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34. Kongreß für Innere Mission in Essen.
C'-A. Essen. 25. Sept 1907. X’"r II.
In der überfüllten Pauluskirche fand am Montag, abends 6 Uhr, der Eröffnungsgottes- dienst statt, bei welchem Oberhofprediger D. Dryander die Festpredigt hielt. Auch der sich anschließende Begrüßungsabend, im Hauptsaale des Städtischen Saalbaues, der von Superintendent Klingemann-Esien . eröffnet wurde, war stark besucht. Die lynge Reihe der Begrüßungsansprachen wurde eingeleitet durch den Oberbürgermeister von Essen, Eeh. Regierungsrat Holle (einen Bruder des preußischen Kultusministers), welcher auf das lebhafte Verständnis der Essener Bürgerschaft für die Arbeiten des Kongresses hinwies und letzterem ein freudiges „Glück auf!" zurief. Die erste Hauptver- fammlung am Dienstag begann vormittags gegen halb 10 Uhr abermals im großen Saal des Städtischen Saalbaues. Nach eröffnendem Gesang sprach Konsistorialrat Streetz das Gebet. Präsident S p i e ck e r hielt eine kurze Eröffnungsansprache; das Präsidium des .-Kongresses wurde nach seinen Vorschlägen gewühlt. Die Verhandlungen des heutigen Tages leitete der 81jährige, noch erstaunlich rüstige Vizepräsident, des Zentral-Ausschuffes, Wirkliches Geheimer Mat Exzellenz Prof. D. Weiß- Berlin. Aus der langen Liste der Vertreter staatlicher und geistlicher Behörden, die den Verhandlungen des Kongresses beiwohnen und nicht schon am Begrüßungsabend teilnabmen, nennen wir noch den Vertreter des preußischen Handelsministers, Geheimen Oberregierungsrat Frick- Perlin, den Vertreter des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, Regierunqsrat Gros s-Koblenz, zahlreiche Vertreter preußischer und außerpreußischer Konsistorien, sowie Herrn Krupp von Bohlen-Halbach. Vertreten waren ferner das Dekanat der theologischen Fakultät zu Wien, das Eeneralkomitee für deutsche evangelische Seemannsmission in Großbritannien (P.Harms- Sunderland). zahlreiche sonstige Glieder der Seemannsmission, u. e. auch P. Fehrmann-St. Petersburg, die Zentrale für Volkswohlfahrt in Berlin und zahlreiche Verbände, Vereine und Anstalten der Inneren Mission aus Deutschland und dem Auslande.
Vor Eintritt in die Tagesordnung beschloß der Kongreß die Absendung von Huldigungsdepeschen an den Kaiser und die Kaiserin.
50 ^Nachdruck verboten.)
In den Fluten.
Roman von Jenny Hirsch. '(Fortsetzung)'.
Ihr habt bereits erraten, daß ich Euch Fie- berphantasten erzählt habe," fuhr sie nach kurzer Sammlung fort, „als ich aus denselben erwachte, sah ich mich in einem fremden Zimmer, in einem Bette. Das Gesicht einer alten Frau, die eine weiße Mütze auf dem Kopfe trug, beugte sich über mich und gebot mir ganz ruhig zu sein. Es hätte dieser Mahnung gar nicht bedurft, denn ich war zu schwach, um mich zu rühren. Roch viel weniger konnte ich einen klaren Gedanken sagen, ich glaube, ich hätte in jenem Augenblicke nicht zu sagen vermocht, wer ich sei. Ich schlief auch sogleich wieder ein und weiß nicht genau, wie lange ich im Zustande des willen- und gebantens losen Hindämmerns gelegen habe. Als ich mich ihm langsam entriß und fragte, wo ich sei und jvie ich hierher gekommen, verboten mir Arzt und Wärterin jede Frage; ich sei sehr krank gewesen und befinde mich in guter Pflege. Erst als ich auf ein paar Stunden das Bett verlaßen hatte, erfuhr ich, daß ich mich in einem Frauenhospital befinde, in das mich die Schiffer gebracht, die mich in ihrem Boot bewußtlos ans Land gerudert hatten und nun kehrte mir die volle Erinnerung und damit das Bewußtsein meiner verzweifelten Lage zurück.
Die Furcht vor Melnik erwachte infolge der durch bte Krankheit hervorgerufenen Nervenschwäche in verdoppeltem Maße; ich glaubt« mich beständig von ihm verfolgt sah überall seine Späher und zweifelte nicht, daß auch Georg durch ihn am Kommen verhindert worden fti. Ich wagte mich weder der Wärterin notfi dem Arzte anzuvertrauen, sondern nannte mich auch hier Eerhardine von Keren und erzählte
Das 1. Hauptthema des Kongresses behandelte Professor D. Jhmels-Leipzig in ebenso klarer als herzandringender Weise. Es lautete: „Wie kann die Innere Mission ihre Aufgabe fest halten und erfüllen, unser Volksleben durch die Kräfte des Evangeliums zu erneuern?" In dieser Erneuerung des Volkslebens habe die Innere Mission ihre zentrale Aufgabe zu sehen und trete hierbei nicht mit der Kirche in Konkurrenz, sondern stelle sich, ihrer ganzen historischen Entwickelung nach, der organisierten Kirche befruchtend und ergänzend zur Seite. Alle Arbeit der Inneren Mission, also auch alle Wohlfahrtspflege, müße mit festem Blick auf ihr Ziel — eben die Erneuerung des Volkslebens durch die Kräfte des Evangeliums — angegriffen und durckaeführt werden, daher auch gerade an die Gebildeten unter den Verächtern des Christentums sich wenden. Wirksam werde diese Arbeit jedoch nur sein, wenn das alte Evangelium mit vollem Verständnis der ihm innewohnenden reformatorischen Kräfte für die Bedürfnisse der Gegenwart fruchtbar gemacht werde. Im Blick auf die Arbeit der organisierten Kirche habe die Arbeit der Inneren Mission eine, dreifache zu sein: sie habe- jene anzuregen durch-die Offenlegung der vorhandenen Notstände und Betonung der Verantwortung für die Beseitigung derselben. Alle Arbeit habe sie bei der Einzelgemeinde einzusetzen, wobei es weniger auf Prachtbauten, als auf lebendige Persönlichkeiten ankomme; sie habe die Arbeit der Kirche zu unterstützen durch Pflege der christlichen Sitte im Volksleben und Einfügung geeigneter Arbeiter in den Rahmen der kirchlichen Organisation; sie habe die Wortverkündung der Kirche zu ergänzen, indem sie innerhalb der Parochie, insbesondere aber über die Grenzen derselben hinaus, nicht nur jede notwendige Einzelseelsorge treibe, sondern überzeugt allen denen das Wort Gottes nahezubringen suche, die von der Kirche gar^n'M oder nicht genügend erreicht werden. Der Familie habe sie das Bewußtsein, eine Gottesordnung zu fein, zu schärfen und namentlich der aus dem Haufe tretenden Jugend ihre Fürsorge zuzuwenden, eventl. ihr einen Ersatz für die Familie zu schaffen. In das Leben der Gesellschaft habe sie das Licht und die Kräfte des Evangeliums hineinzutragen, im speziellen habe sie für Lösung der berechtigten religiösethischen Probleme der sozialen Frage zugunsten der Arbeiterbewegung einzutreten, ihren widerchristlichen und sittlich verwerflichen Tendenzen sich entgegenzustellen, im übrigen nach oben und unten die sozialen Gedanken des Evangeliums mutig zu bezeugen und in voller Treue an der Ileberwindung des Mißtrauens zu arbeiten, das unser Volksleben unheilvoll zu spalten droht. Den Staat habe die Innere Mission an seinen sittlichen Berns zu erinnern, nach Kräften seine sittliche Arbeit, besonders seins Wohlfahrtspflege zu unterstützen und, wo diese nicht ausreicht, sie zu ergänzen. Das vielgestaltige Ziel zu erreichen, bedürfe die Innere Mission dringend der Schaffung von Arbeitsorganisationen und deren Institutionen, ohne dabei in den
nur, ich habe eine Reisegesellschaft verfehlt und deshalb ans Land zurückkehren wollen, um erst mit einem anderen Dampfer zu fahren. Ich wagte auch nicht, an Mutter Eltester oder sonst jemand zu schreiben, aus Furcht, mich zu verraten." „ ,
„Was gedachtest Du aber zu tun?" fragte der Konsul.
„Ich weiß es nicht," sagte Gertrud, sich an den Kopf greifend, „es war hier alles noch so wirr und leer, obwohl ich nun wieder den ganzen Tag aus dem Bett war und sogar im Garten sein durfte, vermochte ich mich doch nicht zu einem Entschlüsse aufzuraffen. Ich dämmerte so hin und man ließ mich gewähren. Man hatte noch eine Summe Geld bei mir gefunden, meine Ringe," sie streckte die Hand aus, „boten Sicherheit für weitere Kosten, weshalb sollte man da einen Prozeß stören, besten ich, wie man annahm, zu meiner sofortigen Genesung bedurfte. Ob man dabei den richtigen Weg einschlug, ist zweifelhaft, ein energisches Aufrütteln wäre mir gewiß heilsamer gewesen, denn von dem Augenblick, wo es endlich geschah, trat der Wendepuntt ein, und —"
»Jetzt ift's genug, nun kommt die Reihe des Erzählens an mich!" unterbrach sie Seraphine und rückte ihren Stuhl in den Vordergrund. „Ich erbitte mir die geneigte Aufmerksamkeit der verehrten Versammlung." Im munteren -Tone schilderte sie nun ihre Reis« nach England und die vergeblichen Versuche, eine Spur von Gertrud von Kaufte! zu entdecken. In keinem Gasthofe Liverpools hatte eine junge Dame dieses Namens gewohnt, mit keinem Schiff« war eine solche aus dem Hafen gefahren. So unwahrscheinlich es auch war, daß Gertrud tft einem anderen Hafen als in den mit Georg verabredeten sich eingeschifft haben sollte, war Sr- taphtne dennoch nach Southampton gereist; die von ihr dort angeftellten Nachforschungen Haft es
Fehler des bloßen Reglementierens und Uniformierens zu verfallen. Voraussetzung sei bei dem allen, daß die Innere Mission auf dem Boden der tatsächlich bestehenden Ordnungen sich bewege, wünschenswert sei, daß die Kirche bis zu einem bestimmten Grade, die in freier Tätigkeit geleistete Arbeit sich eingliedere. Keineswegs aber dürfe die Innere Mission sich auf eine bestimmte Kirchenverfasiung festlegen, sondern müße durch ihre ganze Arbeit zu erkennen geben, daß die Kirche wirkliche Volkskirche sei und in diesem Sinne den Erfolg ihrer Arbeit ganz Gott befehlen.
Prof. Jhmels erntete langanhaltenden begeisterten Beifall für seine zündende Darstellung, die trotz fast anderthalbstündiger Dauer keine Spur von Ermüdung aufkommen ließ und Exzellenz D. Weiß dankte ihm noch besonders für die klare und warme Rechtfertigung des Themas.
An den Vortrag schloß sich eine sehr anregende Diskussion, aus deren Verlauf Professor Jhmels-Leipzig noch folgende zwei Mahnungen herauslesen zu dürfen glaubte: „Haben wir den Mut, in unserer Zeit zu stehen" und „Wir haben nicht bloß Vergangenheit, wir haben auch Zukunft."
Die Versammlung einigte sich auf folgende von P. Hennig, Direktor des Rauhen Hauses in Hamburg, vorgeschlagene Resolution:
„Die Innere Mission wird ihre Hauptaufgabe, unser Volksleben durch die Kraft des Evangeliums zu erneuern, in dem Maße erfüllen, als sie alle ihre Mitarbeiter und alle, die sie mit ihrer Wirksamkeit zu erreichen vermag, mit dem Verständnis dafür durchdringt, worin eigentlich die Kraft des Evangeliums liegt. Dieses Verständnis kann nur durch eigene innere Erfahrung gewonnen werden, auf dem Wege einer immer neuen Versenkung in die Schriftgedanken. Diese vermitteln uns die Motivs, welche die Heilstaten Gottes in Christo für unser ganzes sittliches und soziales Leben wirksam machen." Das Schlußqebet sprach Herr Konsistorialrat Kayser- Franfturt a. M., womit die erhebend verlaufene Versammlung ihren Abschluß fand.
Am Nachmittag folgten zahlreiche Kongreßmitglieder der lebhaft begrüßten Einladung, die Krupp'schen Wohlfahrtseinricht-- u n g e n in Augenschein zu nehmen, die allseitige lebhafte Anerkennung fanden.
Esten a. d. Ruhr, 27. Sept. Vom Kaiser ist auf das Huldigungstelearamm, welches der 34. Kongreß für Innere Mission in Esten ab- sandte, folgende Antwort eingegangen: „Für die treuen Grüße von Herzen dankend, verfolge ich die Arbeit der Inneren Mission, von deren ersprießlichen Wirkungen ich voll durchdrungen bin. Mit meinem lebhaftesten Interests wünsche ich ihr Gottes reichsten Segen. Wilhelm I. B."
Deutsches Reich.
. — Das Befinden des Großherzogs von Baden. Konstanz, 25. Sept. Das heutige
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aber erfolglos bleiben wüsten. In einer Stunde tiefer Niedergeschlagenheit hatte sie den traurigen Brief an die Mutter geschrieben, sich aber dann ihrer Mutlosigkeit geschämt. Noch einmal war sie nach Liverpool zurückgekehrt, noch einmal hatte sie sich auf die Suche begeben, und nun war ihrer Ausdauer der Lohn geworden.
Die „Etruria" war von ihrer Reise nach Amerika zurückgekehrt und lag zu einer neuen Fahrt gerüstet im Hafen. Seraphine nahm ein Boot, um sich nach dem Dampfer rudern zu lasten und Nachfrage nach der Verschwundenen zu halten. Niemand konnte ihr aber Auskunft geben, und tief verstimmt bestieg sie das ihrer zur Rückfahrt harrende Boot.
Während der Fahrt hötte sie, wie einer der Bootsleute zum anderen sagte: „Das ist auch eine Deutsche, wie die, welche wir ins Hospital gebracht haben, ob sie wohl noch leben mag?"
„Elaubs schwerlich," erwiderte der andere, aber schon war Seraphine aufgesprungen und rief: „Was für eine Deutsche war das? O, erzählt mir alles, ich suche eine junge Landsmännin und will Euch gern reichlich belohnen."
„Desten bebarf’s nicht, Miß," erwiderte der Schifter, indem er sich Mühe gab, fein Englisch dem Verständnis der Ausländerin anzupasten, »wir erzählen Ihnen schon so, was wir wisten." Er und sein Gefährte berichteten nun abwechselnd von der jungen Deutschen, die, als die „Etruria" soeben die Anker lichten gewollt, von der Treppe herab noch in ihr Boot gesprungen sei und ans Land zurück verlangt hätte. Ehe sie dasselbe erreicht hätten, sei sie aber bewußi- ws zusammengesunken und von ihnen nach dem Frauenhospital gebracht worden.
Noch ein paar Fragen und Seraphine konnte kaum daran zweifeln, daß sie Gertrud entdeckt bade; ab«: ihre Freude ward sehr gedämpft vutch die bange Frage: würde sie eine Lebende anftessen oder nur etn Grat- ,
Bulletin über das Befinden des Eroßherzogs i# der verflossenen Nacht lautet wesentlich ungünstiger. In der Umgebung des Kranken ist die Stimmung eine außerordentlich gedrückte. Gestern Nacht y2ll Uhr, als die Großherzogin im Begriff war, sich zurückzuziehen, trat große Herzschwäche ein, die das Schlimmste befürchten ließ und bis 1 Uhr anhielt. Wie jeden Morgen, war auch heute das Allgemeinbefinden ein etwas besteres. Die Aerzte fasten übrigens die schwere Nacht nicht so schlimm auf und führen die beschleunigte Herztättgkeit auf das längere Anhalten des Bewußtseins zurück. Das subjektive Befinden wird auch durch asthmatische Erscheinungen beeinträchtigt. Heute Mittag war der Zustand des Großherzogs wieder bedenklicher. Es hatten sich Schmerzen und Atemnot eingestellt. Der Besuch auf der Mainau mit dem Schiffe war heute ein größerer. Nahezu der gesamte Hofstaat ist heute hier eingetroffen. Rüh, rend war gestern die Freude der Großherzogin, als sich das Befinden des Eroßherzogs plötzlich gehoben hatte. Sie ließ die Orgel in der Schloßkirche spielen und weit die Türen öffnen, damit die Klänge auf der Insel gehört würden. — Konstanz, 26. Sept. Die Stimmung auf der Insel Mainau war gestern Abend eine freudig gehobene, da der letzte Bericht ziemlich günstig lautete. Nach dem Urteil der Professoren handelt es sich vornehmlich darum, die Herztätigkeit in ruhige Bahnen zu lenken. Die Großherzogin, die mit der Dienerschaft allein, ohne Schwestern, die Pflege vollzieht, hat gestern eine kurze Seefahrt unternommen. In maßgebenden Kreise« rechnet man jetzt schon mit einer Stellvertretung durch den Erbgroßherzog, da die Rekonvaleszenz naturgemäß eine lange sein dürfte. Auch Pessimisten hoffen tatsächlich auf die Möglichkeit der Wiederherstellung, die allerdings als ein Wunder bezeichnet werden müßte. Die nächsten Tage werden nach der einen oder anderen Seite die Entscheidung bringen.
Mainau, 27. Sept., 8 Uhr vormittags. (Eigene Drahtmeldung). Im Laufe der Nacht hat ein neuer Anfall von Herzschwäche die Kräfte des Eroßherzogs erschöpft Seit Sonnenaufgang liegt der hohe Patient in ruhigem Schlummer, (gez.) Dr. Fleiner, Dr. Dreßler.
— Wechsel im preußische» Kultusministerium. Berlin, 27. Sept. Dem Ministerialdirektor im Kultusministerium Dr. A l t h o f f ist der erbetene Abschied bewilligt worden unter der Berufung ins Herrenhaus und der Ernennung zum Kronsyndikus. Die Amtsgeschäfte Althoffs werden verteilt unter den Unterstaatssekretär Wever und die vortragenden Räte Geheimräte Naumann und Schmidt. Geheimrat Nauman« ist gleichzeitig zum Ministerialdirektor -ernannt worden. — Das Abschiedsgesuch Dr. Althoffs wurde unter dem 23. d. M. genehmigt. Der Verdienste Dr. Althoffs hat der Kaiser
Sie eilte nach dem Hospital und fragte nach Fräulein Gertrud von Kauffel. Man kannte dort eine Patientin dieses Namens nicht, aber jetzt ließ sie sich nicht abweisen. Sie beschrieb die Freundin, sie nannte den Tag, an welchem sie durch Schiffer hierher gebracht worden sei. und nun gab die Oberin zu, daß man eine solche Patientin allerdings hier verpflegt habe.
„Und befindet sie sich noch hier?" fragte Seraphine, und die Angst raubte ihr fast ben Atem; als aber bie Antwort gelautet: „Sie ist hier unb in voller Genesung," ba hatte sie die mühesam behauptete Kraft verlassen. In Tränen ausbrechend war sie auf einen Stuhl gesunken. Mit aller Vorsicht war bann eine Begegnung zwischen den beiden jungen Mädchen herbeigeführt worden; so schonend Seraphine der Freundin aber die stattgehabten Ereignisse beigebracht hatte, so war sie doch, als sie alles erfahren, in eine tiefe Ohnmacht gesunken.
„Meinen Schreck, die Aufregung im Hospital, die Vorwürfe, die ich bekam und die ich mit selbst machte, vermag ich Euch gar nicht zu beschreiben," erzählte Seraphine. „Ich fürchtete, sie getötet zu haben, unb die alte Wärterin i» bet großen Haube staub mit geballten Fäuste« vor mir unb herrschte mir zu: „You bare killet! her.“ (Sie haben Sie getötet.)
Der Uebergang vom tiefsten Ernst in die Komik bieser Nachahmung hatte etwas Ueber« wältigendss. Alle brachen in ein lautes Gelächter aus und Gertrud sagte: „Es war mit zum Heile, es riß mich nach oben", kann ich mit Schillers Taucher sprechen. Als ich aus der Ohnmacht zu mir kam, war ich eine andere, meine Willenskraft war zurückgekehrt, ich wollte handeln und erklärte, daß ich sogleich abreisen werde."
„Leider war der Geist willig, aber das Fleisch schwach," erklärte Seraphine, „wir mußte« «och ei« paar Tage zöger«.- (Fortsetzung folgt.) .