mit -em ör reiöblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt.
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Vierteljährlicher Bezugspreis: btt oer Expedition 2 Mk^ bet allen Postämtern 2,25 M. <e$tt. Bestellgeld).
ZnserttonSgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Psg.
Reclamen: die Zeile 25 Pfq.
Marburg
Sonntag, 14. Mai 1905.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck mtb Verlag- Joh. Aug. Koch, UnwcrsitStS-Buchbruckerei 40. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon o5.
Drittes Blatt.
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Eine Krisis der Linienschiffe?
I? Int Bestreben, den ungenügenden Umfang ►- soweit wenigstens der Staatssekretär des ^ieichsmarineamts sich dazu geäußert hat — der UN Herbst zu erwartenden Flottenvorlage zu erklären, taucht in der Presse unter obiger Ueber- schrift eine Hypothese auf, welche im Interesse sachlicher Aufklärung hiermit widerlegt werde. Es wird ausgeführt, das Nichtvorhandensein von Linienschiffen in der Vorkrge begründe sich darin, daß das Linienschiff sich augenblicklich „in einer Krisis" befände. Wolle man jetzt weiter Linienschiffe bauen, so liefe man Gefahr „verfehlte Experimente" zu machen und darauf könnten .vir uns am allerwenigsten einlassen. Man müsse vielmehr warten bis „die Entscheidung gefallen" ,ci und die Pause bis dahin durch Kreuzerbau ausfüllen. Später käme dann natürlich in erhöhtem Tempo der Linienschiffbau an die Reihe.
Demgegenüber wäre zu sagen, daß hierbei Sckpvierigkeiten überschätzt werden, welche sich aus einer bevorstehendeit Aenderung der Linienschiffsarmierung und damit bis zu einem gewissen Grade auch des Typs ergeben. Bestehen wird diese Aenderruig wahrscheinlich in einer, bedeutenden Verstärkung der schweren Artillerie und Reduktion oder gänzlichem Verschwinden der mittleren. Die verschiedenen Marinen werden, jedenfalls zuerst, nicht ganz dieselben Wege wählen. Gewiß ist das ein sehr wichtiger Umschwung, aber schließlich besteht die ganze Geschichte des Linienschiffs nur aus einer Reihe von Entwickelungsphasen und wenn sich setzt eine solche etwas schärfer abhebt als die letzten vorhergegangenen, so ist es doch vollkommen unrichtig, von einer „.Krisis des Linienschiffs" zu sprechen. Eine solche wäre vorhanden, wenn man sich im Unklaren Ware, ob das Linienschiff überhaupt noch eine zeitgemäße Waffe sei oder nicht: die Lehren des ostasiatifchen Krieges haben diese früher aufgeworfene Frage in absolut positivem Sinne entschieden. Auch unserem Koitstruktionsbureau traut man zu wenig zu, wenn man meint, es solle sich an der Lösung der neuen Frage überhaupt nicht beteiligen und ab- warten, bis andere Marinen sich .ntichieden hätten. Das wäre eine Blamage, nicht nur in Deutschland, sondern vor der ganzen Welt, wie sie größer gar nicht gedacht werden könnte. Schließlich machen doch auch die anderen Staaten da S „Experiment" und es wird nicht zu bestreiten sein, daß unsere neuesten Linienschiffe im Verhältnis zu tf rem geringen Deplacement fbhr gut gelungen sind. Daß ihr Gefechtswert nicht auf der Höhe der fremden Linienschiffe steht, das liegt eben an dem großen Deplacementsunterschied von 3 bis 4000 Tonnen, fällt also nicht den deutschen Konstrukteuren zur Last. Richtig wird bemerkt, bei t>e: schweren Zukm.fts- ormisrung inüsse auch das Deplacement erheblich erhöht werden; aber das ist kein Hindernis, denn diese Erhöhung deS Deplacements für Linien- sch-ffe wie für Kreuzer wird eben i-V. nächste Vorlage bringen, und daß sie recht echeblich sein wird, geht aus der Kostenerhöhung pro Linienschiff um ca. 8 Millionen Mark hervor. Es ist unverständlich, wie angesichts dieser ebenso bekannten wie einfachen Tatsache eine Pause im Linienschiifsbau vorgeschlagen werden kann. Ganz vergessen scheint auch zu sein, daß, Ivenn
Die amerikanischen Frauen.
Was in Amerika die Frauen leisten, davon gibt ein von Marianne Weber (Heidelberg) im „Zentralblatt des Bundes deutscher Frauen" veröffentlichter Artikel, „Reiseeindrücke" betitelt ein interessantes Bild. Den Aufstellungen der Verfasserin nach wirken in Amerika zur Zeit -7300 Aerzt.nnen und 3400 Seelsorgerinnen neben der ungeheuren Anzahl von 327 000 Leh- rerjnnen. Diesen letzteren steht nur etwa ein Drittel männlicher Kollegen gegenüber. Den Mannern bietet eben die wirtschaftliche Erschlie- :ßung des Landes noch immer größeren Gewinn und eine angesehenere soziale Stellung, als das verhältnismäßig schlecht bezahlte Lehramt. Aus dem Grunde überließen sie es den Frauen, namentlich auf dem Lande und in den dünnbevöl- rerten Staaten des Südens und Westens, für die genüge shtlhtr, tätig zu fein. Und die Frauen haben, mtt größtem Eifer das ihnen überlassene Terratn sich nutzbar gemacht und Großes inson- derhest dadurch,geleistet, daß sie nach Aufhebung der Sklaverei in Scharen den blutigen Spuren !der .Heeresmasien folgten, um in den verödeten Landstrichen die ersten schwanken Schritte einer T* bange geknechteten Rasse der Freiheit ent- gegen zu leiten. Daß der Neger verhältnis- mapig schnell aus der geistigen Nacht zum Licht Der Gedaiikenregsamkeit emporgestiegen ist, verdankt er in erster Linie jenen Frauen. Welch
man warten will bis „die Entscheidung gefallen" ist. wir auch die nach dem Flottengesetz fälligen Ersatzbauten an Linienschiffen nicht in Angriff nehmen dürften; kurz, die ganze Hypothese ist an sich nicht diskutabel und soll hier nur erörtert feiii, weil es in maritimen Dingen bei uns ja leider sehr leicht ist, „die Menge zu verwirren".
Die neue Flottenvorlage, darüber sind wir mit den erwähnten Auslassungen völlig einverstanden, genügt, soweit sie bekannt ist, den Bedürfnissen der deutschen Flotte nicht, lange nicht. Was wir brauchen, ist nicht eine Verzögerung oder Pause, sondern vielmehr äußerste Beschleunigung gerade der Linienschiffsbauten und es ist dringend zu hoffen, daß eine solche in der Flottenvorlage enthalten ist. Das mindeste zu verlangende und ohne Mehrkosten zu erreichende wäre die beschleunigte Fersigstellung der Ersatz- bauten für die vier schon längst überalterten Schiffe der „Sachsen"-Klasse, die völlig unbrauchbare „Oldenburg" und die acht Küstenpanzer der „Siegfried"-Klasse, welche für den Hochseekampf ebenfalls nicht geeignet sind. Außerdem bedarf die Panzerkreuzerfrage für die heimische Schlachtflotte inte für die auswärtigen Stationen baldigster Lösung.
In Summa soll matt aber bedenken, daß Schnelligkeit des Bauens nicht nur 1m militärischen und politischen Interesse lieat, sondern auch int ökonomischen: wer am schnellsten baut, baut am billigsten. Was endlich den deutschen Kriegsschiffbau an sich anlangt, so bat er sich jetzt nach manchen weniger gelungenen Versuchen als jeden Ansprüchen gewachsen erwiesen.
NarlaMentariWes.
NrickSta«.
* Berlin, 12. Mai.
Am Bundesratstisch: Niemand.
Der Reichstag erledigte heute zunächst debatte- los einige Rechnungssachen und r ühm Samt Stellung zu Petitionen. Eine umfangreiche und lebhafte Erörterung rief eine Petition betr. die Unterdrückung schlechter Litteratur- und Kunsterzeugnisse hervor. Die Kommission beantragte, die Petition zur Berücksichtigung zu überweisen. Abg. Roer en (Zent.) betonte, die unsittliche Litteratur und Kunst trete immer dreister hervor. Gegen solchen Schmutz mäste ein wirksamer Schutz geschaffen werden. Auch Abg. Heine (Soz.) mußte zugeben, daß eine ekelhafte und widerwärtige Schmutzlilteratur vorhanden sei, die für unsere Jugend schwere Gefahren bedeute. Wenn man aber gegen diese Gefahren r 't aesctzliwen Mitteln vorgehe, sei zu befürchten, daß nachher die gesetzlichen Bestimmungen auch gegen die wahre Kunst und Litteratur verwendet würden. Darum -ei seine Partei für llebergang zur Tagesordnung. Abg. L a t t m a n n (Wirjjch. Dgg.) r ' - Berücksichtigung
ein. Er wies nach, daß Selbsthilfe, d. h. eine richtige Jugenderziehung, allein nicht helfe und bedauerte, daß die äußerste Linke diese Fuage nicht mit dem nötigen Ernste behandle. Nach weiteren Bemerkungen der Abg. L e n z m a n n (fr. Vp.) und Patzig (nl.) wurde die Petition zur Berücksichtigung überwiesen.
Nachdem noch eine große Reihe weiterer Petitionen, meist ohne Debatte, erledigt waren, war die Tagesordnung erschöpft.
Donnerstag 2 llhr: Rechnungssachen, kleinere Vorlagen.
ein Maß von Idealismus und Selbstlosigkeit dazu gehörte, um als Frau die Kulturarntut des Südens zu besiegen, ist durch die allgemein gewordene Bezeichnung „der 8. Kreuzzug" für das Vorwärtsstreben der englischen Lehrerinnen in treffender Weise anerkannt worden.
Im übrigen leisten auch die nicht in irgend einem , Berufe stehenden Frauen Amerikas schon sehr viel dadurch, daß vier Fünftel aller verheirateten Frauen ihre gesamte Hausarbeit allein, ohne die Hilfe von Dienstboten, verrichten. Marianne Weber schreibt über diese bemerkenswerte Tatsache, baß gerade die Hausftauen- leistungen der gebildeten Amerikanerinnen .zu den Eindrücken gehören, die ihr am meisten imponiert haben. Die breite Schicht derjenigen, deren Erziehung ihnen höchste Bildung und alle Kulturbedürfnisse t'.oermittelt hat, können, wenn sie nicht sehr wohlhabend sind, drüben keine Dienstboten halten, da deren Monatslohn im Durchschnitt 80—100 Mark beträgt. Da ist nun geradezu bewundernswert, wie die amerikanische Hausfrau trotz ihrer angestrengten häuslichen Tätigkeit sich doch ihre geistige Regsamkeit zu behaupten und zu fördern weiß und nie eine Verengung ihres Gesichtskreises aufkommen läßt. Ms Beweis fuhrt Marianne Weber v. a. eine ihr persönlich bekannte amerikanische Pfarrersfrau an, die die ganze Wirtschaft und alle Nähe- reien für sich und ihre vier Kinder besorgt und daneben . och Zeit findet, an der Kirche ihres
Hessen-Nassau und Nachbargebieke.
Hana«, 12. Mai. Der Gemeinderechner Koch in Wellhausen (Hesien), der zu ungunsten der dortigen Spar» und Leihkaffe 15000 Mk. unterschlug, hat auch die von ihm verwaltete Gnneindekaffe angegriffen, da sich jetzt ein Manko von rund 1000 Mk. bei derselben ergeben hat. — Der ViehgroßhSndler Daniel Heilmann aus Gelnhausen ist wegen umfangreicher Wechselfälschungen zu ungunsten deS Frankfurter Platzes zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden.
F«!da, 12. Mai. Zum BonifatiuS-Jubiläum schreibt die „Fuld. Zta.": Mit dem Aufbau der Tribüne für die BonifatiuSseier hat man am Domplahe bereits begonnen. Die Tribüne wird so gehalten, daß etwa 200 Personen auf derselben Platz finden können. Von dieser Estrade auS wird am Schluffe der Reliquien- Prozession im Auftrage des hl. DaterS der Hoch- würdigste Herr Kardinal Kopp, umgeben von einem großen Ministerium, den päpstlichen Segen spenden. Der Aufbau, der rechts und links durch die üppigen Kastanien einen natürlichen Nahmen erhält, wird nach der Stirnseite Prächtig dekoriert werden. Gekrönt wird der Aufbau durch ein Modell des für Fulda geplanten Sturminsdenkmals nach einem Entwurf von Bildhauer Künne-Berlin, dem Schöpfer des Kaiser Friedrich-Denkmals. — Nach einer Zusammenstellung im „Kirchlichen Amtsblatt" für die Diözese Fulda betrug die Zahl der Firmlinge im vergangenen Jahr 3093.
Siegen, 10. Mai. In fast dreistündiger Sitzung wurde gegen den prakt. Arzt Dr. H. aus Laasphe verhandelt, der der Beamtenbeleidigung angeklagt war. Die Verhandlung, zu der ein großes Zeugenaufgebot erfolgt war, endete mit der Freisprechung des Angeklagten. — Die hiesige Handelskammer befürwortet eifrig das Eisenbahnprojekt Meinerzhagen— Olpe—Crenzthal. Dasselbe würde Hagen und Siegen in eine 20 Kilometer kürzere Verbindung briuaen und außerdem die Ruhr-Siegbahn rrtlcften.
Vermischtes.
Aschaffenburg, 11. Mai. Heute Abend kurz nach 8 Uhr explodierte im Hause des Kaufmanns Fritz in der Herstallstraße ein Venzin- bebälter, wodurch innerhalb weniger Minuten das ganze Haus in hellen Flammen stand und völlig auSbrannte. Die Nebengebäude wurden stark beschädigt. Don den Bewohnern — außer dem Geschäftsinhaber nur Studenten — war um die Zeit glücklicherweise niemand zu Haus.
London, 12. Mai. Aus Leith (Schottland) werden vier verdächtige Fälle von Beulrn- Pest gemeldet. Ein Arbeiter ist gestorben; feine Frau und zwei Kinder find jetzt in Beobachtung genommen worden. Man nimmt an, daß die Krankheit durch Ratten mit Schissen von auswärts eingefchleppt ist.
Der Roman der deutschen Telephonistin. In einem Newyorker Briefe, der vorn 2. April d. I. datiert fft, wird folgende Geschichte erzäblt: Die zahlreichen Passagiere, die sich auf dem Pier der Red-Star-Linie kurz vor bet Abfahrt des Damp-
Mannes als Organist tätig zu sein, Gesangstun- den zu geben und den Frauenverein ihrer Gemeinde zu leiten. Eine andere drüben lebende Dame, eine Verwandte der Verfasserin, hält ihr Haus, zu dem 13 Zimmer gehören, ebenfalls ganz allein in Ordnung, versorgt ihre acht Kinder mustergiltig unib bereitet letztere selbst für die Nigh-school vor. Das aus dem Grunde, um ihre Kinder, bevor sie in eine englische Schule kommen, im Deutschtum zu befestigen und sie vor der zu frühen Berührung mit proletarischen Elementen zu schützen.
Die häusliche Tüchtigkeit der amerikanischen Frauen wird allerdings auch van einer eminent vervollkommneten Technik unterstützt, sowie durch die immer mehr sich einbüraernde (Hinrichtung der Einfamilienhäuser. Ein jedes dieser Häuser hat Zentralheizung, Koch- und Leuckitaas, Kall- und Warmwasserleitung in der Küche, den Bade- und Schlafzimmern. Alle Bestellungen werden telephonisch erledigt, da jedes Hans seine eigene Leitung hat, und wa? derartige Erleichterungen der häuslichen Arbeit noch mehr sind. Die Hauptsache bei dem allen ist aber doch, daß die Amerikanerin stolz , auf ihre häusliche Tüchtigkeit und Tätigkeit ist. während die Deutsche es für unfein oder gar für würdelos hält, das Getriebe des Hauses allein zu leiten. Ein junger, sogenannter „besserer" Haushalt ohne Köchin und Stubenmädchen ist kaum noch denkbar. Mit dem ersten Baby kommt eine Amme,
fers „Kroonland" eingefunden hatten, wurdien Augenzeugen einer recht ungewöhnlichen Szene- Lange vor der fahrplanmäßigen Abfahrtszeit des Schiffes bemerkte man ein junges Mädchen, da» in Begleitungg eines alten Herrn nervös de» Dock auf- u. b abspazierte und jemanden zu erwarten schien. So verstrichen etwa zwei Stunden, als am Eingang des Piers ein junges Paar das gleichfalls von einem alten Herrn begleftet war, auftauchte. Kaum ward die junge Dam« dieses Paares ansichtig, als sie sich von ihrem Begl Her losriß, auf den jungen Mann zustü,zt«, ihm um den Hals fiel und weinend ausriefi „Alfred, Alfred, was hast Du getan?" Dem jungen ManN gelang es, sich der Umnrmunn zu entziehen. Die beiden alten Herren aber schritten aufeinander zu und begannen, nachderi sie sich wenig liebenswürdige Worte zugerusc:: hatten zum Gaudium dec Kofferträger und Dockangestellten handgemein zu werden. Der Skandal brachte einen Polizisten zur Stelle, der energisch Aufklärung verlangte. „Sie will meinen Gatten," rief die junge Dame, die in Begleitung des jungen Mannes zuletzt auf dem, Dock ein,getroffen Ivar. — „Er gehört mir, Sie haben ihn mir gestohlen," erwiderte die and re hysterisch. „Arretieren Sie den alten Herrn hier," gebot der eine der beiden Greise dem Blaurock. — „Verhaften Sie diesen Ranfbold, der mich cmgegriff n hat," gab der andere wütend zurück., Di beiden jungen Damen schluchzten und weinten dazwischen, nnd der Polizist entschied, daß die Angelegenheit m kompliziert für ihn sei, als daß et sie zu schlichten vermöchte. Die aain„, Gesellschaft ging darauf zur Churchstr.-Palizeisiation, wo sich folgender Tatbestand ergab: Der 27säh- rige Alfred Reis hatte am 28. März Fräulein Berendson geheiratet. Die Firma, bei der.et angestellt ist, hatte ibn 3 Tage später auf eine Geschäftsreise nach Europa schicken wollen, und er hatte die Absicht gehabt, mit dem,Geschäft daß Vergnügen zu verbinden und seine junge Gattin mitzunehmen. An dem Tage aber, cm welchem Herr Reis sich mit Fräulein Berendson verehelichte, war ans Deutschland Fräulein Lucia Teudloff eingetrofsen. Reis war, wie sie angab, in Deutschland mit ihr verlobt und hatte sie ersucht, ihm nach Newyork zu folgen. Die junge Dame hatte sich zu ihrem Onkel, der seit mehr den 50 Jahren bei der Firma Tiffany angestellt ist, begeben und sehr bald erfahren, daß,ihr Verlobter ihr untren geworden war und,seine Hoch- zeitreise antreten wolle. In Begleitung, ihres alten Onkeles war sic nun auf dem Pier erschienen, nm sich noch im letzten Moment den Geliebten zu retten. Die oben geschilderte Szene war das Resultat dieses Versuchs. Von der Po- lizeistation wanderte die Gesellschaft nach dem Tombs-Polizeigericht, wo sich Reis und sei» Schwiegervater „wegen unordentlichen Betragens" zu verantworten hatten. Der N'chter entschied ihre Freilassung. Kaum war das Wort „frei" gefallen, als Fräulein Tcudloff sich, von neuem auf ihren Verlobten stürzte. Gerichtspolizisten eilten hinzu und befreiten Reis, der schnell mit feiner Fran aus dem Saale verschwand. Fräulein Teudloff war, wie sie einem Berichterstatter mitteilte, seit Jahren mit Reis verlobt und hatte ihre gute Stellung als Telephonistin in H. ansgegeben, um nach Newyork zu gehen und den Geliebten zu heiraten. Erst nach ihrer Ankunft erfuhr sie, daß ihr Verlobter bereits mit einer anderen verheiratet war.
Verantwortlich für die Redaktion: Dr. Doerkes-Bovvard in an,r,i
dann ein Kindermädchen und schließlich eine Kindergärtnerin ins -Haus.
Doch um toiebe'r auf die amerikanischen Zustände zurückznkommen, so sei noch der dortigen, von Frauen geleisteten sozialen Arbeit gedachh ohne die 'das amerikanische Gemeinwesen nicht auf der jetzigen Höbe erhalten werden könnte. Insbesondere geschieht dies durch die „Settlements", d. h. dadurch, daß Gruppen, gebildeter Frauen und Männer ihren Wohnsitz mi icn unter dem Proletariat nehmen, dasselbe dadurch tonnen zu lernen und zugleich geistig und ethisch zu beeinflussen suchen und ferner es zur Mit- Eeteiliguna an den höchsten Kulturgütern: an Kunst, Wissenschaft und edlerGeselligkeit anregen. Solche settlements bestehen in jeder größeren Stadt mit Proletariervierteln, in Newyork 30, in Chikago 15, in Boston 12. Neuerdings breitet sich über das ganze Land eine Organisation von Kollege-Stndentinnen, die den Zweck hct. settlements zu gründen und zu unterstützen. Eines der großartigsten, das Hull-house in Chikago, ist von Frau Jane Adams gegründet worden und wird von dieser auch geleitet.
Aus allen diesen Schilderungen geht hervor, daß wir, auch ohne in Amerika ä tont prix „das gelobte Land" sehen zu wollen, doch die Leistungsfähigkeit der Fran dort innerhalb unaußerhalb des Hauses als eine ganz eminente zu schätzen haben un-d manches davon, unbeschadet unserer Eigenart, lernen könnten.