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Marburg

Sonntag, 19. Mai 1907.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Ang. Koch, UmversitätS-Buchdruckerei 42. Jahra

Marburg, Markt 21. Telephon 5b.

Zweites Blatt.

Rückblick.

Pfingsten, das holde Fest der Freude, ist Herangekommen, und die altgermanische Sehn­sucht nach Maiengrün in Wald und Flur hat , <Mid) die i« der Reichshauptstadt tagenden Volks- ,»ertreter «griffen: der Reichstag sowohl wie Ver Preußische Landtag sind in die Ferien ge­gangen, die diesmal wohlverdient waren; denn es ist, wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, fleißig gearbeitet worden. Mag auch so man­ches in dem soeben beendeten Tagungsabschnitte der beiden Parlamente zu wünschen übrig ge­blieben sein, wie namentlich in Hinblick auf die erzielte Verständigung über unsere handels­politischen Beziehungen zu der an Bodenschätzen und sonstigen wirtschaftlichen Werten uns weit überlegenen nordamerikanischen Union, so muß doch anerkannt werden, daß die Tagungen er­folgreich gewesen und ohne Mißstimmung zu Ende geführt worden sind. Die längsten Ferien sind dem Reichstage beschieden, dem bekanntlich bis 19. November Ruhepause gewährt worden ist, damit dieReichsboten" nicht allein Er­holung suchen können von ihren Mühen, sondern auch mit ihren Wählerschaften wieder persön­liche Fühlung nehmen können, wie uns dies auch von unserm Reichstagsabgeordneten Dr. Böhme mitgeteilt wurde.

Die fröhliche Feststimmung, die trotz des Witterungsumschlages wohl bereits allenthal­ben im deutschen Reiche zu spüren ist, sticht aber nicht wenig ab von der schmerzlichen Enttäu­schung, die unseren Bolksgenosien in den öster­reichischen Landen so kurz vor Pfingsten beschte- den wurde; denn zweifellos hat der Ausfall der soeben vorgenommenen Hauptwahlen zum öster­reichischen Reichsrate, die zum ersten Male auf der breiten Grundlage des allgemeinen und direkten Wahlrechts erfolgten, dem Deutschtum Innerhalb der schwarzgelben Crenzpfähle eine schwere Niederlage gebracht, deren Folgen sich heute auch noch nicht annähernd überblicken lasten. So viel aber läßt sich bereits heute er­kennen, daß sich in unserem, kulturell weit hinter uns zurückgebliebenen, Nachbarland« ein Prozeß der Radikalisierung vollzogen hat, auf den die Herolde des neuen Kurses in Wien ganz und gar nicht gefaßt waren. Wenn die Politiker an der Donau etwas mehr Geschichte studiert hät­ten, so würde ihnen vielleicht das Wort des großen realpolitisch denkenden britischen Histo­rikers Thomas Macaulay in Erinnerung gekommen sein, der den noch heute für die politi­schen Derhältniste Oesterreichs anwendbaren Satz aussprach:Der ist ein kurzsichtiger Freund der unteren Volksschichten, der ihnen voll Eifer ein Wahlrecht zu verschaffen sucht, das sie all-

Von der Ketzerbach.

Von L. Müller.

Zu einem schönen Stadtteile von Marburg gehört auch die Ketzerbach mit ihren Straßen und der zwischen zwei Reihen Akazien sich hin- giehenden schönen Promenade. Im Anfang des «origen Jahrhunderts hatte sie noch das Aus­sehen eines Dorfes, es gab damals noch keine gepflasterten Straßen, keine Kanäle und der Bach, der mitten hindurchfloß, hatte noch kein geregeltes Bett und bildete einen Teil der Fahrstraße. SchweinesiLlle und Obstbäume stan­den vor den Häusern, Mistestätten und Jauche- löcher waren vor diesen wahrzunehmen, das Federvieh und die Schweine tummulten sich vor und in dem Bach herum. Bei Regenwetter konnte man nur mit großer Mühe von einem Hause zum anderen gelangen, da die Löcher in den Fußwegen, die zu den Häusern herführten, sich mit Regenwaster füllten.

Die erste Verbesterung erhielt die Ketzerbach «m das Jahr 1824. Damals wurde der Bach zwischen Mauern gefaßt und zwei gewölbte Brücken, sowie mehrere Wege über denselben an­gelegt. Schweineställe, Obstbäume und Miste­stätten mußten nun entfernt werden, die Stra­ßen wurden reguliert und neben dem Vach je eine Reihe Akazien gepflanzt. Ein Haus, wel­ches im Wege stand, wurde abgebrochen. Zm Jahre 1834 wurde das Gasthaus zur Krone, vor welchem der offene Bach herfloß, abgebrochen und das Gasthaus zum Ritter neu erbaut, wo der vor diesem herfließende Bach, überwölbt Wurde. Bei dem Neubau der Anatomie im Jahre 1840 wurde das alte Anatomisgebäude, das quer in der Straße stand, abgebrochen und der davor liegende Teil des. Baches bis zur nächsten Brücke überwölbt, so daß nur noch das

mächtig machen unb doch von jener Belehrung fernhalten wird, ohne die ihre Macht zu einem Fluche für sie selbst und für den Staat werden würde." Ein Danaergeschenk ist es gewesen, was jene verantwortlichen und unverantwort­lichen Ratgeber der habsburgischen Krone den zwiespältigen Nationen und Parteien der Donaumonarchie beschert haben; denn durch die Abschaffung des alten Kuriensystems, das ja zweifellos sehr viele Mißstände erzeugt hatte, ist die innerpolitische Lage ganz gewiß nicht ver- bestert, sondern, wie schon oben bemerkt, um vieles verschlechtert worden. Nicht nur, daß der schwer geprüfte Kaiser Franz Josef am Abend seines Lebens ein Parlament in Wien vereinigt sieht, in dein die Partei der sozialen Demokratie schon jetzt mit sechzig Mandaten vertreten ist, vor allem auch wird er in verspäteter Reue er­kennen müsten, daß infolge seiner Nachgiebigkeit gegen national gleichgültige bezw. deutschen­feindliche Einflüße, die festeste Stütze des habs­burgischen Staates, das österreichische Deutsch­tum in eine schwer bedrängte Lage gekommen ist, aus welcher es sich unter den gegenwärtigen Umständen wohl schwerlich aus eigener Kraft herauszuhelfen vermag. Die Folge dieser un­seligen Nachgiebigkeit wird auf nationalem Ge­biete eine weitere Slavisierung der deutschen Kronländer sein, durch welche der Geist der Un­zufriedenheit auch in der kaisertreuen deutschen Bevölkerung mächtig erregt werden muß. Diese Befürchtung dürfte kaum übertrieben sein; denn schon das bisherige Ergebnis der Reichsrats­wahlen das wahrscheinlich durch die Stich­wahlen noch verschlimmert werden wird spricht genugsam dafür. 60 Sozialdemokraten und 80 in nationalen Fragen gleichgültige Kle­rikale, ein solcher Reichsrat kann unmöglich als ein Hort des bedrängten Deutschtums in den österreichischen Landen angesehen werden.

« Die ausgedehnten Darlegungen, die in der Mittwochsttzung der italienischen Deputier­tenkammer Herr Tittoni über die Haltung Ita­liens in den Fragen der auswärtigen Politik gegeben hat, sind in Deutschland mit gemischten Gefühlen ausgenommen worden. Während man in halbamtlichen Kreisen Berlins Tittonis Rede für eine bedeutsame Kundgebung zu halten scheint, die geeignet ist, mit einem Schlage die politische Weltlage aufzuhellen, wird von an­derer Seite der Meinung Ausdruck gegeben, daß dieseKundgebung" nichts anderes sei, als ein Verlegenheitsprodukt des wortreichen Lenkers der italienischen Auslandspolitik, dazu be­stimmt, die trotz der Unterredung von Rapallo noch immer schwankende Stellung der kleinsten und schwächsten Dreibundsmacht zu vertuschen. In der Tat ist es nur die schon früher gebrauchte Formel der italienischen Auslandspolitik, die in der nachbismarckischen Zeit aufkam: uner­schütterliche Treue zum Dreibunde, dabei aber aufrichtige Freundschaft

Teil zwischen den beiden Brücken übrig blieb. Am Ende der Ketzerbach stand das Torhaus, unter dem der Bach herfloß. Zwischen diesem und der nun abgebrochenen Anatomie befand sich ein Holztor mit einer Pforte für Fußgänger, die bis 10 Uhr abends offen blieb, während das Tor schon im Winter um 8 und im Sommer um 9 Uhr geschlossen wurde. Der Torschreiber an der Ketzerbach hatte auch die Pforte am Lecker­gäßchen, das Renthöfer- und Rotegrabentor um diese Zeit zu schließen. Der letzte Rest des Baches zwischen genannten Brücken wurde im Jahre 1859 überwölbt.

Bei einem niedergegangenen Wolkenbruch, welches Schreiber sich noch genau erinnert, war der Ketzerbach zu einem reißenden Strom ange­schwollen. Es war ein heißer Taa, der 3. August 1847, als nachmittags um 3 Uhr der Himmel sich verdunkelte und ein schweres Wetter herein­brach. Donner und Blitze machten ängstliche Gemüter erzittern und der Regen ergoß sich in Strömen vom Himmel. Oberhalb der Ketzer­bach im Dorfe Marbach war ein Wolkenbruch niedergegangen, das Master füllte das enge Marbachtal und der Ketzerbach war zu einem reißenden Strom geworden, welcher alles ver­wüstend mitnahm, was ihm im Wege war. Der an der Ketzerbach liegende Stadtteil bot ein Bild der Zerstörung dar. Die Trümmer der Marbach« Mühle, die gleich am Eingang des Dorfes stand, allerlei Hausrat, entwurzelte Bäume, Felsblöcke, umgeftürzts Wagen lagen bunt durcheinander am Wege. Ein mit Euler­waren beladener Frachtwagen war ein Stück Weges fortgeschwommen und in der Gegend des Kepplerschen Hauses an einem Akazienbaum hängen geblieben.. Das ganze wütende Ele­ment nahm seinen Lauf nach der Elisabethki'che und von da zu beiden Seiten nach dem Mühl-

sür England und Frankreich. Herr Tittoni hätte nicht noch hinzuzusetzen gebraucht: und herzliche Beziehungen mit allen an­deren Mächten, um den molluskenhaften Charakter der italienischen Auslandspolitik er­kennen zu lasten. Solche Allerweltsfreundlich­keit ist in Zeiten, wo bedeutsame Fragen der Weltpolitik, wie die Haager Konferenz und der englische Abrüstungsvorschlag, auf der Tagesord­nung stehen, nicht gerade als Zeichen einer festen und entschiedenen Richtung anzusehen, und die Dreibundstreue Italiens kann unter solchen Umständen nicht allzu hoch bewertet werden.

Ein Ereignis, das allerdings nur durch seine negative Wirkung Beachtung erregte, war di« zum Zwecke der Festigung der Beziehungen zwi­schen Großbritannien und den englischen Kolo­nien einberufene britische Reichskonfe­renz. Diese Konferenz, von der sich die Leiter der englischen Politik gewiß auch eine bedeu­tende Wirkung nach Außen versprochen hatten, ist nämlich, wie schon kurz erwähnt wurde, ziem­lich ergebnislos verlaufen. Ja, die Schluß­sitzung derWeltkonferenz" hat sogar mit einem offenbaren Mißklang geendet. Den Anlaß hierzu gab die souveräne Art, mit der man an der Themse Auslandspolitik unter Verletzung wich­tiger Interessen derpci; 'ch mündigen" briti­schen Kolonien zu machen i-eliebt. So hatte die Regierung des Herrn Cnmpbell-Bannermann, um sich die Freundschaft Uncle Sams zu bewah­ren, über die Köpfe der Neufundländer hinweg mit. den Vereinigten Staaten einen Vertrag ge­schlossen, durch den die Fischereiinteressen Neu­fundlands, die den Hauptwirtschastsgegenstand dieser Kolonie bilden, eine schwere Schädigung er­leiden muffen. Diese willkürliche Behandlung der autonomen britischen Kolonialstaaten durch die Londoner Regierung ist nicht widerspruchs­los hingenommen worden. Der neufundländische Premierminister brachte in der Schlußsitzung der Konferenz eine Resolution ein, in der erklärt wurde, daß es eine Verletzung der auto­nomen Rechte der Kolonien sei, wenn die britische Negierung, anstatt die Gesetze der Kolo­nien zu unterstützen, sie vielmehr auf Verlangen einer fremden Macht aufhebe. Diese wahlberech­tigte Beschwerde wurde nicht allein durch den Premierminister Australiens, wo man sich da­rüber beklagt, daß die Reichsregierung in dem englisch-französischen Vertrage über die Neuen Hebriden die australischen Jnteresten der Freundschaft mit Frankreich geopfert habe, son­dern auch von den leitenden Ministern der übri­gen Kolonien befürwortet, ohne daß der britische Kolonialminister Lord Elgin vielmehr als ein bedauerliches Achselzucken dafür übrig gehabt hätte. Dieser kleine Vorfall, der uns wichtiger erscheint, als die am 50. Gedenktage der Erhe­bung des Nena Sahib in Indien ausgebrochenen Unruhen, zeigt recht deutlich die Achillesferse des weltumspannenden Albion, das in seiner un­

graben, wo es einige im Wege stehenden Mau­ern einriß. Auf der Ketzerbach, der damals noch im offenen Graben floß, waren sämtliche Uebergangsbrücken hinweggeriffen und die Häu­ser standen mehrere Fuß hoch im Master.

Die Elisabethkirche hate noch einen Vorgar­ten, welcher mit einer Mauer umgeben war, die nach der Straße niedrig war. Hebet diese wälzten sich die Fluten nach der Treppe, die direkt vor dem Hauptportal lag und unter die­sem durch die ausgetretenen Stufen in das In­nere der Kirche, die sich nun bis über die Stufen des Hochaltars mit Master anfüllte. Sämtliche Grüfte wurden unter Wasser gesetzt und verwüstet, sodaß teilweise Einbrüche des Fußbodens entstanden und die Hochgräber dem Einsturz drohten. Die Kirche mußte für den Gottesdienst geschlossen werden, so schlimm hatte das Wasser gehaust.

Die Ketzerbach war früher meistens von den Töpfern bewohnt; dieser Hauptindustriezweig von ehedem hat heute keine Bedeutung mehr. Noch im Jahre 1850 gab es in Marburg 24 aer, die ihr Handwerk auf der Ketzerbach be- en und die wohl an 500 Menschen beschäf­tigten. Die zum Abtrocknen der Tonwaren am besten geeignete Straße war die Ketzerbach. Der größte Absatz für die Tonwaren ging nach Han­nover, Hamburg, die Ostseeprovinzen und bis nach Rußland. Die jährliche Produktion wird auf 100 000 Taler geschätzt. Heute sind noch 7 Töpfer in ganz Marburg, wovon auf der Keher- bach drei wohnen. Im Volksmund nannte man die TöpferEuler". Bei der Fabrikation der Waren war die ganze Familie tätig, nicht nur Meister, Geselle und Lehrling, sondern auch die Frauen, Töchter und Magd. Letztere mußten Erz mahlen und Belegen ufw. Die Waren wurden auf Frachtwagen verladen und brachten

ersättlichen Ländergier immer mehr die cr.fi' Fühlung mit seinen mündig gewordenen Kolo­nialstaaten verlieren muß. Vielleicht erklärt sich aus dieser geheimen Sorge auch der eng­lische Abrustungvorschlag, für den sich unter den gegenwärtigen Verhältnissen wohl schwerlich eine geeignete Formel finden lassen wird.

Deutsches Reich.

Da» Staatsministerium trat vorgestern unter dem Vorsitz seines Präsidenten Fürste« v. Bülow zu einer Sitzung zusammen. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts vo» Tschirsky hat sich auf Urlaub zur Kur nach Kis- singen begeben.

Der Bundesrat versammelte sich am Don­nerstag zu einer Plenarsitzung; vorher hielten der Ausschuß für Justizwesen und der Ausschuß für Handel und Verkehr Sitzungen.

Exz. Dernburg, dessen Ernennung zum Staatssekretär auf Grund des Reichsiags- beschlusses für heute erwartet wird, hat auf eine Anfrage, über die Verwendung von Kauf­leuten im Kolonialdienste geantwor­tet, daß zur Zeit bei der Lage der Gesehgebunj und Verwaltungsorganisatton zu seinem Be dauern nur in wenigen besonderen Fällen Ge­legenheit zur Verwendung von Kaufleuten i« der Kolonialabteilung und den Schutzgebieten vorhanden sei.

Das preußische Etatsgesetz für 1907, das jetzt imSiaatsanz." veröffentlicht ward, ba- lanziert in Ausgabe und Einnahme mit 3187109 250 davon 2 902 981 840 M fort­dauernde Ausgaben. Zur vorübergehenden Ver­stärkung der Betriebsfonds der Staatskasse kön­nen Schatzanweisungen bis zur Höhe von 100 Millionen Mark ausgegeben werden.

Die Lage in Deutsch-Ostafrika. Nach amt­licher Bekanntmachung des Gouverneurs wird der Kriegszustand in Deutsch-Ostafrika nur noch im nordwestlichen Teile des Bezirks Songers aufrechterhalten.

Arrslaud.

Tatjana Leoniieff, die Mörderin des Rentners Müller aus Paris, wurde wegen ausgebrochener Geistesstörung von der Strafanstalt zu Lenzburg der bernischen Irrenanstalt überwiesen.

Die Sicherheit in russisch Polen. Lodz, 17. Mai. Dreißig Banditen überfielen in der Lonkowastraße einen Postwagen, töteten zwei und verwundeten vier Mann der Bedeckung und raubten 2000 Rubel. Die Räuber entkamen. Militär untersuchte die benachbarten Häuser, darunter die Fabrik von Markus Kuttner, feuerte auf die in den Fabriksälen tätigen Ar­beiter, von denen gegen 20 getötet und viele ver­wundet worden sind.

als Rückfracht die Frachffuhrleute die ersten Steinkohlen mit nach Marburg, wovon der Töpfer Schmenner eine Niederlage hatte. Die bekanntesten Namen der Töpfer waren die Fa­milien Eckhardt, Müller, Keppler, Schleuning, Schmenner, Schmidt, Schuhmacher, Ritter, Wick Rodenhäuser, Keuscher und Ammenhäuser.

Außer den Eulern wohnten auch fast sämt­liche Bauhandwerker, wieMaurer, Zimmerleute, Weißbinder und Dachdecker auf der Ketzerbach. Neben diesen und anderen Industriezweigen wurde auf der Ketzerbach viel Gartenbau betrie­ben, obgleich fast Mer Grundbesitz der Bewoh­ner am Bergabhang lag. Hier waren nun vor­zugsweise die Frauen und Töchter der Bauhand- werker besonders tätig. Nicht nur die Aussaat und die Ernte mußte auf dem Kopf in und aus den Gärten getragen werden, fan^n auch di« Düngung, und nebenbei wußten sie dem eigenen Viehstand, wie Ziegen und Schweine zu Hause abzuwarten. Kühe hielten nur die drei Bäcker, Schott, Klee und Matthäi, welche auf der Ketzerbach wohnten und die zugleich Wirtschaft betrieben.

Auch ihre eigenen Bergnügungsplätze hatten die Ketzerbächer. Vor dem Elisabeth!« lag der Erünebergs Garten, den spater der alte Diehl zum kalten Frosch" nannte. Auf dem Sau­rasen war der Schlott- oder Schmidtsche Garten, bekannt als derhaarige Ranzen" und die Blennersche Kegelbahn, anstelle des Boppschen und llrffschen Hauses, in der Elisabethstraße. Unterschiedlich von den Weidenhäusern und an­deren Marburgern hatten die Ketzerbächer ihre eigene Mundart und eigenen Humor. Da er­zählt man sich noch Stückchen, z. B. von einem Metzger Sälzer, der am sog. kurzen Brückchen wohnte. Am Deutschhausweg «eben dem Land», krankenhaus wohnte ehedem der Bäcker Eucker, I