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mit dem Meisblatt für die Kreise Marburg und KirMuitt
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Marburg
Sonntag. 25. August 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck Md Verlag' Joh. Aug. Koch, UniverfitätS-Buchdruckerei 42. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon ob.
Zweites Blatt.
Rückblick.
Die sog. „stille Zeit" der zweiten Sommer- Hälfte, wo ehedem den Zeitungen der Stoff auszugehen drohte, scheint immer mehr zur Mythe । gu werden,' denn unermüdlich befördert der „ge- i ischwätzige" Draht Meldungen über Neuigkeiten «us aller Welt in die Redaktionen der Tages- ; blätter, die vielfach Not haben, den Stosf- ! andrang zu bewältigen. Insbesondere auf po- ; litischem Gebiete herrscht in diesem Spätsommer eine überaus rege Tätigkeit, wie die Monarchenbesuche und Begegnungen leitender Staatsmänner beweisen, die nachgerade zur ständigen i Einrichtung zu werden scheinen. In den wechselnden Bildern aber, die in den letzten Wochen en uns vorüberzogen, bemerkten wir immer wieder im Vordergründe die wohlgerundete Gestalt Köitig Eduards von England. Nach dem kurzen Besuche des Oheims unseres Kaisers in Wilhelmshöhe, folgte die Begegnung Edes mit dem greisen Kaiser von Oesterreich in Ischl, der sich dann der Empfang des französischen Ministerpräsidenten Clemenceau in Marienbad anreihte. Kaum war dann in halbamtlichen Organen von einer Englandfahrt Kaiser Wilhelms berichtet worden, an der auch der preußische "Kriegsminister teilnehmen soll, so bringt der Draht die Kunde von dem bevorstehenden Besuche des Königs von Italien im kaiserlichen Hauptquartier zu Corvey, das der Kaiser demnächst zu beziehen gedenkt: Die Ankunft König Viktor Emanuels aber erhält dadurch ein beson- iberes Gepräge, daß sie erst nach der Begegnung -wischen Tittoni und Aehrenthal auf dem Semmering stattsinden wird und jedenfalls Tiuch erst nach dem Eintreffen der abessinischen Gesandtschaft erfolgen dürfte, von der gestern berichtet wurde. Gerade in Hinblick auf diese Sendboten des Negus Negesti könnte dem König von Italien ganz besonders an einer Aussprache mit seinem kaiserlichen Verbündeten gelegen sein; denn trotz der schmerzlichen Erfahrungen, die Italien mit seinen Bestrebungen im äthiopischen Reiche gemacht hat, scheint man in Rom noch ■immer nicht den Gedanken aufgegeben zu haben, ^dermaleinst das Alpenland von Habesch seinem ■mageren Kolonialbesitze am Roten Meere in ■irgend welcher Form anfügen zu können. Der '?Regus aber, die Gefahr erkennend, zeigt sich eif
rigst bestrebt, Abesiinien mit seiner uralten christlichen Kultur den neuzeitlichen Einrichtungen und Errungenschaften anzupassen, um sein Reich kräftig zum Widerstande gegen zudringliche Nachbarn zu machen. Möglich auch, daß dem dunkelhäutigen Schoaner bei Entsendung seiner Misiion, die ja vornehmlich Abschlüsse von Eisenbahnbauten zur wirtschaftlichen Erschließung Abessiniens bezweckt, der Gedanke vorschwebt, in Kaiser Wilhelm einen selbstlosen Beschützer seiner äthiopischen Dynastie finden zu können.
Während so der fürfichtige Negus die Zukunft seines Reiches sicher zu stellen sucht, kämpft ein anderer afrikanischer Herrscher verzweifelt um Thron und Land. Es ist der Sultan von Marokko, der sich, wie bekannt, vergeblich müht, einen, jedenfalls durch französisches Gold hervorgerufenen Aufruhr im Innern seines Reiches zu unterdrücken, während gleichzeitig seine ärgsten Bedränger, die Franzosen, unter der scheinheiligen Maske als Schützer der Fremden im Maurenlande, allen Versprechungen zum Hohn, die Eroberung des Maghreb vorbereiten. Die kritische Lage in Marokko, woselbst, wie wir schon gestern aüsführten, wichtige deutsche Interessen bedroht sind, erscheint dadurch in einem besonderen Lichte, daß John Bull, der doch sonst gar eifrig dabei ist, wo es im Auslande etwas zu — schützen gibt, sich auffällig still verhält.
Während sich aber John Bull in diesem Falle als ein guter Freund und getreuer Nachbar erweist — wenn auch ganz gewiß nicht aus selbstloser Hinneigung zur französischen Marianne — so haben wir Deutschen umsomehr über Albions Treulosigkeit zu klagen: denn offenbar ist es ein englischer Schachzug gegen die deutsche Kolonialpolitik, wenn jetzt der verschlagene Hottentotten- hüuptling Morenga mit 300 guten Gewehren wieder in deutsches Gebiet eingedrungen ist oder sich doch dicht an der Grenze unseres südwestafrikanischen Schutzgebietes aufhält, jeden Augenblick bereit, abermals die Eingeborenen zum Rasienkriege gegen die deutschen Ansiedler aufzuwiegeln. Natürlich wird es trotz jener sehr bedenklichen Anzeichen, auf die schon mehrfach hingewiesen wurde, John Bpll nie eingestehen, daß Morengas Flucht und dessen neuer Kriegszug gegen das deutsche Schutzgebiet sein Werk ist, vielmehr sucht er sich geflissentlich von dem Verdachte jeglicher Begünstigung des gefährlichen Hottentotten zu befreien: allein gerade durch seinen übermäßigen Eifer, sich als den loyalen Nachbar hinzustellen, wird er sich bei allen er
fahrenen Afrikanern verdächtig machen. Hoffen wir, daß es unserer Schutztruppe trotz ihres durch Heimtransporte stark verminderten Bestandes recht bald gelingen wird, des englischen Schützlings und Werkzeuges Herr zu werdeni
Gegenüber dieser schmerzlichen Erfahrung auf dem Gebiete der Kolonialpolitik konnte andrerseits hingewiesen werden auf einen schönen Erfolg des nationalen Gedankens in unseren Ostmarken. Wie schon mitgeteitt wurde, hat der kürzlich in Bromberg abgehaltene Deutsche Tag erfreuliches Zeugnis dafür abgelegt, daß die deutsche Bevölkerung der Ostmarken fest ent- schlosien ist, jenen Bestrebungen entgegenzutreten, die darauf abzielen, das Deutschtum aus den früher polnischen Landesteilen zu verdrängen. In diesem Kampfe für die Sache unseres Volkstums können sich die Deutschen in den Ost- marken des Beistandes der preußischen Regierung versichert halten, wie dies ja auch wieder ganz deutlich aus dem in Vromberg eingelaufenen Aniworttelegramm des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten hervorging, dieser nationalen Regung besondere Förderung zu teil werden zu lasten und daß sie alles tun wird, um die Deutschen im Kampfe gegen die großpolnischen Bestrebungen zu stützen. Wenn der Deutsche Tag in seinen Resolutionen die Regierung ausgefordert hat, dem Landtage in seiner nächsten Sitzung einen Gesetzentwurf vorzulegen, der für Posen und Westpreußen das Enteignungsrecht 'anders gestaltet, so sind die Vorbereitungen für eine solche Vorlage seit langem im Gange. Es darf auch jetzt schon als ziemlich sicher angesehen werben, daß ein derartiger Gesetzentwurf den preußischen Landtag in seiner nächsten Tagung beschäftigt wird. Wenn freilich weiter von dem Deutschen Tage in Bromberg für Westpreußen sowie die Regierungsbezirke Frankfurt, Stettin und Köslin die Einführung eines Einspruchsrechts des Staates gegen Eutsübergänge in polnische Hand gewünscht wird, so muß zunächst darauf verwiesen werden, daß ein solcher Wunsch von den zuständigen Regierungsstellen eingehend geprüft ist. Er ist schon früher aus dem Abgeordnetenhause hervorgegangen. Bei der Prüfung haben sich jedoch sehr große Schwierigkeiten herausgestellt, ja so große, daß sie unüberwindlich erscheinen. Sie sind juristischer Natur. Es sind kompetente juristische Stellen um die Abgabe gutachtlicher Steuerungen zu dem Wunsche aufgefordert worden. Die Gutachten haben ergeben, daß ein Einspruchsrecht des Staates bei Bodenverkäufen in der Ostmark mit Rücksicht auf
Marburger Studenten - Erinnerungen.
Von L. Müller.
(Forti ehung.)
„Wann ein Soldat den Wirt bezahlt, . And wenn ein Bauer ein Kunst-Stück matt, ■' Wann ein Pfaff weder faust noch frißt,
And ein Student nicht luftig ist. Wenn er von Haus bekommen Geld, So sind's große Wunder in der Welt."
Marburg, am 2. Novbr. 1754.
T. C. Rodberg, Wetzlar.
Sei pagena.
„Meeresklippen, Fels und Sturm, sind nicht fo sehr zu scheuen,
Als Dinge, die uns den Jugendtrieb zerstreuen." f schrieb G. H. Eberhard D. E. G. B. F.» aus Hochstedt bei Hanau.
■ „Treuer Freunde Freundschaft Pflicht, Aendert sich im Grabe nicht."
Mit diesen wenigen Zeilen hat sich dem Hoch- : lehrten Herrn Besitzer dieses Stammbuches ein geneigt und immerwährendes Andenken äus- bitten wollen dessen aufrichtiger Freund und Bruder
Georg Henrici Petri der Heiligen Eottesgelahrtheit Beflißener aus Neuengronau, Hesien.
Marburg, 8. November 1754.
/ Wahlspruch: Aufrichtig ohne Falsch.
„Wir leben, aber welch ein Leben, wenn man nicht, daß wir leben, denkt,
Inzwischen, daß sich uns're Zeit beständig wie ein Strom versenkt,
Wird man mit eitlem Tand beschäftigt, daß wir leben nicht gewahr,
And wir merken, daß wir leben, zeigt Dir bereits die Totenbahr."
i Dein ergebener Freund und Bruder I. C. Dalwig aus Cassel, der Eottesgelahrtheit Beflissener.
W a h l s p r u ch : Tu' allzeit Gutes, so hast Du ein ruhiges Gewissen.
„Wie schön ist nicht die Pflicht, die Freundschaft auszuüben,
Mit wahrer Zärtlichkeit ein edles Herz zu lieben,
Ihr Name rührt uns schon, sie wird mit Lust genannt,
'Allein ihr Wesen ist der Erde nicht bekannt."
Zum geneigtesten Andenken empfohlen von dessen ergebenem
Balthasar Hundeshagen, Cassel.
„Kein Degen, kein Säbel, nicht Wetter, Sturm und Wind
Erschreckt den Burschen so, als wie ein Jungfernkind."
Dein Freund und Bruder
Joh. B. Wiederhold aus Casiel, der Eottesgelahrtheit Beflissener.
Marburg, 9. Aprilis 1754t
Auch die lieben Aerzte bekommen etwas ab: ,Jällt ungesundes Wetter ein, so freuen sich die Doctores,
In Marburg sollen Jungfrau'« sein, o tompora, o moros!“
schreibt I. E. Andreae, der Eottesgelahrtheit Beflissener.
„Begehrt ein andrer was zu wissen. So sag' ich weder ja noch nein, So kann er nichts Gewisses schließen And ich kann dann zufrieden sein. Er mag sie alle beide nehmen, So wird mich keines nicht beschämen."
Hiermit halte ich mich dem Herrn Besitzer des Stammbuches empfohlen.
Marburg, 13. Dezember 1754.
Leopoldus Spangenberg von Cassel.
„Man soll sich des Weines enthalten, > Schreist ein Arzt voll gichi'scher Falten; Doch man dürstet sich nicht froh.
- Herrisch winkt er, doch er winke, ,x.
Er mag dürsten, ich, ich trinke, Mein Geschmack ist einmal sd."
Marburg, 9. Aprilis 1754.
Ergebenster
Dr. Jacob Regenbogen von Krombach-Hessen, der Gottesgelahrtheit Beslisiener.
„Mars und Venus sind zwar einig, Aber in der Kleidertracht Hat ein jedes was besonders Für das seine ausgedacht, Mars beliebtet feinen Söhnen Couragiert im Feld zu steh'n, Venus heißet ihre Töchter, Ganz entblößt zu Bette gehn."
Mit diesen Zeilen wollte mich dem Hochgeehrtesten Herrn Besitzer dieses Stammbuches gehorsamst empfehlen.
Marburg, 8. October 1754.
I. H. Brand von Hanau. L. L. C.
Einen scherzhaften Beitrag liefert Fr. Gruner aus Hanau:
„Alle Bienen sollen leben, die mit artigem Bemüh'«
Ihren Honig von sich geben und den Stachel in sich zieh'«."
Marburg, 8. Aprilis 1754.
Peter Joh. Dietrich schreibt am 9. April 1754:
„Die Liebe fängt vom Himmel Flammen, Ihr Wesen ist gerecht und rein, Die Engel lieben sich zusammen, Wie kann das Menschen schädlich sein, Drum Bruder folge Deinem Trieb And hab die schönen Kinder lieb."
Wirkt das nicht überzeugend? Also ewig Weibliches und kein Ende atmen viele Verse.
Man wird bemerken, daß Venus und Bacchus in den Versen eine Hauptrolle spielen, wenngleich dieselben nicht alle jene Derbheit atmen, wie sic neuerdings uns Arno Holz „in „des berühmte« Schäffers Dafnis fälbst ver- färtigten Freß-, Sauff- und Venus-Liedern"
die Reichsgesetzgebung unzuläsiig sein würde. Nun ist es zwar möglich, daß durch ein Reichsgesetz ein Landesgesetz oder eine landesgesetzliche Bestimmung aufgehoben wird, denn Reichsgesetz geht vor Landesgesetz, ab r umgekehrt kann durch ein Landesgesetz keine reichsgesetzliche Vorschrift beseitigt werden. Diesen Weg im Jnt.resie des Deutschtums in den Ostmarken zu betreten, verbietet sich somit auf Grund der gegenwärtigen reichsgesetzlichen Bestimmungen. Man darf aber hoffen, daß es durch die Verstärkung des Ent« cignungsrechts der Ansiedelungskommisiion gelinge« wird, dem immer mehr um sich greifenden Uebergange deutschen Bodenbesitzes in polnische Hände ein Ziel zu setzen. Auch damit wäre ja schon manches erreicht.
Die schöne nationale Kundgebung in der Ostmark war umsomehr mit Freude zu begrüßen, als sich jetzt in einer süddeutschen Stadt, in Stuttgart, die rote Internationale ein Stelldichein gegeben hat, die nichts von Vaterland und Volkstum wissen will. !
Deutsches Reich.
Der Kaiser wird «ach Beendigung des Kaisermanövers bis zum 18. September in Wilhelmshöhe verbleiben. Sodann wird sich das Kaiserpaar «ach Potsdam begeben.
— Die Invalidenversicherung der Handwerker. Es hat wiederholt mit Bedauern festgestellt werden müssen, daß die Handwerker trotz der Belehrung durch die Presse, die Handwerkskammern und die Landesversicherungsanstalten so wenig Gebrauch von der Gelegenheit zur Weiterversicherung machen. Der deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag, der dies damit erklärt, daß die geringen Renten für die Handwerker keinen genügenden Ansporn zur freiwilligen Weiterversicherung böten, hat deshalb an den Reichstag und den Bundesrat eine Eingabe gerichtet, in der um die Einführung weiterer Lohnklassen in das I nv al id e n versichern rlgsgesetz ersucht wird. And zwar sollen unter Beschränkung der bisherigen Klaffe V auf die Lohnhöhe von 1150 bis 2000 J*. eine Klasse VI für die Höhe eines Lohnes von 2000 bis 3000 und eine Klaffe VII für eine Lohnhöhe von mehr als 3000 hinzugefügt werden. Die Erfüllung dieses Wunsches sieht der Kam- mertag als ein Entgelt an für die großen Lasten, die durch die soziale Gesetzgebung den Arbeitgebern, namentlich den selbständige« Handwerkern aufgebürdet seien. Wir glauben aber nicht, daß der Bundesrat und der Reichstag zur Zeit, wo überhaupt große Umwälzungen auf
vorgeführt hat. Es folgen einige ernstere Proben:
„In Unglück nicht verzagt, im Glück nicht groß getan.
Zeigt ein gesetzt Gemüt und weisen Menschen an."
Balth. Hundeshagen. ■ 10. November 1754.
„Wie selig lebt ein Mann, der seine Pflichte» kennt
Und, seine Pflicht zu tun, aus Menschenliebe brennt.
Der, wenn ihn auch kein Eid zum Dienst der Welt verbindet,
Beruf und Eid und Amt schon in sich selber findet."
I. H. Trischmann, Casiel in Hesien.
E. G. B.
Außerdem finden sich Eintragungen von Prorektor Prof. Joh. Niclaus Funkius. Vizekanzler Joh. Eeorgius Estor, Prof. H. Duysing und anderen Theologen. Die Herren Profesioren scheinen an dem derben Inhalt mancher Sprüche gar keinen Anstoß genommen zu haben.
Das Stammbuchblatt des Christopher Meier aus Tecklenburg vom 24. März 1578 enthält bas Etudentenbildnis: ein Student in Tracht, in der Rechten eine Laute haltend, umfaßt mit bet Linken ein Mädchen: darüber auf Spruchband: „Heimlich und still. Ist mein Will:" daneben: „Studeren bei Dage, hoferen bei nacht, habe« die Studenten in großer Acht:" darunter: Dulcis amica mea rosa vernans atque decoia, Tu memor esto mei, sum memor ipso tue.
Liebhaben und selten sehen, Kan sunder wehe nicht geschen.
Quid cinis et pulvis, quid sordida terra s» perbis,
Post obi'um colubris fies et vermibus esca.
Edel fein hat einen guden schein, Reichtum haben ist auch wohl fein. Aber ein wohlgezogen Jugendt Ist das meiste Eudt qpdt beste lugertb.*