mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhains
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Jnsertl»«»>ebuhr: die gespaltene Zelle oder deren Raum ISPfg. Neclninen: die Zeile 80 Pf«.
Marburg
Dienstag, 9. Juli 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Berlagt Zoh. Äug. Koch, Umvcnitätr-Buchdruckerei 42. Jahrg.
Marburg, Marft 21. — Telephon 65.
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.vberhessische Zei t««-- nebst ihren Beilagen werden 'von unserer Expedition XMarkt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch. Hain, Neustadt und Wetter, sowie von Men Postanstalten und Landbriefträgern ent« MgetzMiisMmcn.
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Deutsches Neich.
— Der Kaiser trat am Freitag nach herzlicher Verabschiedung vom dänischen Königspaare dis R o r d l a n d s r e i f e an Bord der „Hoheitzollern" an. Die Kaiserin unternimmt an Bord der Segeljacht „Iduna" eine Fahrt an der dänischen und schleswig-holsteinischen Küste. — Den Kaiser begleite« auf der Nordjandsreise die. Eeneraladjutanten v. ' Kessel, HWcholl, v. Moltke, Graf v. Hüljen- Haseler, v. Löwenfeld, die Flügeladjutanten Oberst Lauenstein, Kapitän z. S. Rebeur-Pasch- witz, der Hausmarschall Frhr. v. Lyncker, Generalarzt Dr. Ilberg, Prinz Albert zu Schleswig- Holstein, Prinz Sayn-Wittgenstein, Generalintendant v. Hülsen, der Gesandte Frhr. v. Je- nisch, Geheim rat Prof. Gueßfeldi und der Maler Prof. Salzmann. — Wie verlautet, wird der Kaiser während seiner Nordlandsreise Gelegenheit nehmen, das vierte englische Kreuzerge- schwader, das in der Zeit vom S. bis 15. Juli vor Bergen oder Trondhjem ankern wird, in seiner Eigenschaft als Ehrenadmiral der britischen Flotte zu besichtigen.
— Der Reichskanzler und di« Oberlehrer. Fürst Bülow hatte am 29. Juni, wie berichtet, eine Abordnung der akademisch „-bildeten Lehrer, und zwar die Gymnasialdirektoren Mertens (Brühl) und Landien (Breslau) und den Professor Dr. Lorhing (Berlin), welche die Wünsche der Oberlehrer hinsichtlich ihrer Gleichstellung mit den Richtern an der Hand einer vom Professor Dr. Lortzing aufgeftellten Denkschrift zum Vortrag brachten, empfangen. Bei der Gelegenheit erklärte Fürst Bülow, er fei und bleibe ein treuer Anhänger des humanistischen Gymnasiums, dem er viel für sein ganzes Leben verdanke. Im übrigen meinte der Reichskanzler: die Frage der Gleichstellung der Lehrer mit den Richtern fei überreif und schloß: „Seien Sie ver- jfichert, meine Herren, das; ich in der Wertschätzung des Oberlehrerstandcs hinter dem Fürsten Bismarck, Ihrem alten und grohen Gönner, .nicht zurückstehc. Auch ich erkenne gern an, daß Ihr Stand inbezug , auf Vorbildung, Vflicht- erfnllung und hingebungsvolle Wirksamkeit feinem Stande im Staate nachsteht, und weiß feine Bedeutung für die staatlichen Zwecke, seine
*16 lRachdcuck verboten.)
Heimweh nach Glück.
Roman von Erich Friesen.
; ' '(Fortsetzung).
' Atührend ein Unschuldiger im Eerichtssaal alle Qualen durchkostet, welche die furchtbare Anklage „wegen Giftmordes" mit sich bringt, verlebt der Schuldige in seinem kleinen Häuschen Via Lunga Rr. 126 nicht weniger qualvolle Stunden.
Der Tag ist regnerisch, eine Seltenheit im neapolitanischen Sommer.
' Große Tropfen klatschen an die niedrigen Fenster, deren Läden heute ausnahmsweise geöffnet sind. Nichts von dem tiefen Blau des süditalienischen Himmels. Kein Sonnenstrahl, der sich durch das graue, zusammengeballte Gewölk verirrt. Unruhig geht Professor Lambo im Zimmer auf und ab — sthon feit Stunden. .Immer wieder irrt sein angstvoller Blick hinüber nach der Wanduhr, deren Zeiger sich heute merkwürdig langsam fortbewegen, und von dort durch die kleinen Fensterscheiben über den halb- verdorrten Blumenwirrwarr hinaus auf die Straste...
Wie alle Tuge, so kommt auch heute die alte Assunta um ein Uhr ins Zimmer, um den Tisch zu decken.
„Was willst Du hier?" herrscht der Profesior sie an.
„Was ich will? Das Mittagesien austragen! Sie werben Hunger haben, Herr Profesior."
„Nein. Ich habe keinen Hunger. Mach, daß Du hinaus kommst!"
Ohne ein Wort z« sagen, nimmt die Alte das Tischtuch über den Arm und humpelt wieder aus dem Zimmer.
Kaum hat sich die Tür krachend hinter ihr geschlossen, da fäbrt sich der Mann drinnen erregt durch die Haare. Wie unvorsichtig von ihm, bte Alte ohne Grund hinauszuschicken! Wenn sie nun mißtrauisch würde? - ' ' ■
amtliche und soziale Stellung wohl zu würdigen. Es wird mir eine Freude fein, nach besten Kräften dazu beizutragen, daß die Wünsche der Oberlehrer bei der allgemeinen Vesoldungserhöhung zu möglichster Berücksichtigung gelangen." — Die Abordnung trug darauf ihre Wünsche auch dem Finanzministerium und dem neuen Kultusminister vor. Jener wies auf die Konsequenzen hin, die die Gleichstellung der Oberlehrer mit den Richtern auf die Besoldungen anderer Beamtenklassen ausüben würde, und auf die Schwierigkeiten, die aus dem Verhältnis zwischen Provinzial- und Lokalbeamten erwüchsen, sagte aber eine wohlwollende Prüfung der Wünsche der Oberlehrer zu. Der Kultusminister sprach seine Freude darüber aus, gleich nach dem Antritt seines neuen Amtes eine Abordnung der Oberlehrer bei sich zu sehen, und gab die Versicherung ab, datz er die auf die Gleichstellung gerichteten Bestrebungen der Oberlehrer tunlichst unterstützen werde.
— Zur Geschichte des Rücktritts des Grafen Pojadowsky schreibt die „Mil. P. K.": Es ist falsch, datz Exzellenz von Lucanus der erste Ueberbringer eines kaiserlichen Auftrages art den bisherigen Chef des Reichsamtes des Innern war. Vielmehr hat eine andere hochstehende Persönlichkeit am Abend vor der Bekanntgabe des Ministerwechsels, also am Freitag, den 21. Juni, den Grafen ausgesucht und ihm im Auftrage des Monarchen „das Oberprä- sidium der Provinz Hesien-Nasiau, verbunden mit einer ganz besonderen persönlichen Ehrung" angeboten. Der Staatssekretär lehnte beide Anerbieten ab, er ziehe es vor, wenn er einmal gehen sollte, als freier Mann aus seinem Amte zu scheiden.
— Eine scharfe Rüge erteilt die halbamtliche „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" der „Kölnischen Zeitung", indem sie schreibt: „Die Kölnisch« Zeitung veröffentlicht unter dem 3. und 4. d. M. über den Stand der Strafvrozetzreform nähere Mitteilungen, welche ersichtlich amtlichen Materialien entnommen find. Da es sich bei den letzten Konferenzen über die Grundzüge der Reform nur um vorläufige, die einzelnen Bundesregierungen nicht bindende Ergebnisse handelte, so war man in den beteiligten Ressorts über die vertrauliche Behandlung der Beratungen Lber- eingekommen. Mitteilungen über ihren Inhalt müssen deshalb auf pflichtwidrige Indiskretionen zurückgeführt werden, die nm so mehr zu bedauern sind, als die grohe und schwierige Re- formarbeit dadurch nur geschädigt werden kann." — „Wenn eine Zeitung," — so bemerkt hierzu die „Deutsche Tageszeitung" — „die so ost wie die „Kölnische" zum halbamtlichen Sprachrohr erwählt wird, sich amtliches Material durch unlautere Kanäle verschafft, so macht sich das ganz besonders schön."
Er läutet.
„Ich habe meine Ansicht geändert, Assunta. Ich habe Hunger. Deck den Tisch!"
Schweigend gehorcht die Alte dem Befehl; aber in ihrem eulenartigen, pergamentnen Gesicht steht deutlich Verwunderung, ja Befremden geschrieben.
„Jetzt habe ich erst recht ihren Argwohn geweckt," denkt der Profesior zitternd, mit scheuem Blick all ihren Bewegungen folgend.
Wie erlöst atmet er auf, als er wieder allein ist.
„Großer (Sott, was geht mit mir vor!" murmelt er, sich die Stirn reibend. „Diese Angst! Diese Scheu? Dieses quälende Bedürfnis nach Einsamkeit! . . . Und dabei dieses Hämmern und Klopfen in den Schläfen! . . . Was ich in einem Anfall von Wahnsinn getan — soll es mich wirklich ins Irrenhaus bringen? . . . Mein Gott, wenn nur Pia erst käme? Wenn ich wüßte, ob jener junge Mensch, der auf der Anklagebank sitzt, ov er — —“
Lambo sinkt auf den Stuhl; die zitternden Beine tragen ihn nicht mehr.
„Wenn der junge Mann verurteilt wird, bin ich verloren. Ah mutz mein Wort halten; Pia ist unbarmherzig, sobald st» einmal etwas für recht erkannt hat! Und bann — dann -—• was winkt mir dann? Schmach, Schande, vielleicht der Tod . . , Mein Gott, was ist das? , > , Schritte? . . . Wer kommt?"
Hastiges Läuten draußen an der Heisern Glocke. "
Der Profesior schreckt zusammen. < ~ ~ < ‘ Sollte das Pia sein? . . . Aber sie geht so langsam — fast schleppend ... Groher Gott, der Angeklagte wird doch nicht verurteilt--
Jetzt tritt Pia ein — bleich, ernst.
Der Profesior öffnet die Lippen und schließt sie wieder. Dabei zittert et wie im Fieberfrost.
Eine einzige bange Frage brennt in seinen tiefliegenden Augen, die er voll Angst, voll bangem Entsetzen auf die Tochter richtet, r
Ausland.
- Die österreichische Regierung und die . Fleischnot. Nach den Erklärungen des Ministers Grafen Auersperg im österreichischen Abgeordnetenhause sind di« Fleischpreise in Wien derart gestiegen und stehen dermaßen außer Verhältnis zu den Viehpreisen, daß die Regierung sich entschlossen hat, einzugreifen. Die seit einem Jahre bestehende Erotzschlächterei-Aktiengesellschaft hat schon dreimal die Fleischpreise ermätzigt, sie hat aber eine zu geringe Anzahl von Detailverkaufsläden, um der Bevölkerung in ausreichendem Matze nützen zu können. Die Regierung beabsichtigt, im Staatsvoranschlag für 1908 zur Förderung entsprechender Maßnahmen 200 000 Kronen einzustellen. Die Aktion der Regierung soll den Landwirten die Möglichkeit einer ange- mesienen Verwertung ihres Viehes bieten; zugleich soll den Fleischhauern der Vorwand zur Ausnutzung ungünstiger Auftriebverhältnisse genommen werden.
Vom Gesangswettstreit. WM h.
' )( Marburg, 8. Juli.
Wenn jemand weiter nichts zu erzählen weiß, so spricht er vom Wetter, das ist ein Thema, das niemals ausgeht und auch nicht veraltet. Schlechtes oder gutes Wetter ist immer das Neueste, was es gibt, und auch nicht mit Unrecht, denn vom Wetter hängt gar vieles ab. Wir gaben in unserem ersten Bericht der Hoffnung Ausdruck, da sich wenigstens zum Eesangs- wettstreit endlich der langgewünschte goldene Sonnenschein einstellen möchte. Mit uns wünschten das auch viele andere Leute, die zwar wicht zum Sängerfest gehen, sondern gern im Schweiß« ihres Angesichts das auf den Wiesen lagernde, zum großen Teil auch auf dem Halm stehende Heu bezw. Gras nach Hause schaffen wollen. Die ganze Zeit war es nämlich so, daß die Landleute ihr Heu meistens nut deshalb wendeten, damit es wenigstens auch auf der anderen Seite naß wurde. Doch davon wollen wir heute nicht reden, sondern vom
Gesangswettstreit,
dem diesmal durch das unverhofft schöne Wetter das beste Gelingen gesichert wurde. Eewisiet- matzen als letzte Nachzügler der seitherigen Regenzeit gingen zwar gestern früh noch dann und wann einige sog. „Nassauer" nieder, das schadete aber nichts, im Gegenteil, man sparte den Sprengwagen. Als die Sonne bald darauf eine Stunde lang die Erde geküßt hatte, wat von der Nässe nichts mehr zu sehen, sogar die Pfützen, die sich hier und da auf dem Festplatz und den an«
„Freigesprochen!" Klar und deutlich, jedoch mit seltsam vibrierender Stimme kommt das Wort von Pias Lippen.
„Freigesprochen! Freigesprochen!"
Jubelnd wiederholt es der durch die vorausgegangene Angst fast zur Verzweiflung getriebene Mann. Seine starren Züge beleben sich wieder.
„Freigesprochen! Ich wußte es ja? Sie konnten ihm nichts anhaben... Ha, Ruhe! Ruhe! . . . Jetzt kann ich nachts wieder ruhig schlafen; ich brauche nicht beständig das Henkerbeil über meinem Kopfe zu fühlen — o mein (Sott! Mein Gott!"
Voller Ekstase hebt er beide Hände zur Zimmerdecke, als wolle er Gott dem Allmächtigen danken, daß er durch die Freisprechung eines Unschuldigen ;fn selbst, den Mörder, vor der Strafe bewahrte.
Langsam, wie mechanisch legt Pia Hut und Umhang ab. Auf ihrem auffallend bleichen Antlitz ist nicht der geringste Schimmer von Freude zu sehen.
„Ich sah einen Unschuldigen auf der Anklagebank um seine Ehre, feine Freiheit, um sein Leben kämpfen,"murmelt sie mit zuckenden Lippen. „Die entsetzlichen Stunden werde ich nie vergessen! Nie, Vater — in meinem ganzen Leben nicht!"
„Aber, er ist ja freigesprochen, Kind! Frei- gesprochen!"
Ein unsäglich trauriges Lächeln umspielt Pias Augen, als sie sich mit großen vorwurfsvollen Augen zu dem Vater wendet.
„Ja, Vater. Er ist freigefprochen. Frei- gesprochen wegen Mangel an Be- wqisen! Weißt Du, was das heißt?"
■ 13. - '
' Dort, wo Neapel am dunkelsten ist, inmitten eines Wirrwarrs von winkeligen Gäßchen und alten Häusern mit halbzerbrochenen Fensterscheiben, aus denen schmutzige Wäsche heraus- hiingt, inmitten dieser gottyerlasienen Gegend, |
grenzenden Straßen gebildet, waren verschwunden. Und nun zum Feste selbst. Dasselbe nahm am Sonnabend um 7 Uhr mit einem großen Vokal- und Jnsttumental-Konzert der Jägerkapelle, sowie des feftgebenben Vereins und des Liedervereins auf dem Festplatze seinen Anfang. Auch die ersten fremden Sänger zeigten sich schon in den Straßen der Stadt und auf dem Festplatze. In den späteren Stunden war der Besuch des letzteren sogar ein sehr guter, eine gute Vorbedeutung für das Gelingen des ganzen Festes. Um 10 Uhr zogen unter den Klängen eines flotten Turnermarsches etwa 60 jüngere Mitglieder der Turngemeinde vor die Sängerhalle und stellten dort eine Anzahl turnerischer Gruppen, sog. Leiterpyramiden, die großen Beifall «fanden. Leider war die Sängerhalle nicht groß genug, um die Aufführung dort zu machen, das wat schade, denn vom Publikum konnten nur diejenigen, die vorn standen, den ganzen Aufbau der Gruppen sehen.
Der Hauptsesttag
brachte unserer Stadt einen gewaltigen Men- schenandtang. Die Eisenbahnzüge, besonders die aus der Frankfurter und Casseler Gegend, waren geradezu überfüllt, und wie uns Fest- besucher aus Casiel erzählten, hieß dort gestern früh die Parole: „Alles nach Marburg!" Die Züge kamen dann auch teilweise mit großer Verspätung an. Auch die Bevölkerung aus der näheren und ferneren Umgebung traf im Laufe des Tages scharenweise hier ein. Bereits um 7 Uhr früh trugen eine Anzahl Sänget auf dem dicht mit Menschenmassen besetzten Marktplätze zwei Lieder vor, die vorzüglich gelangen und mit brausendem Beifall aufgenommen wurden. Um 11 Uhr begann der
... Wettstreit der Sänger,
Derselbe war wie folgt arrangiert:
Museumssaal.
a) Klasse 1. Wettstreitende Vereine: 1. Frohsinn, Cassel-Wehlheiden; 2. Casseler Liederkranz, Casiel; 3. Bauer'scher Gesangverein, Gießen; 4. Germania, Fechenheim; 5. Gemütlichkeit, Sonnenberg. Bedingungen: Vereine von 61 und mehr Sängern fingen als vorgeschriebenen Chor: „'s ist Frühling im Land", gedichtet von Marie Binder-Behrens, sowie ein Volkslied nach freier Wahl. ,i
l>) Klasse 4. Wettstreitende Vereine: 1. Quartettverein Eintracht, Laasphe; 2. Hanauer Sänger-Quartett, Hayau; 3. Orpheus, Wetter) 4. Silbersdorf'sches Männerquartett, Mainz; 5. Nasiovia, Frankfurt a. M. Bedingungen: Vereine von 16 bis 24 Sängern fingen als vorgeschriebenen Chor: „Südlandssehnen", gedichtet von C. Pusch, sowie ein Volkslied nach freier Wahl.
wo Krankheit, Schmutz und Laster jeder Art d Szepter führen, düstert ein verwittertes vierstöckiges Haus zum Himmel empor, von der Umgebung allgemein der „Palazzo" genannt.
Seit Jahrzehnten ist der „Palazzo" unbe-, wohnt. Stets waren die Fensterläden, wat das verrostete eiserne Haustor fest geschlosien.
Tag für Tag und Nacht um Nacht umtobt von wildesten Gelagen bet Parias dieser Erde, stand es stumm und kalt da — gleichviel ob Mord und Totschlag die Lust durchgellte oder wüstes Johlen und Kreischen oder tobestrau« riges Wimmern und erstickte Klagelaute . . .
Die Kinder der Straße, welche halbnackt und schmutzstarrend in der Nähe zwischen Haufen von Abfällen spielen, blicken scheu nach dem hohen düsteren Gebäude hin.
„Es ist behext!" flüstern sie sich ängstlich zu und schlagen das Kreuz. „Ja, cs ist behext!" —
Heute nun, an einem herrlichen Frühlinp-- morgen, von dessen sieghaftem Farbenglanz in. dieser dumpfen Atmosphäre allerdings nicht eie! zu spüren ist, heute hocken die zerlumpte-, Straßenttnder nicht wie sonst vor den Türen ihrer schmutzigen Wohnungen. In ganzen Scharen haben sie sich vor dem „Palazzo" ver sammelt, um offenen Mundes hinaufzustarren nach einem Fenster des ersten Stockwerks, von welchem die Läden zurückgeschlagen sind.
Und jetzt öffnet sich auch noch ein zweites Fenster und ein Frauenantlitz wird sichtbar — ein Frauenantlitz, so schön und lieblich, wie die armen Straßenttnder es noch nie gesehen. Sie meinen, bas müsse die Madonna selber fein.
Geduldig stehen sie unten und warten, warten, ob sich das wunderherrliche Gesicht noch einmal zeigt. «
Vergebens. ■ \ v ? «v1
Anstatt dessen erscheint droben eine kräftige Männergestalt, die sich ein paar Sekunden lang herauslehnt und die schmutzige Straße überblickt,' um gleich darnach wieder zu verschwinden« t
(Fortsetzung folgt).
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