem warmen Wetter wurde gestern Nachmittag die eigentliche
Vermählung des Kronprinzenpaares mit einer Reihe von Festlichkeiten vollzogen. Die Schloßgardekompagnie, die Garde du Corps und die Leibgarde der Kaiserin bildeten Spalier und stellten Galawachen in den Festräumen deS Schlosses. Gegen 4 Uhr nachmittags wurde die königliche Prinzessinnenkron« im chinesischen Kabinett durch die Kaiserin aufs Haupt gesetzt. In- zwischen versammelten sich in der Schloßkapelle die geladenen Personen: Die Mitglieder des di- plomatischerr Korps mit ihren Damen, bie Mitglieder der außerordentlichen Missionen, die in- ländischen Damen, die Chefs der fürstlichen und der ehemals reichsständischen gräflichen Häuser, der Reichskanzler mit Gemahlin, die Generalfeld- marschälle, die Generalität und die Admiralität, die Ritter des Schwarzen Adlerordens, die Minister, die Staatssekretäre und andere Exzellenzen und die Präsidenten der Parlamente, während die Obersten und die Kapitäne zur See, die eingeladenen Deputationen von Offizieren der Truppenteile des Gardekorps und das gesamte Ofsizierkorps des Ersten Garde-Regiments zu Fuß sich im Weißen Saale aufstellten. Die Hofstaaten begaben sich in das Königszimmer und in die Rote Kammer. Die Mitglieder der Königlichen Familie sowie die Gäste versammelten sich in der Boisierten Galerie. In dem Kurfürsten- zimmer fanden sich ein: das Brautpaar, das Kaiserpaar, der Großherzog von Mecklenburg- Schwerin, die Großherzogin-Mutter und die Geschwister des Brautpaares. Hier wurde die
wie erfrischend strömte ihr die Luft entgegen, einen würzigen Hauch aus dem nahen Tannenwald herübertragend. Wie schimmernde Schleier schwebten die Nebel über Feld und Wiesen, tauchten empor unb umflatterten die Wipfel der Tannen und Pappeln. Gleich verschwenderisch hingesäeten Brillanten flimmerten die Tautropfen und auf den fammtenen Blättern herrlich erblühter Georginen faßen bunte Falter, die Schwingen langsam, wie in wonniger Ermat- tung bewegend. Schwäne, deren schneeiges Gefieder jetzt von zarter Rosensarbe, überhaucht schien, glitten majestätisch über des Teiches spiegel- klare Fläche. Es war ein märchenhaft schöner, ins Freie lockender Morgen.
Victoria gedachte ihres Versprechens, Kurts Schwester zu besuchen, und erinnerte sich daran, daß diese sehr früh aufzustehe.i Pflegte. Ohne der Jungfer zu klingeln, kleidete sich rasch an, durchschritt den Park und schloß die Gittertüre Nr. 6 auf, zu welcher sie einen Schlüssel besaß. Es lag ihr daran, bald wieder zurück zu sein, denn Großmama sah es ungern, wenn sie ohne Begleitung in einsamer Morgenstunde hinaus- wanderte. Die alte Dame klingelte aber niemals vor neun Uhr, und Victoria meinte kein Unrecht zu begehen, wenn sie der armen Liesbeth ihre Teilnahme bezeugte und ihr einige Blumen aus dem Schloßpark brachte.
Bald kam das traute Häuschen in Sicht. Aus dem gewaltigen Schornstein der Fabrik nebenan stiegen schwarze Dampfwolken empor. Marr hatte die Arbeit wieder aufgenommen und der Fabrikdirektor mochte wohl, wie gewöhnlich, der erste am Platze gewesen sein. In der Villa waren noch die Jalousien vor allen Fenstern herabgelassen. Ja, zu so früher Stunde erhob sich da nicht einmal das Dienstpersonal. Frau Helene Walter, das fleißige , Hausmüfierchen, stand ihre» Obliegenheiten gewiß schon seit dem
standesamtliche Eheschließung durch den Minister des königlichen Hauses, voq Wedel, vollzogen, worauf der Kaiser Befehl zum Beginn der kirchlichen Feier erteilte. Der Brautzug bewegte sich durch den Rittersaal, die Bildern galerie und den Weißen Saal nach der Kapelle. Zwei Herolde führten den Zug; es folgten Ober- hcfmarschall @ra; zu Eulenburg, alle anwesende« Kamnieriunker und Kammerherrn, bann die vom Kaiser Ter Braut zur Aufwartung gegebene« Kavaliere. Hinter biefen schritt das Brautpaar, der Kronprinz in dec Uniform des Erste» Garde-Regiments zu Fuß mft dem blauen meck- lenburgischen Ordensbande, die Braut ziert« Krone, Mvrte und Schleier, in der Hand trug sie einen Strauß weißer Nelken.
Nach den Hof-, Mzeoberhof-, Oberhof- unS Hofchargen folgte bet Kaiser in der Uniform des Ersten Garde-Regiments zu Fuß mit dem Abzeichen des Generalfeldmarschalls , mit der Großherzogin-Mutter. Hinter, dem Kaiser schritten Hausminister v. Wedel, die Generalabjutan- ten, die Generale und Admirale ä. la suite, bie Flügeladjutanten, bet Geh. Kabinettsrat, bec Hofstaat und ber Ehrendienst der Großherzogin. Mutter. Sodann kam die Kaiserin, geführt vom Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, Neben der Schleppe der Kaiserin schritt die Ober- hofmeisterin Gräfin Brockdorff, die beiden Hof- staatsdamen rechts, Oberhofmeister Fthr. v. Mirbach links. Es folgten der Hofstaat, die Adjutanten und der Ehrendienst des Großherzige Hinter der Großherzogin von Schwerin, zu deren Rechten Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreich-Este, zur Linken ber Kronprinz von Schweden und Norwegen schritten, folgten bie übrigen anwesenden Fürstlichkeiten.
Die kirchliche Trauung.
Beim Eintritt des Zuges in die Schloßkapell« fang der Domchor das Doppelguartett „Denn et hat seinen Engeln befohlen" aus Mendelssohn „Elias". Hofprediger D. Dryander und die Hofgeistlichkeit empfingen das Brautpaar und geleiteten es zum Altar. Der Kronprinz trat zur^Rechten ber Braut, die allerhöchsten und höchsten Herrschaften traten im Halbkreise um das Brautpaar, sodaß rechts nächst dem Altäre der Kaiser, die Großherzogin-Muttter, Erzherzog Franz Ferdinand standen, während die Kaiserin links vom Altar stand, neben ihr der Großherzog, von Mecklenburg-Schwerin usw. Die Kapelle zeigte keinerlei besonderen Schmuck außer einer Gruppe blühender Bilanzen am Altar und einem weißen Blütenstrauß auf demselben. Tie Gemeinde sang den Choral „Lobe den Herrn", begleitet vom Koszleckschen Bläserkorps. Oberhofprediger v. Dryander hielt die Traurebe über ben vom Kaiser gewählten Text aus dem Buche Ruth: „Wo Du hin- gehst, will ich auch hingehen; wo Du bleibst, da bleibe ich auch; Dein Volk ist mein Volk, Dein Gott ist mein Gott." In kurzen, warmen Worten sprach ber Geistliche, dann vollzog er dis Trauung. Laut unb bestimmt klang das! „Ja" des Kronvnnzen, leise, doch nicht minder fest das der Braut. Im Augenblicke, wo las
Erwachen desTages vor. Aber Lieschen? Die hatte gestern so leiden ausgesehen und schlief vielleicht' noch? Sie wecken, würde wirklich grausam und rücksichtslos sein!
Victoria trat leise, jedes Geräusch Derm-eibenb’. an das grünumrankte Fensterchen und klopfte vorsichtig an dasselbe. Aber so sachte ihre Hand auch den Fensterflügel berührte, er gab doch nach, da der Riegel nicht vorgeschoben war und nun blickte sie in das kleine Zimmer. Es war leer. Liesck)«n schien also auch schon die balsamische Morgenluft zu genießen. Doch in,dem niedliche« Garten erblickte man nichts von ihr.
Fräulein von Dunois umschritt das Häuschen, an dessen Rückseite sich waldige Anlagen dahinzogen. Ihr Fuß ging über üppige Wiesen. Auch das aufmerksamst lauschende Ohr konnte ihr Nahen nicht vernehmen, um so mehr mußte eS also den beiden verborgen bleiben, die in einet dicht von wildem, schon rot gefärbten Wein umwucherten Laube lebhaft, mft einander sprachen.
„Ich habe noch kein Weib bewundert und geliebt, wie Dich," sagte eine, der Baronesse wohl bekannte Stimme. „Diese Versicherung würde ich Dir gestern schon gegeben haben, aber Papa berbinberte mich. Deinem Wink zu folgen. Geliebte, sei noch fernerhin die Hüterin unseres süßen, beglückenden Geheimnisses."
„Nein!" erwiderte Liesbeth mft mehr Ent- schlosienheit, als man dem weichen, hingehenden Geschöpfe zugetraut hätte. „Ich will nicht langer schweigen und verbergen. Was ich bisher tat, geschah nicht in ber Absicht. Eltern unb Bruder zu täuschen. Ick, vertraute Deinen Worten und glaubte fest an Deine Aufrichtigkeit."
„Es war aufrichtig gemeint, wenn ich vo« meiner unwandelbaren Liebe sprach."
„Ich verlange keine derartigen Beteuerungen, sondern Antwort auf meine Frage. Hat das, was