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Marburg
Donnerstag, 8. August 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag: Ioh. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckers 42. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon o5.
John Bulls Angst vor dem deutschen Vetter.
Die Nervosität Englands hatte ihren Höhepunkt erreicht, als dort Sensationsromane, die von der Gefahr einer deutschen Invasion geheimnisvoll zu faseln wußten, reißenden Absatz fanden. In der zweiten Hälfte des letzten und in derbsten Hälfte des laufenden Jahres schien eine ruhigere Auffassung Platz gegriffen haben. An die Stelle der Besorgnis vor einem plötzlichen Ueberfall trat, nachdem sich Engländer aller Standes- und Verufskreise durch den Augenschein überzeugt hatten, daß inDeutschland kein Mensch an ein derartiges Unternehmen denkt, die feste Zuversicht, der auch wiederholt seitens der Regierung Ausdruck gegeben wurde, daß England keinen Gegner zu fürchten brauche, da die englische Flotte mehr als stark genug sei, um jeden, der es wagen wollte, die Sicherheit der englischen Küsten zu bedrohen, mit blutigem Kopfe heimzuschicken. Leider hat diese nüchterne Beurteilung der Verhältnisse nicht lange angehalten. In den letzten Wochen machte sich, aus bisher unaufgeklärten Gründen, wieder eine lebhafte Unruhe bemerkbar, die sich im Unterhause in zahlreichen Anfragen und Erörterungen über kriegsmaritime Angelegenheiten äußerte. Obwohl nahezu die gesamte britische Seemacht in nächster Nähe der englischen Inseln . vereinigt ist, obwohl die Geschwader nach Maßgabe der Zahl und der Leistungsfähigkeit der Fahrzeuge — es gilt das besonders von der Kanalflotte und dem Heim-Geschwader — auf eine Stärke gebracht find, die nach den Erklärungen der Admiralität beinahe jedem dieser Kriegsschiffverbände eine Überlegenheit über die gesamte Flottenstreitmacht einer Seemacht zweiten Ranges verbürgt, sind dis Beschwerden über angeblich ungenügenden Schutz des Landes nicht verschwunden. In der vorigen Woche waren die Vertreter der Admiralität mehrfach genötigt, Fragen zurückzuweisen, die die Zusammensetzung,die Ausrüstung der Geschwader, die Besatzung, die Auslandsstationen, die Stärke der Kleinschiff-Flotte und anderes betrafen. Dieses von scheinbarer Aengstlichkeit diktierte Interesse wird natürlich zur Schau getragen, um die Admiralität zu weiteren Maßnahmen für die Verstärkung der Flotte anzuspornen. Daß solche Bestrebungen Erfolg gehabt haben, hat die neueste Erklärung des Ersten Lords der Admiralität bewiesen, wonach der Bau von Kreuzern in größerem Umfange und in beschleunigtem Tempo in Angriff genommen werden soll. Tatsächlich müssen die Staatswerften, wie der Stapellauf des Bellerophon, eines verstärkten Dreadnought-Typs zeigt, schon in den letzten Monaten mit äußerster Anstrengung gearbeitet haben.
7 (Nachdruck verboten.),
X. In den Fluten.
Roman von Jenny Hirsch.
------ (Fortsetzung).
Gertrud konnte sich nicht dazu entschließen. Nachdem sie älter geworden, hatte sie es sich natürlich angelegen sein lassen, ihre Abneigung gegen Melnik nicht so offen zur Schau zu tragen; auch kam er ihr stets artig und höflich entgegen, ;und so waren sie denn, abgesehen von gelegentlichen Scharmützeln, in ein ganz leidliches Ver- jhältnis miteinander gekommen. Das wollte j Gertrud auch nach dem Tode der Mutter gern f aufrecht erhalten, aber seine Hausgenossin sein, ! täglich an seinem Tisch sitzen, sich seinen Anord- , Kungelt fügen, dagegen lehnte sich alles in ihr auf. Sie schlug wiederholt Melittas Anerbieten aus, und diese ließ es dabei bewenden. Am Ende brachte die beständige Anwesenheit der Schwester in ihrem Hause doch manche Unzuträglichkeiten mit sich, es war bequemer, wenn alles in dem Geleise fortging, und man konnte sich ja täglich sehen.
Anders wurde es freilich, als nun die Zeit des Sommeraufenthaltes herannahte. Die Villa auf dem Godenberge war das gemeinschaftliche Eigentum der Schwestern und sollte es nach dem Testament des Vaters auch für alle Zeiten bleiben. Melitta erklärte, sie würde in diesem Sommer sich für längere Zeit dort häuslich einrichten, und Gertrud hatte aus mehr als einem Grunde eine unbezwingliche Sehnsucht, dies ebenfalls zu tun. Sie ließ sich bestimmen, sich für den Sommer der Schwester anzuschließen und nahm nicht einmal eine besondere Dienerin für sich mit. Sie war sehr anspruchslos gewöhnt, die aerimwu Dienste. deren sie bedurfte, kann-.
Man mag diese Besorgnis, so wenig sie in den wirklichen Verhältnissen eine Begründung findet, immerhin noch verstehen. Wo aber vor der Oeffentlichkeit der Standpunkt vettreten wird, daß die englische Flotte so gut wie wertlos, daß bei einem etwaigen Kampfe mit ihrer Niederlage ernstlich zu rechnen sei, da muß man doch fragen, wie es möglich ist, daß derartige Anschauungen von den Vertretern der englischen Regierung ernst genommen werden können. Dieses Maß von Aengstlichkeit, mag es auch nur angenommen sein, könnte beinahe als ein starkes Mißtrauensvotum gegen den verantwortlichen Leiter der britischen Flottenpolitik und als eine Beleidigung der obersten Kommandostellen der Marine aufgefaßt werden. In einen solchen Verdacht haben sich die Abgeordneten Parker und Ashley gebracht, indem sie sich für eine verstärkte Befestigung der Themse einsetzten. Parker fragte an, ob es wahr sei, daß das System der Minensperren für den Themselauf aufgegeben und die Forts Liffe, New Ta- vern und Tilburg abgerüstet seien. Der Kriegsminister Haldane lehnte es ab, diese Fragen zu beantworten, da hierdurch wichtigeJnteressen der Landesverteidigung gefährdet werden könnten. Der so abgewiesene Abgeordnete beruhigte sich dabei nicht. Er erklärte, genau zu wissen, daß an amtlichen Stellen die Entfernung der Minenvorrichtungen in Erwägung gezogen sei, und sein Parteifreund Ashley sekundierte ihm mit der Behauptung, daß die artilleristische Ausrüstung der Forts beschnitten worden sei. Der Kriegsminister gab wieder keine bestimmte Apt- wort; er bezeichnete derartige Behauptungen als „übereilt", und schien damit die Richtigkeit der erwähnten Angaben wenigstens nicht ganz bestreiten zu wollen.
Wenn so mit bcr Möglichkeit gerechnet wird, daß die in Kanal und Nordsee versammelten englischen Flottenstreitkräfte nicht imstande sein könnten, einem Feinde den Zugang zur Themse unter allen Umständen zu verwehren, oder wenn in einem anderen Falle die Admiralität ersucht wird, dafür zu sorgen, daß die kolonialen Regierungen schleunigst Torpedoboote und Küstenbefestigungen beschaffen, um Versuche einer feindlichen Invasion erfolgreich zurückweisen zu können, so sind das untrügliche Anzeichen dafür, daß sich der öffentlichen Meinung Englands aufs neue eine große Unruhe bemächtigt hat, die schwerlich zur Besserung der deutsch-englischen Beziehungen beitragen kann.
Deutsches Reich.
— Das Ende der Swinemünder Kaisertage. Vor Swinemünde, 6. August. An dem Familienfrühstück auf der russischen Kaiseryacht „Standart" nahmen mit den beiden Monarchen Prinz Heinrich und Prinz Adalbert teil. Bei
ten ihr sehr gut von den zahlreichen Leuten des Melnikschen Hauses geleistet werden.
Gertrud hatte sich, als sie auf diese Einrichtung sich einließ, dabei von der Hoffnung leiten lassen, Melnik werde, wie er dies immer getan, nur selten und immer nur für wenige Tage in der Villa weilen. Zu ihrer recht unangenhmen Ueberraschung sah sie sich in dieser Voraussetzung betrogen. Der Schwager reiste zwar ab und zu auf einige Tage fort, war aber die meiste Zeit auf dem Eodenberg anwesend und fast immer übler Laune. Er klagte über die Einförmigkeit des Lebens und die Entbehrungen, welche man sich in diesem von der Kultur gar nicht beleckten Erdenwinkel auflegen müsse, obwohl et sich alle möglichen Delikatessen für seinen Tisch kommen ließ. Er spottete über die alte Einrichtung der Villa, die einer gründlichen Umgestaltung unterzogen werden müsse, wenn er noch einen Sommer darin verleben solle.
Die Familie war erst wenige Tage in der Villa, da machte er seiner Frau schon heftige Vorwürfe, daß sie darauf bestanden habe, den Sommer hier zuzubringen und nicht, wie et im Sinne gehabt, auf Reisen zu gehen. Erschrocken erwidette ihm Melitta, sie hätte geglaubt, er werde, wie er es auch sonst getan, für sich allein eine Reise machen, aber da kam sie übel an.
„Wie kannst du dir vorstellen, ich würde dich hier allein lassen!" rief er entrüstet. „So lange deine Mutter lebte, glaubte ich es ihr schuldig zu sein, ihr auf einige Zeit das ungestörte Zusammenleben mit dir und den Kindern zu ermöglichen. Das ist jetzt anders, wir trennen uns nicht mehr auf so lange Zeit, sondern reisen künftig zusammen/'
„Ja, was soll denn da aus der Villa werden?" fragt^ Melitta, tief gerührt durch die Zärtlichkeit ihres Gatten und doch erschreckt Jturtü die Aussicht auf künftige Rsisefiravazen. L
der Tafel brachte Zar Nikolaus folgenden Trinkspruch aus:
„Ich bin glücklich, daß ich die Gelegenheit habe, Eurer Majestät für die mit bereitete herzliche Aufnahme aufrichtig zu danken und den ganzen Wert zum Ausdruck zu bringen, den ich auf die Fortdauer der Beziehungen überlieferter Freundschaft und Verwandtschaft lege, die beständig ein enges Band zwischen unseren Häusern und Ländern gewesen sind. Nachdem ich mit lebhaftem Interesse und großer Bewunderung den Manöoern der schönen deutschen Flotte beigewohnt habe, erhebe ich mein Glas auf die Gesundheit Kaiser Wilhelms, des obersten Chefs dieser Flotte und auf das Gedeihen der tapferen deutschen Marine."
Kaiser Wilhelm erwiderte:
„Eurer Majestät sage ich meinen herzlichsten Dank für die soeben gesprochenen gütigen Worte, welche die Freundschaft zum Ausdruck gebracht haben, die uns und unsere Länder verbindet. Es ist das erste Mal, daß meine Flotte unter dem Kommando meines Bruders die Ehre gehabt hat, vor Eurer Majestät zu manövrieren. Die anerkennenden Worte Eurer Majestät werden in den Herzen meiner Offiziere und Mannschaften fortleben. Wir alle sind von dem Wunsche durchdrungen, daß es Eurer Majestät vergönnt sein möge, den eingeleiteten Aufbau der russischen Flotte erfolgreich durchzuführen. Wie Eure Majestät, bin ich erfüllt von dem Gedanken unveränderlicher Freundschaft unserer Häuser und unserer Völker. Diese Freundschaft hat mehr als ein Jahrhundert angedauert, sie verbindet uns heute und wird weiter dauern. Ich erhebe das Glas auf das Wohl feiner Majestät des Kaisers Nikolaus. Seine Majestät der Kaiser von Rußland hurra, hurra, hurra!"
Nach liy2 Ahr verabschiedete sich der Kaiser vom russischen Gefolge. Das deutsche Gefolge hatte sich schon gestern Abend beim Zaren abgemeldet. Der Kaiser, vom Zaren begleitet, verließ den „Standart", dessen Besatzung drei Hurras ausbrachte und dessen Geschütze Salut abgaben. Beide Monarchen fuhren mit dem Verkehrsboot „Hulda" zur „Hohenzollern". Nach kurzem Aufenthalt hierselbst nahmen die Monarchen am Fallreep aufs herzlichste Abschied voneinander, indem sie sich wiederholt die Hände schüttelten und wiederholt auf beide Wangen küßten. Die Mannschaften der „Hohenzollern" brachte drei Hurras für den Zaren aus. Die .„Königsberg" feuerte Salut, während der Zar an Bord des „Standart" zurückkehrte. Nach 12 Ahr verließ der Zar mit dem ..Standart" und den Begleitschiffen die Reede. Auf allen Schiffen der Flotte paradierten die Mannschaften. Der „Standart" durchfuhr die Flotte zwischen dem zweiten Geschwader und dem Geschwader der Aufklärungsschiffe. Die „Hohenzollern" signalisierte „Glückliche Reise". Der „Standart" sprach in seinem zur Antwort gegebenen Flaggensignal den innigen Dank für die Gastfreundschaft aus. Der Zar im Sportanzug der deut
schen Marine grüßte von der Kommando, brücke. Sobald bet „Standart" die Flotte passiert hatte, feuerte diese Salut. — Swine- m ü n b e, 6. Aug. Der Kaiser und Gefolge sind heute Nachmittag 5 Uhr in zwei Automobilen nach Heringsdorf gefahren. — Der Reichskanzler begab sich heute Mittag von Swine- münde nach Berlin.
— Staatssekretär Dernburg in Deutsch-Ostafrika. Datessalaam, 6. August. Gouverneur Rechenberg veranstaltete gestern einen Empfang, woran 200 Mitglieder der hiesigen Gesellschaft teilnahmen. Staatssekretär Dernburg brachte ein Hoch auf den Kaiser aus, der ihn beauftragt habe, bett Deutschen Ostafrikas zuzurufen: seid einig, seid treu, seid deutsch! Der Staatssekretär übermittelte dem Kaiser folgendes Telegramm: „Eurer Majestät Untertanen aller Berufsstände, die beim Gouverneur versammelt sind, huldigen Eurer Majestät mit dem Gelübde unverbrüchlicher Treue. Braver deutscher Arbeit wird es gelingen, die reichen Schütze dieses herrlichen Landes zu heben und unter dem machtvollen Schutz Eurer Majestät ein über, seeisches Reich zu entwickeln, das des deutschen Namens würdig ist." Donnerstag reist Dernburg nach Zanzibar.
— Besichtigung des lenkbaren Motorballons. Berlin, 6. August. Heute früh wurde der Motorballon der Lustschiffer-Abteilung in Gegenwart einer großen Anzahl höherer Offiziere von dem Kriegsminister von Einem und dem Chef der Verkehrstruppen General von Werneburg besichtigt. Nachdem der Motorballon gegen 8 Uhr aus der Halle nach der Lichtung des Tegeler Schießplatzes herausgebracht worden war, erhob er sich alsbald nach kurzer Prüfung des Motors. In einer Höhe von etwa 150 Metern wurden, wie die „Frkf. Ztg." erfährt, einige Manöver über dem Schießplatz ausgeführt, indem das Luftschiff den Platz u m k r e i st e und S ch l e i f en fuhr. Es herrschte ein leichter Oberwind. Nach einer Fahrtdauer von ungefähr 20 Minuten wurde die Landung glatt bewerkstelligt.
— Das Verhältnis der Zahl der Steuerzen- fiten zur Wanderbewegnng. Im preußischen Statistischen Amte ist aus einem Vergleich ber einkommensteuer- und der binnenwanderungsstatistischen Zahlen ein interessantes Ergebnis herausgekommen. Es hat sich gezeigt, daß zwischen der Zahl der Einkommensteuerzensiten und der Wanderbewegung ein Zusammenhang un> zwar derart besteht, daß jemehr die erstere steigt, desto geringer die Abwanderung und desto grö« ßer die Zuwanderung wird. Sowohl für die Städte wie für die Kreise hat sich dieser Zusammenhang feststellen lassen. Für die Städte ist et nur zahlenmäßig besser zu beleuchten. I« Durchschnitt der Steuerjahre 1899/1903 entfielen aus 1000 Einwohner physische Einkorn- mensteucrzensiten im Stadtkreise Berlin 228,5/ die Zunahme der Bevölkerungsziffer durch
Augenblick gibt den Ausschlag. So lange mir hier sind, habe ich mich schon mit dem Gedankens gequält, daß es jetzt, wo ich eure Hausgenossin, bin, doch nicht wohl angeht, euch zu verschwel- gen, daß-Georg Eltester mein Verlobter ist." 4
„Gertrud, wie konntest du!" rief Melitta. I
„Der freche Bube, er hat es gewagt? Währ- rend ber paar Tage, wo wir hier sind?" knirschte Melnik. ’i
„Habe ich ihn täglich gesehen," fuhr Gertrud ruhig unb freimütig fort, „aber mein Verlobter ist er schon seit bem vorigen Sommer und mit dem Segen der Mutter." i|
„Wie war das möglich?" fragte Melitta, die Hände zusammenschlagend, mit einem ängst-- lichen Blick auf ihren Mann, dessen Gesicht einen tief gehässigen Ausdruck angenommen hatte. Er zuckte die Achseln und murmelte: „Die Mutter ist tot, sie kann nicht mehr —" 1
Gertrud ließ ihn nicht ausreden. „Du wogst es, den Verdacht zu. äußern, ich könne mich auf meine tote Mutter berufen, eine Unwahrheit sprechen, die ihr geschlossener Mund nicht widerlegen kann!" rief sie aufspringend und trat ihm ganz nahe. Unwillkürlich wich er zurück; ihr bleiches Gesicht starrte ihn so drohend, so vernichtend an.
„O, Lothar, wie kannst du das sagen?" schluchzt jetzt auch Melitta, „Gertrud hat noch nie die Unwahrheit gesprochen. — Aber wie konntest du, wie konnte die Mutter das tun?"
„Verzeihe, Gertrud," versetzte Melnik, ohne aber seine schroffe Haltung aufzugeben, „ich mag dir mit dieser Aeußerung unrecht getan haben, aber die grenzenlose Ueberraschung ober besser die Empörung hat sie mir entrissen. Wie konntest' du etwas so Wahnsinniges, etwas so Unwiirdi-s ges tun?, Wie konnte deine Mutter es gut-, heißen?"/ (Forts, folgt.) J
„Da würde es allerdings bas beste fein, ben für uns wertlosen Landsitz zu verkaufen," war Melniks leicht hingeworfene Antwort. Nun hatte aber Gertrub, bie bisher bem Gespräch schweigend zugehört, sich mit blitzenden Augen erhoben und gerufen: „Du vergißt. Lothar, daß ber Gobenberg Melitta nicht allein gehört."
„Das habe ich burchaus nicht vergessen, liebe Gertrud, aber ich hoffe, du wirst mit dir reden lassen," versetzte Melnik in dem überlegenen Ton, den er so gern dem jungen Mädchen gegenüber anschlug.
„Niemals gebe ich die Villa in ganz fremde Hände!" tief sie.
„Sage das nicht mit einet solchen Bestimmtheit, dein künftiger Gatte dürfte vielleicht anders darüber denken," warnte Melnik in spöttischem Ton, dadurch aufgebracht, entgegnete Gertrud:
„Durchaus nicht, die Villa, und alles, was dazu gehört, ist ihm ebenso teuer wie mit als —"
Sie hielt plötzlich inne; zu sich selbst gebracht durch den erschrockenen Ausdruck im Gesicht bet Schwester, durch bie zornig gespannte Miene des Schwagers.
„Was soll das heißen?" fragte Melnik, „bas klingt je beinahe, als sprächest du von einer bestimmten Persönlichkeit. Dürfte deine Schwester und dein Schwager vielleicht erfahren, welchen von deinen Bewerbern du erhört hast oder demnächst zu erhören gedenkst!"
Gertrud schwieg einige Minuten und blickte zu Boden, auf ihrem Gesicht wechselten Glut und Blässe, endlich hob sie den kleinen, feingeformten Kopf, für den bie Fülle bes kastanienbraunen Hares fast zu schwer war, strich mit der Hand übet die weiße, mehr breite als hohe Stirn und sagte, das klare, dunkelgraue Auge mit ruhigem Ernst auf den Schwager richtend, mit leiser, aber fester Stimme: JYa. ihr sollt cs erfahren, dieser