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iNachbruck verboten.),
Schmach einer verbrecherischen Zeitperiode und unter großem Mißgeschick." So klagt der Zar. Den Kadetten, war die Möglichkeit geboten, diesen vollauf berechtigten Klagen den Boden zu entziehen. Keine Regierung, die auf ihre Würde und auf das Ansehen des Landes etwas hält, darf ruhig zusehen, wie sich unter dem Schutz der parlamentarischen Immunität innerhalb der Volksvertretung eine Zentralleitung der Umsturzbewegung organisiert, die aus nichts geringeres ausgeht als Verschwörung unter dem Heere anzustiften und die Revolution des Heeres vorzubereiten. Die kurzsichtigen Kadetten fanden auch hier nicht den Mut, entschlossen von der revolutionären Linken abzurücken. Sie suchten auszuweichen und von Stolypins Forderung der sofortigen Verhaftung von 16 sozialdemokratischen Abgeordneten und der Genehmigung der gerichtlichen Verfolgung der übrigen sozialdemokratischen Abgeordneten in der Kommission nach Möglichkeit abzuhandeln. So sind die Kadetten ja schon zweimal der Krisis ausgewichen. Bei der Behandlung der Agrarfrage wie bei der Verhandlung der Amnestieforderung, die schließlich durch Verweisung an die Kommission aus der Welt geschafft wurde, wollten sie den verfassungsmäßigen Verpflichtungen nicht gerecht werden. Jetzt suchten sie aufs neue das im Interesse des inneren Friedens unerläßliche Pfeifen durch das bequemere Mundspitzen zu ersetzen. Bei solch unmännlichem und schwächlichem Tun aber lehnten die rechtsstehenden energischeren und ihrer Pflicht mehr bewußten Parteien ihre Teilnahme ab, und Stolypin brauchte nicht erst abzuwarten, wie lange selbst hier das Komödienspiel der Kommissionsberatung dauern solle. Die Kadetten standen am Scheidewege. Run sind sie gewogen und zu leicht befunden. -
Der russischen Regierung darf man in dieser Stunde Anerkennung nicht versagen. Sie hat, was ihre Pflicht gebot, mit Besonnenheit und Festigkeit durchgeführt, und sie wird diese Eigenschaften hoffentlich auch in den kommenden Tagen zeigen. Da sie für notwendig hielt, der Vielrederei und Nichtstuerei der jetzigen Duma ein Ende zu machen, mußte sie nicht allein die Duma auflösen, sondern zugleich durch ein Wahlrecht in verbesserter Auflage eine andere Zusammensetzung der am 14. November einzuberufenden neuen Duma sichern. Der abtretenden Duma aber widmet der Unbeteiligte als Erabschrift: Sie hat ihr vorzeitiges Ende reichlich verdient.
Deutsches Reich.
— Zehn Jahre Staatssekretär. Wie aus deck gestern mitgeteilten Glückwunschtelegramm de» Kaisers andenAdmiralvsnTirpitzher- vorging, waren am 15. d. Mts. zehn Jahre fett der Ernennung des Admirals zum Staatssekre. tär des Reichs-Marineamtes verflossen. Di« warme Anerkennung, die der Kaiser in seine» Drahtgruße dem verdienten Manne gezollt hak, wird durch einen kleinen Rückblick auf die Tätigkeit des Staatssekretärs sofort allgemein verständlich. Man muß sich vor Augen halten, daß wir nach der destruktiven Periode unserer Flottenpolitik seit Mitte der achtziger Jahre eigentlich überhaupt keine Flotte besaßen, sondern nur eine kleine Anzahl von Schiffen ohne jede wirkliche organische Gliederung, und daß wir bis dahin kein klares Ziel und keine festen, durchge« arbeiteten flottenpolitischen Grundsätze in technischer, tattischer und strategischer Hinsicht hatten. Nachdem der neue Staatssekretär im Jahr« 1898 den Ausbau des ersten Doppelgeschwaders von Schlachtschiffen durchgesetzt hatte, mußte er allerdings sehr, bald einsehen, daß die bewilligte Flotte viel zu klein war, um Deutschland» Küsten und See-Interessen zu schützen, und natürlich erst recht zu klein für die Beherrschung der Nord- und Ostsee gegenüber den Flotten unserer Rivalen. Schon zwei Jahre später ist dann das neue Flottengesetz vorgelegt worden, da» unsere Marine um rund die doppelte Anzahl von Schiffen verstärken sollte und das auf absehbare Zeit die Grundlage der deutschen Flottenpolitik bleiben wird. Der Name d.s Herrn von Tirpitz wird für alle Zeit mit der Einleitung einer planvollen, organischen deutschen Flottenpolitik verbunden bleiben. Sein Verdienst ist es mit in erster Linie gewesen, daß der deutsch« Reichstag seine Zustimmung zu den langfristigen Flottengesetzen gegeben hat, die für einen wenn auch nicht schnellen, so doch sicheren Ausbau der deutschen Marine Gewähr leisten.
— Eine neue Aera der Sozialpolitik. Waren die letzten Tagungen des Reichstages in sozialpolitischer Beziehung nicht gerade von große« Bedeutung, so dürfte die nächste mit einem Material auf diesem Gebiete versehen sein, wie er umfangreicher wohl kaum auf einmal vorgelegen hat. Wir wiesen schon daraus hin, daß sowohl die Vereinheitlichung der Arbeiterversicherungsgesetzgebung. wie für die Einführung der Witwen- und Waisenversicherunq an der zuständigen behördlichen Stelle die Arbeiten kräftig gefördert werden. Ob sie allerdings soweit gedeihen werden, daß beide Entwürfe dem Reichstage vorgelegt werden können, bleibt abzuwarten. Neben diesen Entwürfen ist übrigens auf dem Gebiete der Arbeiterverficherung noch ein dritter und zwar der über die Ausdehnung der Krankenversicherungspflicht in Arbeit. Er hat Aussicht, schon in der nächsten Tagung dem
Mittelpunkte des Spektakelstückes, sondern der alles enthüllende und entdeckende „Vorkämpfer der Wahrheit", der unter dem Schriftstellernamen Maximilian Harden bekannt geworden ist. Wie dieser schon kurz zuvor in der von ihm herausgegebenen „Zukunft" mitgeteilt hatte, hat er auch vor Gericht unter Eid erklärt, daß er niemals den Fürsten Philipp zu Eulenburg einer strafbaren Handlung beschuldigt habe, daß er auch aus eigener Wahrnehmung nichts über dergleichen Vorgänge wisse und endlich, daß er es ablehne, über Aeuße- rungen Dritter sich auszulassen. — Wahrlich, man braucht kein Bewunderer des gefürsteten Schloßherrn von Liebenberg zu sein, um ohne Zaudern die Frage zu beantworten, wer als der moralisch Gerichtete in diesem außergewöhnlichen Rechtsgange zu bezeichnen ist?
Wichtiger aber noch als dieser „eigenartige" Rückzieher ist die Erklärung, die Harden in der „Zukunft" betreffs des politischen Teiles seiner „Enthüllungen" abgibt. Er wolle „nicht ermessen", sagt er, ob das Vorgehen, das zur Demission Eulenburgs führte, nicht „allzu jäh" und ob es überhaupt notwendig war. Der Kaiser habe schon über Berichte des Fürsten aus dessen Wiener Botschafterzeit „den Kopf geschüttelt". „Als politischer Mitarbeiter also auch vor dem Auge des Monarchen unbrauchbar", so schreibt er weiter. — Mit einer „Kamarilla" — bemerkt hierzu ein nationales Blatt — über deren Haupt der Kaiser so urteilte, muß es darnach also auch sogar fürchterlich nicht bestellt gewesen sein!
Einen Rückzug also auf der ganzen Linie hat sich Herr Harden, der Meister in der nichts weniger als einwandsfreien Kunst der bewußten Zweideutigkeit geleistet! Diese Art von Polemik aber, die nach dem Erfahrungssatze: „Für die Menge ist jede Anklage eine Verurteilung" zugeschnitten ist, muß als unehrliche Kamvfes- weise unter allen Umständen verurteilt m-den, wie auch die ganze raffinierte Art der Sensationshascherei und des politischen Kulissenklatsches, die in der „Zukunft" zum Schaden des deutschen Ansehens gepflegt wird. Hiergegen sollte von der gesamten deutschen Presse einmütig protestiert werden.
Leider scheinen die Ansichten hierüber weit auseinander zu gehen. Recht charatteristisch in dieser Beziehung war eine „Plauderei" in der Unterhaltungsbeilage des Eerlachschen Blattes, in welcher die von der „Oberhess. Ztg." in der Eulenburgaffäre vertretene Auffassung bekrittelt wurde, wobei es sich der Artikelschreiber nicht versagen konnte, am Schlüsse die uralte lächerliche freisinnig-demokratische Phrase von der „Korruption der privilegierten Junkerklasse" mit schmatzendem Behagen wiederzukäuen.
mit dem Kreis-latt für die Kreise Marburg und Kirchbain^
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Der Fall Harden.
In der Aufsehen erregenden Skandalaffäre, die so lange die deutsche Presse beschäftigte, ist, wie schon erwähnt wurde, ein Rollenwechsel eingetreten ; nicht mehr der Eulenburger steht im
Die Duma.
X Auch die zweite Duma ist nicht mehr. Rühmlos ist sie in die Vergangenheit hinübergeglitten ,und abermals kehren die bisherigen Dumamit- tzlieder mit leeren Händen in die Heimat zurück. Diese Hände wären aber auch dann leer geblieben, hätte die Geduld der russischen Regierung dem Parlament noch ein monatelanges Fortwursteln gestattet, und diese Unfruchtbarkeit, die such der zweiten Duma trotz des in einzelnen ^Punkten verbesserten Wahlrechts von vornherein lauf die Stirn gedrückt war, bietet die Gewähr dafür, daß man in Rußland außer den ewig unzufriedenen Terroristen von dem Tode der Duma männiglich ohne Tränen Kenntnis nimmt. Die Duma ist in das Grab gesunken, das ihre eigene Untätigkeit und Unfähigkeit gegraben hat.
Nur ein Lob muß der Heimgegangenen Duma tzezollt werden: je länger ihre Mehrheit sich im Phrasendreschen übte, um so günstiger malte sich das Bild des Mannes, der jetzt das Steuer des Ctaatsschiffes in der Hand hat. Niemand, der die Entwicklung der Dinge in Rußland im letzten Jahre offenen Auges verfolgt hat, kann bestreiten, daß im Ministerpräsidenten Stolypin die staatsmänischen Tugenden der Klugheit und Festigkeit aufs glücklichste miteinander vereint sind. Kein Zweifel auch, daß et ehrlich und treu versucht hat, mit der Duma zum Besten des Landes zu regieren und dabei die Reformen vorzubereiten und durchzuführen, nach denen das schwer heimgesuchte östliche Nachbarreich geradezu lechzt. Hätte die Mehrheit der Duma den gleichen ehrlichen und festen Willen gehabt und hätte sie allen Zweiflern zum Trotz durch positive Arbeit gezeigt, daß auch das russische Volk für eine Verfassung schon reif ist, so würden sich darüber Stolypin und mit ihm alle diejenigen aufrichtig gefreut haben, die dem russischen Reiche die baldige Rückkehr friedlicher und geordneter Zustände von Herzen wünschen. So aber weist jetzt der Zar in seinem Manifest mit vollem Rechte darauf hin, daß viele Abgesandte des Volkes nicht mit reinem Herzen, nicht mit dem Wunsche, Rußland zu befestigen und seine Verwaltung zu vervollkommnen, sich an die Arbeit gemacht haben, sondern in der ausgesprochenen Absicht, die Unruhen zu vermehren und zur Zersetzung des Staates beizutragen. Daß diese beschämenden Absichten bestanden, hat Stolypin klar und unwiderleglich nachgewiesen. Die Duma fand aber nicht die Kraft, aus dieser Feststellung die richtigen Konsequenzen zu ziehen, und so war ihr Fortbestand verwirft.
„Indem die Reichsduma sich weigerte, Morde und Gewalttaten zu mißbilligen, hat sie auch der Regierung bei der Wiederherstellung der Ordnung die moralische Unterstützung nicht geleistet, und Rußland leidet nach wie vor unter der
Heimweh »ach Glück.
Roman von Erich Friesen,
. ** '(Fortsetzung).
Vom Nähtisch am Fenster hebt sich ein tiefgebeugter dunkler Frauenkopf von frappierender Schönheit. Ueber großen nachtdunklen Augen wölben sich feingezeichnete, über der geraden Rase fast zusammengewachsene Brauen. Der Teint ist alabasterweiß, ohne Spur von Röte. In schweren Wellen legt sich das schlicht gescheitelte, schwarze Haar auf die schmale hohe Stirn, hinten im Nacken einen dicken Knoten bildend.
„Ich habe noch keinen Hunger, Assunta!" klingt es mit tiefer, wohltöneuder Stimme vom Nähtische her.
„Doch, Fräulein Pia — Sie müssen essen. Ganz bestimmt!"
Langsam erhebt sich die hohe Frauengestalt und schreitet direkt auf die Alte zu, um ihr das schwere Tablett aus den zitternden Händen zu nehmen.
„Du weißt, Assunta, Du sollst solche Sachen nicht tragen. Deine Herzschwäche —“
Mit ihren geringen Kräften wehrt sich die Alte.
„Nein, Fräulein Pia, das lasse ich nicht zu. Das ist keine Arbeit für Sie. Dafür bin ich da, der Dienstbote . . . Wenn Sie auch heruntergekommen — und verarmt find, durch Unglück und--na ja, so bleiben Sie doch immer eine
feine Dame, eine Signorina, und eine Signo- rina trägt kein Geschirr. Das tut i)et Dienstbote. Wäsche flicken und Kleider ausbessern — das können Sie meinetwegen machen . . . aber keine Dienftbotenarbeiten. Nein, das darf eine Dame nicht."
„Unsinn, Assunta!" *
Mit liebevoller Gewalt nehmen die schlanken »eißen Finger das Tablett aus den welken
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck imb Verlag: Joh. klug. Koch, Umvcrsitäts-Buchdruckerei 42. SX(I&r(L Marburg, Markt 21. - Telephon 55. x) 4
„Vater! Lieber Vater?"
Sie fliegt an seinen Hals, herzt und küßt di« runzeligen Backen und streicht mit ihren schlanken Fingern das weiße Haar aus der hohen, gefurchten Stirn.
„Wie lange Du geblieben bist, Vater! Ich ängstigte mich schon!" . . J
„Aengstigen? . . . Warum?"
Der Mann wirft Hut und Dolman aufs Sofa und setzt sich an den Tisch. „
„Mag nichts essen. Nur Tee trinken. Schnell Tee her!"
~ Rasch bereiten Pias flinke Hände das aro- matische Getränk.
Der Mann spricht kein Wort: duster starrt er vor sich hin, während sein Körper trotz der drückenden Hitze hie und da zusammenschauert wie unter Fieberkälte.
„Vater — wo warst Du?"
Keine Antwort. „ , ,, .,
„Lieber Vater — Du siehst so bleich aus.
Fehlt Dir etwas?" !
Keine Antwort.
„Hier hast Du Deinen Tee, lieber Vater. Der wird Dir gut tun." t .
Hastig stürzt der Mann drei Tassen des heißen Getränks hintereinander herunter.
Dann richtet er seine glanzlosen Augen auf die Tochter. ' u, _ t «J
„Frage mich jetzt nichts, Kind! Spater sollst
Du alles erfahren." i
Pia setzt sich schweigend wieder hinter ihre, Flickarbeit. Doch ruhen ihre Hände. Immer, wieder blickt sie unruhig hinübernach dem grauen Haupt, das, schwer in die hohle Hand gestützt, vor sich hinstarrt. ,
Sie steht wieder auf und nähert sich dem Vater von rückwärts. Zärtlich schlingt sie tictbt Arme um seinen Hals und preßt ihre werchis Wange an die seine, lY
—- (Fortsetzung folgt.)
datieren. Sie aber find immer sanft und lieb — der teilte Engel!"
Ohne eine Miene zu verziehen, hat Pia zugehört. Bei den letzten Worten der Alten lacht sie leise auf. I
„Nenne mich, wie Du willst, Assunta? Aendern wirst Du mich doch nicht. Jetzt bleibst Du schön auf dem Sofa sitzen, während ich den ! Tisch decke. Verstanden?"
Aengstlich rückt die Alte in die Mitte des Sofas, faltet die dürren Hände über den spitzen Knien und guckt ihrer jungen Herrin zu.
Pias Bewegungen sind langsam und harmonisch, von fast klassischer Ruhe. Wie sie jetzt mit festem und doch elastischem Schritt ab und zu geht, das große Tischtuch auf den runden Tisch breitet, Teller, Messer und Gabeln herbeibringt, und die dampfende Schüssel mit Makkaroni hinstellt — man hat die Empfindung, als bereiteten die schlanken Hände etwas ganz Besonderes und nicht ein solch alltägliches prosaisches Geschäft wie Tischdecken.
Dabei ist das Lächeln wieder von ihrem Antlitz verschwunden. Wieder lagert der herbe, schmerzliche Zug um die feinen Lippen.
„Wo der Vater nur bleiben mag, Fräulein Pia!" murmelt die Alte, indem sie aufsteht und hinter dem zugezogenen Fenstervorhang auf die Straße späht. „Gestern den halben Tag weg und heute den ganzen. Er wollte doch früh wiederkommen!"
Pia antwortet nicht; aber auch auf ihren Zügen malt sich lebhafte Unruhe.
Widerstrebend setzt sie sich an den Tisch, um allein ihr frugales Mahl einzunehmen.
Da — schrilles Läuten.
r Pia springt empor. Sie kennt dies hastige, ungeduldige Läuten.
Gleich darauf betritt ein schmächtiger, in einen schwarzen Dolman gehüllter Mann das Zimmer, den Kalabreser tief tn die <5tirn gedrückt ' ' ’■ ~~
Händen der Alten, die sich nur noch schwach wehrt und immerfort kopfschüttelnd murmelt:
„Eine Dame . , . eine Signorina . . , unmöglich!"
„Du hast eine merkwürdige Auffassung von dem Begriff „eine Dame", liebe Assunta," sagt das junge Mädchen, während ein sanftes Lächeln die stolzen, herben Lippen umspielt. „Eine Dame" ist vor allen Dingen ein Weib mit echt weiblichem Empfinden. Sie kennt keinen falschen Stolz: sie ist stets liebevoll, nie aber grob und unfreundlich. Sie spricht nie laut, sondern immer mit etwas gedämpfter Stimme, die beruhigend auf die Nerven wirkt. Kranke und Bedrückte kommen zu ihr, um sich Rat und Trost zu holen, und sie spendet beides in reichstem Maße; denn sie ist selbstlos, und es macht sie glücklich, ihren Mitmenschen dienen zu können.. Sieh, liebe Assunta, ich könnte Dir noch viel sagen über das Wesen der „Dame", wie ich mir diesen Begriff denke; aber genug für heute! Du würdest mich vielleicht auch nicht verstehen. Aber das begreifst Du doch: eine solche „Dame" würde nicht zu stolz sein, um für eine alte brave Dienerin, die vor Müdigkeit fast umfällt, deren Herz schnell und unregelmäßig pocht, deren Hände zittern, eine kleine Arbeit zu verrichten. Oder meinst Du doch?"
Assunta hatte sich auf eine Ecke des verblichenen Sofas gesetzt, von wo aus sie mit offenem Munde den sanften, melodischen Worten ihrer jungen Herrin lauscht. Ihre Augen drücken maßloses Erstaunen, gemischt mit höchster Bewunderung aus,
Jetzt schlägt sie beide Hände über dem Kopf zusammen und ruft:
„Sie sind immer anders wie ändere Leute, Fräulein Pia. Manchmal denk' ich, Sie gehören gar nicht auf unsere Welt; Sie sind viel zu gut. Eine „Dame" mutz hochmütig sein und tjjre Dienstboten schelten und schimpfen und skan-
Vierteljährlicher Bezugspreis: bet ver Expedition 2 Mk, > TBß 4 4« bet allen Postämtern 2,25 M. (exct, Bestellgeld).
Mittwoch, 19. Juni 1907.