Einzelbild herunterladen
 

MchjW

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

LonutaaSbeilaaerÄLuktrirte» Esrr«taaZM«rtt. 77 W

Jo 224

»ierteljährlichrr Bezugspreis: bet ver Erpedition 2 ML, bet alle« Postämtern 2,25 Mk. (egci, Bestellgeld).

AnsertionSgebühr: tie gespaltene Zelle oder deren Raum IS Pfg.

Reclamen: die Zeile 20 Lrg.

Marburg

Dienstag, 24. September 1907.

Erscheint wSchenüich siebe« mal.

Druck und Verlag: Joh. Aug. Koch, UmverfitätS-Buchdruckerei 42. Jahrg.

Marburg, Markt LU Telephon ob.

Die nächste» Aufgaben des Bundesrats.

F Wie bereits mitgeteilt, ist der Bundesrat ffür den 3. Oktober zur Plenarsitzung nach Berlin Unberufen. In dieser Herbsttagung wird der Wundesrat vor schwerwiegende Entscheidungen jgestellt werden. Nachdem er noch kurz vor der ßommervertagung die Novelle zum Reichsvieh- ßeuchengesetz und den Entwurf über die Erleich- zerung des Wechselprotestes angenommen, zwei Vorlagen, die dem Reichstage gleich nach der Wiederaufnahme seiner Sitzungen zugehen wer­den, hat er inzwischen die Börsengesetz- jnovelle und die Novelle zur Eewerbe- p r d n u n g zur Beratung und Beschlußfassung zugestellt erhalten. Schon diese beiden Entwürfe jsind ebenso wichtig wie umfangreich. Bei beiden goird es darauf ankommen, die verschiedensten ^Einzelheiten eingehend zu erörtern und Formu­lierungen zu finden, die den in der Praxis her- porgetretenen Bedürfnissen den richtigen gesetz­geberischen Ausdruck geben. Die Eewerbeord- nungsnovelle umfaßt dazu recht heterogene Dinge. Wie schon mitgeteilt, beschränkt sie sich nicht auf die Regelung sozialpolitischer Fragen, und selbst unter den letzteren beschäftigt sie sich ,mit so verschiedenen Problemen, wie es die Er­weiterung des Schutzes für die Arbeiterinnen und die Ordnung der Heimarbeit sind. Der Bun­desrat wird recht eifrig arbeiten müssen, um diese Entwürfe dem Reichstage bald nach dessen Wiederzusammentritt zugehen lassen zu können. Dazu nun dürfte er schon in naher Zeit das Reichsvereinsgesetz im Entwurf zuge­stellt erhalten. Die Vorarbeiten dazu sind soweit Vorgeschritten, daß die Feststellung des endgil- tigen Entwurfs in Aussicht steht. Obgleich na­türlich zwischen den Regierungen wegen der Einzelheiten dieses Entwurfs schon früher Füh­lung genommen ist, wird seine Erörterung im Bundesrate doch sich kaum ganz glatt vollziehen lassen. Also auch in dieser Richtung wird für den Bundesrat eine umfassende und eingehende Arbeit entstehen. Der Rerchshaushalts- etatfür1908 wird dagegen noch einige Zeit auf sich warten lasten. Es ist nach dem gegen­wärtigen Stande der Vorarbeiten kaum anzu­nehmen, daß der nächstjährige Etatsentwurf dem Bundesrate in den ersten Einzeletats weit vor Mitte November zugehen wird. Wie schon aus­geführt, liegen diesmal wegen der durchaus not­wendigen Erhöhungen verschiedener Ausgaben und wegen Mangels an Deckungsmitteln beson­dere Schwierigkeiten für die Etatsaufstellung vor. Die organische Neuregelung der Beamten­gehälter, wie sie für eine nahe Zukunft geplant ist, hat allein eine bedeutende Erweiterung der

46 «Nachdruck verboten.).

In den Fluten.

i Roman von Jenny Hirsch.

&. '(Fortsetzung).

«: - 15.

Der Mxichtssaal bot nach der Pause dasselbe Bild wie-Pvrher, nur mit dem Unterschiede, daß sich jetzt, wenn irgend möglich, noch mehr Zu­schauer hineingezwängt hatten. Die drei Unzer­trennlichen, Bauer, Melnik und Dietel, hatten auch, und zwar Melnik zwischen seinen Leiden Freunden, unter den übrigen Zeugen Platz ge­nommen: nur Förster Dorn hatte sich einen ent­fernteren Platz im Zuschauerraum gesucht. Dort saß er neben Frau Eltcster, um welche er mit der Sorgfalt und Zärtlichkeit eines Sohnes be­müht war.

Nachdem der Gerichtshof und die Geschwore­nen in den Gerichtssaal eingetreten waren" und üjre Plätze wieder eingenommen hatten, auch der Angeklagte von neuem hereingeführt wor­den war, eröffnete der Präsident die Sitzung und erteilte dem Staatsanwalt das Wort. Dieser, rin noch junger, vom lebhaftesten Streben er­füllter Mann, erhob sich und gab mit gehal­tener, etwas verschleierter Stimme, die sich aber, je länger er sprach, und je mehr er in Eifer ge­riet, steigerte und ungeschwächt anderthalb Stunden aushielt. Aber nicht nur durch den Dottrag war die Rede ausgezeichnet, sie wirkte In noch weit höherem Maße durch ihren Scharf­sinn, ihre Dialektik und das darin zutage tre­tende Studium des menschlichen Herzens. Der Staatsanwalt schien sich in die Seele des Ange­klagten völlig hineingelebt zu haben. Er M- derte seine Kinder- und Jugendliebe zu Gertrud von Kauffel, sein Streben und Ringen, sie zu gewinnen, sein Straucheln und Fehlen und er verdammte es nicht, sondern entschuldigte es vielmehr. Er ließ sogar die Annahme gelten, daß nach Eltesters Rückkehr in seinen Heimat-

Vorarbeiten im Gefolge. Für die Erledigung seiner übrigen Gesetzgebungsarbeiten wird somit dem Bundesrate der Oktober und etwa der halbe November zur Verfügung stehen. Und dabei wird man nicht vergesten dürfen, daß auch aus dem Verwaltungsgebiete ganz umfastende Ar­beiten der Erledigung durch den Bundesrat harren. Hierzu sind in erster Linie die großen Revisionen zu rechnen, die an den Ausführ­ung sanw ei su n g en zum Zolltarif vorgenommen werden sollen. Die Vorarbeiten bei der Um- und Ausgestaltung des Amtlichen Warenverzeichnistes zum Zolltarif werden schon längere Zeit an den zuständigen Regierungs­stellen im Reiche und in Preußen vorgenommen. Sie dürsten bald zum Abschluß gelangen. Dann wird sich der Bundesrat mit der Novelle zu be­fassen haben. Die Revisionsarbeiten für das Statistische Warenverzeichnis sind erst vor kur­zem eingeleitet. Sie brauchen aber zur Beendig­ung nicht ganz so lange Zeit, wie die für das Amtliche Warenverzeichnis und werden also auch binnen kurzem den Bundesrat beschäftigen. Dazu kommt eine ganze Reihe anderer Eesetz- gebungs- und Verwaltungsmaßnahmen, die be­reits in der Vorbereitung begriffen sind, und schließlich durch den Bundesrat erledigt werden müssen. Dieser Eesetzgebungsfaktor wird deshalb nicht weniger als der Reichstag, der gleichfalls vor schwerwiegenden Entscheidungen steht, im Herbst und im Winter ganz außerordentliche Arbeit leisten müssen, um den an ihn gestellten Aufgaben völlig gerecht zu werden.

Deutsches Reich.

Der Kaiser begab sich, wie aus Posen ge­meldet wird, nach Beendigung der Festungs- kriegsLbung, über die er sich lobend ausgespro­chen, am Sonnabend Vormittag im Automobil zur Besichtigung des Neubaues des Königlichen Schlosses und traf daselbst um 10 llhr 20 Min. ein, wo er vom Oberhofmarschall Grafen Eulen­burg, dem Polizeipräsidenten v. Hellmann, dem Geh. Baurat Professor Schwechten. Baumeister Buhm und den Herren der Bauleitung empfan­gen wurde. Unter Führung dieser Herren er­folgte eine eingehende Besichtigung des Scklosses. Der Kaiser sprach sich sehr befriedigt über die Ausführung und die Fortschritte des Schloß- Neubaues aus. Der äußere Eindruck des impo­santen Bauwerkes wurde durch das prächtige Wetter sehr begünstigt. Nach dem äußeren Rundgang wurden auch die Innenräume an der Hand der vom Geh. Baurat Schwechten erläuter­ten Zeichnungen und Modelle eingehend in Augenschein genommen. Beim Abschied wurden dem Kaiser photographische Aufnahmen von der Bauausführung überreicht. Um 11 Mr 35 Min. erfolgte die Abfahrt vom Schlösse. Beim Ein­steigen in das Automobil nahm der Kaiser von

lichen Wald das bessere Gefühl, die Liebe zu Gertrud wieder die Oberhand gewonnen habe. Er hatte den Entschluß gefaßt, ihrer würdig, ihr treu zu fein, nun aber kam der Fluch der bösen Tat. Die verlassene Braut rächte sich an ihm, sie schrieb Briefe an Gertrud und deren Schwa­ger und gab diesem, welcher der Heirat feindlich gesinnt war, die willkommene Waffe in die Hand. Die tief beleidigte Verlobte brach mit ihm, wies jeden seiner Versuche, sich zu rechtfer­tigen, schroff zurück und brachte ihn dadurch zur Verzweiflung, die sich bis zur Raserei steigerte. Dabei war das beklagenswerte junge Mädchen unklug genug, ihre einsamen Spaziergänge nicht einzustellen: sie wollte ihm nicht aus dem Wege gehen, sondern ihm zeigen, daß er für sie fortan ein völlig Fremder geworden sei.

Was sie selbst dabei gelitten, fuhr er fort, das sei durch die Aussagen einzelner hier vernom­mener Zeugen mehr angedeutet als geschildert worden. Auch er habe keine Veranlassung, näher darauf einzugehen, wohl aber müsse er darauf Hinweisen, daß ein solches Verhalten die un­seligste Wirkung auf den Angeklagten hätte aus­üben müssen. Er habe die furchtbarsten Droh­ungen ausgestoßen und fei, als sich die Gelegen­heit geboten, von diesen zu der schauervollen ent­setzlichen Tat übergegangen. Seine Hand fei es gewesen, welche das junge Mädchen in den See geschleudert habe.

Vis zu diesem Punste hatte die Rede mehr das Gepräge der Verteidigung als der Anklage gehabt. Alles, was der Staatsanwalt sagte, klang, als wolle ein Anwalt, welcher daran ver­zweifelte, die Freisprechung seines Klienten zu erlangen, für ihn das Mitleid rege machen und ihm wenigstens mildernde Umstände verschaffen. Nun aber ging er zum Angriff über. Nicht in der Tat selbst, obwohl diese geftraft werden müsse, liege die schwerste Schuld des Angeklag­ten, denn sie sei das Ergebnis einer wahnsin­nigen Leidenschaft sondern in der Art und Weise, wie er diese Schuld verbergen und von

zwei Schulkindern Blumensträuße entgegen und fuhr, von der Volksmenge begeistert begrüßt, zum Hauptbahnhof, wo um 11 Uhr 40 Min. die Abfahrt nach Königsberg erfolgte.

Am gestrigen Sonntag Vormittag wohnte der Äeifer in Königsberg der feierlichen Einweihung des wieder hergestellten Doms, der einstigen Kathedrale des Bistums Samland bei.

Reichskanzler Fürst v. Bülow hat auf die llebersendung des vom Vorbereitungsausschuß für den Gegenbesuch der englischen Journalisten veranlaßten Buches von Dr. Grunwald .Deutschland in englischer Beleuchtung" aus Norderney mit einem Schreiben geantwortet, worin es nach Mitteilung derKöln. Ztg." u. a. heißt:Ich habe die Arbeit nickt dutcksthen können, ohne mich dankbar der Verdienste zu er­innern, die Sie mit den Herren des Ausschlusses sich um das Gelingen dieser Reise der englischen Preßvertreter nach Deutschland erworben haben. Die Auffassung, daß die damals ausge­tauschten Eindrücke in der öffentlichen Meinung beider Länder günstig nachwirken, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen." Der Brief schließt mit dem Wunsche, daß die deutsche Presse auch fernerzu der schönen und ernsten Auf­gabe an einem besseren Einverständnis zwischen dem deutschen und englischen Volke tätig mit- wirke."

Im Befinden des Eroßherzogs von Baden ist keine Besserung zu verzeichnen. Der hohe Patient ist matt und schlummert viel. In den Funktionen des Körpers machen sich Folgen der unzureichenden Herztätigkeit bemerkbar.

Staatsminister von Wurmb f- Der wei- marische .Staatsminister v. Wurm, Departe- mentschef der Abteilungen des Innern und de? Aeußern, ist gestern vormittag gestorben. Er bekleidete auch die Würde eines Kammerherrn des Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen und war Ritter des Johanniterordens.

Der Rheinisch-Westfälische Sparkassen­tag, welcher in voriger Woche in Koblenz abge­halten wurde, nahm nach einem_ Vortrage des Beigeordneten Ottermann - Düpeldorf über Scheckgesetz und Svarkassen" einstimmig folgen­den Beschluß, an:Die Svarkassen find angesichts ihres erheblichen Barverkehrs geeignet und be­rufen, an der im allgemeinen wirtschaftlichen Interesse zu erstrebenden Einschränkung des Bargeldumsatzes durch Einführung des Scheck­verkehrs mitzuwirken. Bei Erlaß eines Ccheck- gesetzes hält deshalb bei Verband sowohl im wirtschaftlichen Interesse wie auch im Interesse der Svarkassen selbst die beabsichtigte gesetzliche Einführung der passiven Ccheckfähigkeit der Sparkassen für notwendig."

Maßregelung eines russische« Konsuls. Lübeck, 21. Sept. DieAmtlichen Lübeckiichen Anzeigen" melden, daß das russische Ministerium des Auswärtigen das viel besprochene Vorgehen des russischen Staatsrates von Fedotschenko, der

sich abzuwälzen gesucht habe, in dem Lügenge­webe, das er mit Hilfe seiner Mutter entworfen, in den Beschuldigungen, die er ganz versteckt und die seine Mutter heute sogar durch handgreif­liche Anspielungen gegen hochacktbare Personen geschleudert habe. Er behalte sich etwaige An­träge zu diesem Punkte noch für später vor: jetzt wolle er aber nur alle die Behauptungen unter­stützenden Angaben, Fräulein von K-uffel lebe noch und sei mit Wissen und Beihilfe cs Ange­klagten entflohen, etwas näher beleuchten.

Er tat dies, indem er die Angaben Georgs und seiner Mutter eine nach der anderen auf- nahm und mit einer solchen Schärfe und Ironie widerlegte, daß jedermann der Meinung war, der Angeklagte sei jetzt selbst von ihrer Unhalt­barkeit überzeugt und werde bei der nächsten Aufforderung des Präsidenten ein reuevolles Geständnis ablegen, wenn auch auf seiner finster zusammengezogenen Stirn * und um den trotzig zusammengepreßten Mund noch nichts von einem solchen Entschluß zu lesen war.

Die Leiche seines Opfers wird gefunden," sprach der Staatsanwalt weiter,aber selbst an­gesichts derselben bleibt der Angekalgte bei sei­nem Märchen. Ja, er schöpft aus der zufälligen, furchtbaren Verstümmelung der Leiche sogar den traurigen Mut, die Identität zu bestreiten, die von den Angehörigen anerkannt, so unbedingt anerkannt wird, daß man der Verstorbenen im Familiengewölbe neben dem verstorbenen Ge­heimrat von Kauffel und seiner Gemahlin die Ruhestätte bereitet. Er bleibt bei seinem Mär­chen, trotzdem er weiß, daß et durch seine Tat auch der Schwester seines Opfers den Todes- streich versetzt hat. Gegen diesen verstockten Sünder erhebe ich jetzt die Anklage, gegen ihn beantrage ich das Schuldig und ich vertraue dar­auf, daß die Herren Geschworenen es einstimmig aussprechen werden."

Mit einer Miene, welche bescheiden sein sollte, in der aber ein gewisser Triumph nicht zu unter- j drücken war, setzte der Staatsanwalt sich nieder. |

in einem Hamburger Blatte das Verhalten der Mitglieder des Lübecker Senates in höchst un­passender Weise kritisierte, mit ganzer Entschie­denheit desavouiert habe. Fedotschenko sei seit dem 26. Mai von demPosten eines rusfischenKon- suls in Lübeck enthoben und habe seitdem keinen: anderen diplomatischen oder Konsularposten tm russischen Staatsdienste bekleidet. Durch bie mit bemerkenswerter Schnelligkeit abgegebenen 'Er- .Körungen fei die Angelegenheit in befriedigen­der Weise erledigt, bie bem Interesse Lübecks unb ben Jahrhunderte langen ausgezeichnete« Beziehungen zwischen Lübeck und Rußland ent­spreche.

Prozeß Roeren-Schmidt. Die Ilrteilsvef kündigung ist auf ben 28. d. Mts. festgesetzt worden.

Mangelndes politisches Interesse im so­zialdemokratischen Saget! In dem Berichte der Sächs. Arb.-Ztg." über eine Versammlung, die in Freiberg stattgefunden bat, heißt es am Eingänge u. a.:Vor Beginn des Referats gab der Referent seinem Unwillen über ben außer­ordentlich schlechten Besuch bet Versammlung rm scharfen Worten Ausdruck. Das war nur zu be­rechtigt. Es fehlte sogar der größte Teil bee Kartelldelegierten und der Vertrauensmänner« Auch Parteigenossen, die mit an der Svitze stehen, hielten es nicht für nötig, in die Ver­sammlung zu kommen." Sehr richtig bemerS hierzu ein nationales Berliner Blatt: Wir kön­nen es ben Freiberger Genossen nickt verübelt^ wenn sie die schon hundert Mal gehörten soziali­stischen Litaneien nickt zum hundertunderste« Male wieberhöien wollen.

Die deutschen Stadtverwaltungen bie besten bet Welt. In einer Ansprache auf bem Iahreskonvent bes Verbandes der amerikani­schen Stadtverwaltungen auf her Iamestowner Ausstellung verglich Kontreadmiral Chadwick bie amerikanischen mit ben europäischen Stabt* Verwaltungen und Bemcknest M« deutschen Verwaltungen als bie bellen der Welt.

Ei« französischer Offtzier Über bie beut« scheu Kaisermanöver. Wie aus Paris berichtet wird, hat auch Heuer wieder bet Schwiegersohn Boulangers, Major Driand, als Berichterstatter bet ZeitungEclair" ben Kaiiermanövem bei­gewohnt. Major Drianb, bet insbesondere bes Overationen bet 13. Division beiwohnte, sprichst sich zunächst eingehenb über bie Durchführung des neuen Realements bezüglich des Felddienlles bet Infanterie aus, bas darin gipfelt, sich f« raich wie möglich an bie Front bes Feindes hsranzuarbeiten. Driand ist aber der Meinung^ daß die deutsche Infanterie für eine solche An­griffsmethode, welche große Anforderungen a« die Selbständigkeit und die individuelle Auffas­sung jedes einzelnen Kämpfers stelle, noch nicht geeignet fei, obfckon diese neue Methode überall in Anwendung kam. Ueberrasckt bat es ben Framostn. daß bie deutschen Truvpenkolonne« nur von einem, aus wenigen Wagen bestehende« Troß Begleitet werden, was zur Erhöhung ihrer

Er durfte mit der Wirkung seiner Rede zn- frieden fein, der Sieg schien so gut wie gewon­nen, unb mit einer Art von Mitleid schaute et auf Dr. Pfeiffer, der, nachdem er mit bem Ange­klagten geflüstert hatte, einige Papiere ordnet« und sich nun anschickte, seine Verteidigungsrede zu Balten.

In diesem Augenblick näherte sick ihm ei» Gericktsbote und übergab ibm einen Brief, dem er leise eine mündliche Bestellung Beifügt«, Pfeiffer überflog das anscheinend nur wenige Zeilen schreiben. ast am et i«

eine große Bewegung, bie er nur mühsam be­herrschte, als er an den Präsidenten herantrak und diesem das Blatt überreichte. Auch dieser fuhr, nachdem er es gelesen hatte, betroffen zu­rück. und seine Stimme hatte nickt die gewohnt« Festigkeit, als er ben Eerichshof aufforderte« zur Beratung eines soeben eingetretenen Zwi­schenfalles sich zurückzuziehen.

Unter ben Zuschauern entstand ein lebhaftes Flüstern: niemand wußte, was sich gugetrage« haben könne, und doch ahnte jeder, es müsse et­was Besonderes fein, etwas, das auf ben Gang bes Prozesses vielleicht noch eine ganz unvorher­gesehene Einwirkung ausüben könne. Man wat daher ziemlich enttäuscht, als bet Präsident ver­kündete, es habe sich nachträglich noch ein Zeug« gemeldet, dessen sofortige Vernehmung der Ge­richtshof mit Zustimmung des Staatsanwaltes und des Verteidigers beschlossen habe.

Dieser Zeuge ober vielmehr diese Zeugen wurden jetzt eingesührt, denn es waren zwek jugendliche, ziemlich gleich in Grau und Schwarz gekleidete Frauengestalten, welche durch die hin­ter bem Tische der Richter befindliche Tür in beit Saal geführt wurden und vor die Schranken traten.

beit Schleier zurück, unb von der Anklagebank wie von bem Sitze bet Zeugen und dem Zuschauerraum ertönte gleichzeitig bet Ruf:Gertrud Gertrud von Kaufte!!*

(Fortsetzung folgte