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MchW IMm

mit dem Kreis blatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«. -

Sonntagsbeilage: Jllnstrirtes Sonntagsblatt.

Marburg

Dienstag. 9. Mai 1905

Vierteljährlicher Bezugspreis: btt der ExpHitioil 2 BL, "wv b« allen Postämtern 2,25 M. «.exrt. Bestellgeld).

Avö ZnserttonSgebühr: bte gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Reklamen: die Zeile 25 Pfg.

Erscheint wöchentlich siebe» mal.

Druck und Verlag- Joh. Aug. Koch» UniversMS-vmhdruckera Marburg, Markt 21. Telephon 55.

40. Jahrg.

Zum hundertjährigen Todestags Friedrich Schillers.

(1805 S. fflai 1905.)

In des Zeitstroms nimmermüden Möge« Ist ein Säkulum dahingerauscht, Seit Dein Geist, der Srdenwelt endogen, Einen Himmel fiir ste eingetauscht. Hat nicht schon in Deinen Erdentagen Dich Dein Genius emporgetragen Dorthin, wo das Ewig-Schöne thront And des Dichters Taten lohnt?

Aber nicht in unerforschten Aernen Sucht Dich heute Deines Dolkes Herz. Dicht Dein Bildnis muß es kennen lerne«, Treulich aufbewahrt in Stein und Erz. Dein, Du selber lebst uns ja noch heute, Lebst wie einst, da noch der Tag Aich freute Don des Gottes Alammenkuß geweiht Wurde Dir Unsterblichkeit.

Unsres Dankes Opferwolken steigen Und das Alter Mhtt stch wieder jung, Und die Völker deutscher Zunge neigen Sich in Andacht und Erinnerung. In der Kunst, der hohen, edlen, wahren, Mag Dein Geist stch ewig offenbaren Deinem Volke, das Dich liebend ehrt, Iriedrich Schiller, Deiner wert! Gero Mendt.

Strebend sucht der Mensch nach andern Dörmen» Ueue Ziele will der Jünger Schar. Schonungslos zerstört die Zeit die Kormen Mit dem Leben, das ste einst gebar.

Aber wenn der Wahrheit, mißverstanden, Anmut und der Schönheit Hülle schwanden, Dann sehnt stch nach Air das Herz empor Und der Welt, die es verlor.

Wenn im Kampf mit niedrigen Gewalten Sich die Seele nicht vom Boden hebt Und der Geist stch nimmer mag entfalten, Weil gefesselt er am Diedern klebt, Seh'« wir droben heitre Sterne strahle«. Und wir naher« uns den Idealen, Ob stch gleich nicht uns der Himmel neigt: Au hast uns den -fad gezeigt t

Schon seit Monaten und Wochen rüstete ffch das deutsche Volk, um die Erinnerung an das Hinscheiden seines beliebtesten Dichters würdig zu begehen. Der 9. Mai, die 100. Wiederkehr des Tages, an dem Friedrich Schiller, vielleicht zu früh für die Nation, die ,Augen schloß, ist nunmehr herangekommen und für ganz Deutschland zu einem nationalen Festtag geworden, zu einer glänzenden Huldi­gung für einen glänzenden Genius.

Noch keinen seiner Dichter hat das deutsche Volk so geliebt wie seinen Schiller. Mit freudigem Dank wird heute überall das Glück anerkannt, daß Deutschland dieser nationale HeroS beschieden war. Zur Zeit des großen Dichters war Deutschland nichts als ein geographischer Begriff. Kaum ein Jahr nach Schillers Tode legte Franz II. die deutsche Kaiserkrone nieder und das morschgewordene tausendjährige deutsche Reich fiel in stch zu­sammen. Während dieser trüben Tage und in den kommenden der Fremdherrschaft haben Schillers Dramen den Patriotismus im deutschen Volke entflammt und neuen 2)1 ut in die Seelen gegossen und die Begeisterung entfacht, die dann in den Freiheitskriegen zum Siege führte. Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre!" undSeid einig!* waren des Dichters letzte Mahnungen an sein Volk.

Die Marburger Schiüerseier

im Jahre 1859.

s . Ueber die Schillerfeier in Marburg am 10. und 11. November 1859 finden wir in der "»Hess. Morgenztg." jener Zeit folgendes:

. ,.Der Tag wurde um 6 Uhr morgens durch einige Gesänge, wieFreude schöner Götterfun­ken", welche der Liedcrverrin unter Leitung des Ncsanglehrers Peter auf dem Markt neben dem alten Brunnen vortrug, eingeleitet. Darauf folgte von 911 Uhr eine Feier im Saale desGymnast- umS, welcher von den Schülern dessellien sinnig pusgeschmückt toov. Die beginnende Feier be­stand aus Gesängen und Deklamationen der Schüler, welchen f die Festrede des Gymnasial- lehrers Dr. Buchenau anschloß. Um 11 Uhr begann die Feier in der akademischen Aula mit der Ouvertüre vonFdenwno". Darauf hielt .Hofrat Prof. E. Plattner mit gewohnter Meister- schäft die Festrede und endlich batte man den Wenust unter Musikdirektor Deicherts Leitung die erste Symphonie (C-dur) von Beethoven unter Mitwirkung von Dilettanten und von einem aus Cassel berufenen Musikkorps aufführ.n zu hören. Nachmittags um 5 Ubr hielt der Liederverein in

Schiller als

Dann hat das Jahr 1859, als man allent­halben den 100. Geburtstag Schillers in Deutsch­land feierte, Zeugnis abgelegt, wie sehr sich das deutsche Volk damals für den Nationaldichter begeisterte. Das politische Hoffen und Sehnen jener Zeit auf die Neugestaltung Deutschlands als eines großen einigen Vaterlandes war wieder eng verbunden mit Schillers Geist, dem Führer zu allem Edlen und Guten. Schillers Name galt dem deutschen Volke als ein Symbol, das auf eine, wenn auch noch entfernte, so doch erreichbare glückliche Zukunft hindeutete. Als dann die Hoffnungen jener innerpolitisch be­wegten Zeit kaum ein Dezennium später auss schönste in Erfüllung gingen und Schillers prophetisches Wort:Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern" zur Wirklichkeit ge­worden war, da war es wieder Schillers Geist, der in diesen glorreichen Tagen des deutschen Völkerfrühlings die Herzen in vaterländischer Begeisterung entflammen ließ.

Heute, wo das Deutsche Reich wieder aufge­richtet ist und einen angesehenen Platz unter den Weltmächten einnimmt, sehen wir in Schiller den Vorkämpfer deutschen Lebens und Strebens, den Sänger der Liebe zum Vaterlande, des schönsten aller Gefühle und des teuersten aller Bande. Nach einer vorübergehenden Entfremdung ist das deutsche Volk zu Schiller zurückgekehrt. Der Dichter

Verbindung mit den Sängern des Fortbildungs­vereins im Rathaussaale eine entsprechende Feier, wobei Gflänge vorgetragen wurden und Prof. Mangold über die Bedeutung Schillers für den Bürgerstand sprach. Abends 7 Uhr setzte sich die Feier , in der akademischen Aula fort, indem nach einer Ouvertüre von TeicheriDie Glocke" nach der Komposision von Romberg vorgeführt wurde. Am Freitag Abend 11. November hatte i". :k in dem Saale des Hotel Pfeisser den da­mals seltener. Genuß, lebende Bilder in ausge- zeichneter Vollendung zu sehen. Man wird dies Lob um so eher erklärlich finden .wenn ich be­merke, daß die Entwürfe zu den Bildern von Prof. Lange, dem trefflichen Wiederhersteller unserer Elisabethkirche, gemacht waren, welchen bei Stellung. Beleuchtung usw. Prof. Bromeis unterstützt hatte. Die Bilder waren: 1. Szene aus Wilhelm Tell (Begemmg mit Parricida), 2. Szene aus Maria Stuart (Abschied der Maria von ihren Frauen), 3. Szene ans dem Taucher (Schlußmoment des Gedichts), 4. Szene aus Tw: Carlos (Elisabeth, Carlos, Posa, Marquise von Mondeear im Garten). Den Schluß bildete die Apothese Schillers, ein in jeder Beziehung gelungenes Bild, bei welchem Germania, umge­ben von den acht deutschen Stämmen, der Büste

Deutscher.

ist für uns heute jedoch weniger der Freiheits­held, der Besinger der Menschenrechte, auch ist fein Name für unS kein Kampfruf mehr, wir legen feine Bedeutung in erster Linie auf das Gebiet der nationalen Erziehung. Vielfach hat man Schillers Deutschtum angezweifelt und ihm eine kosmopolitische Weltanschauung untergelegt, hinter der da? Nationalgefühl zurückgetreten sei. Aber man tut ihm Unrecht. Niemand hat einen stolzeren Begriff von deutscher Größe gehabt als er und gerade in den Zeiten der tiefen politischen Erniedrigung, die Deutschland wäh­rend feiner letzten Lebensjahre durchmachte. Es war zwar ein anderes Deutschtum, als wir es heute haben, aber damals lag es im Charakter der Zeit und in der Natur der so anders ge­arteten Verhältnisse. Im Jahre 1801 kurz nach dem unglücklichen Frieden von Luneville trug sich der Dichter mit der Sorge, ob der Deutsche auch jetzt noch mit Selbstbewußtsein in der Reihe der Völker auftreten dürfe. Und Schiller hat diese Frage bejaht. Als Sohn eines politisch ohnmächtigen Landes war er der Ansicht, daß der Wert des Deutschtums nicht auf politischen Erfolge beruhe, sondern auf der Kultur be­gründet fei und in dem Charakter der Nation wurzele. Schiller hat damals in Strophen, die er nur entworfen, nicht mehr vollenden konnte, den Begriff der deutschen Eigenart nach feiner Auffassung folgendermaßen ausgedrückt:

des Dichters den Lorbeerkranz aufsetzte, während zugleich Wolken sich öffnen und in der Höhe die Musen sichtbar wurden, über ihrem Liebling goldene bstünze haltend. Die Pausen wurden mit trefflich ausgewählten Musik- und Gesangs­stücken ausgefüllt. Die lebenden Bilder mußten bei der lebhaften Nachfrage nach Eintrittskarten am 12. November auf allgemeinenWunsch wieder­holt werden. Das Fest stand an Reichhaltigkeit des Gebotenen nicht hinter anderen Städten zurück und sind wir deshalb dem Komitee insbe- sondere dem Herrn Professor Zeller zu großem Dank verpflichtet."

DieAugsburger Allgemeine Zeitung" schrieb am 20. November von der Schillerfeier:Ganz so dürftig ist diese doch nicht überall in Kurhessen ausgefallen; unsere kurhessrsche Landeshochschule meint immer auch noch eine deutsche Universität zu sein. Deshalb brauchte eS auch kein geborener JMfe zu fein, welcher dis Festrede in der Aula hielt: war doch auch keiner von allen Lehrern der Universität so vorzugsweise, wo nicht allein dazu geeignet, als derselbe Mann, dessen 50jähriges ^ helfest, wie dieAllg. Zig." berichtet hat. a!S der 73jährige Eduard Plattner re. An die Feier am 10. in der Aula und abends auf dem Rat­haus, wo Prof. Mangold dem Bürgerverein die

DaS ist nicht de? Deutschen Größe, Obzusiegen mit dem Schwert;

In das Geisterreich zu bringen, Vorurteile zu besiegen, Männlich mit dem Wahn zu kriegen, DaS ist feines Eifers wert.'

Der deutsche Volkscharakter erschien bete Dichter also vergeistigt und dementsprechend universell. Schiller glaubte an die Mission bei Deutschtums,an dem ewigen Bau der Menschen- bildung zu arbeiten", und ihm, trotz der politi­schen Untätigkeit, wird am Ende der Mensch­heitsentwicklung noch die Herrschaft zu teil werben. Stolze Erwartungen hegte Schiller im besonderen von ber beutschen Sprache, über bi« er schrieb:DaS köstliche Gut ber deutschen Sprache, die alles ausdrückt, das Tiefste uni das Flüchtigste, den Geist, die Seele, die voll Sinn ist. Unsere Sprache wird die Welt be­herrschen". Wie man sieht, fußt Schillers Auf­fassung von der Mission beS Deutschtums aus­schließlich auf bem Kulturellen. Richtig ver­standen bietet diese Auffassung absolut keinen Angriffspunkt und die deutsche Gesinnung Schillers als weniger tief zu beurteilen, iss durchaus unberechtigt. Freilich ist die Denk­weise Schillers nicht mehr die unsrige, aber ä kann unserem nationalen Empfinden nur nutzen, eS an Schillers Gedanken zu vertiefen.

Festrede hielt, folgten am 11. November lebend« Bilder von unserem Architekten Prof. Fr. Lange so trefflich geordnet, daß aus zwei Feiertagen drei wurden, weil man sie am 12. nochmals forderte."

Von len 250 Studierenden, welche damals die Universität hatte, war die Teilnahme an der Schillerfeier gering, ja es kam sogc - zwischen Afllsensöhnen in der akademischen Aula zu Aus­einandersetzungen mit dem Prof. Vilmar, der dem .Komitee angehörte, da der Herr Professor eine unbeliebte Persönflchkeit für sie war. laut Zeitungsbericht.

Als Kuriosum mag hier noch eine verbotene Schillerfeier angeführt werden, wie dieSpe- nersch: Zeitung" berichtete: In Ronneburg im Altenburgiichen wurde die Feier von der wohl- löblichen Polizei verboten, weil ch dem Aus­spruche derselben ein öffentlicher Festzu-- über­haupt nickt nur nötig sei, sondern eine öffentlich« Feier überhaupt gänzlich unterlasse^ werden könnte,indem Schiller hierorts seit einigen Jah­ren erst bekannt geworden sei", und die Mrt- glieder des einen Gesangvereins nickst gebildet genug seien, um die Verdienste dieses deutschen' Dichters würdigen zu können. . ,

L Mülker. (