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Mittwoch, 22. Mai 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag: Ioh. Aug. Koch, UniverfitätS-Buchdruckerch 42.
Marburg, Markt 2t. — Telephon 55.
Vierteljährlicher Bezugspreis: oct ver isjpennon a »«<, nn btt allen Postämlem 2,25 M. vejcl. Bestellgeld).
J12* "» JnsertrouSgebühr: die gespaltene Zeile oder ver« Raum 15 Psg.
Neclamen: die Zeile 80 Pfg.
Erstes Blatt.
Kraftproben der Sozialdemokratte.
'' Am Sonnabend vor Pfingsten, begann |n der Reichshauptstadt der größte Lohn- jtampf, den unser Erwerbsleben bisher gekannt Kat. Der Verband der Berliner Bauunterneh- 'mer hatte bereits vor acht Tagen die Aussper- irung gllsr bei ihm beschäftigten Arbeiter angekündigt. Es handelt sich bei dieser Aussper- irung um die Gegenwehr gegen eine sozialistische Machtprobe von geradezu frivoler Art. Die -Bauarbeiter hatten ihren bisherigen Tarifver- |rag gekündigt und dabei nicht nur höhere Löhne, sondern auch die Festsetzung des achtstündigen Arbeitstages verlangt. Wenn man berücksichtigt, daß die Maurer und Zimmerer in Berlin bisher einen Tagelohn von 6,75 M erhielten, so wird man ihre Forderung nach höheren Löhnen um so weniger gerechtfertigt finden, als zugestandenermaßen das Baugewerbe sich gegenwärtig vor einer ernsten Kri- sis befindet. Selbst Herr Georg Bernhard gibt in feinem „Plutus" zu, daß die herrschende Geld- ialamität das Baugewerbe in solchem Maße ungünstig beeinflußte, und daß in der letzten Zeit in Berlin im Bauen sicher des Guten zuviel ge- |an worden sei. Der Verlauf der Vermittelung vor dem Eewerbegericht hat aber deutlich gezeigt, daß es den Arbeitern in erster Reihe gar -nicht auf die Lohnerhöhung, sondern auf einen -einen Prinzipienkampf, um den Achtstundentag ankam. Denn das Eewerbegericht schlug vor, eine allmähliche Aufbesserung der Stunden« -löhne um 7 Pfennige eintreten zu lassen. Die .Arbeitgeberorganisation erklärte sich auch hier- -mit einverstanden, und selbst die Organisation Ker Arbeiter empfahl die Annahme dieses Schiedsspruches. Aber die sozialistisch beeinflußte Arbeiterschaft selbst lehnte trotz des Rates Ihrer Organisationsleiter die Einigung ab, weil fhr die Forderung des achtstündigen Arbeits- jtages als wichtiger galt wie die zugestandene Lohnerhöhung.
Bei dieser Sachlage sahen sich die Unternehmer genötigt, die Aussperrung zu beschließen, ;«nb sie haben darin sicherlich die Sympathie des Publikums auf ihrer Seite. Denn was soll es heißen, daß ein Maurer oder Zimmermann bet einer neunstündigen Arbeitszeit mit einem Lohne von 7,20 bis 7,38 J*., um den tausende -von kleinen Beamten und sonstigen fleißig schaffenden Leuten mit guter Vorbildung ihn beneiden würden, sich nicht zufrieden gibt, und in sdiesem Kampf noch obendrein an die Sympathie des Publikums appelliert? Die Geschichte streift bereits ans Humorvolle und erinnert an jene drollige Anekdote von dem Professor, der an
einer Gruppe frühstückender Maurer vorbei kam und sein Erstaunen darüber äußerte, daß dies« Sekt aus Weißbiergläsern tranken. Worauf ihm ein vierschrötiger Steinträger von der Leiter herunter zurief: „Ja, hätten Sie was gelernt!" Es kommt in dieser Haltung der von der Sozialdemokratie verhetzten Arbeiterkreise eben nur wieder die bodenlose Überschätzung der rohen ungelernten Kraft zum Ausdrucke, die auch das ganze politische Verhalten der Sozialdemokratie bestimmt und sie unfähig erscheinen läßt, sich zu den übrigen Ständen des Staates und der Gesellschaft in eine auch nur halbwegs vernünftige Beziehung zu bringen. Dies wird seitens der Berliner Bevölkerung auch vollkommen verstanden, und selbst Blätter von so ausgesprochen demokratischem Charakter wie die „B. Z. am Mittag" weisen darauf hin, daß die Mehrzahl der Kopfarbeiter sich glücklich schätzen würde, wenn ihre Arbeitszeit niemals neun Stunden überschritte. Die wirtschaftliche Konkurrenz zwinge die überwiegende Mehrheit der Menschheit, sehr viel mehr zu arbeiten, und für den Arbeiter könne keine Sonderstellung geschaffen werden. Das ist unzweifelhaft richtig. Und selbst wenn man zugeben wollte, daß es für gewisse Arbeitsgruppen aus Gesundheitsgründen wünschenswert fei, den Achtstundentag einzuführen, so gilt das doch ganz gewiß in allerletzter Linie von der sehr gesunden Arbeit der Maurer und Zimmerer.
Bei dieser Sachlage erscheint es nicht zweifelhaft, daß der Riesenkampf die Stellung der Arbeiter in der öffentlichen Meinung nicht ver- beffern wird. Aber auch der Ausgang des Kampfes kann von vornherein ziemlich sicher erscheinen; er wird unzweifelhaft mit einer schweren Niederlage der Arbeiter enden mästen. Denn es handelt sich für Berlin allein bei den eigentlichen Bauarbeitern um etwa 50 000. Bei längerer Dauer des Streiks würden auch alle diejenigen Arbeiterkategorien in Mitleidenschaft gezogen, deren Tätigkeit von derjenigen der Maurer und Zimmerer abhängt: Tischler, Klempner, Rohrleger, Maler usw. Sollte der Kampf sich deshalb durchaus ernst zuspitzen, so würden etwa 100 000 Arbeiter brotlos werden. Nun verfügte nach den Angaben des Reichstagsabgeordneten Legten der Maurerverband im Jahre 1905 über ein Vermögen von 2 732 467 Mark, der Verband der Zimmerer über 919169 und die Bauhilfsarbeiter über 401375 dl. Das sind alles in allem etwa 4 Millionen Mark. Rechnet man, daß jede Ausstandswoche die Kasten der 50 000 Ausgesperrten nur um 12 M pro Kopf, also um 600 000 M erleichtert, so ist das Ende dieser 4 Millionen leicht abzusehen. Und daß die Arbeitgeber, denen die Lage jetzt gar nicht so sehr auf die Nägel brennt, diese Frist aushalten können, erscheint zweifellos.
|2 (Nachdruck verboten.).
In der Schule des Leidens.
Roman aus dem New-Yorker Leben s
von Erich Friesen.
(Fortsetzung.)
Auch die Oberwärterin sieht Felicie heute Mit kritischen Blicken an.
„Sie sind krank, Varrington. Lasten den Kopf hängen wie eine Blume, die vom Reif befallen wurde. 5>aben Sie Schmerzen?" ; „Nein, danke, Frau Palmer! Ich fühle mich ganz wohl."
i „Reden Sie mir nichts vor! Ich werde den Doktor holen." , . .
„Bitte, nicht, Frau Palmer! Er kann mtr doch nicht —“ .
\ Ein heftiger Hustenanfall läßt sie mnehatten. I Frau Palmer schüttelt den Kopf.
„Zartes Pflänzchen!" meint sie mitletbig. „Ebensolche Sorte wie die da —" sie deutet aus Anny, die mit Anstrengung und oft von Husten unterbrochen, ihren Kaffee trinkt. „Aehnelt euch sowieso schon wie ein Ei dem anderen. Besonders heute, wo ihr beide gleich blaß seid. Wenn Sie sich nicht in Acht nehmen, Barrington, werden Sie der Holm bald nachfolgen." I „Das sollte mir schon recht sein!" murmelt Felicie in sich hinein.
: Achselzuckend verläßt Frau Palmer den Krankensaal.
I Da es jetzt im Hochsommer im Gefängnis wenig Schwerkranke gibt, ist der Saal ziemlich leer. Außer Anny Holm liegt dort hinten am äußersten Ende nur noch Nelly Johnson neben einer siechen weißhaarigen Frau. Beide scheinen zu schlafen. Die übrigen fitzen bereits draußen im Hof im Sonnenschein.
j „Felicie!" ruft plötzlich AnnM ^natte Stimme,'.
Sofort eilt die Gerufene herbei.
„Gib mir deine Hand, Felicie! So! . . . Sieh nur, unsere Hände sind einander ganz ähnlich — gerade so wie unsere Gesichter. Ob unsere Seelen einander auch ähneln? Ich liebe dich so sehr, Licy!"
„Arme liebe Anny!"
Die Holm schweigt eine zeitlang, indes ihre durchsichtigen Finger zärtlich Felicies schmale Hand streicheln.
Dann sagte sie plötzlich leise:
„Felicie, mir fiel heute nachts, als ich nicht schlafen konnte, etwas ein. Bück' dich zu mir herab, damit uns niemand hört! Dir ist ein großes Unglück widerfahren, ich sehe es dir an."
Felicie schweigt.
„Und —" fährt Anny eifrig fort, „ich glaube, wenn du frei wärest, könntest du dieses Unglück bannen."
Felicie schweigt noch immer. Ihr Gesicht zeigt «inen müden, apathischen Ausdruck.
Möchtest du frei sein, Felicie?"
„Wozu die Frage! Es ist ja nicht möglich."
„Doch Felicie — es ist möglich!"
„Wie?"
„Indem nicht ich —" Annys Stimme finkt zum Flüsterton herab — „indem nicht ich in wenigen Tagen das Gefängnis verlaste, sondern - du!"
Kleine Pause.
Felicie findet lange Zeit keine Worte. Der Gedanke erscheint ihr so ungeheuerlich, daß sie ihn gar nicht in sich aufzunehmen wagt. . . .
Doch Anny entwickelt schon einen vollständigen Plan.
„Sieh du, Licy," beginnt sie, die Hand der Freundin fest in der ihren haltend, „am Donnerstag um zehn Uhr morgens ist meine Zeit um. Man wird mich hinunterholen und mir einen sogenannten Aogangsanzug geben. Dann
Gleichwohl soll nicht bestritten werden, daß dieser große Kampf das deutsche Erwerbsleben in einer bereits recht sehr erschütterten Lage trifft, und daß die Lahmlegung der Bautätigkeit mit ihrem kolostalen Bedarf an Eisen, Zement, Glas, Holz usw. für weite Jndustriekreise sühlbar werden wird. Der ganze Fall legt daher erneut die Frage nahe, wohin diese ewigen Lohnkämpfe denn eigentlich führen sollen, von denen kein Mensch einen Nutzen hat, am allerwenigsten die Arbeiter, aber schließlich auch nicht die Arbeitgeber und unsere gesamte Volkswirtschaft. Auch dem Staate und der Gesellschaft können diese ewigen Erschütterungen unseres politischen Gleichgewichtes, die Verhetzung der Volksmenge nicht gleichgiltig fein, die aus diesem ganz offenkundigen Mißbrauch des Koalitionsrechtes sich ergeben. Soll es aber unabänderlich geduldet werden, daß alle diese schwerwiegenden wirtschaftlichen und sittlich politischen Jnteresten der Willkür einer Handvoll verantwortungsloser Demagogen ausgeliefert bleiben?
Deutsches Reich.
— Vom Bundesrat. In der am letzten Donnerstage abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesrats wurde den vom Reichstage zu den Reichshaushaltsetats und zu den Etats für die Schutzgebiete auf das Rechnungsjahr 1907 sowie zu den dazu gehörigen Gesetzentwürfen gefaßten Beschlüssen die Zustimmung erteilt. Ebenso wurde dem Entwurf eines Gesetzes, betreffend Aende- rungen des Reichsbeamtengesetzes vom 31. März 1873, dem Entwurf eines Beamtenhinterbliebe- nengesetzes und dem Entwurf eines Militärhinterbliebenengesetzes in der vom Reichstage be- fchlostenen Fastung zugestimmt. Der Entwurf einer Eisenbahnsignalordnung und der Entwurf von Vorschlägen zur Abänderung der Eisenbahn- bau- und Betriebsordnung vom 4. November 1904 wurden den zuständigen Ausschüsicn überwiesen. Zusttmmung fand der Ausschußantrag, betreffend Bestimmungen über die Erbschaftssteuerstatistik. Ueber die Besetzung von Senatspräsidenten- und Ratsstellen bei dem Reichsgericht sowie über mehrere Eingaben wurde Beschluß gefaßt.
— Zur Regentenwahl in Braunschweig. Wie dem „Hann. Cour." aus Braunschweig berichtet wird, ist der Einzug des Herzogs Johann Albrecht für den 4. Juni vorgesehen.
— Die deutschen Bevollmächtigten für die Haager Konferenz. Die „Norddeutsche Allgem. Zeitung" veröffentlicht nachstehende vollständige Liste der Mitglieder der Delegation zur zweiten Haager Konferenz: Botschafter Frhr. Marschall von Bieberstein, erster bevollmächtigter Delegierter; Geh. Legationsrat Dr. Kriege, zweiter bevollmächtigter Delegierter; der Marineattachee
werde ich zum Direktor gerufen, noch schnell photographiert und von meiner Schwester, die mich unten erwartet, mitgenommen. Ich bin frei! . . . Was nützt mir die Freiheit? Ich weiß, ich kann nur zwei bis drei Wochen leben. Ob ich hier sterbe oder bei meiner Schwester — ist egal. . . . Nun paß gut auf! Nächsten Donnerstag spielst du meine Rolle. Du bist „Anny Holm"; ich bin „Felicie Barrington". Du beantwortest alle an dich gestellten Fragen in meinem Sinn. Du hast zwei Jahre Gefängnis anstatt drei; du hast bei deinem Chef Unterschlagungen gemacht; du redest meine Schwester mit Olivia an und fragTt sie, wie es ihren beiden Kindern Jack und Alice geht und ob Tom mit seinem Geschäft zufrieden sei. Tom heißt nämlich mein Schwager. . . Sieh, Licy. nichts ist einfacher als das! Olivia wird die Verwechslung kaum merken, ich kann mich in den zwei Jahren, die sie mich nicht gesehen hat, sehr verändert haben. Später magst du ihr die Wahrheit sagen. Ich weiß, sie wird froh sein, daß sie mich nicht pflegen muß und dann auch keine Ausgaben für meine Beerdigung hat. Anstatt defien stirbt hier im Gefängnis nach kurzer Zeit „Felicie Barrington" an der Schwindsucht. Jedermann wird daran glauben; du siehst feit gestern so wie so sehr krank und elend aus. „Felicie Barrington" wird auf dem kleinen Gefängnisfriedhof zur ewigen Ruhe bestattet — „Anny Holm" ist frei. Dein Mann wird ftoh sein, wenn er dich wieder hat — ob als felicie" oder als Anny", ist gleichgülttg — und deinem Kinde erst recht."
Felicie hat die Freundin ruhig ausfprechen lasten. Jetzt, da diese erschöpft schweigt, sagt sie ernst:
,Zch danke dir aus vollem Herzen, Anny. Aber, selbst wenn ich uneigennützig genug wäre, um deinen Vorschlag anzunehmen — man würde sicher den .Betrug merken. $ßas dann?" ,
bei der Pariser Botschaft, Kontreadmiral Siegel, Marinedelegierter; Generalmajor v. Guendel, Militärdelegierter; Prosestor Zorn-Bonn misten« schaftlicher delegierter; Legattonsrat Dr. Eoep- pert, Hilfsdelegierter; der Kapitänsleutnant im Admiralstab der Marine Tezmann, Marinehilsr« delegierter, der Vizekonsul beim Eeneralkonsn« lat in Petersburg, Trautmann, Sekretär der De« legation.
— Der Bund vaterländischer Arbeitervereine, dem 43 Vereine mit 7000 Arbeitermitglieder angehören, tagte am Sonnabend in Hamburg. An den Kaiser wurde folgendes Huldigungstele« gramm abgesandt: „Euerer Majestät huldigt in deutscher Treue der Bund vaterländischer Arbeitervereine, der soeben von 37 Arbeitervereinen aus allen deutschen Gauen begründet worden ist zur Wahrung der Jnteresten aller treu zu Kaiser und Reich stehenden Arbeitnehmer." Hierauf lief aus dem „Neuen Palais" nachstehende Antwort ein: Seine Majestät der Kaiser und König haben Allerhöchstsich über den treuen Gruß des neubegründeten Bundes vaterländischer Arbeitervereine gefreut und lassen niemals danken. Seine Majestät wünschen dem Bunde ein kräftiges Blühen und Gedeihen in Treue zu Kaiser und Reich, zum Segen der deutschen Arbeiterschaft und des Vaterlandes. Auf allerhöchsten Befehl der Geh. Kabinettsrat v. Lucanus. — Der Reichskanzler antwortet auf den ihm übersandten Drahtgruß mit folgender Depesche: Berlin, 19. Mai. Die Begrüßung des neubegründeten Bundes vaterländischer Arbeitervereine hat mich aufrichtig erfreut. Ich erwidere sie auf das herzlichste. Möchte es Ihrer Organisation gelingen, dazu mitzuwirken, daß denjenigen deutschen Arbeitern ein starker Halt geboten werde, welche auf die geistigen und sittlichen Güter nicht verzichten wollen, die Volk und Vaterland dem Menschen bieten. Reichskanzler v. Bülow.
Ausland.
— Die dritte internationale Konferenz für technische Einheit im Eisenbahnwesen, welche in Bern getagt hatte, beendigte am letzten Sonnabend ihre Beratungen und unterzeichnete die Schlußprotokolle betreffend die technische Einheit und den Zollverschluß der Güterwagen. Erstere weift im Vergleich zu dem bestehenden Inhalt bedeutende Erweiterungen auf, durch Aufnahme von Bestimmungen über den Unterhaltungszustand des Rollmaterials und über di« Verladung der Güterwagen. Am Zollverschlußprotokoll wurden nur wesentliche Abänderungen vorgenommen.
Die Saufe des spanischen Prinzen. Zu Madrid fand am letzten Samstag mittags die, Taufe des Prinzen von Asturien nach dem festgefetzten Zeremoniell statt. Im Taufzuge schritten hinter dem Täufling König Alfons, Erzherzog Eugen, der Herzog von Oporto, der Herzog ===== --s
„Man wird nichts merken. Und schlimmsten. Falls erhältst du ein paar Wochen Kellerarrest' und mir legt man einige Monate Gefängnis zu. Was macht's? Inzwischen bin ich ja längst tot! . . . Licy —" fährt die Kranke erregt fort, da Felicie noch immer ungläubig darein blickt — „kannst du an Kleinigkeiten denken, wenn es gilt, die Freiheit wieder zu erlangen? Für dich wäre es die Freiheit im wahren Sinne des Wortes, für mich nicht. Ich schrecke davor zurück von hier fort zu müßen, hinein in das brausende Weltstadtleben, herumgestoßen und herumgepufft als unnützes Mitglied der Menschheit. Ich möchte nicht mehr fort von hier; ich möchte im Gefängnis sterben!“
Ein Hustenanfall läßt sie kraftlos in die Kiffen zurücksinken. Das erregte Sprechen war zu viel für ihre kranken Lungen. Sie hustet und hustet, wie noch nie zuvor.
Erschrocken beugt Felicie sich über sie. Ein paar große Blutstropfen sickern langsam Amiys Mundwinkel herunter. Im Innersten ernjut« tert, wendet Felicie sich ab.
„Siehst du — so steht es mit mtr! seufzt Anny mit schmerzlichem Lächeln, nachdem sie sich ein wenig erholt hat. „Und eine Sterbende willst du hinausftoßen in die kalte, grausame Welt da draußen? . . . Licn, liebe Licy, ich flehe dich an, laß mich hier! Wenn du nicht um deinetwillen meine Bitte erfüllen willst, so tue es um meinetwillen! Ich kann nicht mehr fort von hier — nein, ich kann, ich kann nicht!"
Anny ist so furchtbar erregt, auf ihren eingefallenen Wangen glühen zwei solch bedenkliche Flecken — Felicie verspricht, über ihren Plan nachzudenken. .'
„Geh' fetzt, Licy!" flüstett plötzlich die Kranke hastig. „Dort kommt die Robinson. Ich glaube,; sie steht uns nicht gern zusammen. Guten Tag, Frau Robinson? Ich wollte ein bißchen stricken,', aber es ging nicht, ich bin zu müde, *