Einzelbild herunterladen
 

MchW;

mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchkain.

Sonntaasbeilaaer SUuftdrte8 Sonntaasblatt. *

'M 187

Vierteljährlicher Bezugspreis: bet ver ExpÄition 2 Mk^ bet allen Postämtern 2,25 M. <ejcu Bestellgeld).

Jnserttonsgebühr: die gespaltene Zeile ^der derenSirum 15Pfg.

Neclauien: die 8eifc 3<i Dm.

Marburg

Sonntag, 11. August 1907.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Univcrsitäts-Buchdruckerrl Marburg, Markt 21. Telephon 55.

42. Jahrg.

Zweites Blatt.

Rückblick.

Die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit dem Zaren vor Swinemünde dürfte nirgends in der Welt mit weniger Freude ausgenommen worden sein, als in England. Darum war vor­auszusehen, daß man britischerseits alles auf­bieten würde, um den Eindruck der Kaiserbegeg­nung nach Möglichkeit abzuschwächen. So war es ganz gewiß kein bloßer Zufall, daß an demselben Tage, dem 3. August, an dem der deutsche Kaiser mit dem Zaren die Besichtigung der deutschen Hochseeflotte vor Swinemünde vor- nahin, das englische Königspaar in Solent eine Parade über die sog. Heimatflotte abhielt die nur eine der vier Flotten darstellt, über die England verfügt und die nichts weniger als 188 Kriegsschiffe umfaßte, unter welchen sich mehr als einDutzendSchlachtschiffe befanden, mit denen sich kein deutsches Schiss an Größe, Fahr­geschwindigkeit und Durchschlagskraft der Ge­schütze messen kann. Durch diese glänzende Schau­stellung wollte John Bull vor aller. Welt bekun­den, daß er trotz seines Respekts vor demdeutschen Wettbewerbe sich doch noch immer als Herrscher zur See betrachtet, der fortgesetzt bestrebt ist, seine Machtmitel zu verstärken. Die Flotten­schau von Solent gewinnt noch mehr an Bedeut­ung, wenn man bedenkt, daß sie so kurze Zeit vor dem angekündigten Besuche König Eduards in Wilhelmshöhe stattfand, der sich in so rascher Folge dem Zarenbesuche anschließt. Der eigent­liche Zweck solcher Monarchenbegegnungen wird ja aus den amtlichen Verlautbarungen nie deut­lich zu erkennen sein, da diese gewöhnlich von den herzlichsten Empfindungen überfließen. Daß aber der Besuch des Zaren, der zweifellos einen Erfolg der deutschen Diplomatie darstellt, nicht blos einen Höflichkeitsakt bedeutet, sondern auch politische Zwecke verfolgte, ist schon ausgespro­chen worden. Vornehmlich wird der russische Alleinherrscher das Bedürfnis gefühlt haben, dem deutschen Kaiser Ausklärung darüber zu geben, daß das von ihm mit England abgeschlos­sene Abkommen keine gegen Deutschland gerich­tete Spitze enthalt, daß er vielmehr zu einer Zeit, wo infolge der von britischer Seite an­geregten Bündnispolitik so viel von einer Ein­kreisung Deutschlands gesprochen und geschrieben wird, entschlossen ist, sich nach wie vor als guter Freund und Nachbar zu bewähren. Daß dies natürlich in seinem eignen Interesse liegt, bedarf wohl angesichts der vielfachen Gegensätze zwi­schen Rußland und England nebst dem mit letz­terem verbündeten Japan keiner Frage. Wenn

Marburger

Studenten - Erinnerungen.

Von L. M ü l l e r, (Forssehnng.)

Tyndall in Marburg 18481850.

John Tyndall, ein Inländer, studierte von 18181850 in Marburg Physik und wurde 1853 Professor in London, wo er 1893 starb. Ueber die damaligen Verhältnisse in Marburg schreibt er:Der Sitz meiner Studien war die ungemein malerische Stadt Marburg im damaligen Hessen- Cassel. Sie klettert freundlich an den Hügeln hinaus und fällt ebenso freundlich nach der Lahn zu ab. Im Mai, wenn die Obstbäume blühen und die Kastanien in vollem Laube stehen, ist Marburg überaus lieblich. Es hat auch seine Geschichte. Hier wirkte die heilige Elisabeth und spendete ihre Wohlraten. Eine edle, zwei­türmige Kirche, die ihren Namen trägt und ihren Staub umschließt, erhebt sich zu ihrem Gedächtnis. Aus einem hohen Gipfel, der die Stadt beherrscht, steht eine prächtige Burg, in deren Rittersaal Luther und Zwingli ihre berühmte Disputation über die Konsub- srantiation und Transsubsrantiation abhielten. In dieser Stadt lebte einige Zeit William T y n dal l, der englischeBibelübersetzer, der spä­ter in Vilvorden erwürgt und verbrannt wurde. Hier lehrte Wolff seine Philosophie, hier er­fand Danis Papin seinen Dampftopf und angeblich auch die erste anwendbare Dampf­maschine. Die hervorragendste Erscheinung an der Universität war zu unserer Zeit Robert Bunsen, dessen Name durch chemische Unter­suchungen von beispielloser Schwierigkeit und Bedeutung und durch erfolgreiche Anwendung der Grundlehren der Chemie und Physik auf die Erklärungen der vulkanischen Erscheinungen in Island Berühmtheit erlangt hat. Er war her erste, her das Rötlel der isländischen Geiser

nun gleich nach der Kaiserbegegnung der viel- geschäftige Onkel Eduard herbeieilt, um mit seinem kaiserlichen Neffen ebenfalls freundliche Worte zu tauschen, so darf man wohl als sicher annehmen, daß es nicht ausschließlich verwandt­schaftliche Regungen sind, die das Herz des kö­niglichen Diplomaten bewegen. Hauptsächlich wird wohl sein Bestreben darauf gerichtet sein, die üblen Eindrücke etwas in Vergesienheit zu bringen, die Englands gegen Deutschland gerich­teten politischen Umtriebe bei Kaiser Wilhelm Hervorrufen mußten. Der Vielgewandte möchte wahrscheinlich die Gegensätze nicht allzu scharf werden lasicn, damit er in aller Ruhe weiter krebsen könne. Auch trägt der Engländer viel­leicht darum Sorge, daß ohneverwandtschaft­liche" Einmischung die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland, den beiden größten Militärmächten des Kontinents, inniger werden könnten, als ihm lieb ist. Welche Gedanken aber auch den englischen Reisepolitiker bewegen mögen, deutscherseits wird mait ihm aus ehr­lichster Ueberzeugung nur einen recht kühlen Empfang in Wilhelmshöhe wünschen können. Zwar nicht in dem Sinne, daß dem Träger der englischen Krone die üblichen höfischen Ehrun­gen mit all' der bei solchen Anlässen gebräuch­lichen Entfaltung kaiserlichen Glanzes verkürzt werden möchten, wohl aber dergestalt, daß ihm nachdrücklichst bedeutet würde, bei zukünftigen Besuchen die politischen Muster im Köfferchen zu belassen.

Sehr interesiant wäre es, die wirkliche Mein­ung König Eduards über die Bedeutung der fraitzösischen Expedition in Marokko zu erfahren, die durch die Beschießung der Küstenstadt Casa­blanca eingeleitet wurde, wodurch alte Erin­nerungen an das Bombardement von Alexan­dria geweckt und Vergleiche mit dem Vorgehen der Engländer im Lande der Pyramiden nahe gelegt werden. Wie damals der Aufstand Arabi Paschas den Engländern den Vorwand lieferte, das reiche Nilland ungeachtet des Protestes der Pforte mit Waffengewalt zu besetzen undunter gänzlicher Verdrängung des vordem starken französischen Einfluffes seitdem als eigene Provinz zu verwalten, so könnte die Erhebung des Prätendenten Raisuli gegen den ohnmäch­tigen Maurensultan den Franzosen gegenwärtig willkommenen Anlaß bieten, als Schützer des Guts und Bluts abendländischer Christenmen- sche» gegen fanatische Moslems Marokko.unauf­fällig zu besetzen. Das würde ja natürlich den Beschlüssen der Konferenz von Algeciras wider­sprechen, wo hauptsächlich auf Betreiben der deutschen Regierung die friedliche Erschließung Marokkos und das Prinzip der offenen Tür ver­kündet wurde, auf daß alle im Lande der fcheri- fischen Majestät Handel treibenden Nationen gleiches Recht und gleichen Schutz genießen

sollen. Allein wie wir schon gestern andeuteten, ist anläßlich der Vorgänge, die zur Beschießung von Casablanca führten, deutscherseits trotz un­serer nicht unbeträchtlichen Interessen an der marokkanischen Westküste eine so auffällige Zu­rückhaltung beobachtet worden, die stummer Re­signation verzweifelt ähnlich sieht. Oder sollte man etwa in Berlin annehmen, Frankreich würde seine Rolle als Sachwalter der euro­päischen Kulturmächte umsonst spielen? Das wäre mehr als naiv! Zwar sind der französi­schen Republik durch die Algecirasakte offiziell die Hände gebunden, allein wer wird sie hin­dern, wenn sie in einem unbewachten Augen­blick die Fesseln abstreift! Außer Deutschland käme nur England für einen etwaigen Wider­spruch in Frage: denn Spanien würde aus eigener Kraft (d. h. ohne Genehmigung seines englischen Vormundes) sich dazu schwerlich auf­raffen. Bei dem gegenwärtigen Freundschoits- verhältnisse aber, das John Bull mit der Ma­rianne verknüpft, wäre die Annahme sehr nahe­liegend, daß man in London beide Augen ge­schloffen hält, wenn die Franzosen die Alge­cirasakte vergessen haben sollten. Der deutsche Michel aber würde den betrübten Loh­gerber spielen, dem die Felle weggeschwommen.

Während durch die eben besprochenen Ereig­nisse das Interesse an der auswärtigen Politik auch in den Tagen der Herrschaft des Hunds­gestirns lebendig erhalten wird, konnte auf dem Gebiete der sog. inneren Politik völlige Ferien­stimmung verzeichnet werden, wenn nicht D. Naumann, der national,sozial-linksliberale Pro­phet, seinen bekanntenAufruf" erlassen und die Frage einer Wahlrechtsreform für Preußen zur Erörterung gestellt hätte.. Wir hatten bereits Gelegenheit genommen, auf die Undurchführ­barkeit dieses phantastischen Wahlrechtsprojektes hinzuweisen, das gegenwärtig in linksliberalen Kreisen zunächst mit so großem Eifer erörtert wird, als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre. Allein allmählich scheint doch hier und da die Erkenntnis aufzudämmern, daß die Geschichte" ihre Schwierigkeiten und Bedenken hat. So billigt dieFreisinnige Zeitung" zwar Herrn Naumanns Ziele, erklärt aber, daß sie das Hineinziehen des Beamtenerlaffes, der doch als Mittel zur Durchführung des Plänchens ge­dacht ist, nicht billigt. Auch der freisinnige Reichstagsabgeordnete Schrader verkennt nicht die Hindernisse, auf welche das Raumannsche Projekt stoßen muß, allein er verwirft es nicht, jedenfalls weil er es, in demagogischem Sinne, als Agitationsmittel für die nächsten Landtags­wahlen ausnutzen möchte.

Auch aus der Schraderschen Erklärung aber kann man unschwer entnehmen, daß über das Raumannsche Projekt in der linksliberalen Presse durchaus nicht jene Uebereinstimmung

herrscht, von der man in national-sozialen Ätd* sen träumt. Dies allein schon und vielleicht auch der Hinweis auf die doch recht bescheidene Zahl der linksliberalen Abgeordneten die auf Grund des allgemeinen gleichen direkten Wahlrechts in den Reichstag gewählt worden sind (insgesamt 48 von den 397 Reichstagsabgeordneten), müßte doch eigentlich die begeistertsten Schwärmer für Naumanns Planchen nüchterner stimmen und sie veranlassen, die Angelegenheit ruhig und sachlich zu behandeln; dann würden gewiß so gröbliche und plumpe Ausfälle vermieden werden, wie solche sich jüngst ein Briefkastenskribent imGer- lachblatte" leistete.

Deutsches Reich.

Der Kaiser unternahm gestern vormittag mit der Kaiserin einen Ausritt und kon­ferierte später in Wilhelmshöhe mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Tschirschky und dem Gesandten von Jenisch. Am Nachmittag holte der Kaiser den König von Siam, der zum Besuch der Kaiserfamilie in Wil­helmshöhe eingetroffen ist, vom Bahnhofe ab, worauf der Tee eingenommen wurde.

Die Forschungsreise des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg iit Deutsch-Ostafrika wird, demGeogr. Anz." nach, in Vukoba ihren eigentlichen Anfang nehmen. Zunächst wird die nordwestliche Ecke unseres Schutzgebietes er­forscht werden. Hierauf gedenkt der Herzog nordwärts durch die Urwaldzone am Aequator zum Uelle (Ubangi) vorzudringen, wo Schwein­furt und Junker seiner Zeit gearbeitet haben. Ueber die weitere Fortsetzung derReise liegt noch kein Beschluß vor.

Ein Nachspiel zur Affäre Schellenberg. Die bekannt« Affäre des Wiesbadener Ver­trauenspostarztes Schellenberg, dem bekanntlich (eilte Stelle als Vertrauensarzt gekündigt wor­den war, weil er offen erklärt hatte, er habe bei der Reichstagsstichwahl sozialdemokratisch gestimmt, wird nunmehr, wie aus Frankfurt ge­meldet wird, eventuell vor das Gericht kommen. Das Frankfurter sozialdemokratische Organ, Die Volksstinime", hatte nämlich seinerzeit bet der Besprechung dieser Angelegenheit den Geh. Rat Oberpostdirektor Maier beschuldigt, daß er katholische Beamte bevorzuge, worauf von die­sem Strafantrag wegen Beleidigung gestellt wurde.

Zur Privatbeamtenversicherung schreibt dieKöln. Ztg." folgendes: Bekanntlich hat sich der Deutsche Privatbeamtenverein in seiner Hauptversammlung zu Gotha für die Schaffung einer eigenen Pensionskasse und gegen die An­gliederung an die Jnvalidenversicherungsanstalt ausgesprochen. Wir haben uns von den Grün­den, die den Privatbeamtenverein bewogen haben, sich gegen eine Angliederung auszuspre-

löste, und die richtige Theorie über ihre Tätig­keit aufstellte. Ein sehr würdiger alter Professor namens Gerling leitete das Observatorium und las über Physik, Professor Stegmann ein ausgezeichneter Lehrer, las über Mathe­matik, Ludwig und Fick leiteten das ana­tomische Institut. W a i tz las über Philosophie und Anthropologie. Hessel lehrte Kristall­kunde und mein gelehrter Freund Knoblauch kam später aus Berlin dorthin. Marburg zählte damals dreihundert Studenten und sagte meiner Sinnesart und meinem Geldbeutel weit mehr zu, als eine der größeren Universitäten.

Ich wohnte in Marburg am Ketzerbach, einer Straße, durch die in der Mitte ein offener von Akazien umsäumter Bach floß. Meine Woh­nung war sehr bescheiden, sie bestand aus zwei Zimmern im obersten Stockwerk, einem zum Ar­beiten, einem zum Schlafen. Gleich nach meinem Einzug meldete sich bei mir ein Mann, der mir Kümmererdienste anbot. Da er gute Zeugnisse besaß, wurde er unverzüglich engagiert. Dieser Stiefelwichser", mit Namen Steinmetz (Lis- bethchen genannt), führte außer seinen Bürsten ein ungefähr zwei fußlanges Rohrstöckchen mit sich, und sein Amt bestand darin, sich morgens früh auf die Stube des Studenten zu begeben, dessen Kleider und Stiefel herauszuholen, sich auf den Flur zurückzuziehen und nach einigen Minuten energischen Klopfens und Bürstens alles in gereinigtem Zustande wiederzubringen.

Mein Arbeitszimmer wurde durch einen großen Ofen geheizt. Anfangs vermißte ich den funkelnden Schein des offenen Kamins, bald aber gewöhnte ich mich an die verborgene Wärmequelle. Um sechs Uhr morgens wurde mir ein kleines Milchbrot und eine Taffe Tee ge­bracht. Die Mittagsstunde war um ein Uhr und während des ersten Jahres speiste ich im Gasthause. Das Leben in Marburg war da­mals sehr wohlfeil. Es gab noch keine Eisen­bahn, um .die heimischen Produkte nach aus­

wärts zu führen, deshalb waren die Preise sehr niedrig. Unser Mittagsbrot bestand aus meh­reren Gängen, Gebratenem und Gekochtem, und schloß mit süßer Speise und Nachtisch. Dafür zahlte man monatlich 6 Taler 20 Silbergroschen. Ich beschränkte mich gewöhnlich auf ein ein­ziges Gericht.

Da ich vorzog, in den frühen Morgenstunden zu arbeiten, hielt ich fünf Uhr morgens für eine angemessene Zeit, um den Tag zu beginnen. Mein Stiefelwichser beliebte aber schon um vier Uhr zu kommen. Eine Weile ließ ich das hin­gehen, ohne meine Stunde zu ändern, allein all­mählich bemächtigte sich meiner ein Gefühl der Beschämung. Ich verglich seine Ziele und Be­wegungsgründe zu den meinigen. Er erhielt von mir für seine Dienste den gewöhnlichen Lohn, ein paar Taler das Semester. Was fragte ich mich, waren wohl meine Ziele und Bestreb­ungen wert, wenn sie mir nicht einmal soviel Tatkraft cinflößten, wie jenem armen Kerl sein spärlicher Sold. So war ich lange Zeit täglich im Stande, .Steinmetz unter die Augen zu treten und ihmGuten Morgen zu wünschen, wenn er erschien. Später erlahmten wir und hielten unser Rendenzvous erst um fünf Uhr ab und während der letzten zwei Semester, als ich das Gröbste hinter mir hatte, war ich schon zu­frieden, wenn man mich im Bade antraf, ehe es vom St. Elisabethturm sechs geschlagen hatte.

Frühaufsteher pflegen für unausstehlich zu gelten. Man sagt: sie sind selbstgerecht erfüllt von dem pharisäischen Gefühl:Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute." Das mag sein, hier aber handelt es sich um Tatsachen. Einige meiner Freunde hatten das Studium in Deutschland als Quixotismus mißbilligt und der Ausdruck paßte in der Tat nicht schlecht auf meine Lebensweise in Marburg. Ich arbeitete nicht für Geld, mich spornte nicht einmal die letzte Schwäche großer Seelen". Ich hatte Fichte, Emerson, Carlyle -elesen und der Geist.

dieser Männer war auf mich übergegangen. Ich hörte in Maburg die Vorlesungen vieler der genannten Männer, richtete aber mein Haupt­augenmerk auf die Mathematik, Physik und Chemie. Ich lernte deutsch, indem ich Bunsen zuhörte und mit dem Zunehmen meiner Sprach- kenntniffe wuchs auch die Anziehungskraft seiner Vorlesungen. Bunsens Vorlesungen waren voll Inhalt. Bunsen war eine stattliche Gestalt, schlank, schön, ritterlich und ohne eine Spur von Affektation oder Pedanterie. Er ging in seinem Gegenstand auf, sein Vortrag war lichtvoll, sein« Sprache rein, er sprach den hannöverschen Dia­lekt, er war jeder Zoll Edelmann. Er las im Winter einmal, im Sommer zweimal täglich, und sein Kursus über organische Chemie sing um sieben Uhr morgens an. Nach den Vor­lesungen wurde im Laboratorium weiter gear­beitet. Während dieser Zeit durfte nicht ge­raucht werden, nachmittags aber herrschte Rauch­freiheit. Bunsen selbst war ein starker Raucher. In Marburg wurde eine besondere Sorte Zi­garre unter dem NamenBunsensche Zigarren" verkauft, sie waren sehr billig und sehr schlecht, aber sie schmeckten meinem berühmten Freund und waren ihm eine Quelle des Behagens.

Stegmann, der Professor der Mathematik, war ebenfalls eine stark ausgeprägte Persönlich­keit. Er las in einer kleinen Stube in seinem eigenen Hause am Renthof. Dies war die üb­liche Einrichtung, jeder Professor hatte ein Auditorum in seiner Wohnung und die Studen­

ten mußten manchmal von einer Vorlesung zur anderen durch ganz Marburg gehen. Die Tische waren von der primitivsten Beschaffenheit, und die Tintenfässer oder sogenannten Spicker wur­den mit einer Spitze in den Tisch eingebohrt. Neben seinen Vorlesungen gab mir Professor Stegmann noch Privatunterricht. Er war em vorzüglicher Lehrer. Von ihm erhielt ich da».

Thema zu mehrer DoftordissertattoN."

(Fortsetzung folgt.)