mH dem Meisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
datz sich Italien im Gegensatz zu Deutschland und Oesterreich im Haag an der Beratung des aus der „hochherzigen Initiative Englands" entsprungenen Abrüstungsvorschlages beteiligen werde. Nun ist ganz klar, daß dieser Vorschlag sich nur gegen Deutschland richtet und nur von zweien einen Zweck verfolgen kann: entweder eine Beschränkung der deutschen Rüstungen zur See herbeizuführen, oder uns als Weltstörenfried hinzustellen. Diese freundschaftliche Absicht kann natürlich nur dazu beitragen, uns trotz aller schönen Redensarten des Herrn Tittoni dis Augen über Italiens wahre Gesinnung zu öffnen. Um so weniger Veranlassung haben wir, in der ganzen Angelegenheit irgend einen Schritt zu tun, oder England irgend eine Schwierigkeit hinwegzuräumen, Klarheit über alles!
ihre Obliegenheiten. Für sie handelt es sich in erster Linie darum, datz ihnen kein bewohntes Gebäude, kein in ihrem Bezirk befindliches Schiff, keine zur Wohnung dienende Baracke usw. entgeht so datz die ortsanwesende Bevölkerung unter allen Umständen für ihren Bezirk ermittelt wird. Fernere Aufgabe des Zählers ist, bei Austeilung der Zählpapiere (Haushaltunas- liste Land- und Forstwirtschaftskarte, Eewerbe- formular und -bogen) den Haushaltungsvorständen die richtige und vollständige Ausfüllung der Papiere nochmals dringend zu empfehlen und sich durch Nachprüfung bei Aufstellung der Kontrolliste über diese Ausfüllung Eewitzhert zu schaffen. Letzteres wird um so eher möglick sein, als der Zähler von feiten der Gemeindebehörde am besten aus den Bewohnern des betreffenden Zählbezirks selbst ausgewählt wird, da er alsdann mit den Verhältnissen dieses Bezrrks gemeinhin gut vertraut sein wird.
Die Nauptsorge für die gerov^nfiafte Ausführung des Zählgeschäfts in ftinem Haushalt verbleibt dem §>aushaltungsvorstande. Er ist gewissermaßen der Träger des aesamtm Zah- lungeunternehmens und ihm ist dre Verantwortlichkeit für die Einträge in die Zahlpapiere zugeteilt. So wird der Zähler sich mit seinen Obliegenheiten und dem Inhalt der Zah^ papiere vertraut zu machen hat, mutz dies auch der Haushaltungsvorstand tun. Bei näherer Durchsicht der Zählpapiere aber wrrd er bald finden, datz die Fragen klar gestellt und dre Erläuterungen zu ihrer Beantwortung eingehend und deutlich gefaßt sind, so datz Zweifel fast aus- geschlossen werden. Wo sich in einzelnen Fallen Schwierigkeiten ergeben, wird natürlich der Zähler selbst eintreten und nach den Angaben des Hausbaltungsvorstandes die Ausfüllung der Zählpapiere besorgen müssen
Die richtige, genaue und rechtzeitige Ausfüllung der Zählpapiere entspricht dem allgemeinen Interesse des Volkes. Jeder einzelne Bürger mutz es deshalb als Ehrenpflicht ansehen, an seinem Teile mit dafür zu sorgen datz zuverlässiges und vollständiges Material gewonnen wird.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser wohnte am Montag Vormittag in Potsdam dem Stiftungsfeste des Lehr- Jnfanterie-Bataillons, dem sogenannten „Schrippenfeste" mit dem Kronprinzen und den anwesenden Prinzen bei. Nach dem Vorbeimarsch des Bataillons begaben sich der Kaiser, die Kaiserin und der gesamte Hof nach den Kommuns, wo die Mannschaften in hergebrachter Weise gespeist wurden. Der Kaiser brachte ein dreifaches Hurrah aus die Armee aus, Kommandierender General v. Kessel erwiderte mit einem dreifachen Hurrah auf den Kaiser. Um 1 Uhr fand bei den Majestäten Frühstückstafel statt, an welcher auch die Mitglieder der russischen Botschaft teilnah-
Erscheint wöchentlich sieb«« mal.
Dm« und Verlag: Joh. «ug. Koch, UmversitSts-Buchdrucke«! 42. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Donnerstag. 23. Mai 1907.
Vor dem Haag.
Die Diplomaten rüsten sich allgemach zu der Haager Konferenz, und auch die Niederländischen Generalstaaten haben mit den Vorarbeiten der Veranstaltung sich beschäftigen müssen, insbesondere mit der Bewilligung der Kosten. Hunderttausend Gulden hat die Regierung diesmal gefordert, während die Friedenskonferenz von 1899 nur fünfundsiebzigtausend Gulden gekostet hatte. Selbstverständlich spielt diese Summe weder für Hollands Budget, noch für die öffentliche Meinung eine Rolle. Desto bezeichnender war die kühle Stimmung, die in der Kammerdebatte gegen die ganze Friedensveranstaltung hervortrat. Allgemein wurde darauf hingewiesen, datz die Ergebnisse der ersten Konferenz ohne jede praktische Bedeutung geblieben seien. Selbst der einzige erreichte Nebenzweck, der Abschluss verschiedener Schiedsgerichtsverträge, sei ohne praktische Folgen geblieben, zumal alle diese Vetträge ausdrücklich alle Ehren- und Lebensfragen der Nationen äusser Betracht lassen und sich nur auf Streitigkeiten beziehen, die auch ohne Schiedsgericht sich diplomatisch hätten erledigen lassen. Fast alle Redner waren darin einig, daß auch die zweite Konferenz nichts Praktischeres ergeben werde. Bei dieser Stimmung konnte es nicht verwundern, daß nicht nur sieben Abgeordnete gegen den beantragten Kredit stimmten, sondern auch sechsundzwanzig durch Stimmenthaltung ihrem Mißtrauen in die Ergebnisse der neuen Konferenz Ausdruck gaben.
Das scheint in England, wo man gewöhnt ist, nüchtern zu decken, nicht ohne Eindruck geblieben zu sein, und Herr Campbell-Ban nerman scheint sich von seinem eigenen Vorschläge nicht übermäßig viel mehr zu versprechen. Deutschlands offene und klare Haltung in der Abrüstungsangelegenheit wird deshalb in England immer besser verstanden. Vermutlich aus dem Grunde, weil man nun befürchtet, die cingebrockte Suppe allein ftusessen zu müssen und es gern sehen würde, wenn Deutschland die Hand dazu böte, einen Ausweg aus der Schwierigkeit zu finden. Man will its nicht mehr gewesen sein! Auch der Kriegs- Minister Herr Haldane hat in seiner kürzlich auf .einer liberalen Versammlung gehaltenen Rede sich recht eifrige Mühe gegeben, die Sachlage zu verdunkeln und England von dem hässlichen Verpachte zu reinigen, als habe es Deutschland mit seinem Abrüstungsantrage in die Ecke drängen wollen. Er versuchte natürlich wieder, die ganze Schuld an dem herrschenden Mißtrauen der Presse zuzuschieben.
Inzwischen scheint Italien die Rolle Lber- fiommen zu haben, den englischen Abrüstungs- santrag aufrecht zu erhalten,' denn Herr Tittoni Erklärte in der Rede vor der Deputiertenkammer,
men. Während des Mahles trank der Kaiser «mf das Wohl des Zaren, der gestern seinen Eeburts« tag feierte. — Am Dienstag Nachmittag trat bei Kaiser eine Reise nach Alt-Madlitz, Cadinen^ Marienburg, Langfuhr usw. an; die Kaiserin b» gleitete den Kaiser zum Bahnhofe.
— Som Bundesrat. Während der Reichstag in seinen Arbeiten bis zum 19. November ein« Pause hat eintreten lassen, wird der andere Faktor der Reichsgesetzgebung, der Bundesrat, rot« er auch am Donnerstag eine Plenarberatung abgehalten hat, noch die verschiedensten Arbeite« leisten, ehe er sich bis zum Anfang Oktober vertagt. Gesetzgeberische Aktionen werden ihn, sobald die vom Reichstag erledigten Entwürfe gegebenenfalls genehmigt fein werden, weniger beschäftigen. Diese Seite seiner Tätigkeit wird der Bundesrat erst wieder voll aufnehmen, wenn der Zusammentritt des Reichstages näher herangerückt sein wird, obschon damit natürlich nicht gesagt sein soll, dass die Vorbereitungen für die t« Aussicht genommenen Gesetzentwürfe inzwischen ruhen werden. Auch die Ausführung von in dem letzten Tagungsabschnitte des Reichstages erledigten Gesetzen wird den Bundesrat.diesmal nicht, wie etwa nach der Annahme der neuen Reichsfinanzreformgesetze, stark in Anspruch nehmen, denn der Reichstag hat diesmal Gesetze, die umfassende Ausführungsanweisungen nötig machen, nicht beschlossen. Es ist aber erfahrungsgemäss^,, stets noch nach den Reichstagstagungen eine An-^ zahl von Verwaltungsmaßnahmen zu bewälttgen. Diesmal stehen namentlich zwei grosse Arbeiten dieser Art im Vordergründe des Interesses. Die eine betrifft die Aenderung der Ausnahmen von der Sonntagsruhe, die auf Grund der Gewerbeordnung von 1891 vom Bundesrate erlassen wurden. Die Vorarbeiten dazu sind schon längere Zeit hindurch im Reichsamt des Innern im Gange. Die Eewerbeauffichtsbeamten der Einzelstaaten sind dabei beteiligt worden. Der Bundesrat dürfte mit dieser Arbeit nunmehr bald fertig werden, sodass die neuen Ausnahmen, die eine Einschränkung der bisher zugelassenen Sonntagsarbeiten darstellen würden, dem Reichstage nach seinem Wiederzusammentritte zur Kenntnisnahme unterbreitet werden könnten. Die andere demnächst zu erledigende größere Arbeit betrifft die Aenderung des amtlichen Warenverzeichnisses zum Zolltarif. Auch hier schweben die Vorarbeiten, die in diesem Falle dar Reichsschatzamt und namentlich dessen Prüfungs- ftelle zu leisten haben, schon längere Zeit. Ma« darf annehmen, datz auch sie bald zu einem end- gittigeit Beschlüsse führen werden. Aus jede« Fall wird in der nächsten Zeit beim Bundesrat« die Verwaltungstätigkeit die Hauptrolle spielen.
— Die Dispofittonen des Abgeordnetenhauses, wonach die erste Sitzung nach dem Pfingstfest
Das ZShlgeschäft am 12. Mai 1907.
Bei der hohen Wichtigkeit der bevorstehenden Berufs- und Betriebszählung für die Beurteilung von volkswirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen im Reich und in den Bundesstaaten ist das Zählergeschäft am 12. Juni d. I. besonderer Beachtung zu empfehlen. Denn nur durch sorgfältige Ausführung der mit dem Zähl- gpschäft verbundenen Arbeiten ist es möglich, die Grundlagen für eine ausreichende Statistik über jene Verhältnisse zu erlangen. Für das Zählgeschäft kommen drei Faktoren in Betracht, welche einander ergänzen sollen, um die Zählung nach allen in den Zählpapieren festgestellten Richtungen zu sichern. Der Eemeindevor- stand übernimmt die Gesamtverantwortung für die Zählung in seinem Gemeindegebiete, er kann durch Einsetzung eines oder mehrerer Zählungsausschüsse sich eine sichere Gewähr für die gute und umfassende Ausführung des Zählgeschäfts schaffen. Den Gemeindebehörden liegt unter anderem die Verantwortung dafür ob, dass bei der Bildung von Zählbezirken alle örtlichen Teile der Gemeinde erfasst werden, und datz diese Zählbezirke in einer Weise begrenzt werden, die es den über ihre Aufgabe richtig belehtten Zählern ermöglicht, ihre Obliegenheiten in der dafür aufgewendeten Zeit gewissenhaft zu erfüllen. Die Zähler, welche das Zähtgeschäst ehrenamtlich übernehmen und in dieser Verrichtung rechtlich als öffentliche Beamte gelten, müssen von den Gemeindebehörden oder ihren Zählungsausschüssen mit größter Sorgfalt ausgewählt werden. Als besonders geeignet für dieses Geschäft werden sich Lehrer, Beamte und sonstige Persönlichkeiten in der Gemeinde erweisen, die des öffentlichen Vertrauens würdig sind. Ob dem Zählgeschäft bei seiner hohen Wichtigkeit dadurch eine Förderung zuteil werden könnte, datz am 12. Juni die Schulstunden ausfallen, liegt im Ermessen der in Betracht kommenden Verwaltungsbehörden.
Die Zähler erhalten, ebenso wie die Gemeindebehörden, besondere Anweisungen über
Vierteljährlicher Bezugspreis: bei ver Expckitio« 2 Mk., -ezi 440 bei allen Postämtern 2,25 Mk. itrd. Bestellgeld).
**12. HO JusertiouSgebühr: die gespalteneZeile oder verr« Raum 15 Pfg,
Rcclamen: die Zeile 80 Psq.
(Nachdruck verboten.),
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In der Schule des Leidens.
Roman aus dem New-Yorker Leben M von Erich Friese«, -W . ifivrtsehung.l
- Das Gas ist niedergeschraubt. Mattes Halbdunkel erfüllt den düstern Raum.
- * Anny hat Felicies Kopf zu sich herabgezogen.
„Nicht den Mut verlieren, Liebste!" flüstert sie lächelnd. „Und vergiß nicht, dir die Haare aus der Stirn kurz zu schneiden — etwas ungleichmässig, geradeso wie meine! Hier hast du ieine Schere! Ich hab sie der Pflegettn heut weggenommen, als sie neben meinem Bett nähte. Wenn du ins Freie kommst, kneife die Augen zusammen! Ich tue das stets, weil ich kurzsichtig bin. Und möglichst wenig den Mund öffnen! Deine Zähne sind viel weißer als meine. Und leise sprechen — mit dem Heisern Organ der Schwindsüchtigen, hörst du? Hülle dich möglichst fest in deinen Schal ein! Du kannst ja einen kleinen Schüttelfrost fingieren; bedenke, du bist die todkranke „Anny Holm"! Man wird dich nicht htit ärztlichen Untersuchungen belästigen; man wird froh sein, wenn man dich los ist .... Im Direktionszimmer erhälst du dreißig Dollars i— der Lohn für meine frühere Arbeit im Gefängnis. Die letzte Zeit konnte ich ja nichts mehr tun. Wenn du willst, kannst du meiner Schwester einen Teil davon geben. Grüße sie herzlich von mir und küsse die kleine Alice in meinem Namen! Sie muß ein niedliches Ding geworden fein. Sage ihr, ich bäte sie, gut und ehrlich zu bleiben. Der gerade Weg ist der beste, Ach, es ist traurig, im Gefängnis zu sterben! Aber ich fürchte mich nicht; Gott wird mir verzeihen. Vielleicht — vielleicht sehen wir uns Dort oben wieder."
Wange an Wange geschmiegt, liegen die beiden still da. Beide sprechen nicht, Ihre Herzen .sind zu voll - L
„Anny!" flüstert Felicie .plötzlich. ,Me fängst du es an, anstatt meiner in meine Zelle zu Kimmen? Du mutzt meine Kleider anziehen, morgen früh den Kranken das Frühstück bringen! Du bist ja viel zu schwach!"
Anny lächelt.
„Meinst du? Ich habe nicht umsonst eine ganze Woche lang meine Kräfte für diesen Tag aufgespart. Sei überzeugt, datz ich es aushalte, 6is bu fort bist! Unb wenn ich bann zusammenbreche — was schadet bas? Es ist „Felicie Barrington", die stirbt, nicht „Anny Holm"!"
Felicie sagt nichts mehr.
Als gleich darauf die Oberpflegerin Frau Palmer durch die Krankenräume gcht, um zu in- spizieren, findet sie Anny in hochgradigem Fieber.
„Haben Sie Schmerzen, Holm?" fragt sie gütig.
„Rein, Frau Palmer, durchaus nicht. Ich bin nur aufgeregt, weil ich morgen ftei bin."
„Glaub'- Ihnen Kind. Ich wünschte, Sie könnten Ihre Freiheit noch ein paar Jahre geniessen."
Anny lächelt.
„Ich sehe doch wenigstens meine Schwester noch einmal, bevor ich sterbe, und ihre Kinder."
„Ja. ja, wenn Sie nur morgen transportabel sind! Gute Nacht!"
Mit freundlichem Gruß geht die brave Frau weiter, dabei Felicie zu sich heran winkend.
„Wachen Sie die Nacht bei der Holm! Sie gefällt mir heuf gar nicht!"
Eine Zeitlang, nachdem Frau Palmer sie verlassen, verhalten die beiden Freundinnen sich noch ganz ruhig, angestrengt lauschend, ob nichts sich regt... __ . . - ..... >.5
Alles still. "X
Der Moment zum Handeln ist gekommen.
Mit Felicies Hilfe verläßt Anny ihr Lager. Auf ihrs Schulten gestützt, schwankt sie durch die Korridore, nach Felicies Zelle,
Sie begegnen niemand. Alle Gänge wie aus- gestorben.
Jetzt schließt sich die Tür der Zelle hinter den beiden.
Rasch kleidet Felicie sich aus und zieht Anny ihre Sachen an. Dann wirft sie sich selbst Annys Nachtkittel über. Noch schnell beim fahlen Schein des Mondes die Stirnhaare abgeschnitten, dieselben unter die Matratze versteckt, Annys Scheitel möglichst glatt gekämmt — und die beiden verlassen wieder die Zelle.
Felicie ist jetzt „Anny Holm", Anny felicie Barrington".
Unter einer etwas heller brennenden Gasflamme im Korridor bleiben sie stehen. Prüfend blicken sie einander an. Die Täuschung ist wirklich frappant gelungen. Nur der aufmerksamste Beobachter würde die Verwechflung merken.
Jetzt erreichen sie den Krankensaal.
Felicie legt sich in Annys Bett. Anny setzt sich daneben auf den Stuhl.
„Küsse mich, Licy!" bittet Anny mit versagender Stimme, „und bann nenne mich „Felicie"! Vergiß morgen nicht einen Augenblick deine Rolle!"
Stumm vor innerer Bewegung, schlingt Felicie die Arme um den Hals der Todkranken.
„Geh' jetzt in meine Zelle, Anny! Leg' dich gleich nieder! Wie du zitterst! Mein Gott, du hältst es nicht aus!"
„Doch, ich halte es aus. Noch einen Kutz — dann gehe ich! So! Gute Nacht, Anny Holm!
XXV.
Heiter und sonnig, gleich einem jugend- frischen, übermütigen Jüngling, bricht der Morgen herein. Kein Wölkchen trübt die tiefe Bläue des Himmels , , ,
Bleich, übernächtig erhebt Felicie sich von ihrem Lager. Sie hat fast gar nicht geschlafen. Ihr Kopf ist ihr ganz wirr vo« den widerfpre- chendsten Empfindungen. -
Was wird der kommende Tag ihr bringen? Die Freiheit? Oder verschärfte Strafe dort unten im dunklen Keller, wohin die widerspenstt« gen Gefangenen gesperrt werden?
Unb wie wird Anny bei ihrem Zustand das ungewohnte Arbeiten ertragen? j
Halt, dort hinten kommt sie schon! " Felicie hebt den Kopf. „
Mit dem Frühstücksbrett in den Händen schwank Anny in den Krankensaal. ,
Zuerst reicht sie Felicie den Kaffee und lächelt dabei — lächelt wehmütig-glücklich. ’
Felicie glaubt aufschreien zu müssen beim Anblick dieses Lächelns. Sie weiß, was es die Todkranke kostet.
„Beherrsche dich!" flüstert Anny kaum hörbar. „Die Johnson hort hinten ist wach. Sie konnte dich nie leiden. Hab' keine Sorge um mich? Ich mache meine Sache gut*
Noch niemals in ihrem ganzen Leben schlich Felicien die Zeit so unerträglich langsam wie heute. Will der Morgen denn gut nickt enden? Mit angstvollen Augen verfolgt sie Anny von ihrem Lager aus, rote sie als „Pflegerin Barrington" hier ein Kopfkissen aufschuttelt dort, einen erfrischenden Trunk zurechtmacht. Jeden Augenblick fürchtet sie, die Kranke unter einem Blutsturz zusammenbrechen zu sehen.
Aber nichts dergleichen geschieht. Anny halt sich tapfer. Zwar sind ihr« Bewegungen etwa- müde, ihre Schritte langsam — aber nichts pus- fiert, was besondere Aufmerksamkeit errege« könnte.
Endlich, endlich nähert sich die Stunde, dck Anny fiolm aus dem Gefängnis entlassen wem den soll. w
Unter Hilfe einer Wärterin Hetbet sich F» licie — ober wie ihre Umgebung annimmt -3 „die Holm" an. Das feierliche ÄbschiednehmeM beginnt. , , , v ’
; 3 '(Fortsetzung folgt.) ,