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Marburg
Mittwoch 9. OVober 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Iah. Lug. Koch, UmversitAS-Buchdruckerrl 42. Jahrg.
Marbnr» Markt 21. — Lelepho« 66.
Irrlehren in großstädtischen Fortbildungsschulen.
- Wie uns geschrieben wird, ist in den Dres« ;fcener Fortbildungsschulen ein Lehrbuch in Gesträuch, das den Titel trägt: „Bilder aus der 'Dirtschaftskunde von Deutschland. Ein Beitrag gut Kulturgeographie Deutschlands. Für die Hand des Lehrers bearbeitet von Th. Franke, Bürgerschullehrer in Wurzen." Dies Lehrbuch «nhält drei Kapitel, die sich auf die Landwirt- jfchaft beziehen, so eines über „Die Leistungsfähigkeit der deutschen Land- ^wirtschas t". So wünschenswert es wäre, schreibt unser Gewährsmann, wenn über diesen ^Gegenstand richtige Vorstellungen bei der städtischen Bevölkerung verbreitet würden, so sehr »wird der mögliche Nutzen eines solchen Lehrbuches in sein Gegenteil verkehrt, wenn darin ; absolut falsche Angaben Eingang gefunden halben. Auf S. 17 behauptet der Verfasser, daß, wenn Deutschland kein fremdes Brotgetreide einführte, das deutsche Volk 102 Tage im Jahre hun- igern müßte. Das würde u. a. heißen, daß .28 Prozent des Brotgetreideverbrauchs des Deutschen Volkes eingeführt werden muß. Der Verfasser macht diese Feststellung für die Jahre ;1894 und 1895. Wie er die genannte Zahl errechnet hat, ist nicht ersichtlich. Tatsächlich wurden in diesen Jahren nach der amtlichen Statistik 19,5 Millionen Tonnen Brotgetreide geerntet und 3,9 Millionen mehr ein- als ausge- !führt. Wenn man nun sogar die Aussaat von dem nach der Statistik geernteten Quantum schätzungsweise in Abzug bringt, erhält man doch nur 18,8 Prozent, die vom deutschen Brotgetreidebedarf eingeführt sein würden, und wenn man berücksichtigt, daß in diesen Jahren 291000 Tonnen Mehl mehr aus- als eingeführt wurden, verringert sich dieser Anteil sogar noch auf 17,2 Prozent.
i Daß außerdem, laut späterem Eingeständnis des Kaiserlichen Statistischen Amtes, die Ernteschätzungen bis 1898 um etwa 15 bis 18 Prozent zu niedrig ausgefallen sind, konnte ja wohl der Verfasser noch nicht wissen. Wohl aber hätte er 1. richtig rechnen bezw. zuverlässige Quellen benutzen, 2. zwischen dem, was die deutsche Landwirtschaft erzeugt und dem, was sie unter angemessenen Preisverhältnissen erzeugen kann, unterscheiden, und endlich berücksichtigen sollen, daß die zur Verfügung stehende Menge von Brotgetreide per Kopf der deutschen Bevölkerung anhaltend gestiegen ist. ,6o erzeugte die deutsche Landwirtschaft 1902 bis 1906 pro Kopf der Bevölkerung an Brotgetreide .bereits 235 Kilogramm. Das ist eine wesentlich größere Menge, als in der Gestalt von Brot verzehrt werden kann. Die ausländische Vrotkorn- Hinfuhr ist daher überhaupt nicht zur menschlichen Ernährung notwendig. Ein sehr großer
Teil des inländischen Roggens besonders — man schätzt mindestens 20—25 Prozent — wird eben an das Vieh verfüttert und dies zum Teil eben deshalb, weil soviel Brotkorn an die Mühlen vom Auslande geliefert wird.
Alle diese doch sehr wesentlichen Tatsachen sind vom Verfasser des Lehrbuches übersehen, und die richtigen Tatsachen sind obendrein noch durch Rechenfehler gänzlich entstellt wiedergegeben. Eine derartige „Fortbildung" jugendlicher Arbeiter, wie sie dies Lehrbuch nur zur Folge haben kann, ist zweifellos schlechter als gar keine. Es ist also nicht genug, wenn die Geister der Arbeiter in ihrem Entwicklungsstadium durch sozialdemokratische Demagogen in liebevolle Pflege genommen und mit allerlei sinnlosen und wirren Vorstellun- g e n angefüllt werden. Es müssen auch noch großstädtische „Fortbildungsschulen" recht umfangreiche Unterstützung bei solchem Treiben leisten! Es wäre wohl am Platze, wenn die städtischen Verwaltungen dafür Sorge trügen, daß derartige nicht nur logisch widersinnige, sondern sogar rein rechnerisch fassche „Belehrungen" über Volkswirtschaft in ihren Schulen unterbleiben, wenn sie nicht den sozialdemokratischen Bestrebungen Handlangerdienste leisten wollen.
Deutsches Kelch.
— Die Beisetzungsfeierlichkeiten in Karlsruhe. Zur Teilnahme an der Beisetzung des Großherzogs Friedrich von Baden traf am gestrigen Vormittag der K a i s e r, in dessen Begleitung sich der Reichskanzler befand, in Karlsruhe ein. Zum Empfang auf dem Bahnhof waren erschienen der Großherzog, Prinz Max von Baden, der deutsche Kronprinz, die Prinzen Eitel-Friedrich, Adalbert und August-Wilhelm, der preußische Gesandte von Eisendecher und andere Würdenträger. Nach herzlicher Begrüßung zwischen Kaiser^und Eroßherzog fuhr der Kaiser mit dem Kronprinzen nach dem Schlosse. In der Schloßkirche fand eine erhebliche Trauerfeier statt, über welche folgende Mitteilungen vorliegen. Punkt 11 Uhr erfolgte die feierliche Einführung der Fürstlichkeiten in die Schloßkirche. An der Spitze der erschienenen Fürstlichkeiten schritt der Kaiser in Generalsuniform, welcher die Großherzogin Luise führte. Vor Beginn der Trauerfeier legte Generaladjutant von Plessen im Namen des Kaisers einen großen Lorbeerkranz mit schwarz-weißer Schleife und der Reichskanzler im Namen des Bundesrats einen Kranz am Sarge nieder. Nachdem die Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften ihre Plätze rechts und links vom Sarge eingenommen hatten, begann der Gottesdienst mit dem Choral „Was Gott tut, das ist wohlgetan". Der Präsident des Oberkirchenrats D. Helbing hielt eine kurze Ansprache, der er die Bibelworte: „Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben" zugrunde legte. Nach
4 (Nachdruck verboten.)^
Frauenhände.
Roman von Erich Friesen.
(Fortsetzung).
An ihres Vaters Grab will Ruth ihn morgen gegen elf Uhr sprechen.
Das erste Wiedersehen an einem frischen .Grabe!
. Norberts Empfinden sträubt sich dagegen. Aber er willigt ein, aus Besorgnis, das ersehnte Wiedersehen könne sonst noch länger hinausgeschoben werden.
1 Schon vor der verabredeten Zeit findet er Ich an dem frischen Erdhügel ein, den nur wenige einfache Kränze schmücken.
_ Voll Ungeduld späht er die Wege entlang. Doch nirgends taucht die Geliebte auf.
'.Endlich, gegen halb zwölf Uhr, steht er eine Ichlanks schwarze Gestalt sich langsam nähern, vre ist wie gestern tief verschleiert. Die langen Kreppichleier wehen im Winde. In der Hand nagt sie ein großes Kreuz von Immergrün und Immortellen.
Er will ihr cntgegeneilen.
-uf den Platz zurück" Erdbewegung bannt ihn Ohne ein Wort zu sprachen, legt Ruth das
Kreuz auf das Grab nieder. Dann schlägt sie den Slyleier zuruck. 1 ’ a 1
„Du wünschest mich zu sprechen, Norbert^"
_ Ihre Stimme klingt eintönig, als sage ste Line eingelernte Lektion her. , .
• „Ruth!"
Er will ihre beiden Hände ergreifen.
Cie weicht zurück. ,>>..■' 1
„Ruth! Was soll das? Liebst Du mich «icht mehr?" tuft er in verhaltener Leidenschaft.
„Warum hast Du diesen Ort für unsere Bewegung gewählt. Warum nicht die Wohnung Deiner Mutter? Oder irgend einen anderen geeigneten Platz?"
Ein wehmütiges Lächeln umspielt ihre Lippen.
„Ob ich Dich liebe, Norbert! . . . Aber eben, weil ich Dich so sehr liebe, darum will ich von Dir lassen. Die höchste Liebe opfert sich. Dies Bewußtsein bildet ihr einziges Glück!"
„Ruth! Welch törichte Gedanken!" ruft Norbert erregt. „Komm mit mir von diesem Trauerort, bef Dein Gemüt verdüstert! Draußen, jenseits der Kirchhofmauern, wo alles lebt und lacht, wo die Vögel fingen und die Kinder jubeln und herumtollen — da wollen wir unsere Zukunft besprechen."
Er ergreift ihre herabhängende Rechte. Sie jst kalt und erwidert nicht seinen innigen Druck.
Auch bemerkt er mit schmerzlichem Befremden, daß der schmale Goldreif mit dem kleinen Diamanten fehlt, den er ihr vor einigen Tagen drunten am Strande von Long Island an den Finger gesteckt.
„Ruth! Du trägst den Ring nicht mehr? Deinen Verlobungsring?"
Sie schüttelt den Kopf, greift in die Tasche und reicht ihm den Ring. .
„Du gibst ihn mir zurück?"
„Ja. Ich gebe Dir Deine Freiheit zurück."
„Aber ich nehme sie nicht an. Ich habe Dein Wort, Ruth. Du bist an mich gebunden!"
Sie erwidert nichts. Schweigend schreitet sie an seiner Seite durch den Friedhof, zum offenen Tor hinaus, ün wogenden Kornfeldern vorbei.
Auf einer einsamen Ban< Men fU sich Siedet. ' '• ■ • - • ••.
einem Gebet folgte der Choral ,Pestis meine Zuversicht", die feierliche Einsegnung durch D. Helbing und wieder ein Choral, womit bU Feier in der Kirch« ihr Ende erreicht hatte. Darauf fand die Ueberführung der Leiche nach dem Mausoleum im Fasanengarten statt. Die Fürstlichkeiten folgten dem Sarge zu Fuß, an ihrer Spitze der Großherzig, zwischen dem Kaiser und dem Kronprinzen von Schweden, während sich die fürstlichen Damen zu Wagen nach der Grabkapelle begaben. Auf dem Wege zum Mausoleum bildeten die Truppen der Garnison, Vereine und Korporationen Spalier. Während der Ueberführung wurden die Glocken geläutet und Trauersalut gefeuert. In der Grabkapelle hielt D. Helbing eine kurze Gedächtnisrede und nahm eine abermalige Einsegnung vor. Segen beschloß die Feier, die gegen %2 Uhr beendet war. — Wie aus Kiel berichtet wird, feuerten dort anläßlich der Beisetzung des Eroßherzogs sämtliche salutfähigen Kriegsschiffe während der Mittagsstunde einen Trauersalut.
— Ein Wechsel in hohen Reichsämtern. Wie die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" meldet, hat der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Fürst zu Hohenlohe-Langenburg, mit Rücksicht auf sein hohes Alter sein Abschiedsgesuch eingereicht. Als sein Nachfolger ist der Wiener Botschafter Graf v. Wedel ausersehen, der durch den Staatssekretär des Auswärtigen Amts, v. Tschirschky u. Bögendorff ersetzt werden soll. An die Spitze des Auswärtigen Amts tritt der St. Petersburger Botschafter v. S ch o e n. — Fürst zu Hohenlohe-Langenburg (geb. 1832) war der dritte Statthalter der Reichslande. Die ruhige, würdevolle Versöh- nungspolttik seines Vorgängers, des Fürsten Chlodwig, der das Reichsland eine so erfreuliche Entwicklung zu verdanken hatte, fand, wie die „Köln. Ztg." hervorhebt, in dem Fürsten Hermann eine ununterbrochene stetige Weiterführung. Der Nachfolger des Fürsten Hohenlohe in Elsaß-Lothringen Graf Karl v. Wedel (geb. 1842 in Oldenburg), der auf eine lang« erfolgreiche militärische und diplomatische Laufbahn zurückblickt, hat als Botschafter in Wien, wo er der Nachfolger des Fürsten Philipp Eulenburg war, bei seiner genauen Kenntnis der österreichischen Verhältnisse nicht wenig dazu beigetragen, daß sich die Beziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich immer erfreulicher entwickelten und daß der Dreibund trotz aller Gegenströmungen als Bürgschaft des Friedens erhalten geblieben ist. Als Nachfolger des Grafen Wedel in Wien ist der bisherige Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Herr von Tschirschky und Bögendorff berufen worden, lieber dessen Rücktritt bereits vor wenigen Tagen eine auch von uns wiedergegeben« Notiz durch die Blätter ging. Darin wurde erwähnt, daß dem Staatssekretär die für diesen Posten nötige parlamentarische Schulung und
Redebegabung abging. Diesen Mangel, bemerk^ hbrrzu die „Köln. Ztg", hat Herr v. Tschirschktz wohl selbst empfunden, und darin dürfte auch ttw* der Gründe zu suchen sein, weshalb er bet Borliner Stellung einen Botschafterposten vorzog, der ihm nach seiner ganzen Beanlagung wHl sympathischer war, zumal ihm bie Verhälft Nisse Oesterreich-Ungarns nicht fremd find, M er dort fast drei Jahr« als Botschaftssekretär tätig gewesen ist. — Zum Staatssekretär bet Auswärtigen Amtes ist Herr v. Schoen etc nannt worden, bet bisherige Botschafter in 6t Petersburg, welcher auf eine längere erfolg- reich« diplomatische Vergangenheit zurückbliift.
-*• Kriegsbereitschaft und Geldbedarf. In ein« Besprechung der Behauptung verschißene: Blätten darunter des „Echo de Paris" da DeursHIanb bie Kosten eines Kri'e ges nicht zu tragen im Staube fei und bähe auch rMt daran denken dürfe, einen Krieg mi AussiM ft#f Erfolg zu eröffnen, verweist bi« „Kölnische auf bas Jahr 1870, wo wir in der T-tt noch «in armes Land gewesen, obq bett Kris« mft rücksichtsloser Tatkraft geführt hätten. Was w« damals konnten, schreibt da« Blatt, können wi, heute noch in erhöhtem Grad«; nr-em etr schon in bet Lage find, für unser« wirtschaftlichen Zwecke aus eigener Kran bie nättgen Gelder aufzubringen, so sind wir t< Kriegsfälle ebenso wenig auf das Ausland otti gewiesen. Di« borge um diese Geldbeschaffung könnte map uns ruhig selbst überlassen. Wft können nichts dagegen haben, wenn französische Blätter ihren Landsleuten abraten, Gelder « deutschen Wetten anzulegen; das mögen sil halten wie ste wollen. Wir können solchen Raft schlügen gegenüber sehr kühl bleiben. Nicht zwecklos aber, sondern aus allgemeinen Rüch- sichten nicht unbedenklich erscheint t*. wenn man die deutsche Eeldlage als so elenh hinstellt, daß dadurch die Zwecke der Landesverteidigung vereitelt werden könnten.
— Zur staatlichen Penstonsverficherung bet Privakkingestellten. Der Staatssekretär de» Reichsamts des Innern, v. Bethmann-Hollweg^ erklärte nach bet „Dtsch. Ztg." dem Reichstag« abgeordneten Schack in seiner Eigenschaft am geschäftsführenden Vorsitzenden des Hauptaus- schusses für die staatliche Penstonsversicherung der Privatangestellten, dem gegenwärtig 47 Verbände mit zusammen 727 000 Mitgliedern angeschlossen find, daß et sich die Förderung des staatlichen Penfions- und Hinterbliebenenfür- sorge angelegen sein lassen werde. Er hoffe, vast alle Schwierigkeiten überwunden werden roflt« den, die sich später hinstchtlich der Einzahlungen dem von den Privatangestellten gesteckten Ziele noch entgegenstellen sollten.
— Zur Zivilprozeßreform. Die wichtigste» Bestimmungen des von uns bereits kurz im Sonntagsblatt angekündigten neuen Eesetzenft wurfes betreffend Aenderung des Eerichtsver« fassungsgesetzes, der Zivilprozeßordnung, bet Eerichtskostengesetzes und der Eebührenordnuna der Rechtsanwälte, sind folgende: Im Art. I wird die amtsgerichtliche Zuständigkeit von 300 auf 800 Marr erweitert und ferner bestimmt, daß
„Du weißt nicht, wie ich meinen Vater liebte, Norbert!" murmelte ste leise.
„Ich verstehe Deine Kindesliebe," erwidert« er ernst. „Aber Du hast ja noch Deine Mutter, Ruth — und Deine kleine Schwester!"
Ihre Wangen werden noch um einen Schatten bleicher.
Dann sagt ste langsam mit forzietter Festigkeit:
„Eben darüber will ich mit Dir sprechen, Norbert. Wir sind arm — bettelarm. Mein Vater war ein hochgebildeter Mann von seltenen Eeistesgaben, ein Gentleman durch und durch. Meine Mutter aber ist ein« einfache Frau, herzensgut, doch schwach, energielos. Sie und meine —“ wieder zögert Ruth — „meine kleine Schwester werden niemals imstande sein, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Deshalb muß ich für sie arbeiten."
„Mein schönes, stolzes Lieb, wir wollen zusammen arbeiten für die Deinen!" ruft er leb« fafc - ö
Sie schüttelt den Kopf.
„Nein Norbert. Du entstammst einer vornehmen Familie, hast vielleicht Angehörige, die mit einer solchen Verbindung nicht einverstanden wäre«. Meine Mutter und meine Schwester passen nicht zu Dir."
„Davon hast Du früher nie etwas gesagt, Ruth!"
„Früher!" , . . Tiefschmerzlich blickt Ruth vor sich hin. „Ja früher! Als der Vater noch lebte, da war es anders. Er sorgte für die beiden. Ich war meine eigne Herttn. Aber jetzt — jetzt ist alles verändert. Wo ich bin, müssen auch Mutter und Schwester sein, und ich will nicht, daß di« beiden Dir zur Last fallen."
„Und da denkst Du daran, mich aufzugebev, Ruth?" ~ ■
Norbert ist aufgesprungen. Seine Auge» funkeln.
Sanft zieht Ruth bett Tieferregten auf bl« Bank zurück.
In beweglichen Worten schildert sie ihm die Lage ihrer Mutter und Schwester. Der Vater habe soviel wie nichts hinterlassen. Die beiden eien vollständig auf sie, Ruth, angewiesen. Sie ei gesund und kräftig; habe außerdem viel geeint, das Mädchengymnastum besucht, und lüft Prüfungen mit Auszeichnung bestanden. St« spreche Französisch und Deutsch und wisse auch l« den toten Sprachen ein wenig Bescheid. Auch sei sie musikalisch und verfüge über eine gute Altstimme. Dabei sei ihre Ausbildung im Häuslichen nicht vernachlässigt, so daß sie sich getraue^ eine gutbezahlte Stellung in einem vornehme« Hause zu erhalten — vielleicht als Gesellschaft terin . . . oder Reisebegleiterin . . . oder Erzieherin — alles gleich . . . Doch Hauptbedingung: hoher Gehalt, damit Mutter und Schwester nicht Not leiden. Sie habe jetzt nicht Zeit, an sich selbst und an ihr Glück zu denken) andere Pflichten rufen sie. Nur, wenn sie sich selbst ganz vergäße, wenn sie mit voller Energie sich an ihre Aufgabe mache, werde sie siegen. Und darum müsse sie fest bleiben, so schwer es ihr werde. /
„Ich bitte Dich, mich nicht in meinem Entschluß wankend zu machen!" schließt sie, und es zittert etwas wie geheime Angst in ihrer Stimme nach. „Ich fühle, es wäre zu unser, aller Unglück. Was ich diese Tage hindurch ge-s litten, -ie ich gerungen und gekämpft, weiß Gott allein. Mein Herz blutet bei dem Ee- danken, Dich aufgeben zu müssen , *. Und doch! — es muß sein!" s
„Nein, es muß nicht fein, Ruth!" Ernst,' feierlich komm«« bie Worte von den Lippen bet: