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Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag: Joh. Slug. Koch, Univcrsitats-Buchdruckerei 42. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchtzaitt.
Lontttaasdeilaae: Alluktrirtes Esuntaasblatt. - " H
Vierteljährlicher Bezugspreis; bei oer ErpLition 2 LL, QSlzi
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“ Mittwoch, 13. November 1907.
Zweites Blatt.
Deutschland, das Land der 15000 Berufe.
/ Unter dieser Aufschrift lesen wir in der ^Frankfurter Zeitung": Als vorläufiges Resultat der Berufs- und Betriebszählung, die am 12. Juni in ganz Deutschland stattgefunden hat, hat das Statistische Amt in Berlin eine Liste der Berufe zusammengestellt, die bei jener Zählung ermittelt worden sind. Es sind ihrer im ganzen 15 016, gewiß eine stattliche Anzahl. Die Liste spricht, so schreibt der „Manufakturist", so recht für die deutsche Eigenart, alles fein säuberlich juach Amt und Aemtchen in eine geordnete Reihe tzu bringen. Jetzt braucht niemand mehr die jominöse Frage zu stellen: „Was laste ich meinen .Sohn resp. meine Tochter werden?" Er hat bloß nötig, die Berufsliste aufzuschlagen. Dort findet er nicht nur viele, sondern auch so originelle Berufe, daß selbst der eigenartigste Geschmack auf seine Rechnung kommt. Vor allem hat die Zählung den Beweis erbracht, daß die alte gute Titelsucht noch immer in ihrer schönsten Blüte steht. Da erscheint zunächst der Herr „Forstschutzdienstanwärter". Dann kommt der „Kreiskommunalkastenkalkulator", der „Staats- fchuldenzahlungskastenkontrolleur" und der „Aktiengesellschafts - Dampfkestelüberwachungs - Vereinssekretariatsassistent. Diese werden aber noch von dem „Eisenbahnbetriebstelegrapheninspektionsassistenten" in den Schatten gestellt. Sehr respektable Titulaturen sind auch „Hofheubinder" und „Salonkammerdiener". Poetisch veranlagte Gemüter werden sich zu den Berufen der „Vlumistinnen" und „Vergißmeinnicht- macher" hingezogen fühlen. Jnterestant ist es, auf welch merkwürdige Ideen, Geld zu machen, die Menschheit allmählig gekommen ist. Der eine vermietet „Druckluft", der andere „Handtücher", ein dritter wird „Ziehungsräderverleiher" und der nächste macht gar ein „Eerümpelgeschäft" auf. Dann gibt es Leute, die ihr tägliches Brot verdienen als „Kanonenbohrer", „Brillenglaswäscher", „Wasserstraßenmarkierer", „Harzsrev- ler", „Nietenwärmer", „Gitterstricker", „Ver- schindler", „Windelbodenmacher" u. a. in. Selbst „Wunderdoktoren", Quacksalber" und „Kaliabreiber" verkünden mit Stolz ihr zum Segen der leidenden Menschheit entfaltetes Handwerk. In den weiteren Auszählungen der Liste werden selbst „Stromer", „Vagabunden" rmd „Landstreicher" genannt. Die „freien" Berufe haben damit einen Zuwachs erhalten, über den sie nicht gerade in allzu großes Entzücken ausbrechen werden. Sogar der „Schmuggler" ließ sich nicht abhalten, sein lichtscheues Gewerbe auf die Zählungsliste zu setzen. Seine Furcht vor falschen Angaben war augenscheinlich noch größer als die vor dem Staatsanwalt.
Deutsches Äerch.
— Sie Tagesordnung der ersten Sitzung des Reichstages weift eine Fülle von Kommistions- oerichten auf, darunter befindet sich auch der über dis Asnderung des Münzgesetzes. Leider steht er ziemlich am Ende der Tagesordnung. Kommt er aber noch zur Erörterung, so könnte sich schon bei Beginn des Tagungsabschnittes eine ganz interessante Aufklärung über die Ziele ergeben, die von der Regierung bei der demnächstigen Münzpolitik verfolgt werden. Zn erster Linie handelt es sich bekanntlich um die Schaffung einer größeren silbernen Reichsscheidemünze. Nach dieser Richtung drängen die Verhältnisse zur Entscheidung, seitdem man, ab- Kesehen von einigen Ausnahmen und von dem jetzt im Bundesrate befindlichen Anträge auf Herstellung dieser Münzsorte im Betrage von 20 Millionen Mark, die Ausprägung der silbernen Fünfmarkstücke eingestellt und die Taler zur Einziehung gebracht werden. Daß in dieser Beziehung dem Reichstage im nächsten Tagungsabschnitte Aufklärung über die Regierungsab- sichten wird gegeben werden können, darf als sicher angesehen werden. Ob das gleiche der Fall sein wird bezüglich der Schaffung einer kleineren Nickelmünze ist fraglich, immerhin möglich, da auch hierüber innerhalb der Regierung bereits längere Zeit hindurch Erwägungen angestellt sind. Auf jeden Fall würde es für die weitesten Kreise der Bevölkerung von Interests jein, wenn möglichst bald im Reichstage klargestellt würde, wie die demnächstige Münzpolitik laufen Kll. Die Regierung steht ja bekanntlich auf m Standpunkt, daß sie auch bei der Vorberei- hmg zur Wahl der neuen größeren silbernen Reichsscheidemünzen mit dem Reichstage zusammen vorgehen will. Sie hat ja schon ein» Ntol früher dahinzielende Schritte getan.
— Satzungsänderung der Kolonialgesellschaft. Der Satzungs« und Redaktionsausschuß der Deut- Mt» Kslonialgesellschaft hat für die demnächst außerordentliche Generalver
sammlung in Frankfurt a. M. folgende Aender- ung des § 1 vorbereitet: „Die Deutsche Kolonialgesellschaft bezweckt, im Dienste des Vaterlandes die Erkenntnis von der Notwendigkeit deutscher Kolonien zum Gemeingut des deutschen Volkes zu machen. Sie stellt sich zur Aufgabe, die Pflege und Förderung des vorhandenen deutschen Kolonialbesitzes in organisatorischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Beziehung, wie auch die Klärung und öffentliche Vertretung aller sonstigen Handels- und überseeischen Interessen der deutschen Nation. Unter Ablehnung jeder Stellungnahme zu parteipolitischen Fragen ist die deutsche Kolonialgesellschaft bestrebt, alle Parteien im Deutschen Reiche für die deutsche Nationalsache zu gewinnen und insbesondere in Zeiten wichtiger Entscheidungen in solchem Sinne zu wirken."
— Preußens Sparkassen. Schon wiederholt konnte die Verelendungstheorie der Sozialdemokratie durch einfache Zahlenbeweise schlagend widerlegt werden. Dennoch bleibt es das beliebteste Volksverführermittel der Oberge- genossen, „dem Lumpenproletariat mit der Hungerpeitsche und dem Hungerriemen zu drohen." Zum Beweise dafür, daß gerade der Arbeiter die Wohltaten einer seit Jahren aufwärts strebenden Eeschäftskonjunktur genießt, mögen nachstehende Zahlen dienen, die einer nächstens öffentlich erscheinenden Zeitschrift des Königlich Preußischen Statistischen Landesamtes über die preußischen Sparkassen im Jahre 1005 entstammen. An der Spitze der bedeutend vermehrten Sparkassen mit Zahlstellen steht das industriereiche Rheinland, dann folgen Westfalen, Schlesien, Sachsen, Brandenburg u. s. f. In einem einzigen Jahre, 1904 und 1905, hat sich die Zahl der im Umlauf befindlichen Sparkassenbücher um 430 995 vermehrt und erreichte insgesamt 10 642 961 Sparbücher. Auch die Höhe der von Jahr zu Jahr gestiegenen Einlagen bestätigt die finanzielle Besserstellung der Arbeiterschaft. Die Anzahl der Einlagen bis nur 60 jt haben sich vom Jahre 1901—1905 verringert, während die Einlagen bis zu 150, 300, 600, 3000, sogar 10 000 M und darüber eine Zunahme aufweisen. Tie Zunnahme der Sparkassenbücher und die höher gemachten Einlagen entsprechen auch vollkommen dem ebenfalls erhöhtenSpardurchschnitt. Es entfielen auf 1905 auf jedes Sparbuch 779,34 Mark. 1901 betrug die Summe nur 690,26 M. und stieg mit jedem Jahre' in auffallender Regelmäßigkeit. Ein offenes Geheimnis ist es, daß die Sparer Berlins gerade im laufenden Jahre ihre Notgroschen von den Sparkassen abheben mußten, um nicht der äußersten Not durch frivol angezettelte und verlorene Streiks ausgesetzt zu sein. Aus diesen Tatsachen hatten sozialdemokratische Blätter auf die Verarmung der untersten Klassen schließen wollen. Im allgemeinen beweist jedoch die preußische Sparkassen- statiftik, daß eine Besserstellung der Arbeiterklassen unleugbar ist.
— Wassererschließung in Südwestafrika. Der Gouverneur hat Vorschriften für die Verwendung der fiskalischen Bohrmaschinen seitens Privatpersonen erlassen. Danach scheinen sich die Anträge auf Bohrungen sehr zu häufen, so daß es nötig geworden ist, für die einzelnen Maschinen und ihr Personal eine Art Marschplan auszuarbeiten. Den Privatinteressenten wird aufgegeben, den Bohrversuchen in jeder Weise die Wege zu ebnen und nach Kräften zur schnellen Erledigung beizutragen. Die Kosten belaufen sich für den Tag aus 20 als Mindestbeitrag sind 100 dl festgesetzt.
— Sie Verkehrsanlagen des Schutzgebietes Togo. Unter der Bezeichnung der Verkehrsanlagen des Schutzgebietes Togo versteht man bekanntlich die Landungsbrücke in Lome. Die Küstenbahn von Lome nach Anecho und die zu Anfang dieses Jahres eröffnete Jnlandsbahn Lome—Palime. In den vier Monaten: April, Mai, Juni, Juli dieses Jahres wurden aus dem Personenverkehr etwa 31000 »ll,,aus dem Viehverkehr etwa 1000 ort, aus Güter- und Eepäck- verkehr 160 000 M gelöst, so daß unter Hinzurechnung von Nebengebühren und dergleichen die gesamten Einnahmen der drei Nerkehrs- institute 192 000 M ergaben. Das ist gewiß nicht allzuviel, aber man muß berücksichtigen, daß sich dauernd alle Einnahmeposten beträchtlich vermehren und daß das Ergebnis eines Jahres auf jener Grundlage berechnet, % Mill. «M. bei weitem übersteigen. Im August zum Beispiel wurden aus den drei Verkehrsanlagen über 52 000 gelöst.
Hochjchulnachrichten.
X Die „Geographische Gesellschaft" zu Jena ernannte aus Anlaß ihres 25jährigen Bestehens den Geographen Prof. Dr. Hermann Wagner- Göttingen und den Afrikareisenden Schweinfurt zu ihren Ehrenmitgliedern. (B. L.-A.*
X Zu Ehren des Gedächtnisses des englischen Physikers und Chemikers Faraday findet alljährlich in der englischen chemischen Gesellschaft in London eine Vorlesung statt, zu deren Abhaltung jeweilig die besten Gelehrten des In- und Auslandes eingeladen werden. So hatten in früheren Jahren folgende berühmte Forscher die Ehre, diese Vorlesungen zu halten: Mendelejew, A. W. von Hofmann, v. Helmholtz, Cannizzarro, Wurtz, Dumas, Ostwald u. a. m. In diesem Jahre fand die Vorlesung am 18. Oktober in London statt. Den ehrenvollen Auftrag, den Vortrag zu halten, hatte, nach den „Verl. Akad. Nachr.", diesmal der Chemiker Geh. Rat Dr. Emil F i s ch e r an der Berliner Universität. Er sprach über die „Beziehungen der organischen Chemie zur Biologie".
Wissenschaft, Kunst und Leben.
# Pflanzenpathologische Expedition nach Kamerun. Ueber die im Auftrage des Kolonial- Wirtschaftlichen Komitees unternommene pflanzenpathologische Expedition berichtete in der Zeitschrift der „Tropenpflanzer" Dr. v. Faber: Die Kakao- und Kautschukanpflanzungen des Schutzgebietes werden, wie bekannt ist, durch allerlei Krankheiten gefährdet, deren systematische Bekämpfung energisch in Angriff genommen werden muß. Aus Gesundheitsrücksichten konnte Dr. Faber nur vom 1. März bis 9. Apxil in der Kolonie verweilen, gleichwohl hat der Reisende seine Mission erfüllt und gibt in dem erwähnten Aufsatz eine Reihe von vorbeugenden und verhindernden Mitteln an. Er bezeichnet es weiter als eine wichtige Aufgabe bei der Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten, die Varietäten auf ihre Widerstandsfähigkeit hin auszusuchen. Erst wenn die Pflanzungen in Kamerun es als ihere Hauptaufgabe betrachten, die Krankheiten der Kulturpflanzen frühzeitig und energisch nach den allgemein geltenden Vorschriften zu bekämpfen und alle Maßnahmen, um ein Umsichgreifen der Krankheit zu verhüten, treffen, erst dann können wir hoffen, daß den jetzigen unerquicklichen Verhältnissen ein Ende bereitet wird, um einem erfreulichen Srand der Kakaokultur Platz zu machen.
# Höhlenfunde in Kalifornien. Eine neue große Höhle ist dem „Globus" zufolge vor kurzem in den Santa Susanna-Bergen, etwa 75 Klm. von Los Angeles in Kalifornien, aufgefunden worden. Sie enthält zahlreiche Räume, einige von sehr großer Ausdehnung, und die Wände eines von ihnen sind mit rohen, zum Teil stark verwischten, zum Teil aber noch recht scharfen Zeichnungen bedeckt. Sie stellen Jagd- szenen dar und zeigen, wie Indianer zu Fuß den Bären, den Hirsch und andere Tiere verfolgen. Eine Wandzeichnung zeigt umgekehrt, wie ein Jäger von einem Bären verfolgt wird. Die Zeichnungen sind mit einem weichen roten Stein ausgeführt.
-itz Instinkt oder Ueberlegung? Die folgende interessante Beobachtung aus dem Tierreich teilt Prof. Dr. Emil Bose der „Umschau" mit: Während meiner diesjährigen Auslandsreise brachte mir mein Söhnchen eines Tages eine verpuppungsreife ausgewachsene Raupe des Weidenbohrers, Vombyx cossus. Als früherer eifriger Schmetterlingssammler und Züchter wollte ich meinem Jungen später einmal den fertigen Schmetterling zeigen können und sah mich daher nach einem geeigneten Aufbewahrungsort für das Tier um. Zunächst bot sich dafür nichts als eine Streichholzschachtel, in welche die Raupe, wie zu erwarten, umgehend ein Loch fraß. Ta die Umgebung aber keine Verpuppungsgelegenheit bot, so blieb die Raupe, wieder in die Schachtel zurückgebracht, ruhig in derselben und begann mit den Vorarbeiten für ein Gespinst. Um jedoch eventl. weiteren Fluchtversuchen vorzubeugen, setzte ich die Streichholzschachtel in eine passende ovale Pappschachtel, deren Deckel mit reichlichen Luftlöchern versehen war. Am nächsten Morgen hatte die Schachtel ein Loch, das Tier war aber nicht entwichen, sondern arbeitete ruhig in der Streichholzschachtel an seinem Gespinst. Jetzt lag der Gedanke nahe, daß die Raupe nur dem zukünftigen Schmetterling einen Weg ins Freie hatte offen halten wollen. Dies bewahrheitete sich in der Tat dadurch, daß die Raupe auch in eine weitere Pappschachtel, die ich als dritte Hülle um sie brachte, wiederum ein zum Durchschlüpfen geeignetes Loch fraß, ohne jedoch einen Fluchtversuch zu machen. Sie kroch vielmehr wieder in ihre Streichholzschachtel, wo sie sich, da weiteres Einhüllen unterblieb, nunmehr wirklich ein« spann und verpuppte; gewiß in dem angeneh- flien Bewußtsein, für ihr zukünftiges Selbst »ach besten Kräften gesorgt zu hab«^
Vermischtes.
Deutsch-London. Aus England wird btt „Täglichen Rundschau" in Berlin Folgende» geschrieben: Von Zett zu Zeit erscheinen in £ow fronet Zeitungen Schreckbilder über den Ei»« fall der Deutschen in (Engiand. Welch eine Unkenntnis der Londoner Zeitungen übet ihre eigene Vaterstadt! Deren BesttzergreifunD durch die Deutschen ist längst vollendete Tatsache Sie ist zwar ruhig und ohne Blutvergießen «ich sich gegangen; aber dennoch befindet sich bat Herz des englischen Reiches in den HändeU der Deutschen. Es gibt in London meM Deutsche als in Heidelberg und Frankfurt a. M. Wollten sie sich all? auf einem Platze versam» mein, so würde der Hyde-Park zu klein sein, sitz aufzunehmen. Die erste Legion würden dich deutschen Kaufleute unfr Beamten bilden. D« der deutsche Briefwechsel in vielen Geschäfte« Londons eine Notwendigkeit geworden, und bet Deutsche bereit ist, — leider —, weit unter bei» sonst üblichen Lohne zu arbeiten, so findet bet bescheidene junge Mann leicht eine Stelle. E« gibt jetzt ein großes Heer deutscher Kaufleute in London. Deutsche Kellner sind in mindesten« einem Drittel aller Wirtschaften zu finden. Jeder Vorort hat seine deutschen Klavierlehrer, deutschen Sprachlehrer unb deutschen Bäcker. Im östlichen Teile Londons findet man ganz« Straßenzüge, in denen der Name über jeder Ladentür ein „Kinnbackenverdreher" ist, wis der eingeborene Londoner es nennt. Nicht w« Niger als acht deutsche Klubs beherberg die Hauptstadt. „Der vornehmste ist der Metel« der Spreeathener" in Cavendish Square i« Westend. Der Verein zählt etwa tausend Mit« glieder, die der wohlhabenden deutschen Geschäfts- unb Eelehrtenwelt Londons angehöreL Er feiert zur Weihnachtszeit das Christfest i» echt deutscher Weise, wobei große Tannen unb Krippen nicht fehlen. Bebrillte Professoren halten von Zeit zu Zeit Vorträge über die von» Vaterlande herübergekommenen, neuesten philosophischen Forschungen und die wissenschaftliche« Fragen. Der patriotische Klub, genannt „Kunst- und Wissenschaft-Verein", in der Nähe voa Commercial Road, trägt einen anderen Charakter. Er hat 2000 Mitglieder. Das Bemerkenswerteste an ihm ist die Uebettragung des Berliner Sonntagsnachmittags mit seinem volkstümlichen Treiben, Lärm und Tanz nach ßonboiL Zwei deutsche Zeitungen werden t« London gedruckt, nämlich der „Londoner Anzeiger" und die „Londoner Zeitung", welch« hauptsächlich die neuesten Nachrichten vomVater- lande und Mitteilungen der verschiedenen Ver, eine enthalten. Bei Durchsicht der Liften bet deutschen Gasthöfe, deutschen Wirtshäuser unb Wirtschaften, Anzeigen deutscher Handelsleut« jeder Art wird man durch die erstaunliche Tatsache überrascht, daß London durchaus nicht s« englisch ist, als wir im allgemeinen zu glauben geneigt sind. Die bekannteste Londoner Gastwirtschaft ist der „Eambrinus" in der Elaßhor» Street, die genau das Ebenbild der Wirtschaft gleichen Namens in Berlin ist. Hier gibt et . Lagerbier, Sauerkraut, Blutwurst und alle Arten Delikatessen, vom marinierten Hering btt zum Radieschen, deren bloßer Gedanke genügt einem Engländer die Eßlust für 14 Tage z« verderben. Doch trotzdem hat die englische Gesellschaft viele deutsche Sitten im Essen angenommen, unb bie große Delikatessenhandlung von Appenrodt, bie kürzlich in Regent Street, Oxford Circus und anderen Plätzen des. Westends Läden eröffnete, macht immer mehr und mehr wachsende Geschäfte. Es gibt auch eine ziemliche Anzahl deutscher Kirche« in London, mit denen gleichzeitig deutsch« Schulen verbunden sind, und ein deutsches. Krankenhaus, das der deutschen Bevölkerung des Ostens freie Behandlung gewährt. Es ist hierdurch klar erwiesen, daß ein mächtiges Eindringen der Deutschen i« London stattfindet, und die Engländer haben durchaus keine Ursache, darauf stolz zu sein, datz sie es im Daseinskämpfe zugelassen haben, au« so manchen einträglichen Stellungen und Erwerbszweigen verdrängt zu werden durch dies« „Fremden mit Brillen".
Klein« Rachrichten. Berlin, 10. Roo. Sich selbst angezeigt hat sich gestern morgen der Buchhalter B., der nach Unterschlagung vo« 20 000 Mark aus Juchen bei München-Gladbach entflohen war. B. war sieben Jahr in einer. Spinnerei angestellt und genoß vollesVertrauen. Verunglückte Spekulationen veranlaßten ihn zu den Unterschlagungen, die er längere Zeit durch falsche Buchungen zu verheimlichen wußte. Am 1. b. M. entfloh er und ließ seine Familie i« Stich. Gestern morgen irrte er, mit einem geladenen Revolver in der Tasche, in der Nah« umher, wo er einem Schutzmann durch sein ver- stöttes Wesen auffiel. Als der Beamte ihn ansprach, offenbarte er sich ihm und sagte, daß « schon mehrere Tage umhergeirrt sei. Sm sich M erschießen, aber nicht den Mut dazu gefunbe» habe. B. wurde der Kriminalpolizei