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mit -em Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburg
Sonnabend, 18. Mai 1907.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck tmb Verlag' Joh. Slug. Koch, UmversitätS-Buchdruckerei
Marburg, Markt 2L — Telephon 55.
42. Jahrg.
Erstes Blatt.
Dr. Böhme über das deutsch-amerikanische Handelsabkommen.
Bei der zweiten Beratung des deutsch-ameri- ^anischen Handelsabkommens in der Reichstags- sitzung vom letzten Montag hat, wie schon kurz berichtet wurde, der Vertreter unseres hiesigen Wahlkreises Dr. Böhme eine beachtenswerte Rede gehalten, die wir aufgrund des amtlichen Berichts in ausführlicher Darstellung wieder- geben. Reichstagsabgeordneter Dr. Böhme führte hiernach Folgendes aus:
Meine HKrren, der Herr Abgeordnete Molken- buhr hat wieder einmal die Gelegenheit wahrgenommen, um es so darzustellen, als ob die Ca-. privischen Handelsverträge die Industrie besonders gefördert hätten, von erheblichem Nutzen für sie gewesen seien. Der Herr Abgeordnete Molkenbuhr würde, wenn er sich die Statistik ansehen würde, feststellen können, daß das keineswegs der Fall ist. Wir können vielmehr sagen, daß z. B. der Export unserer Eisenindustrie nach den Handelsvertragsstaaten nicht prozentuell die Stellung behauptet hat, die er vor Abschluß der Handelsverträge inne hatte. Wir haben im Jahre 1889 einen Export der Eisenindustrie nach den Handelsvertragsstaaten gehabt von 29,5 Prozent der Eesamtausfuhr der Eisenindustrie, im Jahre 1904 nur von 24 Prozent: in der Baumwollenindustrie waren es 14,8 Prozent und 13,4 Prozent, in der Wollindustrie 26,8 Prozent und 22,2 Prozent — überall ein prozentueller Rückgang des Exports gerade nach den Vertragsländern. Es kann also gar nicht die Rede davon sein, daß die Laprivischen Handelsverträge auch nur der Industrie besonders genützt haben. Die berufenen Führer der Industrie, wie Herr Frhr. v. Heyl, haben vielmehr offen zugegeben, daß in der Tat die Caprivischen Handelsverträge großen Teilen der Industrie Schaden gebracht haben: von dem Schaden, den sie der Landwirtschaft zufügten, will ich gar nicht reden.
Um nun zum vorliegenden Gesetzentwurf zu kommen, so sind auch meine Freunde keineswegs erfreut über das Handelsprovisorium in der Gestalt, wie es jetzt zustande gekommen ist, und zwar deshalb nicht, weil dem Reichstag jedes Mitbestimmungsrecht aus der Hand genommen ist. Das ist der wesentlichste Puntt, der uns dazu führt, diesem Handelsprovisorium nicht freundlich gegenüber zu stehen. Wir sind aber auch ferner der Anschauung, daß es nicht zutrifft, wenn von der linksstehenden Seite dieses Provisorium vielfach als ein großer Fortschritt gegenüber den früheren Verhältnisien begrüßt P " ......... 1 = .... . g 1 !
10 (Nachdruck verboten.),
In der Schule des Leidens.
Roman aus dem New-Potter Leben von Erich Friesen. - (Fortsetzung.)
„Barrington!" ruft soeben die Stimme einer Pflegerin. „Lassen Sie mal schnell dies» Flasche in der Anstaltsapotheke füllen! Der Holm geht es schlechter."
Den ganzen Nachmittag über bleibt Felicie am Bett des kranken Mädchens.
Als es Anny abends besser geht, fragt sie die Freundin nach ihrem Kind.
t „Ich wollte schon längst mit dir darüber sprechen, Felicie; aber ich dachte, es würde dich aufregen."
„So war es auch. Jedoch jetzt — nach dem Brief meines Mannes —“ in fast kindlicher Freude klopft sie auf ihre Rocktasche — „jetzt ist das etwas anderes."
„Wie heißt dein Kind?" .
„Walter." V,
„Nach dem Vater?"
„Nein, nach dem Großvater."
„Erzähl' mir etwas von deinem kleinen Walter!"
Felicie setzt sich auf den Bettrand, legt den Arm um die kranke Freundin und beginnt, ein Bild von ihrem Kind zu entwerfen. Sie tut es so plastisch, mit solch lebenswahren Farben — Anny glaubt, den kleinen Buben vor sich zu sfehen mit seinem rundenGesichtchen, den blonden Härchen, dem herzigen Lächeln.
„Ich wünschte, er wäre hier!" murmelt st« seufzend. „Ich möchte ihn so recht von Herzen stieb haben. Ach, es ist so schrecklich öde hier »-besonders wenn man krank ist!". ____
wurde. Wenn ein Geschäftsmann jahrelang ein Geschäft gefühtt hat, bei ■ dem er jährlich eine Million zusetzte, so ist es gewiß kaum eine Errungenschaft zu nennen, wenn er einen neuen Vertrag abschließt, bei dem er jährlich nur 900 000 Mark zusetzt. So steht es mit unseren Beziehungen zu den Vereinigten Staaten; gewiß, es ist ein kleiner Fortschritt, aber immer noch find es Verluste, die wir gegenüber den Vereinigten Staaten zu ertragen haben. Die Vertreter der Linken sind ferner im Unrecht, wenn sie behaupten, daß diejenigen, die in der Hauptsache landwirtschaftliche Kreise vertreten, kein aufrichtiges Jnterefie daran haben, daß unsere Industrie in jeder Beziehung geschützt wird, daß sie nicht der Konkurrenz ausgesetzt wird, die seitens der Vereinigten Staaten droht. Wir treten vielmehr aus vollster lleberzeugung für die deutsche Industrie ein, weil wir uns stets bewußt gewesen sind, daß ein Zusammenhang zwischen den industriellen und landwirtschaftlichen Jn- terefien besteht (Sehr richtig! rechts), und gerade deshalb kämpfen wir mit aller Entschiedenheit dafür, daß die industriellen Jnterefien den Vereinigten Staaten gegenüber besser gewahrt werden, als es bisher der Fall war. Wenn wir unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten genauer untersuchen, so sehen wir, daß in der Tat ganz erhebliche Schädigungen für die deutsche Industrie daraus erfolgt sind. Unsere Wollwarenindustrie, die 1889 noch 29 Millionen nach den Vereinigten Staaten exportiert hat, hat ihre Ausfuhr verringert auf 17 Millionen im Jahre 1905. Bei Seidenwaren ist ein Rückgang von 82 Millionen auf 31 Millionen, bei Leibwäsche und Kleidern von 14 Millionen auf 5 Millionen erfolgt. Die Eisenindustrie hat zwar die Ausfuhr von 14. Mill, auf 17 vermehrt, aber das entspricht prozentuell keineswegs dem Wachstum unseres Eisenexports im allgemeinen. Also auch da kein Fortschritt! Die Maschinenindustrie hat allerdings auch eine geringe Vermehrung von 10 auf 13 Millionen; diese entspricht aber ebenfalls nicht der glänzenden Entwicklung unseres Exports in der Maschinenindustrie. Nur sehr wenige Industrien, die Baumwollindustrie usw. haben einen wesentlich größeren Expott zu erzielen vermocht; aber das Wachstum des Eesamtexports dieser Jndusttte war prozentuell noch stärker, nicht prozentuell entsprechend. Die einzige Ausnahme von den großen Industrien macht die chemische Jndusttte.
Wir sehen, auf industriellem Gebiet haben sich die Verhältnisse so entwickelt, daß wir allen Anlaß haben, eine gerechtere Gestaltung der Tarife zu verlangen. Es ist ja nicht nur unsere Ansicht. Herr Molkenbuhr hat gesagt, daß von industtteller Seite gegen dieses Handelsprovisorium kein Protest erhoben worden ist. Hat et denn nicht gehört, wie Herr Dr. Stresemann, der gerade aus den sächsischen Verhältnisien heraus die ungesunde Entwicklung des Expotts der sächsischen Texttlindustrie nach den Vereinigten
Schweigend blickt Felitte die Freundin an.
„Dm mußt mir bald wieder von ihm erzählen," fuhr Anny leise fort. „Es macht mich so wunderbar ruhig. Aber bald, recht bald! Lange habe ich nicht mehr Zeit!"
„Wie meinst du das, Anny? Du spttchst doch nicht vom Sterben?"
Die Kranke schüttelt den Kopf.
„Eigentlich nicht, obgleich der Doktor sagt, daß ich nicht mehr lange zu leben habe."
„Wovon sprachst du also?"
„Von meinem Austritt aus dem Gefängnis. Seit beinahe zwei Jahren bin ich hier. Ich war Buchhalterin in einem großen Geschäft und hate meinem Prinzipal eine Summe Geldes unterschlagen. Meine Mutter war blind; ich mußte sie mit ernähren und wollte mich daneben auch noch ein bißchen amüfieren — Theater dergleichen. Ach, man ist ja nur einmal jung im Leben ... Da trat die Versuchung an mich heran — ich unterlag."
Sie macht eine Pause. Die Erinnerung greift sie mächttg an. Der ttocken» Husten, der fie von Tag zu Tag mehr quält, stellt sich wieder ein.
Felitte stützt den abgezehrten Körper des kranken Mädchens und bittet fie, sich zu schonen. Doch Anny schüttett den Kopf.
„Stein, lass' mich sprechen, Felicie! . . . . Also — ich erhielt zwei Jahre Gefängnis. Wttl ich mich hier stets gut aufführte, errang ich eben Tag eine Anzahl Marken. Run darf ich chon nach einem Jahr neun Monaten das Ee- angnts verlassen — heute in acht Tagen!"
„Wie glücklich mußt du darüber sein, Anira!"
Wehmütiges Lächeln umspiett die bleichen Lippen der Kranken.
«Eigentlich nicht. Ich weiß nicht W, wo ich hinsoll. Meine Mutter ist inzwischen St-
Staaten kennt, sich an dieser Stelle äußerte? Das Organ des Zentralverbandes deutscher Industrieller hat in der schärfsten Weise Stellung gegen das Handelsprovisorium genommen und gegen die bisherige Art der Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten. Es findet sich in der „Deutschen Jndustriezeitung" vom 23. Febr. 1906 der Satz:
daß der schließlich erzielte Mehrexport aber durchaus nicht in günstigem Verhältnis zu dem Wachstum des amerikanischen Warenbedarfs steht. Dem Mehrwert des Exports nach den Vereinigten Staaten steht zudem aber eine erhebliche Verkürzung des Gewinns aus demselben infolge des gesteigerten Wettbewerbs gegen die amerikanische Industrie und eine erhebliche Erschwerung des Geschäfts durch die rigorose Handhabung der Zollvorschriften und durch das Eindringen der Konsuln in die Geschäftsgeheimnisse der Fabriken bei Legalisierung der Fratturen gegenüber, sodaß die Freude am Geschäft mit der Union für unsere Jndusttte sich im allgemeinen mehr und mehr verringert hat.
Auch ganz frtthändlerische Handelskammern, wie die zu Franffurt a. M., der Sie gewiß nicht irgendwelche schutzzöllnerische Jntereflen nachsagen werden, auch derartige Handelskammern haben ein sehr scharfes Urteil über die bisherigen Beziehungen gefällt. Wenn dann aber gesagt wird, es seien die Agrarier gewsen, die es zu einer günstigeren Gestaltung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nicht haben kommen lasien, so meine ich, daß es gerade die außerordentliche Nachgiebigkeit gewesen ist, die in zahlrttchen Kreisen des Handels vorhanden war, die immer wieder sagten: „Es droht uns der Zollkrieg, wir werden dadurch ins Unglück gestürzt". Es war die Schwächlichkeit, die man dem Ausland gegenüber kundgegeben hat, die dazu geführt hat, daß die deutsche Jndusttte und der deutsche Handel nicht mehr herausschlagen konnten. Das ist der wahre Grund, der zu diesen Verhältnisien geführt hat. Wir haben freilich einige kleine Industrien, die einen erfreulichen Aufschwung in ihrer Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten haben vollziehen sehen, namentlich die Spielwarenindusttte. Aber auch in großen Kreisen der Spielwarenindustrie ist jetzt die Brfürchtung wach geworden/daß da in der Tat ein starker Rückgang der Ausfuhr zu besorgen ist. Die Handelskammer Chemnitz äußert sich darüber in folgender Weise:
Die Vereinigten Staaten von Amerika verlieren als Absatzgebiet für Spielwaten immer mehr an Bedeutung, da in diesem Lande unter dem Schutze der Zölle die eigene Jndusttte sehr erstarkt ist.
Meine Herren, ich habe ihnen also verschiedene Urteile aus Handelskreisen anführen können, die zeigen, daß man dott das bisherige Vertragsverhältnis keineswegs rosig beurteilt. Vor Jahren — es war 1897 — hat Herr Dr. Barth
storben. Meine einzige Schwester ist an einem Geschäftsmann in Philadelphia verheiratet; beide werden kaum sehr beglückt fein über mein plötzliches Wiederaustauchen, besonders, wenn sie hören, daß ich nur zu ihnen komme, um zu sterben. Aber das hilft alles nichts — heraus muß ich. Sie behalten hier niemand einen Tag länger al» unbedingt nötig.“
In diesem Augenblick roinft die Obenoät- terin Felicien zu sich heran. Sie ist auf einem Rundgang durch die Krankensäle begriffen und hat die beiden schon ein Weilchen beobachtet. Gleich dem Gefängnisdirettor, sowie den Aerz- ten nimmt auch sie lebhaftes Interesse an der Gefangenen Barrington.
(Sofort eilt Felitte zu ihr.
„Sie wünschen, Frau Palmer?"
„Es geht Ihnen bester, wie ich sehe."
„Ja, Frau Palmer."
„Wenn Sie so fortmachen, werden Sie bald wieder die Krankenabteilung verlassen und drüben in Ihre ZÄle Nr. 301 zurück müssen."
Schweigend läßt Felicie den Kopf hängen.
„Würden Sie gern hier bleiben?"
»Ja, Frau Palmer, sehr gern."
„Das läßt sich nur unter rittet Bedingung arrangieren. Mit scheint, Sie haben viel Talent zur Krankenpflegerin. Wenn ich nun den Herrn Direktor ftagte, ob Sie mir hier helfen dürften? Was meinen Sie dazu?"
„Ich würde sehr glücklich darüber sein, Frau Palmer." —
Felicie findet an diesem Abend keine Zeit mehr, mtt Anny Halm zu sprechen. Müde vom vielen Herumwandern, kehrt fie abends spät in ihre kleine Zelle — dieselbe, welche fie als Patientin inne hatte — zurück.
Die Hände im Schoß gefaltet, setzt sie sich auf den kleinen Holzscheme Unter bet Gasflamme
an dieser Stelle gesagt, daß die amerikanische Schutzzollpolitik Amerika selbst an den Rand des Verderbens führen werde. Wenn Herr Dr. Barth jetzt in den Vereinigten Staaten weilt, wird er sich selbst davon überzeugen können, wie wenig sich seine Prophezeiung erfüllt hat; et wird seine Augen nicht verschließen können vor dem ungemein glänzenden Aufschwung bet Vereinigten Staaten auf allen Gebieten! Es kann also gar nicht bie Rebe bavon fein, baß biefe Politik bie Vereinigten Staaten irgendwie geschä- bigt hat. Aber gerade derartige Steuerungen wie die von Dr. Barth haben dazu beigetragen, unsere öffentliche Meinung irrezuführen und in uns die Ueberzeugung hervorzurufen, als ob irgend etwas zu erwarten sei von einem Umschwung in den Vereinigten Staaten selbst ober von einer falschen Nachgiebigkeit, wie sie hier von vielen Seiten empfahlen würbe. )
Nun läßt uns ja nicht lediglich bas In« bustrielle Interesse kritisch zu bieser Entwicklung stehen, sonbern ebenso auch das Interesse bet deutschen Landwirtschaft. Gewiß ist augenblicklich, wie bie Verhältnisse sich entwickelt haben, eine Verstärkung bet amerikanischen Konkurrenz auf lanbwirtschastlichem Gebiete nicht zu befürchten: aber wir müssen bebenken, wie sich die wirtschaftliche Lage in einigen Jahren verändern kann. Wit sind darüber unterrichtet, daß sich in den Vereinigten Staaten auf vielen landwirtschaftlichen Gebieten Zustände anbahnen, die eine außerordentliche Verstärkung der Konkur- renz befürchten lassen. Es wird vielfach.behauptet, daß eine stärkere amerikanische Getreibe- konkurrenz nicht mehr zu besorgen ist. Aber bi- berufensten landwirtschaftlichen Sachverständi gen, wie Dr. Gerber, der längere Zeit in bei Vereinigten Staaten tätig gewesen ist, sinb zi bem entgegengesetzten Urteil gelangt; sie Haber festgestellt, baß ber Prozentsatz bet Ausfuhr vor bet sich mehr unb mehr steigernden amerikanischen Weizenproduktion erheblich gestiegen ist, und daß von einer Verringerung der landwirtschaftlichen Konkurrenz gar nicht die Rede fein kann. Auch die Ausfuhr von Fleisch nach Deutschland ist in der letzten Zeit erheblich gestiegen und zwar von 2,3 auf 12,3 Millionen von 1889 bis 1905, feiner die Ausfuhr von Obst unb Aepfeln von 0,7 Millionen im Jahre 1889 auf gegenwärtig 21,6 Millionen Mark. Da ist also noch eine sehr erhebliche Konkurrenz zu fürchten. Die Entwicklung der Viehzucht können Sie daran erkennen, daß die Zahl der SchweineschlachtungeU in den Vereinigten Staaten von 1881 bis* 1905/06 von 12 Millionen auf nahezu 26 Millionen gestiegen ist. Außerdem hat jetzt die amerikanische Gesetzgebung Maßnahmen getroffen, um bie großen, wegen Trockenheit bisher nicht in Kultur genommenen Gebiete nunmehr burch Berieselungen anbaufähig zu machen. Es find bas Gebiete, bie so groß sind wie das Deutsche Reich.; Wie sehr aus diesen Gebieten, soweit sie bereits in Bearbeitung genommen sind, die Erträge sich
unb bentt nach übet bie Neuigkeiten ber letzten Stunben. ... i
„Also Anny verläßt bas Gefängnis in acht Tagen! Schade, ich habe sie sehr lieb gewonnen! Nur gut, daß Frau Palmer mich als Krankenpflegerin anstellen will! Da brauch' ich wenigstens nicht zurück in die Schneiderwerkstatt zwischen all die rohen, ungebildeten Frauen! . . ; Ach, wenn doch meine Zelt erst um wäre! Noch beinahe zwei Jahre! Zwei ganze Jahre!"
Ein tiefet Seufzer hebt ihre Brust. Unwillkürlich preßt sie bie Hand aufs Hetz, wo der Brief ihres Gatten ruht.
„Siebet, lieber Norbert!" flüstert sie innig, „wäre ich doch erst wieder bei dir und unserem Waltet!"
Da fällt ihr plötzlich bet Brief der Mutter ein. Die verschiedenerlei Beschäftigungen wäh-' rend des Tages hatten sie denselben ganz vergessen lassen. .Sie ist nicht besonders neugierig auf den Inhalt. Frau Mackay war nie eine gute. Briefschreiberin. Aber vielleicht enthält et doch irgend etwas auf das Kind bezügliches, etwas, was Norbert vergessen hat! . . .
Die Gasflamme löscht aus. In allen Zellen wird um neun Uhr der Gashahn zugedreht. Da heißt es für die Gefangenen: „Zu Bett ober im Finstern sitzen!"
Doch ist Felittes Zelle heute nicht ganz buntel. Dort oben durch das kleine, vergitterte Fensterchen lugt der Mond, mit seinen matten Strahlen den öden, engen Raum magisch beleuchtend.
Felitte zieht den Brief der Mutter aus des Tasche und öffnet ihn.
Beim fahlen Schein des Mondes beginnt fi^ das unregelmäßig« Gekritzel zu entziffern. 1 •--* — .______(Fortsetzunß folgQ^