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' mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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Z«s«rtto»Sgebühr: die gespaltene Zelle oder deren Raum 15 Psg, Reclamen: die Zeile 30 Psg.

Marburg

Donnerstag. 9. Mai 1907.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck tmb Verlag- Joh. Lug. Koch, UniverfitätS-Buchdruckerei 42. Jahrg.

Marburg, Markt 2L Telephon 55.

Zweites Blatt.

Deutscher Reichstag.

Im Reichstage fand am Dienstag zunächst die Wahl des zweiten Vizepräsidenten statt. Diese ergab mittels Stimmzettelabgabe mit der absoluten Mehrheit von 192 Stimmen die Wieder«) ahldesbisherigenzweiten V i.Mpqcii sidenten Kaempf. Abgeord. Kaempf (frf. Vp.) erklärte auf Befragen des Präsidenten Grafen Stolberg: er nehme die Wahl mit Dank an. Darauf trat das Haus in die erste Lesung des Handelsabkommens mit Amerika ein. Staatssekretär Graf Posadowsky erklärte, der Schwerpunkt dieses Abkommens liege für uns in den gegenseitigen Zollerheb- «ngsvorschristen; würden diese fortan in dem Geiste gehandhabt, in dem dieses Abkommen zu­stande gekommen sei, so sei auch zu hoffen, daß manche Beschwerden gemildert oder beseitigt würden. Das Provisorium habe man aber ab- schließen müssen, um eine für beide Staaten gleich gefährliche Unterbrechung ihrer Handels­beziehungen zu verhindern. Abg. Herold (Ztr.) bedauerte, daß das Provisorium Amerika grö- stere Vorteile bringe als Deutschland und bean­tragte die Ueberweisung an eine Kommission von 21 Mitgliedern. Abg. Graf Schwerin-Lö­witz (kons.) erklärte, feine Freunde seien bereit, das Abkommen einer wohlwollenden Prüfung zu unie'.ziehen, sie bedauerten aber gleichfalls, daß cs der Industrie herzlich wenig, der Land­wirtschaft gar nichts gebracht habe. Abg. Kaenpf (frf. Vp.) meinte, unter den in Amerika ob'oältenden Verhältnissen fei in dem Abkom­men das erreicht, was erreicht werden konnte. Erfreulich seien die Zugeständnisse in bezug auf die Zollbehandlung unter der Voraussetzung einer loyalen Ausführung seitens Amerikas. Rach weiteren Reden der Abgg. Dr. Stresemann (natlib.), der für Kommissionsberatung, und Molkenbuhr (Soz.), der für das Provisorium eintrat, bemerkte auch Abg. v. Dirksen (Rp.), das Abkommen bringe der Landwirtschaft nichts und der Industrie wenig. Man müsse sich in der Tat fragen, wie lange cs noch so weiter gehen soll, daß wir uns von Amerika so viel ge­fallen lassen.

Abg. Dr. Böhme (Wirtsch. Vgg.) bestritt dem Abg. Molkenbuhr gegen über, daß in Deutschland überhaupt von einem Hochzollschutz die Rede sein könne; ebenso daß dieser angebl. Hochzollschutz erst deir in Amerika nach sich gezogen habe. Seine Freunde behielten sich alles weitere für die Kom­mission vor und hofften, daß in dieser nament­

Eine Reise nach MissÄunghi, ; Analolikon und Agrinion.

Von Boysen, Oberst z. D. ' "~7'

Während meines letzten mehrmonatigen Aufenthaltes 1898 in Griechenland brachte mich die Geschichte des christlich-albanesischen Volks- siammes der Sulioten auf den Gedanken, die Reste dieses Volkes, welche nach dem großen Isreiheitskriege in Agrinion (türkisch: Vrachori) n Aetolien und in Naupaktos (Lepanto) ange« iedelt worden sind, zu besuchen.

Das frühere Gebiet des vertriebenen Helden- volkes liegt einige Meilen von Joannina, der Hauptstadt von Epirus, cs ist ein wildes, von vulkanischen Kräften und brausenden Eietz- bächen zerrissenes Vergland, das eine Hochebene umschließt, die sich 2000 Fuß hoch, steil über dem Acheron erhebt.

Unbegrenzte Heimatliebe und Freiheitssinn waren die politischen und moralischen Stützen der kleinen militärischen Republik der Sulioten. die sich trotz primitiver Zustände mit Geschick tn die große Politik mischten. Sie führten von 1790 bis 1803 einen Kampf auf Leben und Tod mit dem talentvollen, aber grausamen Ali, Pascha von Joannina, dem Beherrscher von Epirus, und wurden gezwungen, nach den Jonischen Inseln auszuwandern. Beim Beginn des neugriechischen Unabhängigkeitskrieges machten sie, wenige Hunderte, den Versuch, ihr altes Gebiet wieder zu gewinnen; ihr Unter­nehmen galt der Welt als ein Akt wahnsinniger Tollkühnheit, nur die Albanesen im türkischen Lager gerieten in Bestürzung; denn sie kannten ihre alten Gegner, an deren Spitze der junge Marcos «otzaris trat, die edelste Gestalt des griechischen Freiheitskrieges, von dem seine be­narbten Feinde voll Achtung sagten:Wenn dieser Mensch ein Moslem wäre, so müßten wir glauben, daß Asret Ali, der Prophet, auf die Erde zurückgekehrt ragte!

lich noch nähere und befriedigende Erklärungen des Staatssekretärs über die Kündigung^rage erfolgen würden.

Hieraus wurde das Abkommen an eine Kom­mission von 28 Mitgliedern überwiesen.

Aldann fuhr das Haus fort in der Beratung des Marine-Etats. Zunächst gelangte die Re­solution Liebermann v. Sonnenberg wegen An­stellung von Zahnärzten in der Marine zur An­nahme.

Beim Extraordinarium erklärte auf eine An­regung des Abg. Spethma« (frs. Vp.) der Kon- treadmiral Capelle, die Marineverwaltung wäre gern bereit, in Friedrichsort eine Mittelschule zu errichten, es gehe aber nicht an, hier für Etatsmitteln einzustellen. Abg. Ahlhorn (frs. Vp.) wünschte eine noch ausgiebigere Gewährung von Beihilfen an die Gemeinden von Bant und Heppens, die durch die Kommunalsteuerfreiheit der Reichsbetriebe schwer geschädigt seien. Di­rektor des Reichsschatzamts Twele erwiderte, daß ein Gesetzentwurf über die Besteuerung der Reichsbetriebe in Vorbereitung sei, einstweilen werde man sich jedoch mit Beihilfen an die be­treffenden Gemeinden noch behelfen müssen. Nach einer Rede des Abg. Stadthagen (Soz.) zu der­selben Frage waren die Erörterungen über den Marineetat beendet. Bei der zweiten Beratung des Ergänzungsetats für die Erweiterung des Nordostseekanals erklärte Abg. Dietz (Soz.), die Zustimmung seiner Partei zu der Vorlage, da sie die Notwendigkeit derselben anerkennen müsse. Nach einer gleichfalls zustimmenden Er­klärung des Abg. Spethmann (frs. Vp.) wurde der Ergänzungsetat in zweiter Lesung ange­nommen. Darauf folgte noch die Eiltigketts- erklärung der Wahl des Abg. v. Richthofen (kons.) durch dar Plenum und die Annahme des Vertrages mit der Schweiz, betr. die Beglaubig­ung öffentlicher Urkunden in dritter, sowie des llrheberfchutzvertrages mit Frankreich in erster und zweiter Lesung.

Mittwoch 1 Uhr: Reichsschatzamt, Südwest­afrika.

Preußischer Landtag.

Das Abgeordnetenhaus führte am Dienstag zunächst die zweite Lesung der Novelle zum Berggesetz zu Ende. Zu einer längeren Erörte­rung kam es noch bei der Bestimmung der Kom- missionsbeschlüsie, die dem Staate 250 Maximal­felder vorbehält. Ihr wollte ein Antrag der Nationalliberalen diese 250 Maximalfelder auf Rheinland und Westfalen beschränken und die übrigen Teile der Monarchie weiter der Berg­baufreiheit überlassen. Die Abgg. Dr. Boltz und Schmieding (natl.) traten lebhaft für diesen

Als ich meine Absicht, die Sulioten aufzu­suchen, kundgab, da sagte mein alter Freund, der General Kokides:Das ist eine vortreffliche Idee, denn dabei lernst Du die schönste Land- schast Griechenlands kennen." Als Reisegefährte wurde mit der liebenswürdig« Oberleutnant Niko Kokides zugeteilt, dessen straffes Auftreten ganz preußisch anmutete.

Auf dem Perron des peloponnesischen Bahn­hofes zu Athen fand ich am Morgen des 27. April meine Freunde noch nicht vor. dagegen bemerkte ich, daß die 1. Wagenklasse unseres Zuges von Engländern und Amerikanern voll besetzt war. Ich wandte mich unter Berufung auf Kokides an den mir bereits bekannten Stationschef, der sich sofort meiner Person an­nahm, und bald stellte es sich heraus, daß eine amerikanische Familie mchrere Bedienstete eines Hotels in ihrem Wagenabteil aufgenom­men hatte, um diesen als vollbesetzt erschei­nen zu lassen und später allein fahren zu kön­nen, aber ihr finniger Plan wurde nun durch­kreuzt.

Die Fahrt über Eleufis, Megara, Korinth und Aegion zeigt schöne Landfchastsbilder, na­mentlich entzückende Bergformen, der Rordrand des Peloponnes ist hochkultiviert, die Dörfer und Stationen sehen sauber und freundlich aus.

Am anderen Morgen fuhren wir bei hoch­gehender See auf dem kleinen Dampfer Kalydon über den Golf von Lepanto nach Krioneri. Die Landung an dem steil in das Meer vorsprin­genden Berge Varassowa war eine recht unbe­queme. Die griechischen Reisegefährten, Offi­ziere und Unteroffiziere, behandelten mich hier, wie bei jeder anderen Gelegenheit, mit ausge­zeichneter Liebenswürdigkeit und feinfühligem Takt.

An Missolunghi und Anatolikon vorbei, er­reichten wir nach einer Eisenbahnfahrt von 62 Kilometern Länge das freundliche, weitläufig gebaute Städtchen Agrinion, das inmitten grüner Gärten, am Rande der ftuchtbaren,

Antrag ein, während Oberberghauptmann von Belsen, sowie die Abg. Graf Gröben (kons.), Krause-Waldenburg (fkons.) und Brust die Komrnisfionsbeschlüsse empfahlen. Die Kommis­sionsvorschläge wurden angenommen. Ebenso gelangte eine Resolufion der Kommission zur Annahme, nach der für den Betrieb der fiskali­schen Bergwerke und für die Aufstchts- und Ver- waltungsbefugnisse getrennte Behörden geschaf­fen und eine Rechtskontrolle gegen die Entschei­dungen der Bergbehörden eingeführt werden soll. Darauf wurde der Entwurf eines Quellenschutz­gesetzes nach kurzer Erörterung einer Kommis­sion von 21 Mitgliedern überwiesen. Der A n - trag Arendt auf Fortführung der O st - m a r k e n p o l i t i k, der bei der zweiten Lesung des Etats versehentlich abgelehnt war, wurde nach kurzer Beratung mit den Stimmen der Konservativen und National­liberalen angenommen. Darauf er­ledigte das Haus noch Petitionen.

Im Herrenhause wurde bei Fortsetzung der Etatsberatung einige kleinere Etats angenom­men. Beim Etat des Bureaus des Staats- Ministers betonte Graf v. Mirbach nochmals das Recht der Einzellandtage, Reichs- angelenheitenbesprechenzu dürfen und hielt auch an seiner Anschauung fest, Ost­preußen habe den Grund und Boden für Sekun­därbahnen nur unter schweren Opfern herge­geben. Herr v. Buch wies die Ansicht zurück, als seien Verluste an preußischen Konsols auf das Börsengesetz zurückzuführen. Gras zu Eulenburg- Prasseri erkannte die Leistungen des Staats für Ostpreußen an. Oberbürgermeister Becker-Köln empfahl zur Hebung des Kurses der Staats­papiere Wiedereinbringung des Sparkassenge­setzes. Beim Etat der Eisenbahnverwaltung be­gründete Dr. von Burgsdorff die Wiederaufheb­ung der Fahrkartensteuer. Minister «reitenbach gab bekannt, das Rechnungsjahr 1906 werde mit einem Plus von 1520 Millionen gegenüber dem Voranschlag des Eisenbahnetats abschließen. Gegenüber dem Antrag Burgsdorfs wollte der Minister ein abschließendes Urteil noch nicht fällen. Der Antrag wurde angenommen. Nach Erledigung auch des Etats der Bauverwaltung trat Vertagung ein.

Deutsches Reich.

Der Kaiser traf gestern vormittags 10y2 Uhr mit Gefolge in Karlsruhe ein. Zum Emp­fange waren erschienen der Eroßherzog, bet Erbgroßherzog, der kommandierende General des Id. Armeekorps General der Infanterie von Bock und Polach, sowie der preußische Gesandte von Eisendecher. Der Kaiser und der Eroß-

tabakbauenden Ebene, in der Nähe glitzernder Seen, und am Fuße des schneebedeckten Gebirgs­zuges Panätolikon eine unsagbar schöne Lage hat. In dem kleinen Easthause ,Lur Stadt Athen" fand ich eine ganz befriedigende Unter­tunst, nur der von den Griechenanangeion genante Ort ließ zu wünschen übrig. Im Re­staurant Carabini erhielt ich eine Unzahl ganz kleiner Hammelkotelettes und frischen Hum­mer; dem kleinen Kellner (pädi) befahl ich, eine reinere Schürze anzulegen, darauf erschien er abends mit derselben befleckten Schürze, aber er trug sie nun umgekehrt, sonst war alles gut und billig. In einem kleinen Caf6 wünschte ich etwas Salz, es war nicht zur Stelle, aber eine gefällige Nachbarin wollte sofort aus­helfen. Es erschien an meinem Tisch ein nied­licher, etwa vierjähriger Schwarzkopf, öffnete sein zusammengeballtes Schmutzpfötchen und lich einige graue Salzklumpen auf die Tischplatte fallen, ich hatte gnug davon.

In der Nähe der Stadt trafen wir die stolzen Gestalten der Bergbewohner und hexenartige, alte Weiber, die auf Eseln litten und die Spin­deln in freier Hand drehten; auch begegnete uns eine Suliotin, die im Felde Jagd auf zwei Heine Bengel machte, welche die Schule nicht besuchen wollten. Die Jungen standen schließ­lich auf den Anruf der Mutter, die sich zu einem neigte und ihn in die linke Schulter biß; der Junge verzog keine Miene und die nun folgen­den Schläge mit einem Stöckchen waren mäßige. Cavalleria rnsticana! Am Abend besuchten wir noch ein Bierlokal, und dieOffiziere fragten sofort, wie mir das Bier gefalle; leider antwor­tete ich etwas unbedacht und vorschnell:Pas trop mauvaise! Es war ein ganz leidliches Manöverbier.

Als es dunkelte, befand ich mich auf kurze Zeit allein auf der Heinen Platia des Städt­chens und bemerste, daß sich Gruppen vor einem Hauses sammelten; auf dem Balkon diesesHauses erschien dann der in jenem Hause wohnende

Herzog küßten sich wiederholt. Nach der Be­grüßung fuhren der Kaiser und der Eroßherzog im offenen Wagen zum Stadtschloß. Die Stadt war festlich beflaggt. Auf dem Wege zum Schlosse hatten Vereine mit ihren Fahnen, Chargierte der studenttschen Korporationen und Schulen Spalier gebildet. Vor dem Rathaus« hatten die städtischen Behörden Aufftellung ge­nommen. Der Kaiser und der Eroßherzog wur­den allenthalben von der Bevölkerung mit herz­lichen Zurufen begrüßt. Bei der Ankunst im großherzoglichen Schlosse wurde der Kaiser von der Großherzogin, der Erbgroßherzogin und dem Prinzen Wilhelm von Schweden begrüßt. Mittags war Familientafel und gleichzeitig Marschalltafel für die Gefolge. Am Nach­mittag nahm der Kaiser den Tee beim preußi­schen Gesandten von Eisendecher ein.

Ein Eruß des Kaisers an deutsche Schütze, ht Amerika. Charleston (Südkarolina) 7. Mai. Heute begann hier das 5. deutsch« nationale Bundes-Schützenfest. Der Konsul Zöpfe! überbrachte einen Eruß des Kaisers und den goldenen Schützenadler als Gescheut des Kaisers.

Der Seniorenkonvent des Reichstages be­schloß auf die Tagesordnung vom nächsten Mon­tag die Interpellation Hompesch, betreffend da« Grubenunglück in Lothringen, zu setzen. Di« Resolutionen, betreffend die Brausteuer, di« Zuckersteuer und die Milchumsatzsteuer, sollen in diesem Tagungsabschnitt nicht mehr zur Be­sprechung gelangen, sondern nur noch die Etats­resolutionen. Auch soll eine erste Lesung niefrt mehr vorgenommen werden. Am 15. Mai roirl voraussichtlich Schluß sein. Man war der An­sicht, daß es angebracht erscheint, hinsichtlich bei Reden möglichste Beschränkung aufzuerlegen.

Zur Wiederwahl des Bizepräfidenten Kaempf. Wie aus unserem heutigen Reichs- tagsberichte zu ersehen ist, hat der Reichstag in seiner gestrigen Sitzung dem Abg. Kaempf die erforderliche Genugtuung gegeben und ihn abermals zum Vizepräsidenten erwählt. Di« Wiederwahl Kaempfs erfolgte mit 192 von 333 abgegebenen Stimmen, 134 Zettel wurden weiß abgegeben. Hierzu bemerkt ein nationales Blatt, dieTägliche Rundschau": Die Herren Erzberger und Ledebour mögen auf ihren Lor­beeren ausruhen, Efür die freisinnigen Frakti­onen aber ergibt sich aus dem Vorgang u. E. die Pflicht, den unverbesserlichen Querköpfen in ihren Reihen, die heute die 10. Kompagnie für Kamerun ablehnen, damit das Zentrum als Regierungspartei einsprigen kann, und morgen ein fiskalisches Grundstück nicht verkaufen wol­len, weil es ein Landwehroffizierkorps habe» will oder einemGenossen" die gröblich miß­brauchteRedefreiheit" nicht mißgönnen wollen, obschon er gerade den freisinnigen Präsidenten beschimpft hatte etwas schärfer auf die Fin­ger zu sehen.

Die Budgettommisfion des Reichstages be­riet gestern über den Etat für Südwest.

Geistliche und hielt von dem erleuchteten Balkon herab eine Predigt. Die Menge betrug sich musterhaft, nur aus der Ferne hörte man etwas Geklapper der Kellner, sonst machte die Hand­lung einen ganz sympathischen Eindruck. Di« mit Toleranz gegen Andersgläubige verbun­dene Religiosität, das innige Familienleben, di« Ehrerbietung der Kinder gegenüber den Eltern, sind neben dem Lerneifer die verheißungsvoll­sten Züge im neugriechischen Volkscharakter.

In Agrinion gab es eine kleine, reisende Schauspielertruppe, einen gymnastischen Klub und eine Musikkapelle von 25 Dilletanten. Ich war gern bereit, die Hebung dieser Kapelle an­zuhören, deren Dirigent, Herr Seiler, ein Deutscher sein sollte. Als wir erschienen, übte man gerade den Triumphmarsch aus Aida, ich hätte lieber die Kompositionen neugriechischer Komponisten gehört, von denen Manzaros, Krierr und besonders Spiro Samara gekannt zu sein verdienen; übrigens kommt eine Marsch­musik (Emwatherion) Samara's bei den Kon­zerten der Kapelle des Kurheffischen Jäger­bataillons unter Leitung seines Herrn Musik­dirigenten Schonert hin und wieder in Mar­burg zum Vortrag. Am interessantesten ist mir aber in Griechenland die alte byzantinisch« Kirchenmusik gewesen.

Als ich mich nun mit dem blonden Herrn Seiler unterhalten wollte, da stellte es sich her­aus, daß er kein Wort der deutschen Sprache ver­stand; seine Mutter war eine Griechin, und bie: Aufsaugungskrast der hellenischen Rasse ist eine' sehr starke. Agrinion hatte einen guten Photo­graphen, aber schrecklich erschienen mir seine photographischen Aufnahmen trauernder Fami­lien am Bette eines Toten, oder von Leichen­zügen; eine weit ansprechendere Photographie besitze ich in dem Bilde einer reichgelleideten, jungen Suliotin. Uebrigens habe ich junge Mädchen auf der Straße kaum gesehen, nur alte Weiber und schlanke, sehnige Männer,

(Fortsetzung folgt.)