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mit dem Kreisdlatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Sonntagsbeilage: Allustrirtes Sonntagsblatt.

Vierteljährlicher Bezugspreis: der ver ExpÄition 2 Mk, tr/» 44Q bei allen Postämtern 2,25 Mk. (.erd. Bestellgeld).

e/IÄ lltf Jnsertlonsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

Neclamcn: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonntag, 21. Mai 1905.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Ang. Koch, UniverfitätS-Buchdmckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55,

40. Jahrg.

Erstes Blatt.

Wladiwostok.

Wladiwostok liegt an der Spitze der langen, schmalen Mmawjew Amurski-Halbinsel, die auf eben Seiten von großen, zum Teil ^sandeten Meeresbuchtcü, der Ussuri-Bai im Osten und dec Amur-Bai im Westen begrenzt wird. Den Außenhafen bildet die Bai Peters des Großen, 'in deren Winkel Wladiwostok liegt. _®ort springt im Westen lang und schmal die Sohkota-Halb- insel vor, int Osten die Albert-Halbinsel, in welche tief die Diomedes-Bai einschneidet. Zwischen beiden Halbinseln zieht sich der eigentliche Hafen hin, zuerst fast in der Richtung von Süden nach Norden mir den Ankerplätzen für die Handels­schiffe und Kriegsschiffe fremder flaggen; dann macht die Bai einen scharfen Knick und wendet sich von Westen nach Osten. Das ist das Goldene Horn, der Kriegshafen. Vor dem Hafen aber liegt die Insel Ruß, durch die Hameri".-Straße, auch östlicher Bosporus genannt, vom Festlande getrennt so daß zwei räumlich weit auseinander itcocude Ausfahrten gebildet werden, die eine Blockade sehr schwierig machen. Die Seefronten, sowie die Insel Ruß waren schon vor Ausbruch des Krieges stark befestigt, weniger die Land­front, jedoch wurden seit August vorigen Jahres weitere 17 Höhen mit schwer armierten Werken versehen, und auf der Halbinft' Murawjew Amurski hat man Stellungen vorbereitet. Die Lage auf der Landseite ist ähnlich wie zu Port Arthur. Auch hier eine schmale Halbinsel, ans der sich die Stellungen wie bei Kintschau von der See her im Rücken fassen lassen. Die Ausfahrts­verhältnisse dagegen sind weit besser, und namentlich auch die Ausrüstung des Platzes für die Lebensbedingungen einer Flotte. Es fehlt nicht an Docks und Reparaturwerkstätten, eine Werft ist vorhanden, und Kohlen wie Proviant werden trotz der Wegnahme vieler Schiffe durch die Japaner in Menge hineingebracht sein. Zu Anfang dieses Jahres erschieit ein japanisches Geschwader nebst 2 Transportschiffen, die Be- festigungsmateriäl und Arbeiter an Bord hatten, vor der Halbinsel Nachimoff, welche die Einfahrt zum Hafen von Gensan auf Korea beherrscht, und man soll dort mit der Anlage von Befestigungen begonnen haben. Es kann sich dabei nm die Ge­winnung eines Stützpunktes gegen Wladiwostok handeln, und in Wladiwoswk wurde dann auch der Belagerungszustand erklärt, wodurch der Kommandant auch über die Zivilbevölkerung die Rechte eines militärischen Vorgesetzten erhielt. Die fremden Militär-Attaches verließen den Platz, die Frauen und Kinder wurden nach Char- bin gebracht. Nach dem Erscheinen der Nufsm- fictte in Oi'.asien haben sich die Verhältnisse in­sofern geändert, als für Wladiwostok alles davon abhängt, ob die Russen ohne Schlacht dahin ge­langen, andernfalls ob sie in der Schlacht ent­scheidend siegen oder gar geschlagen werden. Kommen sie nach Wladiwostok ohne Schlacht oder

Zliul 100. Geburtstage des Historikers Georg Gottfried Gervinus.

Der deutsche Professor alten Schlages in der Gegenwart scheint sich ein neuer Vrofessoren- typus herauszubilden weist überall, ob er in Königsberg oder in Tübingen einen Lehrstuhl innehat, dieselben Züge auf: er ist genial in seiner Wissenschaft, von einem rastlosen Fleiße, von großer Gewissenhaftigkeit bei der Aufstellung von wissenschaftlichen Behauptungen, dabei ein rechter Kleinkrämer, der unter Umständen ein braar Bände über eine griechische Partikel schreibt. Er ist, wie auch selbstverständlich ist, ein Doktrinär von reinstem Wasser; die Wissen­schaft, das System ist ihm alles, das Leben nichts Für das praktische Leben ist er höchst ungeeignet; beteiligt er sich z. B. aktiv an der Politfl, jo richtet er entweder Schaden an oder er blamiert sich selbst auf eine gan; hervor­ragende Weise. Wissenschaftliche Gegner fertigt er mit groben, oft sehr boshaften Witzen ab.

Diese Beschreibung des deutschen Professors paßt mehr oder minder auch auf Georg Gottfried Gervinus, der am 20. Mai 1805 geboren wurde und neben dem beinahe gleichaltrigen Justus v. Liebig einer der berühmtesten Söhne der hessischen Haupt- und Residenzstadt Darmstadt ist. Gervinus oder, wie, ursprünglich der Name war, Gerwin gehörte nicht zu den Glücklichen, denen das Emporkommeu durch die äußeren Ver­hältnisse leicht gemacht wird. Er entstammte den /leinbürgerlicheu Kreisen; seine Eltern waren ge­diegene, ehrenfeste Menschen, gehörten aber nicht dem Milieu an, in dem Interesse und Liebe für die Wissenschaft heimisch sind. So kam der 14jährige Knabe, anstatt daß er weiter das Gym­nasium besuchen durste, in eineLangwaren-

nach einem entscheidenden Siege, so wird der Platz den Seekrieg offen führen und besser als Port Arthur dazu in der Lage sein. Werden aber die Russen geschlagen, oder gelangen nur Trümmer der Flotte nach Wladiwostok, so wird sich das Trauerspiel von Port Arthur hier mög­licherweise wiederhölen. Da aber anzunehmen ist, daß der Platz mindestens so gut ist wie Port Arthur und mit derselben Zähigkeit verteidigt werden wird, so kann man ihm auch dann noch eine beträchtliche Lebensdauer in russischer Hand zugestehen.

Umschau.

Deutscher Kolonialkongreß 19 05.

Mit großem Erfolg hat 1902 ein Deuisch-c Kolonialkongreß stattgefuniden. Zum ersten Male wurden in ihm die auf die Förderung unserer Kolonien und die Entwickelung unserer sonstigen überseeischen Beziehungen gerichteten Bestrebungen zusaminenfaßt. Es wurde beschlos­sen, derartige Veranstaltungen 'regelmäßig zu wiederholen, und es soll daher vom 5. bis 7. Oktober 1905 der zweite Deutsche Kolonialkon­greß in Berlin im Reichstagsgebäude abgehalten werden. Präsident des Kongresses ist, wie früher, Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg, Präsident der Deutschen Kolonialgesellschast, zu den 81 Veranstaltern des Kongresses gehört^ in erster Linie die Deutsche Kolonialgesellschaft, fer­ner das Kolonialwirtschaftliche Komitee, der Deutsche Flottenverein, der Allgemeine Deutsche Schulverein zur Erhaltung des Deutschtums im Auslande, die Deutsch-Astatische Gesellschaft, der Ostasiatische Verein (Hamburg), der Verein für Deutsche Auswandeverwohlfahrt (Hannover), oer Deutsche Frauenverein für Krankenpflege in den Kolonien u. s. f. Auf welche Gebiete sich die Ver­handlungen des Kongresses erstrecken werden, er­gibt sich aus der Bildung folgender Spionen: 1. Georgraphie, Ethnologie und Naturkunde der Kolonien und überseeischen, Interessengebiete; 2. Tropeinnedizin, Tropenhygiene; 3. die recht­lichen und politischen Verhältnisse der Kolonien und überseeischen Interessengebiete; 4. die reli­giösen und kulturellen Verhältnisse der Kolonien und icherseeischen Interessengebiete; 5. die Wirt- schriftlichen Verhältnisse der Kolonien und i./er- seeiichen Interessengebiete; 6. die llebersiedelung in deutsche Kolonien und die Auswanderung in fremde Länder; 7. die wirtschaftlichen D.Ziehun­gen zwischen Deutschland und seinen Kalorien und seinen überseeischen Interessengebieten. Mit dem Kongreß werden eine tropenmedizinische Ausstellung, eine kartographische Ausstellung und eine Ausstellung von kolonialen Erzeugnissen, Nutzpflanzen der deutschen Kolonien und tropcn- landwirtschaftlichen Maschinen verbunden sein. Mitglieder des Kongresses können Herren und Damen gegen einen Beitrag von 10 Mark wer­den; die Stellung eines Chrenförderers wird durch einen Beitrag von mindesteits 500 Mark erworben. Das Bureau des Kongresses befindet sich Berlin W. 9, Schellingstraße 4.

Handlung" unk verkaufte fünf Jahre hindurch an Gräfinnen, Theatergarderobemeister. Markt­frauen und Bauern Kleiderstoffe. Abxr die fünf JahreLangwarenHandlung", haben den charakterfesten jungen Mann nicht geknickt, im Gegenteil bekennt er in seiner bis ungefähr zu seinem 30. Lebensjahre fortgeführten Sclb'fbw- grapbie, daß ihm die kaufmännische Tätigkeit in mancher Hinsicht förderlich gewesen sei; nötigen­falls hätte er es auch mit der Elle wie später mit der Feder zu etwas gebracht. Verspätet kam er allerdings zum Studium, aber durch rastlosen Fleiß hat der strebsame Autodidakt bald das ein­geholt, was er am Ladentische versäumt hatte.

In seiner Jugend- und Schulzeit, auch noch im Anfang des akademischen Studiums zu Gie­ßen und Heidelberg, lt>ar in Gervinus am stärk­sten die Neigung zu Poetischer Produktion. Von der Poesie kam er zum Studium des klassischen Altertums, dann durch den Einfluß des be­rühmten Geschichtsschreibers Schlosser, der in Heidelberg sein Lehrer war, zur Geschichte, wel­cher er nun die Kraft feines Lebens widmete.' Die Zeit, in der er wirkte man denke nur an die Namen Ranke. Dahlmann, Waitz, Dropsen, war die Zeit der großen deutschen Geschichts­schreibung. Tie ersten Publikationen des 1835 nach Heidelberg, 1836 durch Dahlmann nach Göttingen berufenen jungen Professors behan­delten verschiedene Stoffe: die Geschichte der Angelsachsen, der florentinischen Historiographie, die Geschichte von Aragonien. Dann aber wandte sich Gervinus einem Stoffe zu, dessen wissen- schaftliche Behandlung ihm eine bleibende Stel­lung in der Geschichte der deutschen Wissenschaft sichert: er gab 18351842 seineGeschichte dec poetischen Nationallitteratur der Deutschen* heraus. Dieses Werk des jungen Gelehrten ist ein erstaunlicher Beweis deutschen Geistes, deut- scher Gründlichkeit und deutschen Fleißes. Ger.

Der elektrische Schnellbahnverkehr und die Landwirtschaft.

Im neuesten Heft desJahrbuchs für Gesetz- gebung, Verwaltung und Volkswirtschaft" setzen sich der Regierungs- und Baurat Fränkel-Breslau und Professor Dr. Balloüi-Berlin über das Pro­blem des elektrischenSchnellverkehrs auseinander. Frärikel erscheint die Elektrizität besonders geeig­net als Triebkraft fürj Straßenbahnen, Hoch- und Unstergrundbahnen auf beschränktem Gebiet, aber nicht für Fernbahnen, insbesondere nicht für solche mit reinem Personenverkehr, der niemals zur Wirtschaftlichkeit einer Fernbahn genüge. Das zentrale Kraftwerk für kleinere Leistungen aber im umfassenden System über das ganze Land verteilt, fei berufen, den jetzt mit Dampf kostspielig betriebenen Neben-, und Kleinbahnen Kraft zu liefern. Jedoch rönne dies noch Um­wandlung. der Bahnen für elektrischen Betrieb nur daun geschehen, wenn zur erforderlichen Rentabilität der Anlagen dje Kraft gleichzeitig für die Landwirtschaft zum Bewegen de§ Pfluges, dec Dreschmaschine, der Futterscheidensj der Pum­pen zur Be- und Entwässerung, zur Beleuchtung und selbst für Feldbahnen ausgenutzt werde. Durch eine derartige Industrialisierung werde die nach dieser Richtung tatsächlich notleidende Land- wirtschaft zu erheblich billigerer Produktion bet Ersparnis von Arbeitskräften und Löhnen be­fähigt. Eine solche Entwicklung aus den kleinen Anfängen sei allein naturgemäß und möglich, sei zugleich erheblich aussicksisv oller, als die augenblicklich angestrebte elektrische Bahn, welche mit deck durch Dampf betriebenen Ferneisenbahn in Wettbewerb trete. Dies werde schon dadurch bestätigt, daß die Industrie die Schaffung einer derartigen Versuchsanlage im Nebenbahn- und lanidwiftschaftlickien Gebiete plane, iw" deren Ge­lingen und weiteren Ausbau die Elektrizität erst zu größeren Leistungen im Eisenbahnwesen be­fähigt wäre. Die bisherigen Erfolge auf Haupt­bahnen seien nur bei dichtem Personenverkehr in und bei großen Städten zu finden; sie wären für die Allgemeinheit ohne Belang. In der an- gebouteten Vereinigung würde die Elektrotechnik nicht iiur dis Nebenbahnen lebensfähiger ge­stalten, sondern auch die Landwirtschaft auf eine Höhe bringen, die fast zur vollständigen Ver­sorgung Deutschlands mit Brotgetreide genügte. Im Gegensatz hierzu vertritt Professor Dr. Vallod den Standpunkt, daß das ganze Bahnnetz für den gesamten Fracht- und Personenverkehr aus Elektrizität begründet werden müsse. In Uebereinstimmung mit Fränkel aber hält Ballod es von ivesentlichster Bedeutima. wenn durch elektrische Zentralen nicht nur Nebenbahnen^ sondern auch die Landwirtschaft mit Kraft ver­sorgt würden, und zwar zu billig.:n Preise. Erst wenn die Kosten der elektrischen Kraft von 20 bis 30 Pfg. für den Kilowatt auf 5 bis 6 Pfg. sänken, würde der Landwirtschaft aus ihrer Ver­wendung reicher Segen erblühen.

Die Ueberwachung von Privatper­sonen durch Detektiv-Bureaus bat sich, schon wiederholt als ein unerträglicher Mißstand erwiesen. Heutzutage ist kein Mensch

vinus hat durch dieses Werk, das sich namenilich dort zu vollendeter Meisterschaft erhebt, wo von Goethe und Schiller die Rede ist, die deutschen Litteraturhistoriker genötigt, umzulernen. Bis­her schrieb man Litteraturgeschichte nach rein ästhetischen Maßstäben; Gervinus wurde epoche­machend, indem er die Sitteratur in den allge­meinen geschichtlichen Zusammenhang hinein- ftellte und überall die Wechselwirkungen zwischen dem ganzen nationalen Leben eines Volkes und seiner Dichttmg nachwies. Kein Geringerer als Jakob Grimm hat das Werk bei fein-'m Erschei­ne.! jubelnd begrüßt: er bezeichnete den Ver­fasser alsmit strömender Gedankenf'lle schrei­bend und mit voller Brust für die Ehre des Vaterlandes". Aber, obwohl Gervinus sich mit der Geschichte der deutschen Dichtung befaßt, waren seine Tendenzen politischer Natur. Der Staat interessierte ihn mehr als die Sitteratur. So schreibt er in dem Schlußpassus des 5. und letzten Bandes:Wir müssen dem Vaterlanide große Geschicke wünschen, ja wir müssen, so viel an uns ist, diese herbeiführen, indem wir das ruhesüchtige Volk, dem das Leben des Buches und der Schrift das einzige geistige Leben und das einzige wertvolle Leben ist, auf das Gebiet der Geschichte hinausführen, ihm Taten und Handlungen in größerem Werte zeigen und die Ausbildung des Willens zu einer so heiligen Pflicht machen, als ihm die Ausbildung des Ge- fi'chls und rtZ Verstandes ist. Wir wollen nicht glaube i, daß diese Nation in Kunst, Religion und Wissenschaft das Größte vermocht habe und im Staate gar nichts vermöge." Das lebhafte Interesse für die deutsche Politik führte Ger­vinus auch dazu, die Geschichte des 19. Jahr- Hunderts" zu schreiben; allerdings kam er nach echter Professorenart nur bis zur Julirevolution. Verstimmt Über die politische Lage Deutschlands brach et hier ab.

im Deutschen Reiche mehr sicher davor, daß Pri- vat-Detekttvs sich an feine Sohlen heften uni ihn, zu wer weiß was für dunklen Zwecken aus­spionieren. Gegen dieses gemeingefährliche Treiben wendet sich neuerdings mich dieDeutsche Furistenzeitung" in folgenden Ausführungen:

Wir rühmen uns freiheitlicher Errungen­schaften, und in gewissem Umfange mit Recht. Eine Vorführung, eine Verhaftung, eine Durch­suchung ist mit Rechtsgarantien umgeben. Die Stellung unter polizeiliche Aussicht hängt bei schweren Verfehlungen von einem Richterspruch ab. Und weit empfindlichere Einschränskungen der persönlichen Freiheit dürfen straflos ge­schehen! Gegen Erlegung der Gebühren kann jeder, aus welchem Grunde ihm dies beliebe, den anderen unter eine Aufsicht stellen, weit schlim­mer als jede polizeiliche. Kein Schritt ohne den Schatten des treuen Detektivs. La vie priv<5e doit 6tre murde, heißt ein französischer Rechts­satz in Beleidigungsprozesien. Und unser Pri­vatleben, der heiligste Besitz, darf von Vigilanten bis in alle feine Winkel überwacht und verfolgt werden. Dieser Krebsschaden erfordert einen raschen gesetzgeberischen Schritt. Gegen diese ge­meingefährliche Art der Freiheitsberaubung kann nur ein Strafgesetz schützen. Derartige Ueber- wachungen dürften nur äußerstenfalls mit be­hördlicher Genehmigung beim Nachweis eines begründeten Interesses gestattet sein."

Diesen Worten wird man durchaus zustimmen können. Eine reichsgesetzgeberische, Initiative nsach dieser Richtung würde den Beifall weiter Bevölkerungskreise finden.

Die Heilstätten für Lungenkranke haben sich seit der Entstehung der Heilstättenbe- wegung außerordentlich rasch vermehrt. JmJahre 1892 bestanden bereit nur 3, im Jahre 1897 bereits 13 und 1902 waren nicht weniger als 56 vorhanden. Nach dem letzten Jahresbericht desDeutschen Zentralkomitees zur Errichtung von Heistätterr für Lungenkranke" sind jetzt 68 solcher Institute in Wirksamkeit, mehrere Heil- ftätten sind noch im Bau begriffen und außerdem gab es 27 Privatheilanstalten für Lungenkranke. An der Spitze der großen gemeinnützigeit Ver­eine, die sich mit der Heilstättenförderung befas­sen, steht das Rote Kreuz mit der ihm gehörigen Organisation der Vaterländischen Frauenvereine. Dazu kommen die Landesverfichernngsanstalten» die sich lebhaft an der Schaffung von Heilstätten für Lungenkranke beteiligen und die besonders die Behandlung Heilbarer neben derVerPflegung Unheilbarer in die Hand genommen Haber.

Die Landesversicherungsanstalten Berlin, Bran­denburg, Posen, Hannover, Württemberg, Baden, Hessen, Thüringen, Braunschweig, der Hansa- städte, Elsaß-Lothringen besitzen eigene Heil- und PfleMtätten. Auch verschiedene Knappschasts- bcreinc. haben ihre eigenen Lungenheilstätten. Von Gemeinden und Gemeindeverbänden haben sich Berlin, München, Aachen, Leipzig, Fürth, die Kreise Altena i. W., Saarbrücken und Wit­tich zur Errichtung eigener Heilstätten entschlos­sen, während eine große Anzahl weiterer Politt- scher Verbände Beiträge 'für diesen Pflegedienst

Auch aktiv hat er sich an der Politik beteiligt und zwar, wie es schon oft berühmten Gelehrten ergangen ist, nicht immer mit Glück. Die Mannhaftigkeit feines Charakters trat besonders hervor, als er 1837 als einer derGöttinger Sieben" gegen den Verfassungsbruch des Königs Ernst August protestierte und dadurch sein Amt verlor. Hervorragenden Anteil hatte er an der Agitation für die Befreiung Schleswig-Holsteins vom Dänenjoche; auch wurde er 1848 in die Nationalversammlung gewählt, ohne hier beson­ders hervorzutreteii. Die politisch-ruhigen Zeiten führten ibn zu Studien über Shakespeare und Händel. Dagegen machte er am Ende seines Lebens noch einmal und zwar, in unerfreulicher Weise von sich reden, indem er in der Vorr.de zu einer neuen Ausgabe seiner Litteroftirgeschichte gegen die Einiguno Deutschlands unter der Hege­monie Preußens protestierte. Daß diese Aeuße- rung gerade im Jahre 1870 fiel, trug dem da- mal* etwas verbitterten Gelehrten viele Angriffe ein ~ Er teilte diese Anschauung mit einem an- bereit derG'fttinaer Sieben", dem Orientalisten Ewald, der, oroß in seiner Wissenschaft, klein in her Politik, im Reichstage in törichter und un- rühmlicher Weise für die Ansprüche der Welfen- partei eintrat. Ein stark doktrinärer Zug haftete eben Gervinus an und ließ ihn die Vorgänge und Strömungen seiner Zeit mitunter schief cmsehen. Dennoch verdient der charakterfeste unb, wissen­schaftlich tiefgründige Mann, der, um dies hier nachzutragen, nach seiner Vertreibung aus Göt- tinaen zuerst Privatisierte, dann von 1844 bil zu seinem am 18. März 1871 erfolgten Tode Honorarprofessor in Heidelberg war, daß das deutsche Volk und besonders die deutsche Ge­lehrtenwelt an seinem 100. Geburtstage dankbar seiner gedenkt.