Reichstage unterbreitet za werden. Eicher aber werden zunächst die sozialpolitischen Entwürfe St Beratung gelangen, die dem Reichstage on vor seiner Vertagung zugegangen sind. Das sind der Entwurf betreffend Herstellung von Zigarren in der Hausarbeit, das Gesetz über den kleinen Befähigungsnachweis, da» über die Sicherung der Bauforderungen und das Hilfs-- kastengefetz. Schon fi« werden eine geraume Be. ratungszeit beanspruchen. Zu ihnen wird sich aber sicher der Entwurf über den zehnstündigen MaximalarbeUstag der Frauen, sowie der über die Arbeitskammern gesellen. Was den erstern betrifft, so dürfte er kaum auf einen nennenswerten Widerstand noch stoßen, nachdem die in Betracht kommenden Industriezweige, namentlich die Textilindustrie, sich im großen Ganzen mit der Herabsetzung der Frauen-Maximalar- beitszeit von 11 auf 10 Stunden einverstanden erklärt haben. Der Entwurf ist schon vorbereitet,' es dürften in ihm bestimmte Uebergangs- fristen vorgesehen sein. Der zweite der genannten Eesetzenwürfe ist gleichfalls schon länger« Zeit in Arbeit. Er sollt« dem Gesetz« über die Verleihung der Rechtsfähigkeit an die Berufs- Vereine folgen. Letztere wird nun neben dem neuen Vereins- und Bersammlungsrecht in den Hintergrund treten. Man hat infolge der geänderten Situation den ursprünglichen Plan umgewandelt. Des Weitere« dürfte mit ziemlicher Sicherheit für die nächste Tagung die Denkschrift zu erwarten, die die ErgÄnisse der Erhebung über die Handwerksorganffatioiis- verhältnisse enthalten wird. Schon die Denkschrift über die Verhältnisse der Privatbeamten hat zu Aeußerunoen im Reichstage Anlaß gegeben, di« neue Denkschrift dürste dies in noch größerem Maße tun. Mit diesen Vorlagen ist eine solche Fülle von Material gegeben, dich man eigentlich vor die Frag« gestellt wird, ob es tttttisch klug ist, sie alle an den Reichstag in einer Tagung zu bringen. Der Reichstag hat ste aber selbst verlangt, er wird sich also wohl im Stande fühlen, sie all« zu «rledigen. Di« neue Mehrheit wird hierbei nicht nur ihr« Einigkeit, sondern auch ihre Geschicklichkeit erproben können.
— Der englische Besuch. B e r l i u, 17. Juni. Der Lordmayor und die Mitglieder der Londoner Stadtverwaltung besichtigten heute Vormittag die städtische Eemeindeschule, das Realgymnasium und die Badeanstalt. Auf die Begrüßungsansprache erwiderte der Lordmayor, er wünsche, daß der Besuch dazu beitragen möge, die freundschaftlichen Gefühle zwischen den beiden großen Nationen zu verbeffern.
— Die Anfiedlungskommisfioa beschloß, 90 lUS Rußland ausgewiesene deutsche ürieiterfamilien auf neu erworbenem Stund und Boden im Oste« anzufiedeln. Falls der Versuch fich bewährt, solle« wettere 300 russisch-deutsche Familien in der Ostmark ange- siedelt werden.
— Alldeutscher Verband. Der diesjährig« Verbandstag findet vom 6. bis 9. September i« Wiesbaden statt. Für des 6. und 7. September sind Ausschutzfitzungen sowie eine Vorstandsfitz- »ng in Aussicht genommen. Am 7. September, abends, findet ein Kommers statt. Am Sonntag, den 8. September, erfolgt vormittags die Hauptversammlung, an die fich «in Festmahl und abends ein Konzert anschließt. Der 9. September ist einem Ausflug «ach dem Niederwalddenk- mal gewidmet.
— Der Deutsche «Lllerbund beschloß auf seiner diesjährigen Tagung ia Halle «. S., für die gestaffelte Umsatzsteuer als einziges Mittel zur Erhaltung der Kleinmüllerei und für die Ei«- führung von Schiffahrtsabgaben als eine gerechte Belastung der Interessenten einzutreten.
— Eine städtische Schlächterei zur Herstellung billiger Fleischpreise soll nach der „grff. Oder- Zeitung" demnächst in Eberswalde eröffnet werde«. 3« der letzten Magistratsfitzsng wurde be- schlosien, mit der Probeschlachtung aon Schweinen zu beginne« und das Fleisch i« städtischen Schlachthaus« zu verkaufen.
AuMutz.
— Der österreichische Reichsrat trat, wie aus Wie« berichtet wird, gestern Vormittag 11 Ahr zu seiner ersten Sitzung zusammen, zu der die Abgeordneten fast vollzählig erschienen waren. Ministerpräsident Freiherr von Beck forderte den Abgeordneten Funke auf, das Lktetspräfi- dim« zu übernehme« und die Konstttuierung des Hauses einzuleiten. Nagern Funke den Eid geleistet hatte, übernahm er das Präsidium und hielt eine Ansprache an das Haus, welches et als das erste, aus de« allgemeinen Stimmrecht her- oorgegangene wahre Volkshaus begrüßte.
— Zusammenschluß der deutsch-freiheitlichen Parteien in Oesterreich. Wien, 15. Juni. Der Achterausschuß der .deutsch-freiheitlichen Par- leien einigte sich in einer Sitzung dahin, den deutsch-freiheitlichen Patteien die Bildung eines deutschen Verbandes unter Wahrung der Eelb- ständigkett der einzelnen Patteien vorzuschlageu. Der Zweck des Verbandes soll di« Wahrung und Förderung der nationalen Rechte und Znteresien des deutschen Volkes im Reichsrat sein. Die Leitung des Verbandes und der Lerkähr nach außen in Verbandsangelegenhttten soll einem neungliedttgen Vorstände anvertraut «erde«, in dem di« einzelnen Patteien im BeiHiltnis ihrer Stätte vertreten fein sollen.
— Ei« «euer Dreibund. Di« von der fran- Mschen Telegraphenagentur, bet Agence Havas anfänglich als müßige, Gerücht bezeichntte Meldung von Verhandlungen über den Abschluß eines ftanzöstsch-fpanisch-englischen Bündnisse, haben sich doch bestätigt; de« auswärtigen Amt in Berlin find inzwischen von der ftanzöfischen Silierung diesbezügliche Mitteilungen gemacht worden. Soviel dis jetzt über den Inhalt der Beiträge bekannt geworden, verbürgen fich darin England, Frankretzh und Spanien ihr« Be
sitzstand im Mittel««« und im Atlantisch«« Ozean, d. h. mtt anderen Watten ihren Besitz tn Europa, Westafrika und Amerika. Für England bedeutet somtt dieses Bündnis ein« für Europa wirksame Ergänzung seines Vettragsverhätt- nisses z« Japan, während dieses ihm seinen afia- ttsche« Lefitz sichert; für Frankreich ist es neben dem russischen Bündnis eine europäische Rückversicherung. Spanien verzichtet mtt diesem Beitrage endgültig auf Gibraltar «nd — da es fich doch wohl nur am die Erhaltung des Status qno handeln kann — auf feine Pläne in Marokko. Die „Kölnische Ztg.", der wir diese Mtt- tttlung entnehmen, scheint diesen Vertrag nicht ganz gleichmütig hinzuntt«nen; denn sie nennt ihn einen „bedeutsamen Vorgang" und weist uff die Erklärung des Reichskanzlers in feinet Ro- vemberrede hin, daß eine Polittk, die darauf ausginge, Deutschland einzukreise«, eine Gefahr für den Frieden bilde.
— Versöhnliche Tonart der japanische« Regierung. Tokio, 15. Juni. (Reuter.) Der Minister des Auswärttgen Vicomte Havashi er« klärte in einer Sitzung bet alten Staatsmänner und Minister, daß der letzte Zwischenfall in Kalifornien keine ernstere Bedeutung habe und kein diplomattsches Einschreiten «forderlich mache. Die Anschauungen der beiden Regier, engen befänden sich hierüber in voller Heber» einstimmung. Er sprach schließlich die Hebet» zeugung aus, daß die Regierung in Washinaton eine schüttle Lösung der Frage herbei führen werde.
Marburg vnd UvHegerld.
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18. Juni.
* Frauenbildang — Frauenstudiu«, Abteil. Marburg. Vortrag. Mr hoffe« uns den Dank unfern Mitglieder und Freunde zu erwerben, wenn wir ihnen durch den freundlich zug«- sagttn Vortrag des Privatdozenten Herrn Dr. phil. Brie Gelegenheit geben, fich mit der eigen« attigsten Dichterpersönlichkett der modernen englischen Literatur nähet bekannt zu machen. Rudyard Kipling ist heute, trotz sein« Jugend schon ein anerkannter Führer auf diesem Gebiete. Zum Teil verdankt er diesen frühen Ruhm seinem glühenden Imperialismus; die Woge des Volksempfindens, dem « tn feinen Dichtungen Ausdruck verleiht, trägt ihn hoch empor. Aber er ist auch ein echter und großer Dichtergenius und äußerst glücklich in der Wahl seiner Gegenstände, die « aus den allerverschiedensten Gebieten »Shtt. Am bekanntesten i« Deutschland find wohl feine „Dschungelbücher", in denen er die ganze Poesie der indischen Landschaft et» erschlossen hat. Bon besonderem Interesse werden aber für «ns Deutsche auch feine Schilderungen des englischen Soldaten in ben Kolonien sei«. Aus eigen« Anschauung und mtt d« größten Ratlmoahcheit schildett er, wie dieser, tausende von Meilen vom Mutterland« entfernt, ein eigenes Wesen, mit eigenen Sitten, eigen« Moral und eigenem Humor rotrb. Doch wir wollen nicht zu viel »«raten. Das Gesagte mag genügen, um zu zahlreichem Besuche des Vortrags anzuregen, zu dem wir h«zlich einladen.
• Kürassier-Konzert im Museumsgarten. Herr Kohler, der Museumswirt, gibt fich alle Mühe, dem Marburger Publikum Abwechslung und Aufmunterung durch Veranstaltung von Kon- zetten unserer hervorragenden Jägettapelle, sowie auswärtig« Militärkapellen zu bieten. Gestern Abend konzertierte die Kapelle des KS- raffi«-Regiments Nr. 5 aus Riesenburg bei Danzig im Satten, b« bis auf das letzte Plätzchen besetzt war. Die Kapelle rechtfertigte ben guten Ruf, b« ihr vorausgeeilt war, durch glänzende Leistungen, für die sie stürmische« Beifall erntete, sodaß sie sich öfters zu Zugaben entschließen mußte. Fanfarenklänge und Paukenwirbel gaben dem Konzerte einen wirkungsvollen Ab- scht-ch.
)( Militär-Anwärter-Verein. Am vergangenen Sonntag beging der hiesige Militär-An- wätter-Berein sei« diesjähriges Sommerfest auf dem Hansenhaus links. Trotz des zweifelhaften Wetters war die Beteiligung sehr gut. Der große Saal vermochte die Teilnehm« (etwa 240 Personen) kaum zu fasten. Leider v«eitelte das Wetter den ersten Programmteil (Waldspazier- gang mit Konz«t). Um so schöner gestaltete sich d« zweite Teil. Nachdem die Teilnehmer sich so gut dies bei dem beschränkten Raume möglich war, plazi«t hatten, begrüßte d« 1. Vorsitzende Oberpostasfistent Siedel die Anwesenden in kur- z« Ansprache und bracht« bas Kaiserlich aus, bas begeistert ausgenommen wurde. Es folgte nun gemeinschafüiches Kafietrinken, welches in dankenswert« Weise von Mufikvotträgen einiger Kameraden begleitet wurde. Für die etwa 100 anwesenden Kinder -ab es «ine freudige Ileberraschung, indem ihnen kleine Geschenke in Shokolade zuteil wurden. Dan« begann das Vergnügen für die Jugend, der Tanz, welch« durch eine Polonaise für Kinder eröffnet wurde, Mufikvotträge, gemeinschaftlich« Gesang patriotisch« Lied« und einige Trinksprüche wechselten danach in bunt« Folg« ab. Das wohlge- lange Fest hielt die Teilnehm« bis tn die späten Abendstunden zusammen, so baß wohl jeder «ft dem Bewußtsein den Heimweg angetreten hat, einen schönen Tag im Kreise echt« Kameradschaft »«lebt zu haben.
)( Münzeafttnd. Beim Ausschachten da» Kellerraums des Straußscheu Hauses i« der Barfützerstraße stießen gestern bfe Arbeiter aus einen alten Tops, in dem sich eine Menge Müu- ' ze« aus früheren Zette« befanden. Jedenfalls wurde bet Schatz während der Krieaswirre« hott versteckt, " ------
Fronhause«, 14, Zuni. Dem Amtsgerichtsrat Emst Henkel nmrbe d« Rote Adlerorden eiert« Klaffe »«liehen.
Aus dem Wohratal, 14. Sani. In Gemünden ist dies« Tage bte Tochter eines dortigen Landwirts mtt ihrem eigene« Schwager durch- gegangen. Der Durchgänger, ein Dachdecker, wohnte in Eaffel. Seine Frau war schon längere Zett leidend and maßte fich letzthin ein« Operation unterziehen. Mit der Pflege der Kran- ken und der Führung des Haushaltes war unter- deß die jüngere Schwester der Erkrankten deauf- tragt. In dies« Zett scheint das faulere Pärchen den Plan ausgeheckt zu haben. Vor wenigen Tagen kam die leidende Frau zur Erholung «ach G., auch die Schwester kam mit. Bald darauf traf auch b« Ehegatte hier ein. Man sah letzteren, den natürlich niemand kannte, häufig mtt sein« Schwägett« einsame Spaziergänge machen, und eines schönen Tages waren beide verschwunden. Wohin sich dieselben gewandt haben, konnte noch nicht ermittelt werden.
(Frankenb. Kreisbl.)
V Neustadt, 17. Juni. A« Stelle des fett» herigen Magistratsmitglieds Theodor Krapp wurde Echornsteinfegermeift« Beneditt vom Schloß gewähtt und tn fein Amt eingeführt.
4» Böhl, 17. Juni. Das Verbands- Krieger- ffft des Kreises Frankenberg fand gest«n bei zahlreich« Beteiligung in dem äußersten Winkel des Kreises hi« tn Vöhl statt. Vöhl machte auch dieses Mal seinem guten Ruf als Festott alle Ehre. Der herzliche Empfang, die fröhlichen Menschen, der Ott mit sein« hübschen Umgebung und vor allem b« malerisch gelegene Festplatz tragen wesentlich zum guten Gelingen bei. Aus ben unter Vorsitz des Herrn Bürg«- meister Dertz-Frankenberg am Vormittag stattgehabten Verhandlungen der Delegiertenversammlung ist besonders zu betonen d« einstimmig gefaßte Beschluß üb« Errichtung eines Kreiskttegerdenkmols in Frankenberg, auch üb« die Aufbttngung b« Kosten wurden alle Teil« befttedigende Beschlüsse gefaßt. Als Ott ffirbas nächstjährige Fest wurde Frankenberg gewähtt, wenn möglich soll zugleich die Denkmalseinweihung stattfinden. An dem Festzuge beteiligten fich fast 30 Vereine, darunter einige aus Waldeck, bie mit ihren Landesfarben schwarz-rot-gold eine hübsche Abwechslung tn bas Bild brachten. Unter den äußerst zahlreichen Festgästen be- mertie man auch Herrn Landrat Geh. Reg.-Rat Riesch.
Schwurgericht.
)( Marburg, 17, Juni.
1. Berhandlungstag.
Set dem folgenden Fall bet noch zur Erledigung kam, handelte es fich um eine Anklage wegen Urkundenfälschung «nd Betrugsversuch gegen den 1863 in Neustadt geborenen Maur« Wilhelm Bieker. Ihm wurde zur Last gelegt, am 6. Mai d. I. auf dem Bahnhof in Reustadt eine gefälschte Arbeiterfahrkarte zu benutzen v«s«cht zu haben, indem er den Stempel beseitigte und fie zur nochmaligen Benutzung dem Beamte« »erlegte. Der Angeklagte geb an, daß fein« Ansicht nach die • Karte heute noch gültig sei. Auf die Frage, woher « die Katte gehabt, meinte et, daß man ihm diese in die geschmitt>et habe. Er hätte fie jedoch be- nutzen «ollen, weil « als Vater von 6 Kindern seine Groschen sehr benötige. Im weiteren Verlauf der Verhandlung wurde der Angeklagte sehr erregt und behauptete schließlich, daß « manchmal gar nicht wisse, was er tue. In sein« Jugend habe er sich auch einmal einer Kopfoperation unterziehen müssen. Um ffftzustttle«, wie weit diese Angaben auf Wahrheit beruhten, nahm der als ärztlich« Sachv«ständige hinzugezogene Direktor der Landesheilanstalt, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Tuczek in einem Zimmer eine Untersuchung des Angeklagten vor und gab sein Gutachten dann dahin ab, daß «ne sechswöchige Beobachtung des Mannes erforderlich fei. Daraufhin wurde die V«handlung aufgehoben..
)( Marburg, 18. Zant.
' (2. Verhandlungstag.)
Der Gettchtichof setzte fich wie folgt zusammen: Landgettchtsrat Cesing, Vorsitzender, Landge- ttchtsräte Thielemann und Heer, Beifitz«. Als öffentlicher Ankläger fungierte Staatsanwaltschaftsrat Ziegner, als Vetteidiguag waren die Rechtsanwälte Schneider und Krug anwffend.
Zu Geschworenen wurden folgende Herren ernannt:
Archivar Friedrich Küch, Marburg Kaufmann Franz Milchsack, Biedenkopf Renin« Ludwig Matthäi, Marburg Pttoatmann Wolf Metzl«, Warburg Kaufmann Heinrich Dem, Marburg '
Buchhändler Max Stephani, Biedenkopf Rentn« Wilhelm Allmeroth, Marburg Kaufmann Jakob Döttng, Marburg Sauunternebmer Hugo Reisfing, Marburg' Bierbrauer Otto Hoffmann, Biedenkopf < Oekonom Karl Hoffmann, Hof Görzhausen Landwitt Johs. Wisker jun., Kernbach
Di« heutige Anklage betttette sich Stratzen- taub. Als Angeklagte wurden zwei Leute in den Saal gefiihtt, nämlich d« Metzg«gefelle Anton Siegel und Anton Hellmund. Beide wurden beschuldigt, am 19. November ». I. auf der Landstraße von Hundsdorf nach Löhlbach dem Fahrburschen Heinrich Schaub aus Wolfhagen 6 cM. abgenommen zu haben. Als Zeugen waren etwa 20 Personen anwesend. Siegel ist im Jahre 1868 in Eottesgab in Böhmen geboren. Er erlernte das Metzgergewerbe, wurde später Soldat, ging dann nach Deutschland, «ar ein Jahr tn Sachsen selbständig, gab das Geschäft jedoch wieder auf und arbeitete dann in verschiedenen Städten des In- und Auslandes. Sein« Vorstrafen find belanglos. D« folgend« flpgeöagte Hugo Hellmund ist 1884 in Llisfin-^
gen im Fürstentum Schwarzburg geboren, hat tn Sondershausen Metzger gelernt und ist noch unbestraft. Ein anfangs noch mitangeklagter Metzg« namens Eumbrecht mußte wieder, rote' mitgeteilt wurde, außer Verfolgung gesetzt werden, wett « zur Zett in Dresden in einer Anstatt als Geisteskranker untergebracht ist. Der Mann befand fich heute unter den Zeugen, Siegel sowohl wie Hellmund versicherten ein- fHmmig, daß fie völlig unschuldig seien. Siegel gab an, daß fie zu der Zeit von Eassel nach Fritzlar, von da nach Wildungen und dann nach Frankenberg gegangen seien. In Hundsdorf, Löhlbach und Frankenau seien sie Umschaucn gewesen und auf der Landstraße sei ihnen nur ei« Wagen begegnet. In Frankenberg angekommen, wären sie verhaftet worden. Der folgende Angeflagte Hellmund sagte änhlich aus. Als man ihm vorhielt, woher er das bei ihm gefundene Geld gehabt, meinte er, daß ihm sein« Ettern kurz vorh« ein solches geschickt hätte«. Eie seien im ganze« vier Personen gewesen, nämlich Siegel, Hellmund, Eumbrecht und ein Mann namens Oldenburg: der letztere tonnte vom Gericht nicht ausfindig gemacht werden. m ...
Als erster Zeuge erschien in Begleitung zweier Wärter der Metzgergeselle Eumbrecht. Der Mann, ber einen sehr aufgeregten Eindruck machte, erzählte zunächst, daß er am 11. November 1906 aus bet Heilanstalt in Warstein mtt «och zwei anderen Kranken entwiche» sei, wer! et der Ansicht gewesen wäre, er könne jetzt wieder draußen epilieren. In Cassel sei er mtt den Angeklagten zusemmenaekommen und vab« mit diesen die Reise in der Richtung nach Marburg fortgesetzt. Er schilderte in ausfübrlich« Weise, wie er ohne Hut und ohne Schuhe gereist, wie et Hunger gelitten und fich durGqe- bettett habe. Anknüpfend erzählte et von f«- n« Verhaftung in Frankenberg und versichert nun Schluß, daß er nicht wieder abreisen wurde, eh« sich sowohl feine Unschuld, wie auch diejenige bet Angeklagten herausgestellt habe. Das Arbeitszeugnis, bas man bei ihm gesunde«, habe er sich in Cassel selbst geschrieben. Ei« Mess« habe er nicht bei fich gehabt.
Er folgte die Vernehmung des Direktors der Landesbeilanstall, Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Tuezeck, der üb« den Zustand des Zeugen Eumbrecht Auskunft geben sollte. Der letztere mußte während dies« Zeit den Gerrchtssaal verlassen. D« Sachverständige schildert« Eumbrecht als einen im hohen Grade aeiftig mangelhaften Menschen, der sich schon in 34 Anstalten «mfgehatten. Der Mann sei auch ent, mündigt. Am Schlüsse seines längeren Gutachtens kam « zu dem Resultat, daß Eumbrecht trotz seiner zeitweisen Ecistesgestörlheit doch keine Veranlassung gebe, daß er unglaubwürdig
Der folgende Zeuge war der Verletzte b« 39 Jahre alte Fahr bursche Schaub aus Wolf- Hagen. Der Mann erzählte, baß « an bem Tage in Haina« bei seinem Bruder zu Besuch gewesen fei. An dem Montag Morgen sei er zunaÄst mit dem Arzt Dr. Kanter in dessen Wagen bis nach Löhlbach gefahren und von da weiter in der Richtung nach Hundsdorf gegangen. Plötzlich feien drei Männer aus dem Tannenbickicht gekommen: einer habe ihm einen großen Dolch vor bas Eeficht gehalten unb bie anbeten beiden hätten ihn von hinten gefaßt und ebenfalls mtt Messern bedroht. Unter den Motten: „Das Geld oder das Lebens" hätten fie ihn dann ausgeraubt und ihm 6 <*. abgenommen. 50 4 hätte man ihm gelassen mit dem Bemerken „b« könne er unterwegs noch einmal trinke«. Dann hätten fich bie drei Leute in d« Richtung nach Frankenberg entfernt, nicht ohne ihm vorh« noch zuzurufe«, er (Schaub) möge zurückbleiben, sonst würbe man ihn totstechen. Auf dieses hi« fei er nach Löhlbach gegangen, habe dort ben Gendarm ausgesucht unb sei mit biefem nach Frankenberg gefahren. Dott habe man bie bm Leute bald gehabt. Die zwei Angeklagten, «ne auch der mittlerweile wieder eingetretene Eumbrecht mußten nun bte wachslebcrnen Mützen auffetzen und wurden dem Zeugen vor- gestelll. Er bezeichnete den Siegel als denjenigen, der ihm den Dolch vor die Rase gehalten, Hellmund habe ihn rechts und Eumbrecht links angefaßt. Er erkenne sie ganz bc- sttmml wieder. , 1
Der Zeuge Dr. Kanter aus Hatna bestatrgt« die Mitteilung, daß Schaub mit ihm von Haina nach Löhlbach gefahren fei. Der Mann wäre, ganz nüchtern gewesen.
Es folgte die Verlesung der Aussage des nicht auffindbaren Zeugen Oldenburg. Von Wil- dungen aus fei er nicht mitgegangen, sondern zurückgeblieben, weil es so schlechtes Wetter gewesen. Eumbrecht habe ein dolchartiges Messer bei sich gehabt unb mehrmals geäußert, daß « ben ersten besten Menschen, der ihm begegne, das Gelb abnehmen würbe, um angenehme Tage zu bekomme«. An demselben Tage habe er (Oldenburg) auch «och in Wilbungen gehört, baß bie drei Metzger einen Raubanfall gemacht hätten. EinPfleger aus der Herberge zuWildungen schillerte die Ankunft der in Frage kommenden Leute in der Herberge, erzählte auch von ihrem Weggang. Oldenburg sei damals mitgegengen, wäre aber bald darauf zurückgekommen. Auf Befragen gab er auch noch an, daß « am Abend vorher die Unterhaltung der Leute teilweise ge^ hört habe. Ein« habe auch gesagt: „Ich mache" mtt ein „Faktum" zurecht, damit ich im Winter nicht auf der Landstraße zu liegen brauche", den Sprecher dieser Worte könne er fich nicht mehr «ntfinnen. Auf Befragen, ob Oldenburg an lern Tage, als er wieder zurückkam, ein auffallendes Wesen gezeigt, wußte der Zeuge nichts zu sagen. Siegel warf ein, daß Oldenburg im Besitze eines großen Messers gewesen sei, während Eumbrecht di« Frage aufwarf, wo Oldenburg wohl plötzlich die Mittel h«bekommen habe, um in der Herberge noch eine weitere Nacht zu leben. Der Mann sei völlig mittellos gewesen. Der Zimmermeister Happel sah in Hundsdorf an dem fraglichen Tage einige Metzgergesellen, die fich Brot teilten, Einige Stunden später hohe man