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8 und Kirchhain, r
Sonntag, 19. Mai 1907
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Berlag- Joh. «ug. «och, UniversitLtEuchdruckeret 42. Jahrg.
Marburg, Markt 2L — Telephon 55.
vierteljährlicher Bezugspreis: da Dtt Expedition 2 Mk„
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Erstes Blatt.
Aus dem Balkan
und dem Mittelmeer.
Die Verfolgungen der Griechen ßn Bulgarien und Ostrumelien, die in den bekannten Greueln von Anchialos ihren Höhepunkt «reichten, haben immer noch zur Folge, daß die Griechen massenweise das ungastliche Gebiet des Fürsten Ferdinand verlaffen und in Ihr eigentliches Vaterland zurückkehren. Fast Jcbc Woche landen im Piraeus mit den vom Norden kommenden Schiffen Hunderte von Flüchtlingen. Um einige Zahlen herauszugrei- frn, in der Woche nach dem 2Ö. April waren es 862, am 5. April 274, am 22. März 810, Männer- Frauen und Kinder, die meist unter großen Schwierigkeiten und Entbehrungen zu Fuß bis Adrianopel und zur Küste wandern und dann in den kleinen Hafenstädten nach Griechenland eingeschifft werden. Am 3. Mai belief sich die Zahl der in der Woche im Piraeus an- gelommenen Flüchtlinge sogar auf 15201 Binnen kurzem dürfte die Eesamtziffer auf 7—8000 steigen. Statt nachzulassen, schwillt der Auswandererstrom immer mehr an, trotzdem die bulgarische Regierung natürlich alles versucht, dieser Dezimierung der Bevölkerung entgegenzuarbeiten. Die Paßkosten belaufen sich auf 1,50 Franks, der Kauf griechischen Grundbesitzes ist den Bulgaren verboten, um die Veräußerung unmöglich zu machen und auf diese Weise die griechischen Bauern im Lande zu behalten. Natürlich erreichen derartige Schikanen da« Gegenteil des Bezweckten.
Die europäische Kontrolle der Verwaltung Mazedoniens hat zwar in der Wiederherstellung der Ruhe im Innern so gut wie keine Erfolge erzielt, die bulgarischen Banden treiben nach wie vor ihr Unwesen, aber die finanziellen Verhältnisse haben sich in den letzten Jahren erheblich gebessert. Das türkische Finanzjahr beginnt mit dem 1. März, und so stellen sich die Steuereinnahmen der letzten drei Rechnungsjahre wie folgt: 1 131974 türkische Pfund (1 Pfund etwa 18 Jt) im Jahre 1904, 1300404 im Jahre 1905 und 1566 313 im soeben abgelaufenen Jahre 1906. Während man früher aus den Rückständen nicht herauskam und und kaum 16 Prozent des angesetzten Voranschlages wirklich einnahm, hofft man im Jahre 1907 sogar bestimmt auf den ganzen Nominalbetrag im Wilajet Saloniki, auf wenigstens 70 Proz. im Wilajet Kossowa. Dort ist man eben etwas pessimistisch, weil die Albanesen zu den Elementen gehören, »ie besonders ungern Steuern bezahlen.
Die bulgarischen Komitadschis nehmen das Geld für ihre Bedürfnisse fprupel- los, wo sie es finden. In ihrem jeweiligen Aufenthaltsorte treiben sie „Kriegskontributionen" von allen Bewohnern ein, wobei sie recht unparteiisch den Wohlhabenden die größten Lasten auflegen. Gegenwärtig brandschatzt eine Bande von gegen 500 Bulgaren die Gegend von Pyr- gos, wo zahlreiche Israeliten ihren Wohnsitz haben. Einer von ihnen, ein österreichischer Untertan namens Joseph Isaak Prssentö, hatte nach der Plünderung der Stadt Anchialos von Bulgaren die Mitra des dortigen Erzbischofs für 800 Franks verkauft. Die Mitra hatte einen hohen Wert und war ein Geschenk des Zaren Nikolaus II. an den Erzbischof, der bei der Krönung iy Moskau den ökumenischen Patriarchen vertreten hatte. Die Komitadschis schickten nun dem israelitischen Kaufmann einen Bries und ersuchten ihn, von den 80 800 Franks, die er in Konstantinopel für den Wiederverkauf der kostbaren Mitra erhalten habe, den M eh r - erlös von 8000 Frank dem bulgarischen Komitee zur Verfügung zu stellen, anderenfalls ...... Der geängstigte Kaufmann,
der für sein Leben fürchtete, begann Unterhandlungen, erfuhr aber, daß vier rivalisierende Komitees in Pyrgos bestanden, und mußte ge- wärttg sein, daß auch die anderen drei von ihm die „Differenz" verlangen würden, andernfalls ..... In seiner Not hielt er es fiir das beste, keinem Komitee etwas zu geben und reiste am 4. April schleunigst nach Konstantinopel ab. Auch andere Israeliten erhielten Drohbriefe. Infolgedessen entstand eine Panik unter der jüdischen Bevölkerung, die eine Verfolgung, ähnlich wie in Rumänien, befürchtete, und viele wohlhabende Familien beeilten sich, ihren Wohnsitz an sichere Orte zu verlegen.
Die griechischen Inseln im Mitte lmeer, die noch unter türkischer Herrschaft stehen, leiden wittschaftlich außerordentlich unter der gleichgiltigen Verwaltung, die nicht« zur Hebung des Wohlstandes unternimmt. Kreta ist ja jetzt der türkischen Mißwirtschaft entrückt, und man darf deshalb erwarten, daß die natürlichen Hilfsquellen der Insel in den nächsten Jahren mehr ausgebeutet .werden. Ein besonders in die Augen fallendes Beispiel bietet die Insel Cypern. Man mag sich zu den britischen Expanfionsbestrebungen stellen, wie man will, und vom politischen Standpuntte bedauern, daß Aegypten und die ihm hier vorgelagerte Insel Cypern dem Machtbereich Englands verfallen sind, die Tatsache läßt sich nicht bestreiten, daß die britische Verwaltung auf die wirtschaftliche Entwicklung von Land und Bevölkerung von günstigem Einfluß gewesen ist. Selbst bei Cypern zeigt sich dies, das doch mehr als andere Inseln unter der tür
kischen Herrschaft bis auf äußerste heruntergekommen war. Allerdings ist der Auffchwung nur ganz allmählich vor sich gegangen, und erst in den letzten Zeiten merklicher zutage getreten. In seinem kürzlich herausgegebenen Verwaltungsbericht konnte immerhin Sir Charles King Harman die Hoffnung aussprechen, daß Cypern im Laufe der Jahre, falls die günstigen Verhältnisse andauern, aus eigener Kraft und unabhängig von fremder Hilfe wieder zur früheren anttken Blüte kommen werde. Der Handel der Insel ist in langsamem Aufschwung begriffen. Die jetzt bekannt gewordenen Zahlen für das erste Halbjahr 1906 geben die Ausfuhr mit 182 067 Pfund Sterling und die Einfuhr mit 251171 Pfund Sterling an. Die Schisfahtt hat ebenfalls an Ausdehnung und Bedeutung gewonnen. Der Küstenverkehr zwischen dem Hafenstädten, die einst im Mittelmeerhandel eine Rolle spielten, wird nun von Segelschiffen versehen. Larnaka, Limasol und Famagusta werden zwei bis dreimal in der Woche von Dampfern angelaufen und sie stehen so, wenn auch auf dem etwas langen Wege über Smyrna, Jaffa und Port Said, in direkter Verbindung mit Europa. Bis vor noch nicht allzulanger Zeit bestand keine Schiffahrtslinie von Cypern nach Griechenland. Die aufsteigende wirtschaftliche Entwicklung war dann Veranlassung, daß athenische Reeder einen regelmäßigen Dienst zwischen dem Piraeus und den Häfen auf Cypern eingerichtet haben, dessen finanzielle Ergebnisse durchaus befriedigend sind. Von besonderer Wichtigkeit ist die Neugründung einer wöchentlichen Schiffahttsverbindung zwischen Cypern und Aegypten, um so mehr, da sie ein cypriotisches Unternehmen ist. Die englische Negierung gibt einen jährlichen Zuschuß und die Gesellschaft übernimmt dafür den Postdienst zwischen Larnaka, Limasol, Famagusta, Paphos, Port Said und Alexandria. Volksbildung und Kunfffertigkeit breiteten sich in den unteren Klassen immer mehr aus, Wohlstand und Zivilisation haben selbst in die entlegenen Teile ihren Einzug gehalten. Schwer lastet auf dem Nationalvermögen der jährliche Tribut an die Türkei. Sein Wegfall wäre von einschneidendem Einfluß auf die Steuerleistung der Bewohner, die ermäßigt werden könnte, wobei trotzdem noch Gelder für Kulturaufgaben verfügbar würden. Die an die Pfotte von Cypern jährlich zu zahlende Summe wurde im Vettrag vom Jahre 1878 auf 92 500 Pfund Sterling festgesetzt. Eine einfache Multiplikation ergibt die über 2% Millionen £ hohe Tributsumme, die während 28 Jahren von den Cyprioten nach Kon- stanttnopel abgefühtt worden ist. Die englische Regierung leistet der Insel einen jährlichen Zuschuß von 80000 £. D-B.
Deutsches Reich.
—Der Reichshaushaltsetat für 1907, wie er am Dienstag vom Reichstage verabschiedet ist, dürste demnächst die Genehmigung des Bundesrats erhalten und danach zur Geltung gelangen. Er hat gegenüber dem von der verbündeten Regierungen vorgelegten ersten Entwürfe ein recht verändertes Aussehen gewonnen. Einmal ist dies auf Umgestaltungen zurückzuführen, die der Reichstag an einzelnen Positionen vorgenommen hat. Hier kommen allerdings die Ausgaben nicht so in Betracht, wie in früheren Jahren, unter den fortdauernden Ausgaben ist sogar nur ein kleiner Posten gestrichen. Dagegen sind bei den Einnahmen Zusätze und Abstriche von Bedeutung vorgenommen. Die Zölle sind um nahezu 20 Millionen Mark, die Zuckersteuer um nahezu 2 Millionen, die Salzsteuer um nahezu 1 Million, die Einnahmen aus dem Bankwesen um 6,5 Millionen Mark erhöht, bei der Fahrkartensteuer sind 14,7 Millionen, bei den Matrikularbeiträgen 14,8 Millionen Mark gestrichen. Insgesamt hat diese Tättgkeit bes Reichstages zu einer Herabsetzung der Einnahme im Betrage von 3,4 Millionen Mark geführt. Der zweite Grund für dis Umgestaltung des Etats liegt in den fünf Ergänzungen, die in ihn hineingearbeitet worden sind. Sie brachten bei den fortdauernden Ausgaben einen Zusatz von rund 2 Millionen Mark, bei den einmaligen von 34,8 Millionen Mark und dementsprechend bei den Einnahmen (Matrikularbei- träge) von 45,8 Millionen Mark. — Der Prüfstein für die Güte jedes Reichshaushaltsetats liegt in dem finanziellen Verhältnis der Einzelstaaten zum Reiche. Der Reichshaushalt kennt bekanntlich kein Defizit, ob ein solches aber vorbanden wäre, wenn nicht die Einzelstaaten zur Deckung der durch Reichsmittel unausgeglichenen Ausgaben verpflichtet wären, darüber gibt ein Vergleich der Ueberweisunassteuern mit den Matrikularbeiträgen Aufschluß. In dem von den verbündeten Regierungen vorgeleaten Etatsent- wurfe betrug die Summe der Matrikularbei- träge 259,4 Millionen Mark, die der Ueberwei- fungsstsuern 202,4 Millionen Mark. Er war also eine Spannung zu Ungunsten der Einzelstaaten in Höhe vn 57 Millionen Mark vorhanden. Die Summe der Ueberweifungssteuern ist in dem vom Reichstage genehmigten Etat nicht geändert worden, dagegen sind die Matrikular- beiträae infolge der verschiedenen Ergänzungen auf 290,6 Mill. Mark gestiegen. Wenn nicht die Wirklichkeit Abweichungen gegenüber dem Etatssoll bringt, so würden demgemäß die Einzelstaaten für 1907 insgesamt rund 88 Millionen Mark an das Reich zu zahlen vernflicbten sein, also rund 64 Millionen Mark mehr, als sie tragen zu wollen erklärt haben. Daß ein solcher Etat nicht als günstig bezeichnet werden darf, braucht wohl nicht erst noch weiter bewiesen zu werden.
— Der deutsche Innung«- und Handwerkertag findet vom 19. bis 20. August in Eisenach statt.
<Nachdruck verboten.).
In der Schule des Leidens.
| Roman aus dem New-Parker Leben ,
1 von Erich Friesen.
J < Fortsetzung. >
. Ziemlich gleichgültig zuerst — dann un- K, verwundert — schließlich mtt steigen« ffetzen liest sie folgenden Brief:
».Meine liebe Licy!
Dem Eefängnisreglement gemäß darfst du norgen wieder einen Brief erhalten. Der erste, )eti ich dir vor drei Monaten schrieb, ist unbe- rchtet geblieben. Vielleicht ist er gar nicht in -eine Hände gelangt.
Ich schreibe diese Zeilen mit traurigem Her- jen. Du hast dich selbst ins Unglück gestürzt, find für wen? Dein Mann war es gewiß nicht pert. Du bist eben wie die meisten Frauen. Deine Liebe machte dich blind und du bist da- iü< bestraft worden. Kein Mann ist eines solchen Opfers wert, wie du es gebracht hast. Und ?cin Mann erst recht nicht.
Walterchen ist gesund und mein Sonnenschein. Jedermann bewundett ihn. Und mit flecht. Mir scheint, er wird deinem Vater, nach rem er auch seinen Namen hat, von Tag zu Tag Ähnlicher. Ein Glück! Männer, wie er einer «ar, gibt's nicht viele auf der Welt.
Und nun, mein liebes Kind, nimm alle deine Kraft zusammen! Ich hab« dir etwas Trauriges mitzuteilen. Aber sei nicht gleich zu sehr ruß« dir?
Ich weiß nicht, ob dir bekannt ist, daß ich' rach deiner Gerichtsverhandlung nicht mehr" vagte, Thomas Mackay unter die Augen zu treten. Er hätte mich totgeschlagen aus Wut, daß ich gegen ihn gezeugt habe. Bald darnach, wahrscheinlich aus Angst, daß man ihn gericht- W verfolgen würde, raffte er all fein Geld zu-c
famen und verduftete. Wohin, weiß der liebe Gott allein . .
Also, meine liebe Licy, da ich nicht wußte, wohin, nahm ich Fräulein Douglas' Anerbieten an, zu ihr zu ziehen. Ich gewann sie sehr lieb. Kein Gedanke, daß ich sie für falsch hielt. Aber was man mit eigenen Augen sieht, muß man glauben.
Ich weiß daß das, was ich dir jetzt Mitteilen werde, sehr schmerzlich für dich ist. Aber ich habe mir geschworen, daß du es erfahren sollst. Du mußt wisse, was für einen Menschen du geheiratet hast.
An demselben Tag, an welchem dein Mann von deinem Schmerzenslager kam, aus dem Gefängnis, in das du dich um seinetwillen gebracht, an demselben Tag sah ich ihn vor Fräulein Doulgas auf den Knien liegen und sie mit Augen anblicken, mit Augen--
So, mein Kind, jetzt weißt du es. Verschwende deine Neigung nicht mehr an diesen Mann! Er ist es nicht wert. Er liebt Fräulein Douglas.
Jetzt kann ich nichts mehr schreiben. Der Bogen ist voll. Leb' wohl!
Deine treue, unglückliche Mutt«."
Felicie liest den Brief einmal, zweimal, dreimal: dann reißt sie ihn in kleine Stücke.
Der Mond hat sich hinter eine Wolke ver- steckt. In der Zelle tiefe Dunkelheit.
Felicie denkt nicht daran, sich auf ihr Lager zu strecken. Mit gefalteten Händen fitzt fie da und starrt hinein in die Finsternis . . .
Nach einig« Zeit zieht fie Norberts Brief aus der Tasche. Zärtlich streicht sie darüber hin. Abwechselnd preßt sie ihn an Wangen und Lippen. . .
Und es ist, als ob die toten Schriftzüge ihre Seele ganz gefangen nehmen, als ob das Stück Papi«, auf dem seine Hand geruht alle Zweifel aus ihrem Herzen banne« ,,,
„Er nennt mich darin „geliebtes Weib!" « unterschreibt „dein treuer Gatte"," murmelt fie wie int Traum. „Heul' Nacht noch will ich an ihn denken, wie ich es gewohnt bin. Morgen, wenn d« neue Tag heraufzieht, dann will ich versuchen, den Brief unparteiisch zu beurteilen: dann will ich herausfinden, wer mich belügt, er oder die Mutter!"
Die Hand mit Rorbetts Brief fest auf die Brust gedrückt — so sinkt fie auf ihr Lager nieder.
Bald umfängt fie tiefer Schlaf.
XXIV.
Als Felicie am nächsten Morgen erwacht, ist ihr erster Gedanke d« Brief ihres Mannes. Er entglitt in der Nacht ihrer Hand und liegt nun zusammengefaltet auf dem Boden.
Hastig hebt sie ihn auf und überfliegt ihn abermals.
Und merkwürdig — was noch gestern ihr größtes Glück ausmachte, seine Versicherungen unwandelbarer Treue, das erscheint ihr jetzt, da der Zweifel bereits an ihrem Herzen zu nagen beginnt, banal und übertrieben. Auch findte fie, das der Name „Gerda Douglas" gar zu häufig in dem Brief vorkommt.
„Natürlich, er hat Gerda ja stets gern gehabt?" benft sie bitter. „Und jetzt, wo ich nicht mehr da bin--“
Und nochmals überliest fie den Brief, dessen Inhalt ihr nunmehr, durch die verzehrende Brille der Eifersucht betrachtet, heuchlerisch und falsch erscheint ...
„Gerda war überhaupt nie meine Freundin," murmelt fie tonlos. „Sie hat mein Kind nur zu sich genommen, um den Vater desto sicherer zu fesseln. O, meine Mutter hat recht! Es ist alles vorbei — vorbei?"
Bim — bim — tim — bim--
Laut dröhnt die Eefängnisglocke hinein in Felicies trübseliges Grübeln,
Sechs Uhr — die Zeit zum Aufsiehen.
Mechanisch erbebt auch Felicie sich von ihrem Lager . Mechanisch zerreißt sie den Brief ihres Mannes und streut die Papierfetzen auf de« Boden, zu denen vom Brief der Mutter.
Welche Skala von Empfindungen haben diese unschuldigen Vapierstückchen in dem Herren der jungen Gefangenen aufgewühlt — von himmelhoch jauchzender Freude bis zur tiefschmerzlichsten Verzweiflung .... v . ., „ .
Nach einer balben Stunde erdröhnt die Glocke zum zweiten Mal. . . .
Frühstückszeit.
In nervöser Hast beeilt Felicie sich, um de« Patientinnen, die unter ihrer besonderen Obhut stehen, den dünnen Morgenkaffee zu bringen. O, nur etwas zu tun haben, berumlaufen können, damit die körperlich« Anstrengung ben Seelenschmerz weniger fühlbar macht?
Jetzt kommt Anny Holm an bis Reihe.
Die Arme fühlt sich beute besonders schwach. Sie bat eine schlaflose Nacht gehabt und freut sich schon lange auf bie Viertelstunde, da Felicie ihr von ihrem Kinde erzählen, vielleicht auch ein paar Bilder aus ihrem Bühnenleben vor ihr entrollen wird.
Arme Anny? Der Gedanke an die Freundin ist der einzige, der sie für kurze Zeit dem traurigen Bewußtsein entreißt, daß ihr leckes Lebensschiffchen unaufhaltsam und sicher dem unerbittlichen Abarund bes Tobes zutreibt.
Als Felicie ihr bas Frühstück ans Bett bringt, faßt Anny rasch bie Hand bet Freundin.
„Was ist geschehen, Licy! Du bist ganz verändert. Ist das Kind krank?"
„Nein, etwas viel Schlimmeres? Frage mich nicht. Anny? Hier, wickle dich in diesen Schal? Gs ist kühl heute?"
„Aber willst du mir nicht sagen —"
„Nein. Laß' mich!"
(Fortsetzung folgt./