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Erstes Blatt.

Marburg

Sonntag, 21. Juli 1907.

Erscheint wöchentlich sieben «al.

Druck tmd Verlag: J o h. Au g. Koch, Universitäts-Buchdruckerek Marburg, Mark 21. Telephon 55.

42. Jahrg.

Deutsches und anderes Kapital in Mittel- und Südamerika.

Ernsthafter als die politische ist die wirt- sch«itjruhL-<EMjt der Monroelehre mit ihren all- «merttäWchS^rFolgerungen.

ErstauMichL Fortschritte, ja Eroberungen hat »ie'Uniou fMübrigen Amerika gemacht mit Hilfe ihrer gewaltigen Kapitalsüberschüsse, ourch den Wagemut und die Skrupellosigkeit ihrer Kapitalisten und nicht zuletzt durch die ßvcitgehende Förderung der Unionsregierung.

Vis um die Wende des Jahrhunderts war in den amerikanischen Staaten außerhalb der Anion überwiegend englisches, daneben aber duch deutsches, französisches, belgisches, holländi­sches und spanisches Kapital angelegt.

Nach halbamtlichen Angaben stellen sich die deutschen Kapitalsinteressen in Grundbesitz, In­dustrie, Eisenbahnen und Handel Ende 1904 für ganz Amerika auf 5 bis 6. für Mittel- und Südamerika allein auf 2,8 bis 3,4 Milliarden Mark.

' Die deutschen Kapitalsinteressen in Amerika sind im Wesentlichen auf die anerkennenswerte Tätigkeit des Handels, wie des Mittel- und Kleinkapitals zurückzuführen. Wie in Osiasien und anderwärts, so hat auch in Amerika das deutsche Großkapital versagt, wo es sich um schöpferische Unternehmungen auf nationaler Grundlage handelte. Für Staatsanleihen und Aktienausgaben ist es zu haben, weil hier bei raschem Umsatz guter Gewinn ohne Wagnis herausspringt. Sonst hält cs sich zurück,, obschon oder vielleicht, weil cs sich im Wesentlichen in Aktienbanken organisiert und zuletzt in einigen Großbanken zentralisiert hat. Diese Klagen finden sich selbst in amtlichen Berichten.

. Am bedenklichsten hat sich die Unfähigkeit des deutschen Großkapitals in Argentinien ge­zeigt. Erste Berliner Banken verleiteten zu Ende der achtziger Jahre die deutschen Sparer zum Ankauf argentinischer Staatsoapiere in Höhe von mehr als 300 Mill. Mark. Nach der Zahlungseinstellung Argentiniens im Jahre 1892 sanken diese Papiere auf ein Drittel ihres Wertes. Dabei waren die deutschen Banken nur die Hintermänner englischer Unternehmungen gewesen und hatten, was sie auch sonst vielfach versäumten, nicht einmal dafür gesorgt, daß bei der Verwendung der in Deutschland aufgeuom- menen Anleihen für Eisenbahnen usw. deutsche Techniker und Jndustrieerzeugnisse bevorzugt wurden. So verloren alle Teile, die Deutschen :<tt der Heimat an Kapital, die Deutschen in Ar­gentinien an Einfluß, und die deutschen Indu­striellen hatten das Nachsehen.

87 (Nachdruck verboten.).

Heimweh nach Glück.

Roman von Erich Friesen. (Foitjetzung).

- Rolf und Nero sind stets die besten Freunde; aber merkuMrdig! Der Hund kann sich nicht an Pta gewöhnen. Liegt er zu Füßen seines Herrn ruhig und zufrieden da bei Pias Nahen wird er unruhig.

Zuerst ärgert Rolf sich darüber; dann lacht er. Und schließlich achtet er gar nicht mehr auf diese seltsame Erscheinung.

Auch heute wieder ist Nero sehr unruhig. Die Mittagstafel ist abgeräunrt, und Frau Tösti, Rolfs frühere Wirtschafterin, die zur Bon,le des kleinen Carlo avancierte, bringt den Knaben zu den Eltern ins Zimmer.

Sofort bemerkt Rolf, daß dem Kinde etwas fehlt. Der Kopf ist rot, der Puls beschleunigt.

Er verordnet ein Medikament, schärft der Mutter und der Bonne ein vorsichtig zu sein, damit das Kind sich nicht erkälte und begibt sich auf seine nachmittägliche Rundreise zu den ver­schiedenen Patienten.

In der ersten Sorge um den Kleinen hatte Pia vergessen, daß heute der Tag ist, an welchem ihr Vater sie erwartet. Als sie mit Klein-Carlo auf dem Schoße am Fenster sitzt, fällt ihr der Gedanke schwer aufs Herz, was der Vater sagen wird, wenn sic heute nicht zu ihm kommt und er vergebens auf fein Elixier wartet.

Hin und her überlegt sie, was sie tun soll: das tränke Kind für ein paar Stunden verlassen oder den alten Mann der verzweifelnden Angst preisg-wen.

Ein heftiger Kampf tobt in ihr.

Schon neigt er sich zu Gunsten des Kindes. Mag der Vater warten! Das hilflose Geschöps- chen auf ihrem Schoß geht vor!

Doch ist der arme alre Mann nicht ebenso hilflos? Vielleicht noch hilfloser?

Pias Unruhe wächst. Sanft bettet sie das Kind in sein Pettchen und setzt sich daneben, das

In seinem Streben nach banktechnischen Ge­schäften mit raschem und sicherem Gewinn hat das deutsche Großkapital bisher, von wenigen Ausnahmen abgesehen, für fruchtbringende, er­folgversprechende, weitausschauende Unterneh­mungen (Eisenbahnen, Bergwerke, Fabriken, Pflanzungen) in Verbindung mit deutscher In­telligenz und deutscher Arbeit im Auslande kein Verständnis betätigt, aussichtsvolle Anerbietun­gen preisgegeben und den deutschen Interessen­ten, Technikern. Kaufleuten, Kolonisten usw. im Auslande nicht jene Unterstützung zugewendet, wie sie Engländer und Franzosen und vor allem die Unternehmer aus der Union von ihrem na­tionalen Großkapital erwarten und erhalten. So erklärt sich die beklagenswerte Tatsache, daß namentlich in Südamerika trotz der eifrigen Tätigkeit des deutschen Handels, der deutsche Unternehmergeist von Engländern, Franzosen und selbst von Belgiern, vor allem aber von der Union her, überflügelt und zurückgedrangt wird. An den aussichtsvollen Eisenbahn-, Sie- delungs- und Bergwerkskonzessionen in den süd­amerikanischen Staaten, wie namentlich in Mexiko, konnten sich bie'Deutschen,' obwohl sie überall als tüchtige Geschäftsleute.angesehen sind und in besserem Rufe stehen als die Spe­kulanten aus der Union mit ihren oft zweifel­haften Gründungen, nicht beteiligen, weil das Großkapital daheim versagte. Für eine ku­banische Anleihe wurden Mitte 1904 an der Frankfurter Börse 32 Mill. M. gezeichnet. Han­delt es sich aber um Eisenbahnbauten in Argen­tinien oder zur Unterstützung deutscher Ansiedel­ungen in Brasilien, dann sind die deutschen Bör­sen nicht zu haben, mögen die Eisenbahnen so nützlich und gewinnverheißend als nur möglich sein. Von der Erkenntnis, daß sie im Auslande auch- nationale Aufgaben haben und ausstchts- vollH Unternehmungen mit deutschen Kräften in eigener Verwaltung durchführe» müssen, sind die Leiter der deutschen Großbanken noch weit ent­fernt.

Mit der Gründung deutscher überseeischer Banken wird wenig erreicht, wenn die alte Un­fähigkeit fortdauert. Auch in Mexiko ist eine solche Bank begründet worden und trotzdem sind die Deutschen, die niemals politische Händel mit Mexiko hatten, durch die Franzosen verdrängt worden, deren Großkapital sich an hervorragen­den Bankunternehmungen in bedeutendem Um­fange beteiligte, Baumwollspinnereien errich­tete, Bergwerke eröffnete usw. Die französischen Kapitalsanlagen in Amerika werden auf über 2 Milliarden M. geschätzt.

Weitblickend und wagemutig, außerdem das Erste am Platze hat das imlische Kapital auch in Amerika zahllose UnternetzmungMMf allen Ge­bieten des Wirtschaftslebens " -durchgeführt, hauptsächlich auch in Südamerika. Manche Ver­luste hat es erlitten, aber sie waren im Ver­gleiche zu dem Gewinn nur verschwindend. Noch heute übersteigen in Südamerika die englischen

fieberheiße Gesichtchen nicht aus den Augen lassend.

Da meldet ihre Zofe, ein Mann sei unten. Er habe gehört, die Stelle des servierenden Dieners werde demnächst frei. Er möchte sich um diese Stelle bewerben und sich der Signora vorstellen.....

Obgleich der Mann ihr recht ungelegen kommt, beschließt sie in ihrer nie versagenden Güte, besonders Untergebenen gegenüber, doch, da er nun einmal da ist, ihn anzuhören.

Gleich darauf betritt ein schlanker, gut ge­kleideter Mann von etwa dreißig Jahren mit feinen Manieren und höflichem Wesen das Zimmer.

Er zeigt ein paar Zeugnisse aus sehr vor­nehmen Häusern vor, die alle glänzend lauten, von Pia aber in ihrer zweifachen Sorge um Vater und Kind kauin beachtet werden.

Wie mechanisch stellt sie einige Fragen, die mit höflicher Ruhe beantwortet werden. Wie mechanisch auch, mehr, um die Sache los zu sein, als aus persönlichem Wohlgefallen, engagiert sie den Mann für den in acht Tagen die Stel­lung bei ihr verlassenden Diener Pietro.

Ihr Name ist Alfonso, nicht wahr?" fragt sie, als der Mann sich verabschieden will.

Ja, Signora. Ernesto Alfonso."

Es ist gut, Alfonso. Also von heut ab in acht Tagen erwarte ich Sie."

Zu Befehl, Signora. Ich werde pünktlich meine Stellung antrcten."

Eine entlassende Handbewegung eine re­spektvolle tiefe Verbeugung der neu enga­gierte Diener zieht sich zurück.

Als er ein paar Minuten später langsam die Straße hinabschlendert, hat er die Zähne fest aufeinander gepreßt.

Noch nie ist ihm eine Aufgabe so schwer ge­worden, noch nie hat er das Unwürdige, Ent­ehrende seines Berufes so peinlich empfunden, wie in diesem Augenblick den Beruf eines Lockspitzels, der sich unter falschem Namen in ein Haus einschleicht, um den Geheimnissen einer hochangesehenen Familie nachzuspüren.

Kapitalsinteressen alle anderen. In Brasilien hat sich das englische Kapital unter Rotschilds Führung eine geradezu herrschende Stellung er­rungen. Die meisten Eisenbahnen in Brasilien und Argenttnien wurden von den Engländern gebaut, selbstverständlich von englischen Tech­nikern und mit englischen Materialien. Auch in Uruguay, Peru, Ecuador und Bolivien über­wiegt englisches Kapital.

Als Kapitalsmacht und Gläubigerstaat ist die Union mit ihren Angehörigen im übrigen Amerika verhältnismäßig spät hervorgetreten, aber um so tatkräftiger, ungestümer, grundsatz­loser und erfolgreicher. Große Kapitalien aus der Union fließen überall zu, wo sich in Amerika, günstige Aussichten bieten, zunächst in die Nach­barstaaten. In Grundbesitz und Fabriken Ka­nadas sollen mehr als 2 Milliarden M. Kapital aus der Union angelegt fein.

In Mexiko arbeiteten nach halbamtlichen Schätzungen vom Frühjahr 1907 annähernd 3,7 Milliarden X Kapitalien aus der Union und zwar vorzugsweise in Eisenbahnen, ferner in Bergwerken, Metallverhüttung, Ackerbauuitter- nehmungen, Fabriken, Banken usw. Das Ueber- gewicht tzer Kapitalisten aus der Union empfan­den die Mexikaner besonders im Eisenbahnver­kehr. Die mexikainischen Eisenbahnen wurden fast ausschließlich von Unternehmern aus der Union erbaut und standen derartig unter ihrem Einfluß, daß die mexikanischen Frachtsätze in erster Reihe den Jnieressen der Union dienten. Vielfach waren die Frachten für Sendungen in­nerhalb Mexikos höher als die Frachten für die Einfuhr der Union nach Mexiko. Mit den billig herangeführten Erzeugnissen der Union konnte die mexikanische Industrie nicht mehr recht kon­kurrieren. Da schritt Präsident Diaz ein und ließ zunächst die Mehrzahl der Nationalbank- aktien ankaufen, sicherte sich spater überwiegen­den Einfluß auf die Zentralbahn und erlangte dadurch die Verfügung über die Feststellung der Frachtsätze auf den wichtigsten Bahnen. So unterdrückte Präsident Diaz noch rechtzeitig das Aufkommen übermächttger Eisenbahntrusts, wie sie in der Union so lebhaft beklagt werden.

Tatkräftig und erfolgreich dringt der Kapi­talismus auch in den übrigen amerikanischen Staaten vor. Mit Vorliebe wirft er sich wie in Columbien und Bolivien, Peru, Ecuador, Gua­temala und Venezuela aus den Bau von Eisen­bahnen in Verbindung mit Landspekulationen und Bergwerksunternehmungen. In Chile sucht er sich der Salpeterlager zu bemächtigen. Selbst in Argentinien spielt der Kapitalismus der Union bereits eine große Rolle und will dort wie in Brasilien neue Eisenbahnen an- legen, Aäfenbautcn ausführen, Bergwerke er­werben Mm.

Anfang 1906 überließ die Regierung des brasilianischen Staates Maranhao einer Gesell­schaft aus der Union ein Gebiet von 35 000 Quadratkilometern zur Ausbeutung von Gold,

Inzwischen ist oben inVilla Fortuna" der kleine Carlo in seinem Veilchen eingeschlasen. Frau Tosti erklärt, das Fieber habe nachgelassen, die Signora brauche sich nicht mehr zu ängstigen.

Und wirklich als Pia die Hand auf die Stirn des Kindes legt, überzeugt sie sich selbst von der Richtigkeit dieser Behauptung.

Rasch wirft sie deshalb einen Umhang um, setzt ihren schwarzen Hut auf, knüpft den Schleier fest und übergibt den Kleinen der Ob­hut der treuen Wärterin.

Den Weg nimmt sie nach Castellarnare.

Als Pia gegen Abend nach Hause zurückkchri, kommt ihr die'Kammerzofe Ninetta mit merk­würdig erregtem Gesicht und geröteten Augen entgegen.

Was ist, Ninetta? Du hast gemeint?" ruft sie betroffen.Das Kind"

Das Mädchen nickt.

Ja, Signora. Es geht ihm schlecht. Der Herr Doktor ist bei ihm. Und auch der Doktor Mellini."

Schreckensbleich eilt Pia die Treppe hinauf direkt ins Kindsrzimmer.

Bei dem Anblick, der sich ihr bietet, wanken ihre Knie. Nur mit Aufbietung all ihrer Ener­gie hält sie sich aufrecht.

In der Mitte des Zimmers fitzt Rolf auf einem Stuhl; lang ausgestreckt auf feinen Knien liegt der starre Körper des Kindes, während Dr. Mellini sich über das berabhängende Köpf­chen beugt.

Endlich!" ruft Frau Tosti, die auf den Fuß­spitzen ab und zu geht, in verhaltener Erregung bei Pias Eintritt.Endlich find Sie zurück, Signora!"

Nun erst hebt auch Rolf den Kopf.

Ein Blick trifft Pia ein Blick, so voll schmerzlicher Verwunderung, voll bitteren Vor­wurfs, daß die unglückliche Mutter bis ins tiefste Innere erbebt.

Tot? Tot?" schreit sie wilh auf, neben dem kleinen Körper in diö Kme finkend '

Silber, Kupfer und Blei. Um dieselbe Zeit bil­dete sich in Chicago ein Syndikat zur Ausbeut­ung von Wäldern und zur Finanzierung von Eisenbahnen in Brasilien.

Mit ihren Kapitalreserven sei die Union stets bereit, so versicherte Staatssekretär Root auf seiner südamerikanischen Rundreise vom Herbst 1906 in Buenos Ayres, anderen Ländern beizustehen. Durch das Eingreifen von Unions­kapital werde Argentinien bald seine Schulden abtragen, seine reichen Hilfsmittel entwickeln und gleich der Union eine Gläubigernation werden.

Geldmacht ist Weltmacht!" sagt man in der Union und handelt danach. Für das Moltkesche Wort:Die Börse hat in unseren Tagen einen Einfluß gewonnen, der die bewaffnete Macht für ihre Interessen ins Feld zu rufen vermag! Mexiko und Aegypten sind von europäischen Heeren heimgesucht worden, um die Forder­ungen der Hochfinanz zu liquidieren!" lassen sich viele neue Belege aus Amerika beibringen. Der Aufstand auf Kuba ist durch die Zucker- und Tabaksspekulanten in der Union gefördert, wenn nicht hervorgerufen, der Krieg gegen Spanien durch die Armeelieferanten der Union angezettelt, der erste Venezuelastreit mit Eng­land von 1895 durch Uebergrisse von Speku­lanten aus der Union herbeigesührt worden. In den inneren und äußeren Streitigkeiten der meisten amerikanischen Staaten spielt der rol­lende Dollar mit. Soll doch selbst der Bürger­krieg in Chile von 1891 durch Kapitalisten aus der Union genährt, ja veranlaßt worden sein.

Bricht in einem mittel- oder südamerikani­schen Staat eine Revolution aus. die nicht selten von Interessenten aus der Union gewünscht wird, so ist es die erste Sorge des neuen Macht­habers, die Gunst des Vertreters der Union zu gewinnen, dessen Stellung in der Regel für den Verlauf der Bewegung maßgebend ist.

Ucbermächtig ist in der Union der Kapita­lismus gegenüber der Korruption in Parlament und Verwaltung und aufs innigste verquickt mit der Politik. Von den maßgebenden Staats­männern läßt er sich benutzen und stellt sich in ihre Dienste, fordert aber als Gegenleistung um so ausgiebigere Begünstigung seiner Interessen? Von der Tagespresse innerhalb und außerhalb der Union wird die öffentliche Meinung beein­flußt, zunächst im Sinne der Allgemeinheit, d? h. der Union und ihrer Bestrebungen und so­dann im Interesse der beteiligten Kapitalisten, die sich gern in den Mantel patriotischer Be­strebungen hüllen lassen. Viel angewendet wird dieser Trick, die europäischen Kapitalisten vor Kreditgewährung und anderen Unternehmun­gen in Mittel- Und Südamerika zu warnen und die dortigen Verhältnisse als aussichtslos hinzu- stcllen. Bewußt oder unbewußt wird von oben- hcr mitgewirkt und durch Beschränkung des notwendigen Schutzes infolge Erweiterung der Monroelehre die Verscheuchung des europäischen

9iein, Pia. Er lebt. Komm, steh auf! Be­ruhige Dich! Willst Du es halten?"

Sie'nickt.

Langsam steht sie auf und streckt die Arme' aus, in die der Vater behutsam den kleinen Körper legt.

Als sie das Kind an ihrem Herzen fühlt, löst sich die starre Angst. Große Tränen tropften nieder auf das stille kleine Gesichtchen.

Halt es gerade, Pia! Den Kopf in der- selben Höhe mit dem übrigen Körper! Es hatte Krämpfe."

Pia tut, wie ihr geheißen. Sie die ge­schickteste Pflegerin, die so ziemlich in allen Krankheiten Bescheid weiß fie steht zum ersten Male hilflos da, als es sich um ihr eigenes Kind handelt.

Unablässig blickt sie nieder auf das liebe Gesichtchen, das heute so bleich, ach, so be­ängstigend bleich ist! ' '

Jetzt zucken die Augenlider. Ein matter Blick trifft die Mutter. Das Kind versucht zu lächeln, verfällt jedoch sofort wieder in Bewußt­losigkeit.

Rolf!" flüstert sie atemlos.Sage mir die Wahrheit! Muß es sterben? Schone mich nicht!"

Die Gefahr ist groß," lautet die ernste Ent­gegnung.Aber ich hoffe noch. Die nächsten Stunden werden Gewißheit bringen."

Während der ganzen Nacht rührt Pia sich keine Minute vom Bett des Kindes. Ganz still, mit gefallenen Händen sitzt sie da. Niemand, selbst ihr Gatte nicht, ahnt ihren furchtbaren Gemütszustand. f

Zum ersten Mal während der glückdurchfonn- ten Jahre ihrer Ehe fühlt fie, daß sie Unrecht, tat, zu heiraten mit jenem Geheimnis auf dem Gewissen, mit dem Bewußtsein der schwere» Verpflichtungen, die ihr die traurige Eristenz ihres Vaters auferlegt. i

Welche Pflichten find die größeren, heili­geren: Die Pflichten gegen die Eltern? Oder die Pflichten gegen Gatten und Kind?

. (Fortsetzung folgt.)