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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchkaiu.
Sonntaasbeilaae: Muttrirtes *
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Vierteljährlicher Bezugspreis^ bet vei ExpÄ-ition 2 AL, bet allen Postämtern 2,25 M. («xcl. Bestellgeld).
ZnserttonSgebühr: die gespaltene Zeile oder vereu Raum 15 Pfg, Neclainen: die Zeile 80 Pfg.
Marburg
Donnerstag, 7. November 1907.
Erscheint wSchentlich siebe» mal.
Druck ttttb Verlag' Joh. Aug. Koch, UniverfitätS-Buchdruckerel 42. Jahrg.
Marbrirg, Markt 2L — Telephon 55.
Der Andrang znm Rechtsstudium.
i Wie schon aus der kürzlich mitgeteilten Notiz zu ersehen war, hat der Andrang zum Rechtsstudium gegenwärtig eine solche Steigerung erfahren, daß es mit den Aussichten der jungen Zuristen übel bestellt ist. Das „Justiz-Ministerialblatt" hat soeben eine Statistik sowohl der Studierenden der Rechte als auch der Referendare, Rechtsanwälte und höheren Justizbeamten seit 1880 veröffentlicht. Daraus ersteht man, wie stark die letzten Ziffern in den letzten 25 Jahren gewachsen sind. Die Zahl der auf den preußischen Universitäten Jura studierende» Preußen betrug im Studienjahre 1886-87: 1690, 1896-97 aber 3166, 1903=04 bereits 4851, 1904=05: 5119, 1905=06: 5304 und 1906=07: 5648. Sie hat sich also in diesen zwanzig Jahren mehr als verdreifacht und ist noch immer in Zunahme begriffen. Auch die Zahl der auf den anderen deutschen Universitäten studierenden Preußen ist in stetem Wachsen. Sie betrug 1902=03: 1368, 1903=04: 1447, 1904=05: 1510 und 1905=06: 1597. Für 1906=07 liegen die Angaben noch nicht vor. Hiernach haben im Jahre 1905=06 auf den sämtlichen deutschen Universitäten 6901 Preußen sich dem Rechtsstudium gewidmet. Für 1906=07 kann man mindestens die Zahl von 7300 preußischen Rechtsstudenten «»nehmen.
Dcmaemäß ist auch die Zahl.der Referendare gestiegen. Sie betrug am 1. August d. I 7160 gegen 6990 im Jahre 1906, 6511 im Jahre 1905, 6148 im Jahre 1904, 5709 im Jahre 1903, 3760 im Jahre 1897 und 3382 im Jahre 1887. Gerichtsassessoren waren um Mitte des Jahres 1907 2470 vorhanden gegen 2272 im Jahre 1996, 2198 im Jahre 1905, 1853 im Jahre 1897, 1485 im Jahre 1887 und 431 im Jahrs 1880. Die Zunahme war also im letzten Jahre mit 198 recht bedeutend' immerhin aber war die Steigerung in zehn Jahren mit 33 v. H. nicht so bedeutend, wie bei den Studierenden mit 132 t>. H. und den Referendaren mit 93 v. H. Beachtenswert sind die Zahlen der amtlichen Statistik über den Abgang der Assessoren. Es sind in höhere Stellen aufgerückt im Jahre 1906: 353 (1905: 410), als Notare angestellt oder als Rechtsanwälte zugelassen 319 (257), aus anderen Gründen ausgeschieden, insbesondere durch Uebergang zu anderen Verwaltungen und durch Tod 143 (135), zusammen also 815 !(802). Der Abgang zur Rechtsanwaltschaft und das Ausscheiden aus anderen Gründen waren noch einmal so groß wie im letzten Jahre, während dis Anstellungen gerade 100 hinter denen des Jahres 1899 zurückblieben.
Die Zahl der Lei den preußischen Gerichten zugelassenen Rechtsanwälte betrug Mitte des Jahres 1907 5317 gegen 5047 im Jahre 1906, 4815 im Jahre 1905, 4649 im Jahre 1904, 3922 im Jahre 1897, 3062 im Jahre 1887 und 2156 im Jahre 1880. Seit 1884 hat sich die Zahl der Rechtsanwälte verdoppelt und in den letzten zehn Jahren ist sie um 1395 oder 37 v. H. gestiegen. — In Berlin belief sich die Zunahme der Anwälte in den letzten 25 Jahren auf das fünffache. Gegen 231 im Jahre 1880 gibt es zurzeit beinahe 1200 Rechtsanwälte in der Reichshauptstadt.
£8 tNachdruck verboten.),
Frauenhände.
> Roman von Erich Friesen.
(Fortsetzung).
Die alten Herren im Spielzimmer legen die Karten auf den Tisch und kommen näher. Die Damen unterbrechen ihre leise getuschelten Gespräche und lauschen. Die Jugend hört auf zu lachen und zu kokettieren und gibt sich willenlos hem Zauber der Töne hin . . .
\ Mercedes spielt und spielt--
Plötzlich — eine grelle Dissonanz---
Die Violine entgleitet der kraftlosen Hand. Mit einem leisen Seufzer finkt Mercedes zu
Vod'en.
Erschrocken bemüht man fich um die Ohn- »nächtigr.
Doch Rodus Aristides sagt mit breitem Lachen:
„So geht's meiner Tochter immer. Wenn die Musik mit ihr durchgeht, wird sie ohnmächtig. Das ist in ein paar Minuten wieder vorbei. Sie ist eben ein Genie! . . . Sehen Sie, da schlägt sie schon die Augen auf!"
Und weiter tobt und tollt und jauchzt der Vestestrubel hinein in die stille Nacht . . .
In derselben Nacht wandert eine hochgewachsene Frauengestalt in der unkleidsamen grauen Tracht einer Pflegeschwester, die Äugen mit einer blauen Brille versehen, die Landstraße entlang, welche zu Frau Mortons Blockhäuschcn
Ganz wesentlich geringer ist natürlich die Zunahme der etatsmäßigen Stellen gls Richter und Staatsanwälte. Deren sind zur Zeit 6069 gegen 5931 im Jahre 1906, 5704 im Jahre 1905, 5454 im Jahre 1904, 4805 im Jahre 1897, 4228 im Jahre 1887 und 4166 im Jahre 1880 vorhanden. In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat also eine Zunahme um 1903 Stellen stattgefunden. Zusammengenommen beträgt die Zahl der Richterstellen und Staatsanwaltstellen sowie der Rechtsanwälte 11386, denen in der Justizverwaltung ihren Beruf ausübenden Personen an Studierenden, Referendaren und Assessoren nicht weniger als 16930 gegenüberstehen. Das ist ein Mißverhältnis, welches das Studium der Re chtswissen schäft nicht als sehr lohnend erscheinen läßt.
Dcilchhes Reich.
— Zur Englandfahrt des deutschen Kaisers. Das Programm für den Besuch des deutschen Kaisers in England ist nach halbamtlicher Mitteilung folgendes: Die „Hohenzollern" wird am 11. kurz nach Mittag auf der Reede von Spithead eintreffen und daselbst von der verstärkten Kanalflotte unter Lord Charles Beresford, von den im Hafen liegenden Schiffen und den Landforts begrüßt werden. Der Prinz von Wales wird sich zur Begrüßung der Gäste an Bord der „Hohenzollern" begeben. Letztere landen etwa um 2 Uhr und werden mit vollen militärischen Ehren empfangen. Die Stadtvertretung von Portsmouth überreicht eine Adresse. Die Ankunft in Windsor erfolgt mit Conderzug etwa um 4 Uhr. Daselbst werden der König und die Königin den Kaiser auf dem Bahnhof begrüßen. Rach Besichtigung der Ehrsnwaqe und Empfangnahme der Zldreste der Korporationen von Windsor erfolgt der feierliche Einzug unter militärischer Eskorte durch die Stadt ins Schloß, wo sich inzwischen die übrigen Mitglieder der königlichen Familie, dis Oberhof- und Hofchargen verfammlen. Am Abend findet Familientafel statt. Dienstag, den 12. Jagd im Windsorpark. Abends großes Staatsbankett in der St. Georgshalle, zu welchem ein Sonderzug die aus London befohlenen Gäste, Vertreter der diplomatischen und politischen Welt, sowie anderer Rotabilitäten bringen wird. Rach dem Bankett wird wahrscheinlich ein Konzert des wallisi- schen Männerchors stattfinden. Bei dem Bankett dürften Toaste des Königs unb des Kaisers zu erwarten fein. Mittwoch erfolgt dis Fahrt nach der City. Der Sonderzug trifft auf der Paddington-Station ein und von dort bewegt sich die feierliche Prozession am Nordende des Hyde- parks vorüber durch Oxford Street bis zum Oxford-Zirkus. Hier findet ein. kurzer Aufenthalt statt zur Entgegennahme der Adressen der Stadtbezirke, welche der Zug auf der Hin- und Rückfahrt berührt. Dann geht die Prozession auf gerader Straße weiter bis zum Herzen der City, woselbst dem Kaiser vor dem Ealadejeuner in der großen Bibliothek eine Huldigungsadresse 'umwiiii niiiw —! Ltüig
Vor dem Häuschen bleibt sie stehen und späht um sich.
Leer die Straße. Niemand sichtbar weit und breit
Leise klopft sie an die niedrige Tür.
Drinnen das Rücken eines Stuhles. Der Riegel wird weggeschoben.
Frau Morton steht auf der Schwelle und starrt die Pfleaeschwester an wie :in Gespenst.
„Großer Gott! Du —? Du. Ruth?"
Abwehrend erhebt das iunge Weib die Hand. „Stille, Mutter! Ruth Morton ist tot! Virginia steht vor Dir — die Pflegeschwester Virginia aus dem St. Agatha-Sanatorium in Florida!"
Sie tritt ein ins Zimmer und zieht die Türe hinter fich zu.
Frau Morton finkt in den Stuhl zurück.
„Du hast doch das Geld sters erhalten, Mutter?" . 7^
Frau Morton nickt.
„Du wirst begreifen, Mutter, daß Du mir nicht schreiben durftest."
Wieder nickt Frau Morton.
„Und auch sehen durften wir uns nicht. Eine oon uns hatte sich verraten können."
Frau Morton fährt fich mit den zitternden Händen über die Augen.
„Warum bist Du heute — —" stammelt sie.
„Es hielt mich nicht mehr langer. Ich mutzte Ada noch einmal sehen, bevor sie —" sie stockt — „eine Ahnung sagt mir, daß unser Heiner Engel nicht mehr lange auf Erden weilen wird."
„Der Doktor fürchtet es,“ schluchzt Frau Morton.
„Ich danke Gott, daß er sie bald zu fich nimmt. „Wo ist fie?"
in goldener Kassette überreicht werden wird. Die Rückfahrt erfolgt auf einem anderen Wege. Von den drei noch übrigen Tagen wird an zweien Jagd im Windsorpark abgehalten, für den dritten ist ein privater Besuch in London vorgesehen: an diesem Tage wird sich der Kaiser auch aus. die deutsche Botschaft begeben, woselbst eine Reihe von Deputationen empfangen werden wird. Daran schließt ein Luncheon, dem nur die Mitglieder der Suite und der Botschaft beiwohnen werden. Am Freitag wird der Kaiser vermutlich eine Deputation von Oxford empfangen, welche ihm die Ernennung zu einem Ehrengrade überreichen wird. Am Freitag Abend findet ein zweites großes Staatsbankett statt. An zwei Abenden werden die Theatergesellschasten von Sir Charles Wyndham und von John Hare Vorstellungen geben. Unter den zu überreichenden Adressen befindet sich eine des anglo-deutschen Freundschaftskomitees, welches seinerzeit Mitglieder der deutschen Preffe nach London eingeladen hatte, und eine der Wesleyanischen Kirchen. Die Abreise Kaiser Wilhelms ist für Montag, den 18., vormittags festgesetzt. — Hierzu ist folgendes zu bemerken. Die Mitreise der Kaiserin ist, wie von gestern Abend aus Berlin gemeldet wird, aufgegeben worden, weil die Braut des Prinzen August Wilhelm im Stadtfchlosie zu Berlin an Windpocken erkrankt ist und die Aerzte befürchten, daß die Krankheit weitere Verbreitung finden könnte. Der Kaiser wird die Reise programmmäßig ausführen und im Anschluß daran auf ärztlichen Rat zur Behebung des immer noch andauernden Katarrhs ein i paar Wochen im Inkognito auf der Insel Wight verweilen. Infolgedessen ist die holländische Regierung davon verständigt worden, daß Kaiser Wilhelm seinen Besuch im Haag aufgeschoben hat. Der Besuch in Holland findet nach Abschluß des Aufenthalts auf Wight statt.
— Der Vertreter des Kanzlers auf der Eng- landsahrt. Der „Reichsanzeiger" meldet die Betrauung des neuen Staatssekretärs v. Schön mit der Stellvertretung des Reichskanzlers im Bereiche des Auswärtigen Amtes nach Maßgabe des Gesetzes vom 17. März 1878.
— Dis Einberufung des preußischen Landtags ist nach Mitteilung der „Nordd. Allg. Zig." soviel bisher feststeht, für einen Tag der letzten Novemberwoche zu erwarten.
— Eine Frauenabordnung beim Kultusminister. Berlin, 6. Nov. Gestern Vormittag empfing, wie die „Nationalzeitung" mit- teilt, der Kultusminister Dr. Holle im Beisein des Dezernenten für Mädchenschulwesen, Geheimrats Mayer, eine Deputation des Kongresse für höhere Frauenbildung, der am 11. und 12. Oktober in Cassel tagte. Frau Geheimrat Steinmann-Donn betonte, daß es sich bei diesen Beschlüsien um eine gemeinsame Kundgebung aller deutschen Frauen handle, und wiederholte nochmals die wesentlichsten Forderungen zur Reform der Mädchenschule. Der Mini-
„Dort!"
Leise, auf den Fußspitzen, schleicht Ruth in das bezeichnete Zimmer, aus dem leise summender Singsang ertönt.
Als sie nach einer Viertelstunde zurückkommt, hat sie die Brille abgenommen. Die schönen Augen stehen voll Tränen.
„Nun?" fragt Frau Morton mit angehaltenem Atem.
„Sie hat mich nicht erkannt. Sie meinte, ich sei der Engel des Lichts, der fie zum Vater holen wolle und — zur Schwester. Ich ließ fie dabei. Es ist das beste so."
Ruth setzt ihre Brille wieder auf und schickt sich an zum Gehen.
„Mein Gott, wie Du Dich verändett hast! Kaum zum Wiedererkennen I" schluchzt Frau Morton. „Wo ist Deine Jugend hin! Wo Dein schönes, schönes blondes Haar!"
„Fort. Alles fort," erwidert das bleich« Weib ernst. „Schwester Virginia ist nicht jung: Seelenleiden, wie die meinen, lasten rasch altern, Mutter. Schwester Virginia ist alt Die Junge blonde Ruth Morton ist tot."
Die atme Mutter schweigt und ringt die Hände. Wie stets, ordnet auch heute ihr schwacher Geist sich dem überlegenen der Tochter unter.
„Hier, Mutter —“ wie ein Hauch kommt das letzte Wort über Ruths Lippen — „hier hast Du mein Vierteljahresgehalt. Es fehlt nur die Summe für die Her- und Rückreise. Ich habe nur drei Tage Urlaub. Und nun leb wohl! Mit dem morgenden Frühschiff muß ich wieder fort."
Sie reicht der Mutter die Hand und will gehen. |
ster erwiderte, daß das preußische Kultusmtni» sterium sich seit langem angelegentlichst mit dieser Frage beschäftige. Jrn Jntereste der von btt Regierung geplanten Reform sagte er zunächst die Berücksichtigung der vorgetragenen Wünsche zu und bat, alle Einzelfragen wenigstens bei Seite zu stellen. Fräulein Dr. Baumer sprach den Wunsch aus, die zur Zett vorhandenen sechsjährigen Gymnasial- resp. Realgymnaflalkurse nach sechs- oder siebenjähriger Mädchenschulzett bestehen zu lasten. Minister Holle sagte auch Hirt wohlwollende Erwägung zu. Endlich trat Pro- festor Weber dafür ein, daß, wenn die Errichtung eigener Studienanstalten undurchführbar sei, begabten Mädchen nach süddeutschem Vorbilde auch in Preußen der Besuch der höhere» Knabenschulen gestattet werde. Es handelt sich hier um die Ausführung eines in Castel gefaßten Beschlusses, von dem wir seinerzeit Mitteilung machten.
— Der Deutsche Sparkastenverband hält in Berlin am 7. Dezember seine Hauptversammlung ab. Auf der Tagesordnung stehen u. a. folgende Punkte: Darlehnskassenscheine iw Kriegsfälle: Scheckgesetz und Sparkasten.
— Nachklänge zum Hardenprozeß. Die freikonservative „Post" enthält einen Artikel über die Zuträger Hardens, der nicht nur sehr deutliche Anspielungen, sondern auch starke Warnungen an die hocharistokratischen Kreise enthält, die Herrn Harden mit Rachrichtenmatsrial versorgen. Der Artikel erwähnt, wie der Hatz gegen den neuen Kurs den Altreichskanzler mit Harden zusammengebracht habe, und fährt fort: Das Erstaunen über Hardens Informationen hat sich nach Bismarcks Tod sogar noch vermehrt und konnte bis zur Beängstigung anwachsen, Wer in der „Zukunft" die Fülle von mehr oder weniger unverständlichen Andeutungen über geheime Vorgänge, oft auch die sicheren Behauptungen über solche verfolgt hat, konnte keinen Zweifel mehr darüber hegen, daß in der Schreibstube des Herausgebers eine ungeheure Zahl von Fäden zusammenläust, die ihn nach allen Seiten mit denen, die etwas wissen, verbinden: daß solche Kunde nicht von Lakaien und Reportern stammt, daß seine Reporter Ordenssterne und Brillantdiademe tragen. Da fragt man nun: Woher das Bedürfnis so vieler hochgestellter Persönlichkeiten, ihre Geheimnisse dem einen Mann zuzutragen? Wer zu humoristischer Betrachtung neigt, mag sagen: Ihnen allen war ci der gute Schäfer Thomas, der allen helfen kann. Doch steht zu fürchten, daß diese Kranken, die zum Schäfer Thomas kamen, weniger eigene Krankheit als fremde Gebrechen zu beichten hatten. Man darf ihm glauben, wenn er erklärt, sehr viel mehr zu wisten, als er sagt. Aber zu diesem ungeheuren Wisten trägt keiner bei aus edeln Motiven oder aus Menschenliebe: da trägt nur bei, wen es dringend verlangt, dem lieben Nächsten vor der Öffentlichkeit das Brandmal seiner Sünde mit Schwefelsäure auf die Stirn geätzt zu sehen Dem Publizisten, der entgegen-
Frau Morton erschrickt aufs neue.
„Du willst die Nacht über nicht hier bleiben?"
„Nein. Ich schlafe im Marienheim in New- York. Leb' wohl Mutter! Wir werden uns wohl nie im Leben Wiedersehen."
Sie legt die Hand auf die Türklinke.
Da trifft ein Wort an ihr Ohr, das fie auf die Schwelle bannt.
„Norbert Douglas war hier!"
Ein Zittern überfliegt ihre Gestalt.
Doch erwidert sie nichts.
Die Mutter muß wohl ihre Empfindungen ahnen. Denn hastig, mit halblauter Stimme flüstert sie:
„Du weißt, die Todesanzeige, die ich ihm schickte, kam als unbestellbar zurück, da der Bdrestat auf einer Weltreise sich befand und keine Adreste angegeben hatte. Durch Dr. Berry erfuhr er von —" Frau Morton zögert — „von Deinem — Tode. Er kam hierher, um sich zu überzeugen, daß es wahr ist, was er gehört."
„Und Du?"
„Ich führte ihn an — Dein Grab."
Totenstille ...
Nur unterbrochen von den fast hörbare» Herzschlägen der beiden tief erregten Frauen.
„Was sagte er?" fragt Ruth nach einer Weile mit tonloser Stimme
„Er weinte."
„Er — weinte?k O, mein Gott!"
Die Hände zusammengepretzt, den Kopf gesenkt, geht Ruth wieder hinein in die schwarze Nacht.
(Fortsetzung folgt/ Wl >> ■ —■**