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Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Marburg
Sonntag. 28. April 1907.
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.»
LomUaasbeUaaer ALuArtrteL ÄWtthüÄWIfc ___________
Zweites Blatt.
Rückblick.
Kritische Zeiten find's, In denen wir leben, jeer wollte es leugnens Auch die Männer am Steuerruder des deutschen Reichsschiffes find sich Hessen bewußt, wenn sie's auch offiziell nicht zuzugeben scheinen. Jedenfalls aber halten sie scharfen Ausblick und erwägen sorglich alle Mög- jllichkeiten, die sich aus der immer klarer zu Tage tretenden neuen Gruppierung der Mächte ergeben, die uns nicht wohlgesinnt find, weil ste uns um das rascheWachstum unserer Macht und Xtm die zunehmende Festigung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse, als der sichersten Grundlage aller politischen Kraftentfaltung beneiden. Mehr, denn je zuvor kann das berühmte Wort des griechischen Weisen „Alles fließt" auf die politischen Vorgänge unserer Tage angewendet werden; denn rings um uns wallen und wogen die Fluten feindlicher Bestrebungen. Die politischen Bündnisse aber, die trotz aller Quertreibereien „freundlicher" Nachbarn von uns aufrecht erhalten wurden, haben sich trotz amtlicher und halbamtlicher Verlautbarungen, wie sie erst jüngst wieder seilens Italiens für nötig befunden wurden, als schwache Dämme gegen die dräuende Sturmflut erwiesen. Als einziges und bestes Bollwerk muß unser starkes und Achtung gebietendes Heer angesehen werden. Das Wort, das Preußens Kriegsminister am vergangenen Dienstag dem Reichstage zurief: „Wir müssen kriegsbereit sein und wir sind jederzeit kriegsbereit", wird gewiß auch im Auslands — für das es wohl berechnet war — nicht ungehört verhallen. Keine Drohung sollte das stolze Wort sein, wohl aber eine nachdrückliche-Warnung für alle mißgünstigen Nationen, mit uns Händel zu beginnen.
Auf dieses Bollwerk können wir uns ver- las-en, solange es gilt, unser Heimatland zu schützen und die deutschen Interesien auf dem europäischen Kontinente zu verteidigen. Allein gegen überseeische Feinde, die unseren Schutzgebieten gefährlich werden und unseren Außenhandel vernichten könnten, bedarf es noch anderer Machtmittel. Diese aber stehen uns bei dem gegenwärtigen Stande unserer Flottenrüst- .« n g n i ch t zu Gebote. Man braucht kein übereifriger Flottenschwärmer zu fein, um angesichts des fieberhaft betriebenen Ausbaues fremder Kriegsflotten einen heimlichen Schauer zu empfinden. Wir hatten schon daraus hingewiesen, welch' armselige Rolle Germania auf der internationalen Flottenparade von Hampton Roads spielt, wo die deutsche Flagge neben ganzen Geschwadern riesiger Panzerschiffe anderer Mächte Nur durch einen einzigen Panzerkreuzer von Mäßiger. Größe nebst einem winzigen Begleit
schiffe ohne Eefechtswert vertreten ist. Fast hat es den Anschein, als ob das ganze Schaustück von den schlauen Amerikanern nur inszeniert worden sei, um den deutschen Michel durch die Erkenntnis seiner Ohnmacht zur See recht zahm und gefügig zu machen. Das beklemmende Gefühl ob dieser offenbaren Unzulänglichkeit unserer Streitkräfte zur See erfährt jedoch noch eine beträchtliche Steigerung durch statistische Mitteilungen, die in letzter Zeit über die Vermehrung der Flotten anderer Nationen in die Oefsentlichkeit gedrungen sind. Wir haben dabei besonders England, Japan und die Vereinigten Staaten im Auge. Bei diesem Wettlaufe aber ist das mit Albion, unserm grimmigsten Neider durch Bündnisvertrag eng verknüpfte Japan allen voraus. So ist dieser Tage bekannt geworden, daß die japanische Marineverwaltung in Begriff steht, ein Schlachtschiff von bisher unbekannter Eröße einer englischen Werft in Auftrag zu geben. Nicht nur die große Eesechtskraft, die das Fahrzeug erhalten soll, auch der Umstand, daß sich Japan mit einem Schiffsneubau wieder an das Ausland wendet, gibt zu denken. Nachdem die japanischen Bauplätze in quantitativer und qualitativer Hinsicht in den letzten Jahren eine Leistungsfähigkeit entwickelt haben, die bei allen Sachverständigen rückhaltlose Anerkennung gefunden hat, nachdem die neuesten auf japanischen Werften erbauten Schlachtschiffe der japanischen Marine in militärischer und nautischer Beziehung einen Zustand erlangt haben, der sie den besten englischen und deutschen Kriegsschiffen unbedingt an die Seite stellt, kann der auffällige Entschluß der japanischen Marinebehörden nur dahin gedeutet werden, daß die inländischen Bauplätze durch Aufträge auf lange Zeit hinaus vollkommen in Anspruch genommen sind. Erst kürzlich sind in Japan zwei Linienschiffe, Satsuma und Aki, die mit jhrem Deplaze- ment von 19 500 Tonnen den englischen Dread- nought-Typ zum Vorbild haben, aber auch manche Mängel, die dieses Riesenpanzerschiff aufweist, vermieden haben, vom Stapel gelaufen. Für das laufende Jahr soll neben dem in England zu erbauenden ein zweites Schlachtschiff von 21 000 Tonnen in Auftrag gegeben sein. Dazu kommen 4 Panzerkreuzer von je 14 000 Tonnen Raumgehalt, Tsukuba, Kurama, Jkoma und Jbuki, die ihrer Vollendung entgegengehen. Mit dem Bau von zwei weiteren Panzerkreuzern ist soeben begonnen worden.
Daß die japanische Regierung trotz dieser äußerst umfangreichen Bautätigkeit auf japanischen Werften auch noch die englische Schiffsbauindustrie in Anspruch nimmt, ist zweifelsohne ein nicht mißzuverstehendes Zeichen der Zeit! Ganz abgesehen davon, daß dies auf die „dicke" Freundschaft hinweist, die diese beiden bekanntlich sehr realpolitisch denkenden Nationen zu gemeinsamen Unternehmungen verknüpft, so mutz immer wieder betont werden, datz derartige Vorgänge eine Sprache reden, die ganz und gar
nicht mit den Ideen in Einklang zu bringen ist, denen die zweite Friedenskonferenz im Haag gewidmet sein soll!
Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch die Kunde von Beschlüssen, die auf der britischen Kolonialkonferenz gefatzt worden find und die zum Ziele die britische Reichsverteidigung haben. Wenn man bedentt, datz es der Leiter des gegenwärtig am Ruder befindlichen englischen Kabinetts war, der den Abrüstungsvorschlag für die Haager Konferenz machte, so mutet es uns seltsam an, datz ange- stchts der anscheinend eifrigen Weltfriedensbestrebungen so weitgehende Vorbereitungen zum Schutze der britischen Kolonien getroffen werden. Allerdings scheint man in London mit dem neuen System nicht allein die Verteidigung de» britischkn Weltreiches anzustreben, sondern wünscht gewitz auch die fernen Kolonien durch eine wohlgesügte Organisation fester an da- Mutter- bezw. Herrscherland zu knüpfen. Der vom Unterhause in zweiter Lesung angenommene Gesetzentwurf geht dahin, datz außer der etwa 300 000 Mann zählenden Territorialarmee im ganzen Reiche eine Kette von Territorial-Streit- krästen geschaffen wird. — Natürlich nur zur Reichsverteidigung! Da aber bekanntlich die beste Verteidigung im Angriffe liegt, könnte man im „friedliebenden" London früher oder später dahin gelangen, den Begriff der Reichsverteidigung in ganz anderer Weise zu interpretieren.
Deutscher Reichstag.
Im Reichstage wurde am Freitag die Beratung des Militäretats fortgesetzt. Abg. Pauli-Potsdam (kons.) trat dabei für ein höheres Rangieren der Oberbüchsenmacher und Kaserneninspektoren ein u. verbreitete sich dann über die Beamten- und Eehilfenkategorien in den Spandauer Werkstätten, verschiedene Aufbesserungen dabei befürwortend. Abg. Zubetl Soz.) meinte, infolge seiner jährlich vorge- iraqten Beschwerden über die Spandauer Jn- iitute sei manches bester geworden; ungerecht- ertigte Entlastungen und Maßregelungen be- tänden aber nach wie vor, und von dem Spionagesystem, desten Spitze sich gegen die Sozialdemokraten richte, beteiligten sich Beamte und Ingenieure. Auf die Ausführungen des Abg. Becker-Köln (Ztr.), der für die Arbeiter In den Reichswerkstätten eigene Penstonskasten wünschte, erwidere Generalleutnant Sixt eew Arnim, bei Wiedereinführung dieser Kasten würden die Arbeiter schlechter gestellt sein, als bisher. Was die Büchsenmacher angehe, so seien dieselben entweder obere oder untere Militärbeamte: eine Zwischenstufe gäbe es jedoch nicht. Bei der Untersuchung der Klagen des Abg. Zubeil werde sich wie immer die Haltlosigkeit derselben ergeben, und es sei bedauerlich, wenn unbescholtene Leute immer wieder von sozialdemokratischer Seite angegriffen würden, ohne sich hier verteidigen zu können. Die Heeresverwaltung brauche in ihren Betrieben
Leute, die sich ihrer Pflichten gegen den Start bewußt sind, und sich als treue Untertanen bewähren. Es folgten darauf Auseinander« setzungen zwischen den Abgg. Pauli-Potsdam (kons.) und Zubeil (Soz.). Letzterer behauptete dabei, ein Ingenieur in Spandau habe sich der Gesinnungsschnüffelei schuldig gemacht und seine Ergebnisse durch die Direktion an da» Ministerium gebracht. Ihm erwiderte Herr e. Einem, soweit das Kriegsministerium in Betracht komme, sei auch diese Behauptung falsch; dort wisse man nichts davon. Auf ein« Behauptung des Abg. Müller-Meiningen zu- rückkommend, erklärte Sächs. Oberst v. Salza, bei den Dresdener Bezirksbehörden hätte sich in den Kontrollisten weder der bekannte Name, noch die Tatsache der Bestrafung eines Landwehrmannes wegen Besuchs einerEewerkschafts« Versammlung vorgefunden. Darauf wurde da» Kapitel Artillerie und Waffenwesen bewilligt. Nach weiterer Debatte zum Titel Beihilfen an die Gemeinden Spandau, Siegburg und Lippstadt wurde eine Resolution der Dudgetkommis» Ron angenommen, nach der der Reichskanzlei ersucht werden soll, noch im Laufe dieses Jahres dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzu« legen, der die Beitragspflicht der Reichsbetriebe zu den Eemeindeabgaben regelt. Staatssekretär v. Stengel bemerkte hierbei, der Abg. Südekum irre sehr, wenn er meine, Preußen habe manch« Schwierigkeiten nemacfit; diese lägen vielmehr in der Sache selbst. Bei einem weiteren Titel betr. den Verkauf eines Terrains an das Dffl« zierkorps der Landwehr-Inspektion Berlin entspann sich eine längere Debatte, in der Abg. Südekum (Soz.) dagegen Protest erhob, datz das Reich überhaupt in seinem Besitze befindliches Gelände verkaufe, während der Abg. Dove (frs. Vag.) erklärte, den Titel abzulehnen. Preußischer Kriegsminister v. Einem wies hierbei die Behauptungen des Abg. Südekum zurück und erklärte, noch niemals fei ein Offizier a. D. aus politischen Gründen vor ein Ehrengericht gestellt worden. Wie das zu errichtende Kasino geeignet fein sollte, die Reserveoffiziere de« Verkehre mit dem Publikum zu entfremden, könne er jedoch nicht verstehen. Bei der Eoen- tualabstimmung wurde darauf die Verkaufssumme für das Grundstück auf 14 000 erhöht, und der so veränderte Titel gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Polen und Freisinnigen, sowie einzelner Zentrumsabgeordneten und Nationalliberalen angenommen. Der Rest de» Militäretats wurde genehmigt.
Preußischer Landtaq.
Da» Abgeordnetenhaus setzte am Freitag die dritte Lesung des Etats fort. Der Rest des Bergetats wurde nach unwesentlicher Erörterung genehmigt, ebenso der Handelsetat. Beim Etat Justizverwaltung antwortete auf Anfragen der Abgg. Pallaske (kons.) und St« Keil (natl.) Minister St. »«feier, über di« Privattestamente laste sich noch kein Urteil abgeben. Zu den Vorarbeiten der Verlegung de» Kammergerichts seien Mittel im Etat vorgesehen. Auf eine Anregung des Abg. Kan,tz
Marburger Studenten - Erinnerungen, Von L. Müller.
tftortletzung.)
- Nachdem ich nun nach jeder Richtung mich orientiert fand und meine llniformstücke alle in Ordnung hatte, fuhr ich anfangs Mai 1866 nach jEastel und logierte mich beim alten Schirmer !am Königsplatz, dem Ministerium gegenüber, ein.
। Der Schirmer kannte seine Leute und sagte mir sofort: „Sie wollen gewitz zu Sr. Kgl. -Hoheit?" „Jawohl", antwortete ich, „glauben Sie denn, daß der Kurfürst hier in Taste! empfangen wird, oder muß ich nach Wilhelmshöhe fahren?" „Wenn Sie mal hinüber ins Ministerium gehen wollen, wird Ihnen der Herr K. das nötige mitteilen. Dorten erfuhr ich, datz ich nach Wilhelmshöhe zu fahren habe. Mein Anzug war tadellos angelegt und ich stieg, stolz wie ein Holländer, aus dem zweiten Stock hinunter, um mich zur Abfahrt in einem Zweispänner zu rüsten. Vorher musterte mich der alte Kenner Schirmer und sagte: „Herr Professor, ich will Ihnen mal was sagen, ich laste jetzt ein feines Beefsteak machen und dann trinken Sie mit mir eine gute Flasche Wein zusammen." Ich erwiderte ihm, der Kurfürst möge wohl merken, wenn man Wein getrunken habe. „Ach was" sagte der Alte, „eine gute ^Grundlage bei solchen Gelegenheiten ist immer 'was wert." Die Sache schien mir gut, und das .Frühstück verlief heiter. Ferner musterte er meine Uniform nochmals und sagte: „Herr Professor, paffen Sie auf, Sie gefallen dem Kurfürsten, Sie stellen was vor und haben eine stramme Haltung. Neulich »ar aber einer
Ihrer Kollegen beim Kuffürsten, der kam schnell zurück, er machte in seiner Professoren uniform aber auch einen fast komischen Eindruck." Ich wußte sofort, wer eg gewesen war, es standen aber auch noch eine Anzahl Kollegen In Gedanken vor mit, welche wegen ihrer etwas uniformwidrigen Figur und Haltung bei feierlichen Gelegenheiten in der Univerfitätsaula in der Corona mitunter Heiterkeit erregten.
Der Wagen rollte vor's Hotel, als zugleich aus der Gaststube ein Herr in der Uniform der hessischen Revierförfter herauskam, sich mir vorstellte und um die Erlaubnis bat, mit mit nach Wilhelmshöhe fahren zu dürfen, er wolle auch zu Sr. Kgl. Hoheit. „Mit dem größten Vergnügen", sagte ich, „steigen Sie nur gefälligst ein.“ Nun ginge los. Ich fragte den stattlichen Herrn Oberförster: „Wegen welcher Sache wollen Sie zum Kurfürsten?" „Ich habe Gehaltszulage bekommen, und da ist es bei uns Gebrauch, daß ich mich bei Sr. Kgl. Hoheit persönlich bedanke." „Es ist aber zweifelhaft ob Sie vorgelassen werden," sagte ich. „Ich", sagte der Revierförfter, „werde jedenfalls vorgelassen werden, denn Sr. Kgl. Hoheit lieben die grüne Farbe, außerdem mutz ich bemerken, datz Se. Kgl. Hoheit bereits mit meinem Vater bekannt und daß et überhaupt mich mehrmals schon empfangen hat; einmal hat er sogar, als ich im Jäger-Bataillon noch stand, während der Parade mich angeredet, also werde ich sicher vorgelassen. Der Wagen rollte weiter und so rollten wir denn auf Wilhelmshöhe zu, wo wir vor dem Hotel Schombardt ausftiegen und uns ins Gastzimmer begaben. Es war etwa U12 Uhr geworden, wir schickten einen Kellner ins Schloß, um zu fragen, ob der Kurfürst sibon von Cassel zurückgekehrt fei und bekamen die Antwort, es könne ein Uyr werden, bis die Rückkehr
erfolge. Se. Kgl. Hoheit habe Ministersitzung. — Während wir nun im Gastzimmer uns unterhielten, wurde auf einmal ein grotzer Schlietzkorb von zwei Kellnern herein getragen und hinter eine hohe spanische Wand gestellt. Bald darauf kam auch ein anderer Herr in der Uniform der hessischen Landbaumeister zum Vorschein und ging in gemessenen Schritten auf und ab. Ich merfte gleich, datz auch dieser Mann Schmerzen hatte und stellte mich ihm vor, indem ich sagte: „Sie wollen gewiß auch zu Seiner Königlichen Hoheit?" „Jawohl, ich vin zum Landbaumeistet ernannt worden und mutz mich dafür bedanken. So waren es glücklich unserer drei. Es war halb zwei und der Kurfürst kam nicht, aber es war Zeit, datz wir uns in Schloß begaben. Man ließ uns in die sog. Rotunde eintreten, einer der herrlichsten Räume des weltberühmten Schlosses. Endlich wurde das schöne Jsabellengespann des Kurfürsten sichtbar, und bald darauf fuhr der Kur- Srft durch'» Portal vor und stieg mit seinem
jjutanten ao. Die Türe ging auf und ein himmellanger Herr mit blauem Frack und Zylinder trat bei uns ein und grüßte Bald darauf kam der Adjutant, ein Herr von V., und gab dem Herrn Staatsrat zu verstehen, datz Seine Königliche Hoheit ihn erwarte. Sodann wandte er sich an uns, schrieb auf einen Zettel unsere Namen und kehrte alsbald zurück mit dem Bemerken: „Seine Königliche Hoheit dankten für den Besuch des Herrn Revierförsters und des Herrn Landbaumeisters, dagegen bet Herr Professor Melde möchte eintreten."
Mit deutlicher Verstimmung wegen der Nichtannahme gingen die Abgewiesenen fort, ich eilte ein paar Schritte über den Gang, ein Kammerdiener öffnete die Flügeltüren, und ich pefand mich vor dem Kurfürsten,
Der Kurfürst trug einen blauen Interims« rock und stand in der ersten Fensternische nach dem Herkules zu. Ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, ihn in nächster Nähe zu sehen. Eine ziemlich lange Pause trat ein, ich durfte nicht zuerst reden und der Kurfürst zögerte. Da dachte ich, der Kopf geht nicht ab, du fängst an und im nächsten Moment sagte ich: „Königliche Hoheit ich bin gekommen, um Ew. Königliche Hoheit'für die allergnädigste Ernennung zum ordentlichen Professor der Physik und Astronomie an der Landesuniversität zu Marburg meinen untertänigsten Dank auszusprechen." Der Kurfürst zögerte einenAugenblick und sagte bann: „Sie sind eigentlich kein Hesse." Ich begriff gleich, woran der Kurfürst dachte, und antwortet: „Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit, mein verstorbener Vater stammte allerdings nicht aus Hessen, sondern aus Dessau, et war als Apotheker nach Fulda gekommen und dort geblieben, bis ihm der allerhöchste Auftrag zu Teil wurde, in Großenlüder, einem Dorfe bei Fulda, eine Apotheke zu gründen.“ Der Kurfürst schien befriedigt, daß ich seine Worte richtig gedeutet hatte und fuhr fort: „Auch gleich gesehen habe, datz Adjutant Ihren Namen nicht richtig geschrieben hatte, ihm gleich gesagt habe: Melde schreibt sich nicht nut „th„, sondern mit einem „d". Irrtum von Adiutant mir Spatz gemacht hat." Hierauf nannte bet Kurfürst bas Wort: „Gerling." Auch hier b«-^ griff ich sofort, was er wollte und sagte: „Ger-; ling ist mein Vorgänger gewesen, er hat das jetzige mathematische Institut begründen helfen, er war namentlich als Schüler von Gantz ein ausgezeichneter Astronom und Geometer. „Gerling aber ein fehr fchlechter Re ter g^ wesen." „Königliche Hoheit, so viel ich weiß, hat Gerling w^rend der hessischen Landesvrr--