mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonutaasbeilaaer Alluttrirtes GonvLsasblatt.______________________________________
Airrteljährlicher Bezugspreise va oer ErxÄ>ition 2 Mk. 0)ldtf6ittd Eycheint wLLenüich fiebat »al.
ÖQ bei allen Postämtern 22L M. e-r-b * ö Druck und Verlag- Joh. A,g. «och. UmversttätSEuchdruckerei 42. Jllhlg.
»/IÄ JusertlonSgebühr: die gespalteneZeür.»der verat«rum 15Ptz. SüNNabkNd 14. Tk^Mbek 1907. Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Sleclamen: die Zeile 80 Pfg. " ------ -------- -----
Zweites Blatt.
Schwurgericht.
(4. Verhandlungstag.)
)( Marburg, 12. Dez. ^Fortsetzung der Verhandlung gegen Martin 1 ' Braun von Amöneburg.)
Zu dem Eeldschrank auf der Bürgermeisterei Hatte Braun dir L-chlüssel, doch durste er bei ord- tzkungsmößiger Handhabung der Geschäfte ohne j>ir Anweisung des Magistrats weder Geld ern- yiehmsn noch verausgaben. Allmonatlich fanden durch den Bürgermeister Revisionen statt, die aber später, wie mitgeteilt wurde, sehr lax gehandhabt worden sein sollen.
Außer der Kümmereikaffe bestanden in Amöneburg auch noch zwei Nebentassen, die Armenkasse und die Alimentenkasse. Die Einnahmen gelangten sämtlich in die Kämmerei- fasse, doch wurden besondere Bücher geführt.
Nacy diesem Ueberblick machte der Angeklagte auf Befragen Mitteilung, wie die Kassengeschäfte gehandhabt wurden. Im allgemeinen habe er die Gelder auf dem Bureau eingenommen, manchmal auch zu Hause oder im Wirtshaus-. Im Bureau habe er die Einnahmen stets sofort in die Bücher eingetragen. Den Kassenschrank habe er regelmäßig zugeschlossen^ »ft sei es aber auch vorgekommen, daß er Gelder in der Trschschublade liegen gelassen habe. Die letzteren hätte er jedoch zugeschlossen. Mit den eingenommenen Geldern habe er andererseits Luch wieder Ausgaben bestritten. Tägliche Abschlüsse habe er auch gemacht, aber nicht regelmäßig. Die monatlichen Revisionen Hütten regelmäßig stattgefunden, aber wie. Der frühere Bürgermeister Weber habe eine Lebensweise geführt, die wohl in weiten Kreisen bekannt sei. Der Eerichtsvorsitzende teilt hierbei mit, daß der Aufenthalt des früheren Bürgermeisters Weber, der in unbekannter Ferne weile, nicht zu ermitteln fei. Braun gab an, Latz Weber oft manchen Monat abwesend gewesen sei, er habe die Äb- chlüsse bei den Revisionen nicht nachgesehen, andern nur unterschrieben. Die ganze Revi- tonskommission sei selten zusammen da gewesen, meistens gar nicht. Der Sollbestand habe stets mit ddm Kaffenbestand gestimmt und zwar aus die Weise, dag das Geld in die Kasse gelegt, aber nicht gebucht wurde. Es wurde also künstlich stimmend gemacht. Bei vielen Abschlüffen steht man, daß die Revisoren einfach ihren Namen dahin schreiben, wo der Bürgermeister mit dem Finger hindeutete.
In den ersten Jahren habe er die Haupt- kücher allein geführt, die Einnahmebücher habe er nicht ordnungsmäßig führen können, weil das wichtige Posten, die Quittungen über verkauftes Bauholz, in den Händen des Bürgermeisters gewesen feien. Von 1898 an find, wie erwähnt wurde, keine Jahresrechnungen mehr gemacht worden. Bei llebernahn.e der Kaffe am 26.
April 1897 hatte Braun 562,88 J* *. in der Kaffe und nach Verrechnung der Ein' ahmen und Ausgaben Ende April 574,74 <M. Braun meinte, er habe überhaupt keinen Kassenbestand' übernommen. Es stellten sich also schon von Anfang seiner Amtsführung an unrichtige Geschichten heraus. Wie groß das Manko gewesen ser, wußte B. ni« genau anzugeben, doch wurde mitgeteilt, daß et 5024 M ersetzt hätte. Er habe sich anfangs gar nicht erklären können woher das Manko gekommen. Dem Bürgermeister habe er immer gerraut und zuletzt erfahren, daß ihn Lieser betrogen. Einmal habe er 800 M verausgabt,' und nachher habe der Bürgermeister den Beleg zerrissen. Die Kaffe habe niemals gestimmt, immer hätte Geld gefehlt, sodaß er sogar an seinem Gehalt gelitten. Seiner Ansicht nach habe neben ihm noch jemand in die Kasse gegriffen. Aus diesem Grunde hätte er auch das Schloß in der Türe und den Schlüssel verändern lassen. Der Bürgermeister habe sich auch oft Geld aus der Kaffe geben lassen und nachher keine Quittungen gebracht. Er fei dem Bürgermeister gegenüber durch dessen Lebensweise u rd Handlungen in einer nicht zu beschreibenden Lage gewesen.
Als einmal seitens des Landratsamtes oder der Regierung eine Revision vorgenommen werden sollte, sagte der Bürgermeister dem Braun, er möge sich dünn machen, er habe dies auch getan, weil er sich mit seinem Vorgesetzten habe halten wollen. Die Kommission habe resultatlos wieder abziehen müssen.
Bezüglich der Familienverhältniffe des Angeklagten wurde erwähnt, daß Braun bei seiner Verheiratung kein Vermögen hatte, im Jahre 1902 jedoch eine Scheune für 1800 M kaufte und diese zu einem Wohnhaus umbauen ließ. Die Gesamtkosten betrugen etwa 6—7000 M. Braun gab an, daß er bei der Sparkasse 8000 <M. Hypotheken ausgenommen habe, einmal 5000 M und einmal 3000 M. Die letztere Summe habe er zur Deckung des Defizits verwendet, damit Niemand geschädigt würde, dann habe er auch freiwillig sein Amt niedergelegt, weil die Regierung ihm angedeutet, das Disziplinarverfahren würde sonst gegen ihn eingeleitet. Demgegenüber wurde darauf hingcwiesen, daß B. zu einer Zeit Betröge für seine Bauerei bezahlt, als er gar kein Geld von der Sparkasse bekommen. Weiter wurde B. gefragt, ob er viel die Wirtschaften besucht habe. Es sei gesagt worden, daß ec täglich fast eine Mark in den Wirtschaften verzehrt hätte, das sei für einen Mann mit 5 Krndern und geringem Einkommen sehr viel. Braun meinte hierzu, man möge Loch die ganzen Wirte der Stadt Amöneburg vernehmen. Früher sei er sehr selten, später, als die Kasse immer nicht gestimmt, etwas n ehr in die Wirtschaften gegangen. Er habe sehr wenig verzehrt, manchmal nur 10—15 Pfennige. Der Obersekre- tör der Landesverwaltung in Cassel, Herr Bö- schem macht Mitteilung über seine erste Revision im Jahre 1904 in Amöneburg. Die Ueberein- sti.rmung der Bücher sei damals vorhanden gewesen. Bei der weiteren Prüfung der Geschäfts
bücher hätten sich jedoch schon Unrichtigkeiten ergeben. Bei der ganzen Unordnung damals habe sich nichts Definitives feststellen lassen. Man habe sofort mit der Aufstellung der Abschlüsse für die letzten sieben Jahre begonnen. Im Mai 1905 habe man 11000 <A Fehlbeträge fest- gestellt. Im Jahre 1906, im Januar, habe er nochmals eine Revision vorgenommen, und da hätten sich nur 1572 <M Fehlbeträge herausgestellt, nachdem B. schon viel bezahlt hätte. Eine Reihe von Poften hätten sich auch unter der Hand gefunden und als richtig herausgestellt. Die Buchführung habe übrigens viel zu wünschen übrig gelassen, nach der Vorschrift täglich die Bücher mit dem Kassenbestand zu vergleichen, also Tagesabschlüsse zu machen, habe man nicht gehandelt, die vierteljährlichen Abschlüsse des Manuals und des Kassenbuchs habe man auch nicht gemacht, ebensowenig wie die dem Magistrat vorzulegende Rechnungslegung. Diese fei auch niemals verlangt worden.
Der Vorsitzende machte darauf aufmerksam, daß die unordentliche Buchführung nicht Gegenstand der Anklage sei, sondern der Umstand, ob die Bücher unrichtig geführt wurden, um Unterschlagungen zu verdecken.
Der Rendant Weißbecker aus Amöneburg, als folgender Sachverständiger, erklärte auf Befragen, daß B. am 17. Dez. 1902 5000 M auf der Sparkasse erhoben habe. Um festzustellen, ob diese Summe zusammen ausbezahlt sei, wurde der Sachverständige ersucht, noch weitere Bücher mitzubringen. Herr Weißbecker wies dann einige Vorwürfe zurück, die Braun gegen ihn dahingehend gemacht hatte, daß er ihn bei seinen Arbeiten nicht genügend unterstützte. Man habe ihm (dem Sachverständigen) die Aufstellung der Rechnungen übertragen,und es hätte vieler Mühe und Arbeit bedurft, um die Sache in Ordnung zu bringen, umsomehr als Braun zum Schluß jede Auskunft verweigert habe.
Im weiteren Verfolg der Sitzung wurden einzelne Ausgabeposten geprüft, die teils zweimal gebucht worden waren. Die Folgen der doppelten Buchungen sind bekanntlich die, daß dann in der Kaffe Geld übrig war. Braun gab meistens hierzu seine alte Erklärungen ab und entschrüdigte sich mit Verseh:n oder Mithilfe des Bürgermeisters bei der Eeldentnahme.
Im Anschluß an diese Feststellungen begann die Vernehmung der Zeugen. Bei einer ganzen Reihe von Zeugen, mistens Landwirte aus Mardorf und Rüdigheim, handelte es sich darum, ob die Grundsteuer, Pachtzinsen und sonstigen Gelder in den Jahren 1901—1903 bezahlt worden waren, da in den Büchern die bett. Beträge noch offen standen. Die Leute wollen sämtlich bezahlt haben in vielen Fällen hatte auch die Frau Braun das Geld in Empfang genommen. Der Dechant Kräh aus Amöneburg teilt mit, daß eines Abends ein Mann namens Josef Jüngst zu ihm gekommen und bei der Gelegenheit erzählt habe, er hätte gesehen, daß der Bürge-meister Weber hinter dem Rücken des Kämmerers einfach in die Kaffe gegriffen und mit einer Hand voll Geld verschwunden sei.
Jüngst, der etwas schwachsinnig ist, konnte M auf nichts mehr besinnen. Der Dechant Kral hrelt diese Handlungsweise des Bürgermeisters Weber durchaus nicht für ausgeschlossen.
Ein anderer Zeuge hatte noch genauer g». scheu. Der Bürgermeister sei eines Tags in« Bureau gekommen habe freundlich gegrüßt und sei bann zum Kassenschrank gegangen. Dori habe et sich hinter dem Rücken des Kassierers Braun die Taschen gefüllt (jedenfalls mit Geld) und fei dann hinausgegangen. Er (der Zeuge) habe gedacht, das wäre doch nicht richtig, selbst wenn der Bürgermeister ein besonderes Fach in dem Schrank hätte. Der Zeug» fügte hinzu, der Etadtkämmrer habe ein sog. „langes Gesicht* gemacht, als Weber mit dem (Selbe verschwunden sei. Es war bies ungefähr um die Zeit^ als der Bürgermeister zur Beobachtung feines Eeifteszustanbes auf die Landesheilanstalt kam. Kurz darauf „verreiste" er bekanntlich nach Amerika. Aus den weiteren Vernehmungen der Zeugen ging hervor, daß die meisten zum Teil an Braun selbst ober dessen Frau, auch nicht immer auf dem Bureau, sondern in der Wohnung das Pachtgeld bezahlt hatten. Ein Mann aus Roßdorf namens Kriihling meinte, es tönne fein, daß er die Steuern nicht bezahlt hätte. Ein Mahnzettel sei ihm auch nicht gesandt worden. Ein Elücksspieler aus Frankenberg sollte noch 3 cU Lustbarkeitssteuer schuldig sein. Er behauptete bestimmt, daß er erst die Erlaubnis bekam, nachdem et dem Bürgermeister Weber den Taler gegeben. Anders Zeugen, meistens Geschäftsleute, machten Angaben darüber, tn welcher Zeit Braun damals bet seinem Haus« kauf und Umbau feine Schulden bezahlte. Es stimmte dies mit den Angaben, die der Ange, klagte in dieser Hinsicht gemacht, im großen und ganzen so ziemlich überein.
Um halb 8 Uhr abends wurde die Sitzung ctbaebtodien.
(Fortsetzung im ersten Blatt.)
Berichtigung: In dem gestrigen Bericht muß es im Anfang heißen, daß der Angeklagte nur 5 und nicht 8 Kinder besitzt.
Hessen-Nassau lind NachbargeNcte.
Bieber (Kr. Gelnhausen), 12. Dez. Unser ältester Einwohner, der Wagnermeister Beck, wurde am 28. November 94 Jahre alt. Der Mann ist noch rüstig. Erst kürzlich fertigte et noch zwei Wagenräder selbst an, und viesen Herbst hat er noch tüchtig bei der Feldarbeit mitgeholfen. Ihm zunächst kommen zwei tn unserem Orte, welche bas 88., und drei, welch» taj 83. Lebensjahr angetreten haben.
Darmstadt, 12. Dez. Ein eigentümlicher Konflikt ist in der hiesigen Ortskrankenkasse ein« getreten. Es wat zu einet Hauptversammlung in das Eewerkschaftshaus eingeladen worben und da die Arbeitgeber-Vertreter dieses Lokal nicht für den geeigneten neutralen Tagungsort hielten, blieben sie auf ein Rundschreiben hin sämtlich der Versammlung fern. Aus diesem Grund mußten dieErsatzwahlen der Arbeitgeber-
20 t Nachdruck verboten.)
Unter der Maske.
Roman von Lady Georgina Robertson.
(Fortsetzung.)
Als Lord Brendon bet schönen jungen Frau gegenüderstand und ihre großen Augen fragend auf ihn gerichtet waren, da gab er zum ersten Male in seinem Leben eine ausweichende Antwort.
„Ich glaube wirklich. Sie täuschen sich, Ladv Chesleigh," sagte er. „Ein Mann kann sich schwer zwei Damen widmen. Bedenken Sie, wie viel Zeit Ihr Gatte mit Ihnen verbringt, da bleibt nicht viel für Ihre Cousine übrig. Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß keine Abneigung besteht und sehe durchaus nicht die Kälte, von der Sie sprachen. Die beiden mögen nicht mehr so häufig zusammen sein, wie vor Lord Chesleighs Heirat, aber der Grund liegt doch auf der Hand. Ein aufmerksamer junger Ehemann, wie der Ihre, denkt eben nut an [eine Frau."
Ellen versuchte, mit dieser Erklärung zufrieden zu sein, aber es gelang ihr nicht. Sie sagte sich nur, daß keiner empfände wie sie und gab es auf, weiter davon zu reden.
Auf Anregung von Lord Brendon wurde ein Künstler aus London berufen, um Ellen, mit ihrem Töchterchen im Arm, zu malen. Er hatte Lady Marstone darauf aufmerksam gemacht, welch ein wunderschönes Bild sie zusammen abgeben würden und alle waren ihm dankbar für die Idee. Wenn die Strahlen der Morgensonne um bas golbige Haupt der jungen Frau spielten, sah es aus, wie mit einem Heiligschein umgeben unb das engelgleiche Köpfchen des Kindes lehnte a» ihrer Brust, während sie mit Augen, die die reinste Mutterliebe wiedetstrahtten, auf ihren Liebling schaute. Für Lord unb Lady Marstone
war dies Bild der größte Schatz, den ihr Haus barg.
* *
Es war schlimm für Lady Chesleigh, daß der Augenblick gekommen war, wo sie angefangen hatte, an ihres Gatten Liebe zu zweifeln; sie hätte noch jahrelang in glücklicher Unbefangenheit weiter leben können, ohne zu ahnen, was das heißt, geliebt zu werden.
Vielleicht würbe sie nie darüber klar geworden fein, was ihrem Leben fehlte, wenn nicht eine entfernte Verwandte von Lady Marstone ihr, ohne es zu wollen, die Augen geöffnet hätte.
Mrs. Reeves war feit einigen Jahren verheiratet, ihr Mann trug sie auf Händen und das einzige, was an ihrem Glücke fehlte, waren Kinder. Die beiden jungen Frauen schlossen sich sehr aneinander an und verbrachten manche Stunde im Spiel mit der kleinen Dora.
Eines Tages beobachteten sie die Spiele des Kindes und Ellen sagte, zärtlich den Arm um die Freundin schlingend:
„Wie würde ich mich freuen, wenn Du auch solch einen kleinen Liebling hättest!"
„Man muß nicht alles haben wollen," entgegnete Mrs. Reeves mit einem traurigen Lächeln. „Die Liebe meines Mannes muß mich für alles entschädigen."
„Wie denkst Du denn über mich?" fragte Ellen. „Meinst Du, dast Dein Mann Dich mehr liebt, als Artur mid)?"
„Ja, das glaube ich," war die unüberlegte Antwort, die Mrs. Reeves gerne zutückgenom- men hätte, als sie sah, wie Ellen erbleichte und sie erschrocken ansah.
„Wie kommst Du darauf?" fragte sie tonlos.
»Ich sprach das eben nur fo hin," entgegnete Mrs. Reeves, „Du haft es verkehrt aufgefaßt"
Ellen kniete neben ihr nieder unb fegte die
Arme auf ihren Schoß. Die beiden Frauen bildeten einen scharfen Gegensatz, die eine in ihrem felsenfesten Vertrauen zu ihrem Manne, unb bie anbere, in deren Herzen die ersten Zweifel an der Liebe des ihrigen aufstiegen.
„Bitte, sage mir, woraus Du schließest, daß mein Mann mich nicht liebt," bat Ellen. „Du mußt einen Grund dafür haben." Es wurde ihr klar, daß eine andere dem Worte verliehen hatte, was sie schon so lange unbewußt empfand.
„Ich kann mir meine Aeußerung nicht verzeihen," sagte Mrs. Reeves, „aber Du gibst ihr auch eine andere Deutung. Ich habe nicht gesagt, daß Dein Mann Dich nicht liebt, das wäre sehr taktlos gewesen, sondern nut nicht so sehr, wie mein Mann mich. Ich hätte lieber sagen sollen, er zeigt seine Liebe nicht so, darin find die Männer so verschieden."
„Aber irgend etwas muß Dich doch auf den Gedanken gebracht haben," sagte Ellen.
,Lch weiß Dir wirklich nichts anderes zu antworten. Mein Mann hat die Angewohnheit, mir seine Liebe beständig in Kleinigkeiten jju beweisen, Deiner ist eine zurückhaltende Statut, darin liegt der ganze Unterschied."
Ellen war nicht befriedigt, aber sie schwieg und den ganzen Tag verfolgte sie der Gedanke an das, was Mrs. Reeves gesagt hatte.
Sie fing an, das Ehepaar zu beobachten unb Vergleiche zu ziehen, die nicht zu Arturs Gunsten ausfielen. Der Grund lag darin, daß sein Benehmen nur von der Pflicht geleitet wurde, während Mr. Revees feine Frau innig liebte und stets nur feinem Herzen folgte.
Wenn die Herren hereinkamen, pflegte et gleich auf sie zuzukommen und mit ihr zu sprechen und zu scherzen, während Lord Chesleigh sich meistens mit anderen unterhielt oder eine Zeitung in die Hand nahm. Wurde eine Ausfahrt geplant, so fuhr Ellen stets mit ihrer Mutter, während Mr, Reeve, nicht ruhte, bis
er sich einen Platz neben seiner Frau gesichert hatte. Es waren lautet Kleinigkeiten und nie ließ Lord Chesleigh es an der nötigen Aufmerksamkeit gegen Ellen fehlen, stets war er bereit, ihren leisesten Wunsch zu erfüllen, aber sie lernte leibet verstehen, daß wahre Liebe sich doch noch anbers kunbgibt.
„Mama," sagte sie eines Tages zu Lady Marstone, „glaubst Du, daß bie Männer alle ihre Liebe in seht verschiedener Weise zeigen?"
„Gewiß, mein Kind," wat bie Antwort. „Manche find seht zärtlich gegen ihre Frauen^ unb andere lassen ihre Liebe kaum merken."
„Und welche von beiden empfinden stärker?" Lady Marstone lächelte.
„Das ist schwer zu sagen. Einige Frauen haben eine Abneigung gegen äußere Liebesbeweise, andere legen großen Wert darauf."
„Rach meiner Meinung muß jeder, der wahrhaft liebt, gar nicht umhin können, seine Liebe auch zu zeigen," bemerkte Ellen.
„Das ist Ansichtssache," entgegnete Lady Marstone ihrer Tochter. „Denke auch an bas Sprichwort: „Stille Wasser sind tief."
Ellen stand vor einem Rätsel. Zuweilen war sie überzeugt, daß Artur sie liebte, bann wiebet zweifelte sie stark daran, und dieser Zwiespalt machte ite rief unglücklich.
Eines Tages kam bei Tisch bie Rede auf bie unglückliche Ehe eines ihnen bekannte» Herrn.
„Es war nicht anders zu erwarten " bemerkte einer der Gäste, „bie Frau ist ja förmlich M Heirat gezwungen worden."
Ellen blickte auf und sah, wie die Auge» ihres Mannes fest auf ihr ruhten. Wie eie, Schlag durchzuckte sie bet Gedanke, daß er ja auch nur gezwungen worben war, sie zu heirate».
Aber er liebte sie boch!
Liebte er sie wirklich? Das war bie Stag», (Fortsetzung folgt),