mit dem Kreisblatt für die Meise Marburg und Kirchhain.
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Marburg
Mittwoch. 11. September 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Slug. Koch, Universitäts-Buchdruckerei 42. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Erkies Blatt.
Vom Kaisermanöver 1907.
Am 9. Septeniber begannen die großen Manöver der beiden Armeekorps, des 7. und 10., die unlängst in Hannover uub Münster in Parade vor dem Kaiser standen. Sie sind verstärkt durch einberufene Reservisten und durch Zuziehung von Truppenteilen benachbarter Korps. Es ist das dritte Mal, daß die beiden Armeekorps im Frieden ihre Kräfte messen. Bereits im Jahre 1889 und im Jahre 1898 fanden Kaisermanöver im Wesergebiete statt. In dem gottgesegneten Fleckchen Erde, im Osten des Westfalenlandes, das von der Weser und ihren Nebenflüssen durchzogen wird, werden sich auch die diesjährigen Kaisermanövcr zwischen dem 7. und 10. Armeekorps abspielen. Zu den Hauptereignissen wird cs vermutlich in dem zwischen Münster, Hannover und Cassel gelegenen Gelände kommen. , Diese Gegend ist landschaftlich außerordentlich schön und reizvoll, gebirgige Höhen- züge und idyllische Täler wechseln mit einander ab, aber gerade dadurch werden an die Leistungsfähigkeiten unserer Truppen ganz besonders hohe Anforderungen gestellt, lieber die Truppenstärke ist noch nichts Genaues bekannt. Dir Manövervorbereitungen sind diefes- mal mit einem Schleier des Geheimnisses umgeben worden, der nur ganz allgemeine Schlüsse auf das, was an Besonderem und Neuem gs- oten werden soll, erlaubt. Die Infanterie wird wahrscheinlich Feldküchenwagen mitführen und. mit ihren Kompanie-Patronenwagen Versuche iner anderen Ausgabe der Reservemunition an Vw kämpfenden Truppen machen. Ob sich- Ver- inchs-'Maschinengewchrabteilungen bei den Infanteriedivisionen befinden werden, ist nicht vorauszusagen, denn diese im Prinzip sicherlich be- sthlosiene Neueinführung wird, trotzdem diese Gewehre schon im Sommer auf der Senne im Marsch und im Feuer gesehen werden konnten, wie es scheint, vom Kriegsministerium so geheim gehalten, daß man sie vielleicht den fremdlündi- schen militärischen Zuschauern nicht zeigen will.
Weniger zu verbergen gibt es bei der Feldartillerie. Die Ilmbcwaffnung mit dem Rohr- rücklausgeschütz ist vollendet. Vor einem Jahre in Schlesien führte mir das Lebrregiment der Feldartillerie-Schießschule aus Jüterbogk die neuen Robrrücklaufkanonen mit dem graugrünen Anstrich. In diesem Jahre werden alle 70 Batterien der beiden Korps gleichmäßig mit dem neuen Geschütz ausrücken.
Die Kavallerie erhält mehrere Trupps Kavallerie-Pioniere zugeteilt. Man wird sie daran
35 M-rchd- "ck verboten.!
In den Fluten. -
Roman von Jenny Hirsch.
(Fortsetzung).
Kaum .saß Melnik im Wagen, so verschwand der hochfahrende Ausdruck seines Gesichts, statt dessen malten sich Angst und Unruhe in seinen Zügen. ^„Verwünscht!" stöhnte er und knirschte mit den- Zähnen. Aufgeregt murmelte er einige unverständliche Worte vor sich hin, doch gelang es ihm nicht, sich zu beruhigen, denn sein Gesicht war erschreckend bleich, als er den Wagen verließ, um den Rest des Weges wieder zu Fuß zurückzulegen.
Er durchschritt ein paar der verkehrsreichsten Straßen und blieb in der Eeorgenstraße vor einem Schaufenster stehen, wie unwillkürlich gefesselt von den darin ausgelegten Gegenständen. Der Laden war nur klein und schien sich unter hen rechts und links davon belegensn prächtig ausgestatteten Magazinen, in welchen Mode- Ivaren und Möbelstoffe feilgebotsn wurden, völlig zu verkriechen, übte aber auf den Liebhaber und Kenner eine große Anziehungskraft aus, denn er enthielt Raritäten und Antiquitäten der mannigfachsten Art.
Melnik trat in den Laden. Er hatte schon öfter bier verkehrt und manches seltene Stück nach Hause getragen; heute hielt er sich jedoch bei der Betrachtung der einzelnen Stücke nicht auf, sondern bat einen der im Geschäft anwesenden jungen Leute, ihm die im Schaufenster befindliche Schildplattdose mit dem weiblichen Miniaturporträt herzulangen.
„Sie sind ein feiner Kenner, Herr von Melnik," sagte der Verkäufer, eirt schmächtiges Bürschchen von etwa zwanzig Jahren mit einem blassen schmalen Gesicht voll Sommersproffen, mit weißblondem Haar und sehr hellen Augen, an welchen die Wimpern nur sehr spärlich waren und die Brauen beinahe ganz fehlten. „Sie Suchen sich sofort unser feinstes Stückchen heraus.
erkennen, daß sie anstelle des Helms die Mütze mit Kinnriemen, an Stelle des Waffenrockes dis graue Litewka, an Stelle der hohen Stiefel Gamaschen mit Anschnallsporen tragen.
Die Traininspektion in Berlin hat die Aufgabe gehabt, für die beiden übenden Korps das Aufsichtspersonal und die Pferde zusammen- zu stellen. Es sind im ganzen 14 Trainbataillone, darunter auch das Garde-Bataillon, zur Aufstellung der Kolonnen herangezogen worden. Zahlreiche Reserve-Offiziere des Trains, aber auch der Feldartillerie und der Kavallerie sind aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet eingezogen worden, um sich in diesem Kaisermanöver mit den Aufgaben vertraut zu machen, die ihnen im Mobilmachungsfalle zugcwiesen werden.
Zum ersten Male werden Scheinwerfer zur Verwendung kommen, und zwar in verschiedenen Systemen, deren Brauchbarkeit hier die Probe bestehen soll. So hat Zeiß-Jcna einen verbeffer- ten Scheinwerfer konstruiert, welcher unter Benutzung von Acetylen die Möglichkeit bietet, in dunkler Nacht das Vorgelände bis auf 4000 Mir. in einer Breite von 150 Meter so zu erhellen, daß ein sicheres Schießen möglich ist. Die Wichtigkeit dieser Erfindung angesichts der voraussichtlichen vielfachen Nachtgefechte in kommenden Kriegen liegt auf der Hand. Das Artillerie- Regiment Minden wird diese Versuche jetzt vornehmen. Gleichzeitig geschieht die Verwendung der Scheinwerfer durch besondere Abteilungen der Signalabteilungcn. Ferner werden wir zuerst die Kavallerie-Pimner-Abteilungen und die mit Motorrädern ausgerüstete Radfahrer-Kompanie, außerdem Fernsprecher - Abteilungen, Luftschiffer-, Funkentelegraphie- und Korpstele- graphen-Abteilungen auftreten sehen. Die Feld- Telegraphenleitungcn werden in großer Schnelligkeit das ganze Manöverfsld überziehen. Ilebrigens bedürfen diese Feldleitungen einer scharfen Ileberwachung, da sie leicht zu Gaunerstreichen ausgenutzt werden könnten: an günstiger Srelle, z. B. im Walde, schaltet jemand eine Leitung ein und gibt fingierte telegraphische Postanweisungen auf. Der Trick ist früher schon mehrfach ausgcführt.
Vom Deutschen Freiwilligen Automobilklub werden sich wieder zahlreiche Herren — etwa 64 — mit ihren Fahrzeugen in den Dienst des Heeres stellen; das Automobil wird wieder erprobt als Transportmittel für Heerführer und Generalstabsoffiziere, * als Begleiter gemischter Patrouillen, und ebenso wird es in Verbindung mit der drahtlosen Telegraphie tätig sein. Mo» torzweirädcr sollen in großem Verbänden bezw. in größerm Umfange zur Verwendung kommen; Automobil-Lastzüge für den Verpflegungsdienst werden wohl auch nicht fehlen.
Das Porträt stellt Maria Mancini, die Nichte des Kardinals Mazarin, die schöne Jugendgeliebte Ludwigs des Vierzehnten dar; es ist von Mignard gemalt —"
„Schon gut, Herr Kretschmann," unterbrach ihn Melnik mit nachlässiger Handbcwegung und der Miene des vornehmen Herrn. „Ich gebe Ihnen das Kompliment in anderer Weise zurück, Sie sind trotz Ihrer Jugend ein sehr feiner Geschäftsmann. Was soll denn diese Dose kosten?" fragte er, das kleine Kunstwerk nach allen Seiten drehend und genau betrachtend.
„Die Faffung des Bildes ist mindestens von ebenso hohem Werte wie die Malerei," fuhr der junge Mann in seiner Anpreisung fort, „und das Schildxlatt der Dose ist von seltener Schönheit."
„Nach diesen Vorbereitungen kann ich mich auf eine exorbitante Forderung gefaßt machen," lachte Melnik und fügte, als dsr Verkäufer den Mund öffnen wollte, um den Preis zu nennen, schnell hinzu: „Nein, laffen Sie nur, ich werde mit Ihrem Vater unterhandeln."
„Wie es Ihnen gefällig ist, Herr Baron, ich werde ihn sogleich herbeirufen."
„Nein, nein, ich werde zu ihm gehen, solchen Handel schließe ich mit ihm am besten unter vier Äugen ab," entgegnete Melsiik scherzend. „Er befindet sich doch in seinem Privatkontor?"
„Aufzuwarten. Gödsche, führen Sie den Herrn Baron," wandte er sich an seinen Gefährten.
Aber Melnik winkte abwehrend. „Danke, danke, ich kenne den Weg, brauche niemand zu bemühen; aus Wiedersehen Herr Kretschmann."
Er schritt mit der Dose in der Hand durch den schmalen Laden und mehrere dahinterliegende, ebenso schmale und mit allerlei Krimskram vollgepfropfte Räume auf eine geschloffene Tür zu, an welche er mit kräftigem Finger klopfte.
Erst nachdem er dies wiederholt und dazu s KMKL WÄÄ
Voraussichtlich wird es sich in diesem Herbstmanöver für die Kavallerie weniger um Attackenreiten — die Monster-Attacken sind ja bekanntlich nicht bloß von ausländischen Fachmännern einer sehr scharfen Kritik unterworfen! — als um eine fortwährende intensive Aufklärung handeln, denn die beiderseitigen Führer verfügen selbständig über die Heranziehung und das Eingreifen der weit im Rücken ihrer Armeen an bestimmten Punkten, für die rote Armee voraussichtlich in Hannover, bercitgehaltenen Verstärkungen.
Reichstag und Preußisches Abgeordnetenhaus.
Während der Zeitpunkt des Wiederzusammentritts des deutschen Reichstages seit langem feststeht, herrscht noch imtjxer Unklarheit, ob der preußische Landtag wie in den Zeiten des normalen Arbeitspensums erst im ersten Drittel des Januar oder den besonderen Aufgaben der kommenden Session entsprechend bereits Ende November oder Anfang Dezember einberufen werden soll. Die „Voss. Ztg." hält zwar, wie wir gestern meldeten, daran fest, daß die preußische Regierung die Absicht habe, wegen des vielen Arbeitsstoffes den Landtag noch vor Weihnachten einzubsrufen. Offiziöse Auslassungen lassen dagegen fast vermuten, daß die preußische Staatsregierung den Landtag ungeachtet der ihrer Lösung harrenden großen und schwierigen Aufgaben am Ende dieses Jahres nicht mehr in Wirksamkeit treten lassen möchte. Würde diese Meldung zutreffen, dann wäre sie gerade im Jn- teresse einer befriedigenden Lösung dieser Aufgaben außerordentlich zu bedauern, und man müßte dann der „Köln. Volksztg." zustimmen, die den Beratungen der nächsten Session des Landtages unter diesen Umständen ein Auto- mobiltempo in Aussicht stellt. Die neue Ostmarkenvorlage, die Neuordnung der Beamtengehälter und die vermutlich notwendig werdende Erhöhung der Einkommensteuer sind so vielumstrittene Arbeitsgebiete, daß bei ihnen ein Automobiltempo nur zum Schaden des Landes ausschlagen könnte. Dabei ist noch im Auge zu behalten, daß mit Rücksicht auf die im nächsten Jahre notwendig werdenden Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause eine reichliche Ausdehnung der Session in den Sommer hinein zur Unmöglichkeit wird. Erfreulicherweise wird ja von den Offiziösen versichert, eine endgültige Entscheidung über den Termin des Wiederzusammentritts des Landtages sei noch nicht gefallen. Man darf also hoffen, daß die preußische Staatsregierung den vorstehenden Erwägungen Rechnung tragen wird.
Man kann jedoch der „Köln. Volksztg." nicht auch dann folgen, wenn sie gegen die im preußischen Abgeordnetenhause üblich gewordene Kontingentierung der Etatsberatung Bedenken ins
schien ein Mann, dessen verjüngtes Ebenbild der Jüngling im vorderen Magazin war. Dasselbe schmale, graubleiche, bartlose Gesicht, dieselben braunen- und wimperlosen Hellen Augen, derselbe blaffe, gekniffene Mund und die lange, wie eigens zum Ausspähen verborgener Schätze geschaffene Nase, auf welcher er aber eine Brille trug. Das weißblonde Haar spielte schon stark ins Graue und war von einer Hausmiitze bedeckt, die er beim Anblick seines Gastes schleunigst vom Kopfe riß.
„Ah, Herr von Melnik," sagte er devot, „welche Ehre! Sie suchen mich in meiner Höhle auf? Warum ließen Sie mich nicht rufen, ich —“
„Machen Sie keine unnützen Redensarten, Kretschmann," schnitt ihm Melnik die Rede ab, indem er ohne Umstände ins Zimmer trat: „Sie wissen recht gut, daß das, was wir miteinander zu besprechen haben, nur hier verhandelt werden kann. Ich habe die Ausrede gebraucht, ich wollte die Dose kaufen und mit Ihnen über den Preis reden, um mich bis zu Ihnen durchzuschlagen," fügte er, das kleine Kunstwerk auf den Tisch legend, hinzu; „fürchte aber, Ihr schlaues Söhnchen hat den Vorwand sehr gut gemerkt."
„Mein Gottlieb ist klug, wird ein tüchtiger Geschäftsmann," sagte Kretschmann geschmeichelt, „bekümmert sich aber nur um den Verkauf im Laden; Sie dürfen ganz ruhig sein. — Um aber sicher zu gehen, könnten Sie ja die Dose kaufen. Sie ist fünftausend Mark unter Brüdern wert."
„Und Sie würden mir dieselbe für viertausend aus besonderer Freundschaft lassen," lachte Melnik, „ich danke verbindlichst."
„Nun, es würde für Sie nicht viel ausmachen, Herr von Melnik, Sie sind ja wieder ein reicher, ein sehr reicher Mann," versetzte der Händler ünd schoß einen lauernden Blick auf Melnik, während er mit seinem Taschentuche das brüchige grüne Leder des unter dem einzigen, nach einem . düsteren Hofe gehenden Fenster des Zimmers steyenden Sofa» abgestäubt und ihm einen Hitz rot, - ' —- -—1 " ■-
Feld führt. Das alte Wort, daß sich der Meister erst in der Beschränkung -jeige, gilt auch für unsere Parlamente. Von solcher weisen Selbstbeschränkung hat das preußische Abgeordnetenhaus seit langem mit Fug Gebrauch gemacht, jedoch ohne daß dadurch die Rechte der Volksvertreter geschmälert worden wären. Die Kontingentierung der Etatsberatung im preußischen Abgcordnetenhause geht bekanntlich zurück auf einen Vorschlag des konservativen Führers Abg. Limburg-Stirnm. Dieser hat seinerzeit ausdrücklich betont, seine Freunde denken nicht daran, auf dein Wege der Kontingentierung dir Minderheitsparteien des Abgeordnetenhauses mundtot zu machen. Und die Entwicklung Hai in der Tat gezekgt, daß den Konservativen nichts so fern liegt, wie ein Mißbrauch ihrer Machtstellung im preußischen Abgeordnetenhaus. Derjenige kennt übrigens die Volksvertreter schlecht, der da meint, ein infolge eines Schlußantrages nicht mehr zum Wort gekommener Abgeordneter wisse nicht doch noch die Gelegenheit zu finden, die einmal vorbereitete Rede doch glücklich an den Mann zu bringen.
Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die Kon- tingentierung der Etatsberatung auch auf den Deutschen Reichstag zu übertragen. Der erste Versuch nach dieser Richtung wurde noch unter dem Präsidium des Grafen Ballestrem im Sem- orenkonvent in Aussicht genommen, scheiterte aber angesichts der dauernden Beschlußunfähig- kett im Zeichen der Diütenlosigkeit. Niemand aber wird behaupten wollen, daß das endlose Klappern der Redemühle den Zuhörer im Wallotbau oder den Leser der Parlamentsberichte entzücken kann. Wenn z. B. um das Gehalt de« Staatssekretärs des Innern vierzehn Tage hindurch gestritten wurde, so hat die Erörterung, in der Regel bereits am vierten und fünften Tage für den Fernstehenden kein erhebliche« Interesse mehr, und ein Schlußantrag miire ,ba von heilsamer Wirkung gewesen. Jetzt, da in- folge der aus dem Reichssäckel fließenden Aufwandsentschädigung der Reichstag anscheinend auf ständige Beschlußfähigkeit rechnen kann, wird man auf die Kontigentierung der Etatsberechnung von selbst wieder zurückkommen zumal man ja künftig schon aus Rücksicht auf die süddeutschen Abgeordneten alle vierzehn Tage Sonnabend und Montag sitzungsfrei lassen will. Die Kontingentierung der Etatsberechnung ist lediglich ein Zeichen, parlamentarischer Selbstzucht, und wenn hier der Reichstag dem Beispiel des preußischen Abgeordnetenhauses folgt, ss wird er damit, ohne die Rechte der Volksvertretung zu kürzen, an Ansehen nur gewinnen können.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser begab sich heute früh 5 Uhr, 30 Minuten im Hofzuge von Wilhelmshöhe ans nach dem Manövergelände. Die sürstlrchen Gaste
„Meinen Sie, entgegnete Melnik in einem Ton', aus dem Kretschmann augenscheinlich nicht recht' klug zu werden vermochte. •
Es müssen vier Millionen, was sage ich. fünf Millionen sein, die der Frau Gemahlin vordem Fräulein Schwester Zugefallen sind, fuh, Kretschmann fort, sie hat bei der seligen yrati Schwiegermutter gelebt und ihre Zinsen langq nicht verbrauchen können, und der Herr Konsul Bauer ihr Vormund, versteht sich daran-, Gerd anzulegen. Ich gratuliere Ihnen, gnädiger Herr."
„Was fällt Ihnen ein!“ tief Melnik. der auf dem Sofa Platz genommen hatte, _ mit alten Zeichen der Empörung in die Höhe fahrend, „wie können Sie bei einem Ereignis, das uns in die tiefste Trauer versetzt hat, einen solchen Ausdruck gebrauchen!"
„Ich bitte tausendmal um Vergebung," entgegnete Kretschmann, den Besucher schlau durch seine Brillengläser anblinzelnd und die von diesem mitgebrachte Dose zwischen den lange« knochigen Fingern drehend. „Der Todesfall ist gewiß sehr, sehr traurig, und ich bin überzeugt, Sie hätten Ihrer Schwägerin gewünscht, st« wäre hundert Jahre alt geworden. Da « Gott doch nun einmal anders beschlossen hat —
Melnik rückte unruhig hin und her und murmelte etwas Unverständliches.
„Weiß schon, was Sie sagen wollen, Herr von Melnik, fällt aber doch ohne Gottes Wille« kein Haar von unserem Haupte. Fräulein von Kauffels Ende war bestimmt," fuhr der Händler salbungsvoll fort „und da es nun Jo gekommen ist, kann man Ihnen doch Glück wünschen, den« diese Schickung macht allen Ihren Verlegenheiten ein Ende. -
Melnik antwortete nicht, sondern starrte auf die graugetünchte Wand, an welcher als einziger Schmuck ein koloriertes Brustbild des König» Georg V. von Hannover hing.
; - - ______(Fortsetzung folgt.?