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Marburg
Donnerstag 1. August 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, UmvrrfitätS-Buchdruckerei 42. Jklhrg« Marburg, Vtarkt 21. — Telephon 55.
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Berliner Dämmer-Zustände!
- Die Berliner werden jetzt in Atem gehalten durch einen allem Anscheine nach irrsinnigen Verbrecher, der es auf unmündige Kinder abgesehen hat. Nachdem er am Freitage drei kleine Mädchen überfallen hatte, von denen die kleine Margarethe Prawitz aus der Ryke-Straße an zwei Stichen in den Unterleib, die eine Darm- zerreitzung herbeiführten, gestorben ist, während die beiden anderen drei- und fünfjährigen Opfer durch einen Stich in der Nabelgcgend in nicht lebensgefährlicher Weise verletzt wurden, sind auch am Montag wieder neue Angriffe auf Kinder im Norden von Berlin gemeldet. Die 4jähr. Tochter eines Frieseurs die Tochter des Fleischsr- mstrs. Arndt aus der WeißenbvrgerSlraße wurden gleichfalls in Häusern überfallen. Ob in dem letzteren Falle der Verbrecher identisch mit dem Unholde vom Freitag Abend war, erscheint Insofern zweifelhaft, als die Art des Angriffes von der in den anderen Fällen sich unterschied. Dagegen wuil>e die kleine Richert gleich den drei Opfern vom Freitage mit einem scharfen Instrument gestochen, vermutlich mit einer halben Echeere. Die Berliner Kriminalpolizei nimmt, da eine Notzüchtigung der Kinder nicht stattgesunden zu haben scheint, als ziemlich erwiesen an, daß man es in der Person des Verbrechers, der an den berüchtigten Jack den Aufschlitzer erinnert, mit einem Geisteskranken zu tun habe, und dieser Umstand lenkt erneut die öffentliche Aufmerksamkeit auf die gerade heillosen Zustände, die für die öffentliche Sicherheit herbei- gcführt sind durch die Sorglosigkeit, mit der man in vielen Jrenanstalten gewisse typische Kranke behandelt. In dem „Berliner Lokalanzeiger" hat sich zu dieser Frage der Irren- und Nervenarzt Dr. med. Hans Fischer geäußert. Die von ihm gegebene Schilderung ist so ungemein lehrreich, daß sie im vollen Wortlaute hier folgen mag:
In allen Irrenanstalten gibt es Geisteskranke, welche die Erlaubnis haben, die Anstalt zu bestimmten Tagen und Stunden ohne Begleitung des Personals zu verlassen. Es handelt sich vielfach dabei um solche Kranke, die, an periodischen Psychosen leidend, längere Zeit ruhig und ein-
1 «Nachdruck verboten.)^
> In den Fluten.
Mkoman von Jenny Hirsch.
* I.
„Wo sie nur bleibt? Sie kommt noch immer nicht, und ich warte schon seit einer Stunde mit dem Abendbrot. Ich werde nun doch unruhig; wenn ihr nur nicht irgend ein Unglück zugestoßen ist!"
Die junge Frau von Melnik hatte eine geraume Weile auf dem Balkon der Villa gestanden, die im östlichen Holstein unweit des Diek- fees gelegen war und von ihr, ihrem Gatten, ihren Kindern und noch einer jüngeren Schwester bewohnt war.
Nach der letzteren hatte sie ausgespäht, den Fußpfad im Auge behaltend, der von dem nahen Walde nach der sehr hübschen Besitzung führte.
D-e vom langen Schauen in die untergehende Sonne geblendeten Augen mit der sehr kleinen, wohlgepflegten, weißen Hand beschattend, trat sie durch die offenstehende, cpheuumrankte Glastür in das an den Balkon stoßende Zimmer zurück. Sie warf einen Blick auf die langsam fortriickenden Zeiger der Uhr und schaute dann fragend in das Antlitz ihres Mannes, der bei den hastig hervorgestoßenen Worten seiner Frau ein Zeitungsblatt, in dem er gelesen hatte, auf den Tisch legte. Er fuhr sich mit der Hand über die gewölbte, schon ziemlich kahle Stirn und erwiderte, gleichfalls nach der Uhr schauend, nach Einigem Besinnen: „Sie bleibt mir auch zu lange; ich habe cs immer gesagt, daß ihr auf den einsamen Spaziergängen im Walde noch zcinmal ein,Unglück zustoßen werde."
„Lothar, wie Du das sagst'" ries die junge Frau, mehr noch durch den Ton und die Miene ihres Gatten, als durch dessen Worte erschreckt.
sichtig sind, manchmal auch um sogenannte sekundäre Irre, im Remissionsstadium befindliche Paralytiker usw. Ein leichter moralischer Druck pflegt seitens der Anstaltsärzte in der Art auf solche Kranke ausgeübt zu werden, daß man sich von ihnen ein Ehrenwort geben läßt, inhaltlich dessen sie sich verpflichten, auf ihrem Spaziergang z. B. nicht in die Stadt zu gehen, keinen Alkohol unterwegs zu trinken, pünktlich auf die Minute zu Hause zu sein u. a. m. Diese Gepflogenheit entspricht durchaus den modernen Anschauungen über die Behandlung Geisteskranker selbst in geschloßenen Anstalten und wird von jedem humanen Psychiater so gehandhabt.
Trotzdem riskiert man natürlich immer wieder dabei, daß so ein monate- und jahrelang anscheinend völlig ruhiger und besonnener Geisteskranker gelegentlich eines Ausganges plötzlich von einem Dämmerzustand oder Furor ergriffen wird. In diesem Zustand ist er nicht mehr Herr seiner selbst und gemeingefährlich. Bei Epileptikern sind solche Zustände von ungemein kurzer Dauer und alterieren trotzdem das Erinnerungsvermögen in so hohem Grade, daß jede Spur davon verwischt wird. Nach den Erfahrungen, die ich seinerzeit selbst als langjähriger ehemaliger Anstalts-Irrenarzt gemacht, kann ich mir ganz gut folgendes denken:
Ein, sagen wir. im Remissionsstadium seit Jahren befindlicher Paralytiker hat, wie erwähnt. freien Ausgang. Er benimmt sich tadellos. Eines Tages geht er, dem Verbote zuwider, nach Berlin hinein. Ein äußerer Anlaß löst einen paralytischen Tobsuchtsanfall aus. In diesem bringt er einige Kinder um, entkommt aber seinen Verfolgern. Erschöpft sinkt er später irgendwo weit entfernt vom Tatort nieder, wird als Schwerkranker von der „Sanität*1 aufgefunden, rekognosziert und wieder in seine Anstalt zurückgebracht. Dort kennt man ihn, nimmt ihn natürlich auf, notiert im Journal, daß anscheinend ein akuter paralytischer Anfall stattgefunden habe, und läßt den Patienten bis auf weiteres nicht mehr frei gehen. Dieser aber hat in seiner Unbesinnlichkeit alles vergeßen, was er getan, oder ist überhaupt noch verwirrt — keinesfalls ist irgend ein Verdachtsmoment gegeben, daß er. der Täter ist — und doch kann es so sein. Aehnliches kann beim Epileptiker, Paranoiker und anderen oft monatelang in der Anstalt ruhig und gesetzt sich benehmenden Geisteskranken vorkommen. Der Kranke verläßt äußerlich ruhig die Anstalt, begeht unterwegs im Dämmerzustand feiner Psychose Untaten, kommt wieder zu sich, vergißt alles und kehrt daher, ohne im mindesten in seinem Gewissen sich bedrückt zu fühlen, in die Anstalt zurück. Nichts an seinem Benehmen verrät besondere Erregung. — Vielleicht ließe sich durch Recherche feststellen, welche Geisteskranke der in und um Berlin befindlichen bezüglichen Anstalten am Tage
„Das klingt ja. als ob Du etwas wüßtest und mich vorbereiten wolltest."
Um die von einem dünnen, weißlich-blonden Schnurrbart beschatteten, etwas gekniffenen Sippen des Herrn von Melnik zuckte ein Lächeln, und es klang fast, als rede er mit einem Kinde, während er ihr antwortete: „Nicht doch, Melitta, beruhige Dich; würde ich hier so gelaßen sitzen, wenn ich von einer bestimmten Gefahr für Gertrud wüßte? Immerhin —“
„Was soll ihr auch geschehen?" suchte sich jetzt Frau von Melnik zu beruhigen. „Sie ist hier so bekannt; feit unseren Kinderjahren sind wir ja jeden Sommer hier gewesen."
„Und bestanden darauf, auch in diesem Sommer wieder herzukcmmen, obwohl ich ernstlich davon abgeraten habe; es tut mir jetzt recht leid, daß ich Euch nachgegeben," erwiderte Herr von Melnik verdrießlich, während er aufstand und auf den Balkon hinaustrat.
Seine Frau folgte ihm dahiiststind sagte: „Es war so natürlich, daß wir den ersten Sommer nach dem Tode der Mutter'nirgends anders sein mochten, als in dieser Villa, die der Vater für sie gebaut hat und wo sie stets so gerne weilte."
Als Herr von Melnik verdroßen schwieg, fuhr sie n-»ch eindringlicher und mit einem Blick auf ihre Trauerkleidung fort: „Welcher Ort hätte sich beßer für das zurückgezogene Leben, das zunächst für uns geboten war, geeignet, als dieses Fleckchen Erde, unser Eigentum, unsere zweite Heimat?"
„Deine Mutter ist nun fast ein Jahr tot, Melitta," versetzte er in dem überlegenen Ton, welchen er seiner Frau gegenüber so gern anzuneh- mert pflegte, „Du hättest dem Leben auch wieder seine Rechte -einräumen und etwas Rücksicht auf mich nehmen können."
„O, Lothar!" rief sie erschrocken. „Langweilst Du Dich hier? Fühlst Du Dich einsam? Ich
der Untat Spaziergangerlaubnis ohne Begleitung hatten, und ob nicht einer davon als eventueller Täter in Frage kommt?"
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß man in dieser Praxis der Irrenanstalten nur den Ausdruck einer geradezu entarteten und weichlichen Anschauung zu erblicken hat, die für unser öffentliches Leben zu einer schweren Gefahr geworden ist, und gegen die der geistig gesund gebliebene Teil des deutschen Volkes endlich geschützt werden muß. In welcher Weise die fatale Neigung, in gemeingefährlichen Verbrechern lediglich unglückliche Grundlagen zu entziehen droht, beweist ein Blick auf die romanischen Länder und Amerika, wo die Lombroso- Leppmannsche Schule von der Gaunerwelt geradezu als Heilsbringerin begrüßt ist, .und es kaum noch gelingt, „schwere Jungen" und raffinierte Hallunken der Gerechtigkeit zu überliefern. Nur aus den gleichen schlimmen Instinkten heraus erklärt es sich, daß in der Schweiz eine Tatjana Leontijef von den Irrenärzten geradezu freigesprochen und infolge dieses Gutachtens von den Richtern zu einer Strafe verurteilt wurde, deren lächerliche Geringfügigkeit einem Fehlfpruche gleichkommt.
In Berlin insbesondere hak infolge dieser fatalen Praxis das Rechtsbewußtsein bereits schweren Schaden erlitten und die Frivolität, mit der alte Erzgauner dem Rechte als entsprungene „Geisteskranke" eine Nase drehen, ist oft genug im letzten Jahre drastisch erwiesen. Auch in der Nacht zum Montage tobte ein solcher Patron in der Rosenthaler Straße umher. Ohne jede Veranlaßung schoß er in das Sonntagspublikum hinein und flüchtete bann in ein Wirtshaus, aus dem er aber hinausgeworfen wurde, so daß die Schutzleute nur mit vieler Mühe ihn vor der Wut der Volksmenge bewahren konnten. Er ist angeblich ein Uhrmacher und legte sich mehrere Namen bei. In seinem Besitz aber befanden sich zwei geladene Revolver, etwa 5000 in Gold und Papiergeld, sowie mehrere goldene und silberne Uhren. Er kann sich nicht erinnern, wie er in den Besitz dieser kostbaren Gegenstände gekommen ist. Nach der Ansicht der Irrenärzte haben wir es da also mit allen typischen Anzeichen eines Dämmer-Zustandes zu tun. Sollte es sich in Wirklichkeit hier nicht vielmehr um eine Dämmerung des deutschen Rechtsbewußtseins handeln?
Tkn-HtS Nrich.
— Der Kaiser ist gestern Abend, von der Nordlandsreise zurückkehrend, an Bord der „Hohenzollern" vor Saßnitz auf Rügen einge- troffen.
— Kaiserlicher Dank für ein Huldigungstelegramm aus Mannheim. Auf das Huldigungstelegramm des Bundes Deutscher Zimmerleute, der gegenwärtig in Mannheim seinen 4.
dachte ja nicht, daß Du mit mit und den Kindern —"
„Ihr seid meine Welt," unterbrach er sie pathetisch, mit seiner Rechten die Hand, welche sie ihm entgegengestreckt hatte, faßend und fest haltend, während die Linke über das wellige Haar von einem tiefen satten Blond strich; „ich hätte aber gedacht, uns allen würde nach der langen, einförmigen Trauerzeit eine Abwechselung gut gewesen fein. Der Aufenthalt in einer großen erhabenen Natur würde wohltätig gewirkt haben."
„Kann es denn lieblichere Naturbilder geben, als uns die Heimat bietet?“ fragte sie dagegen und deutete mit der Hand hinaus in die Landschaft, auf welcher noch warm und goldig der Abglanz des Sonnenuntergangs lag, obwohl das leuchtende Gestirn schon in den Fluten der Seen versunken schien, die als silberhelle, rosig überhauchte Streifen zwischen den sich nach allen Richtungen ziehenden waldbedeckten Höhen schimmerten. Von lebendigen Hecken umschloßene Felder, auf denen eine üppige Saat der Senfe des Schnitters entgegenreifte, faft- strotzende, mit bunten Blumen übersäte Wiesen, auf welchen das Vieh weidete, bildeten gewissermaßen den Vordergrund dieses reizvollen Gemäldes. Soeben trieb ein von seinem Hunde begleiteter strickender Hirte eine Herde stattlicher Kühe mit glänzendem Fell und strotzenden Eutern den Ställen zu, der Klang der an den Hälsen befindlichen Schellen drang anheimelnd zu dem Ehepaar hinauf.
„Jst's nicht schön hier?" flüsterte sie mit leuchtenden Augen. Er verstand es, sogleich wieder Waßer in ihren Wein zu gießen.
„Du bist genügsam, liebe Melitta, und nimmst mit der „Holsteinischen Schweiz" vor« lieb; Du wirst doch zugeben, daß sie sich mit dem Berner Oberland nicht meßen kann."
Verbandstag abhält, an den Kaiser, ist, laut „General-Anzeiger", folgende Antwort eingelaufen: „Seine Majestät der Kaiser und König lassen für den treuen Gruß bestens danken. Auf allerhöchsten Befehl: der Geheime Kabinettsral i. V. v. Eisenhart-Rothe."
— Der Bundesrat hat noch vor dem Eintritt in die Ferien Bestimmungen über die Nachweisungen bet Straf fälle in Bezug auf di< Zölle unb Reichs steuern sowie die E i n« Aus- und Durchfuhrverbote mit bet Maßgabe seine Zustimmung erteilt, daß für bt< Rechnungsjahre 1906, 1907, 1908 sämtliche Einziehungen nachzuweisen sind, sofern sie für Waren derselben Tarifnummer bei den einzelnen Aemtern zusammen den Zollbetrag von 5 <M im Rechnungsjahre erreichen und daß auch spätere wichtigere Einziehungen der nicht namenk- lich aufgeführten Waten am Schlüsse des Verzeichnisses unter besonderen Otbnungsnumrnetn in der Reihenfolge des Zolltarifs auszuführen sind. Die Nachweisung der eingezogenen Waten umfaßt 34 besondere und eine Sammelpofition.
— Die deutsche Industrie Über Wilhelm vor Kardorff. Anläßlich des Todes Wilhelm v. Kar- borffs bringt die „Deutsche Industrie-Zeitung" bas Organ bes Zentralverbanbes Deutscher Jn- bustriellet, an bet Spitze ihrer letzten Nummer einen seht warm gehaltenen Nachruf aus bet Feder des Generalsekretärs Bueck, in dem es heißt: „Eine Kampfnatur im vollen Sinne des Wortes, daher Schwierigkeiten und schwächliche Rücksichtnahme mißachtend, veröffentlichte Kar- dorff im Jahre 1875 seine Schrift Gegen den Strom, die ungeheures Aussehen erregte. Denn er hatte ausgesprochen, was bet herrschenbrn Strömung in den Regierungen unb in der öffentlichen Meinung gegenüber auszusprechen kaum noch gewagt worden war, daß die deutsche Wirtschaftspolitik wieder zum Schutzzoll um- kehren müsse. Damit hatte et, der einzelne, mutvoll den Kampf aufgenommen, für den et nun begann, die Truppen in der Industrie zu werben, indem er ihr zutief, sich wieder auf sich selbst zu besinnen. Zum 14. Dezember 1875 be« tief Kardorff einen kleinen Kreis von Industriellen nach Berlin, mit denen er am 15. Februar 1876 den Zentralverband Deutscher Jn- bustriellet zur Förberung unb Wahrung nationaler Arbeit begrünbete. Damit hatte er bet Jnbustrie bie Organisation gegeben, anfangs ein verhältnismäßig kleines, von ben übermächtigen Gegnern verhöhntes unb verspottetes Häuflein. Aber unter Kardorffs, bes ersten Vorsitzenden einsichtsvoller, energischer Leitung breitete sich der neue Verband schnell über Deutschlands Jnbustriebezirke aus. Durch seine ernste, intensive und unermüdliche Arbeit gelang es ihm, die öffentliche Meinung derart zu beeinflussen, daß nach bet Auflösung des Reichstags im Sommer 1878 eine schuhzöllnerifche gesinnte
„Dort sind wir Hotelgäste, hier sitzen wir im eigenen Heim, entbehren keine Bequemlichkeit," entgegnete sie, sägte aber, die Falte auf seiner Stirne bemerkend, schnell hinzu:,, Wir können ja aber immer noch nach der Schweiz reifen, vielleicht im September, und dann über den Gotthard nach Italien. Gertrud — o, mein Gott," unterbrach sie sich, „da schwatze ich hier und mach« Reisepläne, und darüber vergeßen wir ganz, daß Gertrud noch immer nicht hier ist."
„Nein, Melitta, ich habe bas burchaus nicht vergeßen, ich wollte nur nicht burch meine Angst bie Deinige vergrößern," sagte sehr nachdrücklich Herr von Melnik unb lehnte seine lange Gestalt über bie Brüstung bes Balkons, um möglichst weit in bie sich jetzt schon mit dein Schatten bet Dämmerung umhüllende Gegend schauen z« können.
„Weit unb breit nichts zu erblicken!" seufzt« er bann.
Die kleine Stirn der jungen Frau umwölkt« sich, bie rosige Wange war um einen Schein bläßer, in ben dunkelblauen Augen schimmerte es feucht. „Es wirb schon ganz dunkel; was fangen wir nun an?" flüsterte sie und sah wie hilfeflehend auf ihren Mann.
„Es bleibt uns nichts übrig, als abzuwartem nach- welcher Richtung sollen wir denn suchen?" fragte er dagegen.
„Es ist nicht recht von Eertrub, uns solche Angst zu verursachen," Frau von Melnik sagte es schmollend. „Sie darf auf keinen Fall wieder so lange ausbleiben, das werde ich ihr ernstlich einschärfen."
„Mit der ganzen Autorität der älteren Schwester, die sie so herrlich respektiert," spottet« ihr Gatte, fügte aber sogleich wieder in einem hofmeisternden Tone hinzu: «Sie sollte überhaupt nicht allein spazieren gehen. Warum geht sie nicht mit Dir und den Kindern?"
.(Fortsetzung folgt.)